Die Verschwörung: Selten zum Lachen

Was Verschwörungstheorie und Verschwörung unterscheidet

Auf den Strassen sind sie präsent, im Internet erst recht: Die Verschwörungs-Theoretiker. Sie glauben, der neuartige Coronavirus sei ungefährlich und die Einschränkungen der Bewegungsfreiheit, die aufgrund der Pandemie erlassen wurden, seien reine Behördenwillkür. Mehr noch: manche glauben, die Corona-Massnahmen, wären Teil eines „grossen Plans“: Die Menschheit soll von einer bösartigen Elite unterjocht und willenlos gemacht werden.

So stellt man sich Verschwörer vor: Guy Fawkes und seine Mitverschwörer. Der Gun Powder Plot ging 1605 jedoch schief.

Verschwörungstheorie als Lachnummer
All das tönt nicht nur abstrus, es ist es auch – kein Wunder also, machen sich Comedians, Satiriker und Karikaturisten über den den Verschwörungs-Hype lustig. Eine Verschwörung über die Unbeteiligte Bescheid wissen, ist keine mehr. Sondern eben nur eine Theorie.

Und eine solche hat mit einer tatsächlichen Verschwörung in der Regel beinahe nichts gemeinsam. Die Verschwörungstheorie ist die blosse – in sich nicht unbedingt konsistente – Annahme, dass eine Verschwörung im Gange sei. Oft wertet sie Hinweise, die für die Theorie sprechen stärker als solche dagegen oder blendet letztere sogar ganz aus. Tatsächlich stattgefunden haben die postulierten Ereignisse in aller Regel nicht.

Die Verschwörung ist hingegen tatsächlich passiert. Und sie zeichnet sich dadurch aus, dass sie geheim bleibt. Auch Wikipedia definiert sie als „eine geheime Zusammenarbeit mehrerer Personen zum Nachteil Dritter“. Im Duden fehlt zwar der Hinweis auf das Geheime „gemeinsame Planung eines Unternehmens gegen jemanden oder etwas (besonders gegen die staatliche Ordnung)“. Dennoch nehmen wir dieses Kriterium für diesen Text als wesentlich an.

Das Wesen der Verschwörung
Zur Definition gehört auch eine Abgrenzung. Die Begriffe Geheimplan, Intrige, Hinterhalt, Komplott und Verschwörung werden oft synonym verwendet. Die Verschwörung weist aber gewisse Merkmale auf, die nur auf sie zutreffen:

(1) Sie ist illegal: Das heisst die aktuell gültigen Gesetze stehen im Gegensatz zum Ziel der Verschwörung. (2) Es sind mehrere Personen daran beteiligt. Meistens aber nur eine eng begrenzte Zahl. Denn, (3) sie ist geheim: Der Mensch oder die Gruppe, die das Ziel der Verschwörung ist, darf zumindest nichts davon wissen, besser nicht mal etwas davon ahnen. Mindestens bis zu jenem Zeitpunkt, an welchen die Verschwörung umgesetzt werden soll.

Verschwörungen verändern der Lauf der Geschichte
Eine „perfekte“ Verschwörung gelingt und wird gar nie aufgedeckt. Beispiele dazu können hier naturgemäss nicht aufgezählt werden. Aber es gibt immerhin die eine oder andere Verschwörung, die erst nach deren erfolgreichen Umsetzung ans Licht der Öffentlichkeit gelangte – zum Teil kurz darauf, zum Teil erst Jahre später. Die folgende (bei weitem nicht abschliessende) Liste zeigt auch: Verschwörungen hat es schon immer gegeben.

