Die sibirische Dreckschleuder

Die Nickelmine von Norilsk vergiftet die Umwelt seit Jahrzehnten

Ende Mai 2020 sind aus einem Tank bei einem Kraftwerk westlich der sibirischen Stadt Norilsk rund 20’000 Liter Diesel-Treibstoff ausgetreten und in die Umwelt gelangt. Derzeit wird versucht, die Katastrophe einigermassen unter Kontrolle zu bringen: Das Dieselöl soll sich dank Ölsperren auf dem Fluss Ambarnaja nicht weiter ausbreiten.

Eine solche Landschaft ist von der Umweltverschmutzung betroffen:
Die Tundra auf der Taimyrhalbinsel nördlich von Norilsk
Bild: Nornickel

Dass dies – mehr als eine Woche nach dem Unfall – noch wirksam sei, bezweifeln Umweltschützer. Aber die jüngste Katastrophe ist nur eine von vielen Umweltsünden, die um die Stadt Norilsk in den letzten Jahrzehnten begangen wurde. Hauptverursacher dieser Verschmutzung ist die örtliche Nickelindustrie, die heute vom Konzern Nornickel betrieben wird. Sie macht aus der nördlichsten Grossstadt der Welt zugleich einen der schmutzigsten Orte Russlands.

Nickel aus dem Norden
Schwermetallstaub aus der Mine vergiftet die Böden und damit die Vegetation. Jedes Jahr werden vier Millionen Tonnen hochgiftiges Schwermetall wie Cadmium, Blei, radioaktives Strontium und Cäsium in die Umwelt entlassen. Das in Norilsk gewonnene Nickelerz wird vor Ort weiterverarbeitet.

Dabei wird der im Erz enthaltene Schwefel in Form von Schwefeldioxid in die Luft freigesetzt. Dieses findet als saurer Regen wieder auf die Erde zurück. Die Nickelverarbeitung in Norilsk soll gemäss der Umweltorganisation Pure Earth etwa 1% der globalen Schwefeldioxid-Emissionen verursachen.

Beim Schmelzen der Nickelerze entstehen als Abfallprodukt grosse Mengen schlammiger Schlacke. Dieser Schlamm, der bei fast jeder Art von Bergbau entsteht, wird auch tailing genannt. Er wird auch in Norilsk in riesigen Auffangbecken zwischengelagert – was wiederum für die Umwelt gefährlich ist. Nicht nur, dass Tiere sich vergiften, wenn sie vom Oberflächenwasser trinken. Auch kann Schlamm in den Boden versickern und damit das Grundwasser verseuchen.

Laut den Image-Kampagnen von Nornickel sieht das natürlich anders aus. Da ist von Verantwortung und Nachhaltigkeit die Rede. Doch werfen die Ereignisse um die neueste Katastrophe nicht gerade das beste Licht auf den Konzern. Das Dieselöl in der Umwelt ist nur eine Verschmutzung mehr zu den vielen Altlasten, die sich in den letzten Jahrzehnten angesammelt haben.

Ein Blick zurück
Die Nickel-Minen von Norilsk wurden grösstenteils von insgesamt hunderttausenden von Zwangsarbeitern aufgebaut und betrieben. Das bedeutendste der Lager, das Besserungs- und Arbeitslager Norilsk (NorilLag, russisch Норильлаг) bestand von 1935 bis 1956. Am meisten Insassen hatte das Lager im Jahr 1951 mit rund 72’500 Menschen, vor allem politische Gefangene.

Denkmal für das Arbeitslager von Norilsk; im Hintergrund die Stadt
Bild: Wikipedia, User Ninaras (von ihr stammt auch das Beitragsbild auf der Homepage)

Der heutige Betreiber der Minen, das Unternehmen Nornickel (ehemals MMC Norilsk Nickel), ist eines der grössten Unternehmen Russlands und weltweit führender Nickelproduzent. Präsident des Unternehmens und gleichzeitig Grossaktionär ist der russische Oligarch und Multimilliardär Wladimir Olegowitsch Potanin. Dieser unterhielt in den Jahren 1995 und 96, als das Unternehmen privatisiert wurde, enge Beziehungen zur russischen Regierung und sicherte sich trickreich einen grossen Anteil der Aktien.

Ein gutes Geschäft
Der Kurs der Nornickel-Aktie ist in den letzten Jahren steil nach oben gegangen. Nicht zuletzt deshalb gehört Wladimir Potanin mittlerweile zu den reichsten Russen. Gegenwärtig soll er sogar Platz 1 belegen. In der Rangliste des Wirtschaftsmagazins Forbes der reichsten Menschen des Planeten erscheint er auf Platz 41. Sein Vermögen wird auf etwa 18 Milliarden Dollar geschätzt.

Nornickel ist auch Besitzerin des Kraftwerkes, bei welchem Ende Mai der Dieseltank leck schlug. Da die Umweltkatastrophe und das Versagen der Behörden selbst Präsident Putin in Rage versetzte, musste sich auch Wladimir Potanin zu Wort melden. Nicht zuletzt wohl weil er auf gute Beziehungen zu Putin angewiesen ist, versprach er, dass sein Unternehmen für sämtliche Kosten der Aufräumarbeiten aufkommen werde.

Nickelmine in Norilsk
Bild: Nornickel

Nickel
Nickel ist ein sehr häufiges Element auf der Erde. Oder besser gesagt in unserem Planeten. Der metallische Erdkern – aussen flüssig, innen fest – besteht zu einem grossen Teil aus Eisen und Nickel. Der Anteil des Nickels im Erdkern beträgt fast einen Fünftel.

Auch in der Erdkruste kommt Nickel vor. Allerdings hier nur mit einem Anteil von 0,008%. Und zudem sehr selten als reines Element (sogenannt gediegen) sondern in der Regel als Mineral. Diese Mineralien tragen Namen wie Pentlandit (Fe(Ni,Fe)8S8) oder Millerit (NiS). Da in diesen Mineralien das Element Schwefel als Sulfid vorkommt, werden sie auch sulfidische Mineralen genannt.

Ein grosser Teil der weltweiten Nickel-Vorräte findet sich zudem in sogenannten Laterit-Lagerstätten. Diese oberflächennahen Gesteine enthalten etwa 1,5% Nickel, in seltenen Fällen annähernd 3%, und werden für den globalen Bedarf immer wichtiger. Wird Nickel aus Laterit abgebaut, geschieht dies meist im Tagebau.

Links

Nornickel berichtet über den Beginn der Aufräumarbeiten nach dem Auslaufen von Diesel (31.5.20)

Beitrag von watson über Norilsk von 2018

Forbes-Liste der Milliardäre mit einem Kurzportrait von Wladimir Potanin

Beitrag der NZZ über die Verwendung von Nickel in Akkus für Elektrofahrzeuge von 2019

Beitrag von watson über den Unfall in Norilsk und den tauenden Permafrost (10.6.20)

Video der US-amerikanischen Zeitschrift The Atlantic über die Stadt Norilsk
Video der russischen Online-Zeitschrift The Moscow Times




Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.