NBA 2K21

Wer interessiert sich denn noch für Basketball? 

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2020 ist alles anders, auch Basketball. Die Playoffs laufen, der neue Champion wird in Orlando gesucht, ohne Fans und für Profis in der sogenannten Bubble – eine Scheinwelt, die auf dem Rest des Planeten nicht replizierbar ist. Seit 2011 bespricht NORMAN VOLKMANN jährlich den neuesten Ableger der Reihe. Dieses Jahr war’s komisch. 

Videospiele erschüttert nichts. 2020 ist ein Jahr, das ich nie für möglich gehalten hätte. In der Welt herrscht Ausnahmezustand, doch wenn man die Augen fest zusammenkneift, könnte auch alles wie immer sein. Ende des Jahres kommen die neuen Konsolen auf den Markt und läuten die Zukunft des Spielens ein. Zukunft. Daran mag ich aktuell gar nicht denken. Die Szenarien, die mein Hirn neben dem kläglich-kleinen “Wird schon wieder besser” ausspuckt, sind vielseitig und düster. Ob Ablenkung die beste Strategie ist, weiß ich nicht. Sie hilft an einigen Tagen, doch an vielen anderen bin ich sogar zu müde, einen Controller in die Hand zu nehmen oder in virtuelle Welten zu flüchten. Das ständige Streben nach Normalität macht mich skeptisch, für die kurzweilige Illusion reicht es.

Die Spielzeit 2019/20 war für die NBA keine einfache, auch vor der Pandemie nicht. Einige Wochen vor Start stand die NBA-Welt erstmals Kopf, als der General Manager der Houston Rockets, Daryl Morey, ein Bild mit dem Satz “Fight for Freedom, stand with Hong Kong” postete. Für die NBA auf mehreren Ebenen ein Desaster: Finanziell bedeute der Tweet hunderte Millionen Dollar Verlust. Doch auch die Wahrnehmung litt: Plötzlich war es ein politischer Drahtseilakt, die Beziehung zu China als größten Markt für das Unternehmen nicht weiter zu strapazieren und doch auch Haltung zu bewahren und sich für die eigenen Werte einzusetzen.  

Am 26. Januar 2020 starb Kobe Bryant durch einen Helikopter-Absturz. Ebenfalls an Bord waren seine 13-jährige Tochter und sieben weitere Personen. Als Celtics-Fan habe ich die Los Angeles Lakers, für die Bryant 20 Jahre spielte und mit denen er fünf Meisterschaften gewann, mit Passion gehasst. Seine einmalige Herangehensweise an den Sport, seine Verbissenheit, sein ungezähmter Siegeswille und sein Selbstbewusstsein waren es allerdings, die mir als Fan des anderen Teams immer Sorge bereitete, wenn er auf dem Feld stand.  

Am 11. März 2020 wurde die NBA-Saison unterbrochen, nachdem Rudy Gobert positiv auf SARS-CoV-2 getestet wurde – zwei Tage nachdem er zum Abschluss eines Interviews alle Mikrofone und Aufnahmegeräte der Pressevertreter anfasste. Es war unklar, ob es überhaupt einen Saisonabschluss geben würde. Und es war auch egal. Die Pandemie änderte Prioritäten nicht nur, sie schuf neue.  

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Am 31. Juli wurde die NBA-Saison wieder aufgenommen. Ende August, nach Monaten des Protestes im Rahmen der Black-Lives-Matter-Bewegung in den USA und in der Welt, weigerten sich die Spieler der Milwaukee Bucks, Spiel 5 der ersten Runde der Playoffs gegen die Orlando Magic zu spielen. Zuvor wurde Jacob Blake sieben Mal während eines Polizeieinsatzes in Wisconsin, dem Heimatstaat der Bucks, in den Rücken geschossen. Weitere Teams zogen nach und der Spielbetrieb stand mehrere Tage still. Eine historische Aktion einer Mannschaft, für die es zu dem Zeitpunkt um etwas ging, die sogar als Titelfavorit gehandelt wurde. Im Nachklapp einigten sich Liga und Spielergewerkschaft darauf, in Werbepausen mehr Fokus und Aufklärung zu Themen wie Rassismus, Polizeigewalt und Wahlen zu legen. Zahlreiche Arenen der jeweiligen NBA-Teams verpflichteten sich, während der kommenden Wahl als Wahlzentren zu fungieren. Man kann von der Liga halten was man will, aber es ist durchaus erfrischend, dass die NBA sich auf ihre Spieler einlässt und ihnen einen Rahmen gibt, auch während des Spiels für eine Sache einzustehen.

