Überlegungen zur Erhebung persönlicher Daten und deren Einfluss auf unser Selbst

Big Data, Überwachung und Subjektivität

Dass wir uns dem Überwachungsdispositiv unserer Zeit gar nicht mehr entziehen können, suggeriert der Begriff des gläsernen Menschen. Darunter werden die, meist als negativ empfundenen, Effekte der immer grösser werdenden Ansammlung von persönlichen Daten im Netz begriffen. Die Befürchtung ist, dass die Menschen, beispielsweise für Regierungen oder Konzerne, vollständig transparent und durchschaubar werden.

Ein Beispiel ist die gläserne Kundschaft. Jedes Mal, wenn wir als Kunde oder Kundin im Supermarkt unsere Karte vorweisen oder uns im Internetshop anmelden, merkt sich das Unternehmen, was wir wann und wo einkaufen. Dieses Datenwissen könnte beispielsweise zu personalisierten Preisen oder Angeboten und Rabatten für bestimmte Produkte führen.

Big Data: Unermessliche Datensammlung
Gesammelte Kundenangaben sind ein kleiner Teil eines Konglomerats aus digitalem Daten, auch bezeichnet als Big Data. Der Begriff versucht dabei das zu erfassen, was wir mit unserer menschlichen Wahrnehmung nicht mehr begreifen können: Eine fast schon unendlich scheinende Ansammlung an Wissen.

Zu diesem zählen beispielsweise Daten über:

  • die Bewegung von Personen und Gütern
  • Informationen über unseren Gesundheitsstatus
  • unsere Mediennutzung
  • über persönliche Interessen
  • unsere Gefühle
  • politische Einstellung
  • unsere täglichen Aktivitäten

aber auch Informationen bezüglich unserer Identität wie beispielsweise:

  • Geschlecht
  • die ethnische Zugehörigkeit
  • Alter und Sexualität
  • soziale Beziehungen und vieles mehr.

Zu diesem Informationsschatz tragen wir einerseits selbst aktiv bei, indem wir beispielsweise Smartwatches benutzen, mit Sprachassistenten wie Siri oder Alexa umgehen oder aber auch durch das Einlesen der Cumulus- oder Supercard beim Einkaufen. Andererseits werden viele Daten, sogenannte Metadaten, auch ohne unser bewusstes Zutun gesammelt.

Big Data in vordigitaler Zeit
Bild: Guillaume Henrotte auf Unsplash

Dies geschieht durch Hintergrundinformationen wie der geographischen Positionen (Geotags) wenn wir ein Foto mit unserem Smartphone schiessen. Ähnliche Daten werden auch gesammelt, wenn wir Google-Maps nutzen oder wenn wir bloss im Internet surfen. Schliesslich werden diese unterschiedlichsten Daten nicht nur stetig aufgezeichnet, sondern stetig miteinander verknüpft. Dies führt zu einem Netz an digitalem Wissen in schier unermesslichem Ausmass.

Verstrickt im Datennetz
Hier könnte die These aufgestellt werden: Wir gehen zu leichtsinnig mit unseren persönlichen Daten um. Bequemlichkeit nimmt überhand. Wir befassen uns kaum mit den Risiken, weil wir den Verlockungen dieser praktischen, smarten und mitunter kostenlosen Gadgets nicht widerstehen können.

Doch diese These scheint nicht den Kern der Sache zu treffen. Denn Big Data wächst stetig auch ungewollt und unkontrollierbar durch unsere alltägliche Nutzung von Medien aller Art. Big Data können wir kaum entgehen, selbst wenn wir zurückhaltender wären mit der Preisgabe unserer Daten. Daher stellt sich viel eher die Frage: Welchen Einfluss hat Big Data auf unser alltägliches Leben, und die Konstitution unseres Selbst?

Einem gewissen Mass an Überwachung können wir nicht entgehen.
Bild: Etienne Girardet auf Unsplash

Halbfreiwillige Kontrolle
Doch was als freies, unbeschwertes Lebensgefühl erscheinen mag, hat seinen Gegenpol in der stetigen Kontrolle und Überwachung und der Tatsache, dass nie etwas für immer und verlässlich festgeschrieben wird – à la „was heute gut ist, steht morgen schon wieder in der Kritik“.

Was Deleuze vor 30 Jahren verfasste, als das Internet noch in den Kinderschuhen steckte, scheint in unserer digital geprägten Gegenwart teilweise vollendet zu sein. Wir haben Unmengen solcher Informationsmaschinen, die uns tagtäglich umgeben. Wir können uns durch Fitness-Tracking-Uhren selbst vermessen, vernetzen uns auf sozialen Netzwerken, erstellen Kundenkontos bei verschiedensten Onlineshops.