  • Mord an Julius Cäsar 44 v. Chr.: Eine Gruppe von 50 bis 60 Personen hatte Kenntnis und wohnte der Tat teilweise bei.
  • Mord an Abraham Lincoln 1865: Ein Schauspieler und Südstaaten-Anhänger erschiesst den Amerikanischen Präsidenten im Theater.
  • Das Attentat von Sarajevo 1914: Mord am österreichisch-ungarischen Thronfolger und seiner Frau durch ein Mitglied der nationalistischen Geheimgesellschaft Schwarze Hand.
  • Fememord: Zahlreich Morde im Zeitraum von 1920 bis 1923, begangen von rechtsnationalen Gruppen an politischen Gegnern.
  • Grosser Amerikanischer Strassenbahnskandal: Automobilkonzerne, Reifenhersteller und Ölkonzerne kaufen zwischen 1936 und 1950 im Geheimen Strassenbahn-Unternehmen, um sie danach aufzulösen und damit den Bus- und Autoverkehr zu fördern.
  • Der Fall Jeanmaire (sie Kasten unten): Die Schweiz verurteilt 1977 einen angeblichen Spion.

Auch was sonst alles noch in diese Liste gehören könnte, hängt von der Definition der Verschwörung ab. Relativ oft gelingen zum Beispiel Militärputschs oder Staatsstreiche. Man könnte in ihnen eine Sonderform der Verschwörung sehen. Als solche könnten auch Terroranschläge bezeichnet werden oder illegale Preisabsprachen in Form von Wirtschaftskartellen.

Ein Putsch kann eine Verschwörung sein. Hier der Züriputsch von 1839. Durch die Berichterstattung über ihn wurde das Wort Putsch im gesamten deutschn Sprachraum bekannt.

Die Liste der schief gegangenen Verschwörungen ist indes noch länger. Diesen Eindruck vermittelt nur schon die Betrachtung eines relativ kurzen Zeitraums im England des 16. und 17. Jahrhunderts:

  • 1571: Eine Gruppe um Roberto Ridolfi plant, Königin Elisabeth zu ermorden und den Thron der Katholikin Maria Stuart zu überlassen (inklusive Invasion des spanischen Heeres).
  • 1583: Auch eine Gruppe um den Engländer Francis Throckmorton versucht Elisabeth umzubringen und Maria auf dem Thron zu installieren. Die Verschwörung misslingt und Thockmorton wird hingerichtet
  • 1586: Eine Gruppe um John Ballard will ebenfalls Elisabeths Tod und Maria als Königin. Auch dieser Plan schlägt fehl und geht als die Babington-Verschwörung in die Geschichte ein. Nun wird auch Maria Stuart der Prozess gemacht. Sie wird schuldig gesprochen und 1587 hingerichtet.
  • 1605: Bei der sogenannten Pulververschwörung (Gunpowder Plot) soll Maria Stuarts Sohn James (Jakob) umgebracht werden. Er war nicht nur seit 1567 (als James VI) König von Schottland, sondern ab 1603 auch (als James I) König von England. Eine Gruppe von Katholiken um Guy Fawkes versteckten rund 2,5 Tonnen Schiesspulver in den Kellern des Parlamentsgebäudes. Zur Eröffnung der Sitzungen, bei denen der König anwesend wäre, sollte der gesamte Westminster-Palast gesprengt werden. Auch diese Verschwörung flog auf, die Beteiligten wurden zum Tod verurteilt.

Vieler dieser Verschwörungen scheiterten daran, dass sie vorzeitig verraten wurden. Demnach ist entscheidend, dass die Verschwörung bis zu deren Umsetzung geheim bleibt. Danach spielt es eine eher untergeordnete Rolle, ob die Verschwörung bekannt wird. Ideal für die Verschwörer wäre, wenn die Geschichte in der Öffentlichkeit nicht weiter beachtet würde.

Verschwörungstheorien: Oft Desinformation
Eine andere Strategie haben Verschwörungstheoretiker. Sie möchten ihre Ansichten möglichst breit beachtet wissen. Wird dies bewusst und gezielt gemacht, kann man Verschwörungstheorien als eine Form von Desinformation bezeichnen.

Denn eine gute Verschwörungstheorie wird von vielen Leuten geglaubt und hat grosse Wirkung: Sie kann Menschen verunsichern, Wahlen beeinflussen, von tatsächlichen Missständen ablenken. Und auch sich selber als Opfer einer Verschwörung zu inszenieren (die gar keine ist), ist eine solche Strategie.

In letzter Zeit beliebt: Opferrolle
Angewandt wird sie zum Beispiel vom österreichischen Politiker Heinz-Christian Strache. Er wurde 2017 heimlich in einer Villa auf Ibiza gefilmt, wie er bereitwillig auf korrupte und illegale Angebote einging, sich um Kopf und Kragen redete und blamierte. Es handelte sich jedoch um eine Falle und die Veröffentlichung des Videos führte letztlich dazu, dass Strache von seinem Amt als Vizekanzler zurücktreten musste.

Wenn nun Strache versucht, sich als Opfer einer Verschwörung darzustellen, dann mit einem Ziel: Er möchte Mitleid erhaschen und besser dastehen, denn als Doofmann. Eine Verschwörung war diese Affäre aber nicht. Denn Strache hat sich selbst in diese Situation hineinmanövriert.

Ebenfalls als Opfer einer Verschwörung inszeniert sich derzeit (Ende Mai 2020) der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu. Im laufenden Prozess, bei dem er sich gegen die Anklagepunkte Bestechlichkeit, Betrug und Untreue zu wehr setzt, behauptete er, gegen ihn und damit den Willen der Wähler sei eine „Verschwörung“ im Gang.

Die Versuche der (mutmasslich) fehlbaren Politiker, ein Verschwörungsopfer sein zu wollen, zeigt: Der Begriff „Verschwörung“ ist (wie auch die Intrige) teilweise negativ konnotiert. Es haftet ihm etwas hinterhältiges, gemeines an. Also etwas, das wir Menschen nicht mögen. Wir finden es unerträglich, wenn etwas hinter unserem Rücken läuft – womöglich gegen uns.

Vielleicht ist dies einer der Gründe, warum Verschwörungstheorien oft auf fruchtbaren Boden fallen. Doch selten ist, wenn jemand laut „Verschwörung!“ ruft, auch tatsächlich eine solche im Gang – genau hinzuschauen lohnt sich.

Der Fall Jeanmaire
Im Jahr 1977 wurde der Brigadier der Schweizer Armee Jean-Louis Jeanmaire zu einer Haftstrafe von 18 Jahren verurteilt. Dies weil er als geheim geltende Dokumente an einen befreundeten sowjetischen Militärattaché weitergab. Doch weder waren diese Dokumente besonders delikat, noch war das Urteil wegen Landesverrats gerechtfertigt.
Der Grund für die Verurteilung war ein anderer: Gemäss dem Journalisten Urs Rauber hatten Westliche Geheimdienste Hinweise auf einen Spion in der Schweizer Armee, ein „Leck Richtung Osten“. Dieser Spion musste nun gefunden werden und präsentierte sich im Offizier Jeanmaire. Er wurde mutmasslich geopfert der guten Beziehungen zu den Nato-Staaten wegen.

Militär und Bundesrat ziehen eine Verschwörung durch
Ob dem tatsächlich so ist oder nicht, spielt letztlich eine untergeordnete Rolle. Im Nachhinein betrachtet, waren Untersuchung, Prozess und Urteil einem demokratischen Rechtsstaat unwürdig. Ebenso unrühmlich die Rolle des Bundesrats. Insbesondere der damalige Justizminister Kurt Furgler (*1924, † 2008) tat sein Bestes, um in diesem Schauspiel mitzuwirken. Er verurteilte den Beschuldigten bereits vor dem Prozess aufs Schwerste und nannte ihn einen Landesverräter, wie es noch keinen gegeben habe.

Jeanmaire nach seiner Verurteilung in erster Instanz in Lausanne, 17. Juni 1977
Bild: Wikipedia/rts/keystone (cc)

Links
Beitrag der ARD-Tagesschau über den Netanjahu-Prozess
Beitrag der Kleinen Zeitung: Karl-Heinz Strache beteuert Unschuld
Artikel in der WOZ über den Fall Jeanmaire





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