Dabei gehen wir all unseren Freiheiten nach, die das World Wide Web uns bieten kann, nehmen dafür aber auch eine (Selbst-)Kontrolle und Überwachung in Kauf, welche unser Dasein und unser Wesen als Individuen grundsätzlich strukturiert.

Doch muss Kontrolle dabei nicht nur als repressive Machtausübung verstanden und erlebt werden. Selbstkontrolle oder -Optimierung können durchaus auch positiv gewertet werden. Man denke beispielsweise an unterschiedlichste Sport-Communities, welche sich via Teilen von Leistungen gegenseitig motivieren und antreiben. Big Data wird mit jedem Klick zu Bigger Data und wir sind längst zu sogenannten Datensubjekten geworden.

Datensubjekte
Diese Datensubjekte definiert der deutsche Medien- und Kulturwissenschaftler Thomas Christian Bächle in seinem Buch Digitales Wissen, Daten und Überwachung zur Einführung. (Bächle, 2016, S. 186). Das Subjekt ist nicht mehr einfach ein individueller Körper, sondern definiert sich auch aus Daten und Codes, welche durch gewisse Kontroll- oder Überwachungsinstanzen wie einer Smartwatch generiert werden. Diese gesammelten Daten helfen uns beim Verstehen, wer wir sind und was uns ausmacht.

In einer Welt der omnipräsenten Datenerhebung und -Prozessierung könnte darauf geschlossen werden, dass unser Selbst überall öffentlich zugänglich ist. So schrieb 2008 auch Chris Anderson, damaliger Chefredaktor des Online-Magazins wired.com, dass bei genügend vorhandenen Daten die Zahlen für sich selbst sprechen würden und eine darüberhinausgehende Theoriebildung nicht mehr notwendig sei. Sprich, wenn nur genügend Daten über etwas erhoben werden, sei es nicht mehr notwendig, diese auch zu interpretieren und zu beschreiben.

Wir befinden uns in einer Situation, in welcher die Datenerhebung, auf die wir mitunter keinen (oder nur bedingt) Einfluss mehr haben, uns herausfordert. So balancieren wir stetig auf dem schmalen Grat zwischen dem Verlust der Herrschaft über unser Selbst, wenn Informationen über uns überall im Netz zu finden sind und der Gewissheit über unser Selbst dadurch, dass wir gewisse Dinge erst durch die von uns erhobenen Daten erfahren und damit ein Teil unseres Selbst auch erst so entsteht.

Hinter der Theorie von Chris Anderson (bei genügend Daten, sprechen diese für sich selbst) steckt diese simple Überlegung: Wenn wir über etwas nur wenige Daten haben, so braucht es Modelle und/oder Berechnungen, die wiederum erklärt werden müssen, um eine Antwort darauf zu erhalten wie etwas funktioniert; je mehr Daten wir haben, umso genauer werden diese Antworten und wenn wir (theoretisch) alle Daten haben, so wissen wir ganz genau Bescheid und müssen auch keine Lücken mehr erklären, sondern können alles direkt an diesen alles umfassenden Daten ablesen.
In Bezug auf eine scheinbare Abbildbarkeit des Selbst im Netz scheint dies aber utopisch. Denn man kann nicht lückenlos alle Daten erfassen. Zudem sind wir Menschen nicht so konstituiert, als dass wir 1:1 als Daten-Konstrukte simuliert werden können – gedacht sei hier beispielsweise an Emotionen oder von uns getroffene irrationale Entscheidungen, welche uns als Menschen auch ausmachen.

Literatur

Bächle, Thomas Christian (2016). Digitales Wissen, Daten und Überwachen zur Einführung. Hamburg, Junius.

Deleuze, Gilles (1993 [1990]). «Postskriptum über die Kontrollgesellschaft». In ders. Unterhandlungen 1972-1990. Frankfurt a. M., Suhrkamp.

Eggers, Dave (2016 [2013]). Der Circle. Köln, Kiepenheuer & Witsch.

Im Netz

Anderson, Chris (2008). The End of Theory: The Data Deluge makes the Scientifig Method obsolete. Wired.

Simanowski, Roberto (2013). Ignoranz, Bequemlichkeit und der gläserne Mensch. NZZ.

Nationales Forschungsprogramm 75: Big Data

Bei nahaufnahmen erschienen

Dieterle, Céline (2019). Die mediale Abbildung des Ichs. Was unser Ich ausmacht und wie wir es im Internet preisgeben. nahaufnahmen.ch.





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