Von alledem ist in NBA 2K21 leider gar nichts zu spüren. Gewohnt unpolitisch liegt bleibt hier alles beim Alten. Volle Hallen, kein “Black Lives Matter” auf dem Parkett (das gibt es komischerweise nur in WNBA-Spielen), ein Karrieremodus, der keine Message hat und der Fokus liegt auf Mikrotransaktionen und Grind. Die Beziehung zwischen NBA 2K und mir wird von Jahr zu Jahr schwieriger.  

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Dabei ist zumindest die Handlung des Karrieremodus’ die erträglichste seit Jahren. Unaufgeregt und schnurstraks von der High School übers College in die NBA. Kein Drama, keine übertriebene Werbeveranstaltung wie im letzten Jahr und nach ein paar Stunden bereits vorbei. Damit kann ich gut leben. Dass mein Charakter, der primär als Schütze aufgebaut wurde allerdings keinen Wurf aus dem Feld traf, machte mich stutzig. Doch erst einmal weiter mit dem nächsten Modus. 

In MyTeam stellen Spieler*innen sich Jahr für Jahr mit digitalen Spielerkarten Fantasy-Teams zusammen. Über die Jahre habe ich eine Hassliebe für den Modus entwickelt, es ist nicht einfach. MyTeam setzt kompromisslos darauf, dass Spieler*innen ihren Geldbeutel zücken und sich für Echtgeld Kartenpakete mit Zufallskarten kaufen – in der Hoffnung, gute Spieler zu erhalten und das eigene Team zu optimieren. Die Spielarten decken sich mit denen aus dem Vorjahr, der Fokus der Entwickler scheint aber inzwischen auf “endlosem Grind” zu liegen, denn die Belohnungen für die meisten Spiele sind deutlich geschrumpft. Es ist Wahnsinn, wie offensichtlich Visual Concepts inzwischen den Kauf von Karten forciert. Nahezu alle Zusatz-Herausforderungen (die eigentlich das kostenfreie Spiel gegen enormen Zeiteinsatz ermöglichen) erfordern Spieler-Karten, die nur über den Kauf von zeitlich begrenzten Kartenpaketen oder über das unverschämt teure Auktionshaus erworben werden können. Kaufe ich zum Beispiel keines der sogenannten “Tip-off”-Pakete, kann ich bestimmte Herausforderungen gar nicht erst starten. Pech gehabt. Dadurch kann ich aber auch in der Wirtschaft des von MyTeam kaum existieren: Ohne absolvierte Spiele fehlen die Mittel, mein Team zu verbessern.

Doch damit nicht genug: Visual Concepts hat sich in diesem Jahr ein besonderes Schmankerl ausgedacht: Die Wurfmechanik wurde – nun – überarbeitet? Meine ersten beiden Spiele im MyTeam-Spielmodus “Domination” verlor ich mit 30 Punkten und einer 11%-Wurfquote gegen die New York Knicks. Gerade die Knicks, die seit Jahren die Lachnnummer der Liga sind. Keiner meiner Spieler traf Sprungwürfe und ich arrangierte mich mit Freiwürfen oder Korblegern (die ich auch nur mit Ach und Krach traf). Wirklich umgeworfen wurde im Grunde nicht viel, es gibt auf den höheren Schwierigkeitsgraden einfach keine Fehlertoleranz mehr. Ohne perfektes Timing kein Treffer mehr, egal ob man mit Kevin Durant einen absoluten Scharfschützen oder mit Wurfgrobian Rajan Rondo spielt, ob man frei steht oder verteidigt wird. Korbleger, die klassisch mit Analogstick ausgeführt werden, trafen nur dann, wenn man den Stick, je nach Position auf dem Feld in Richtung des Korbs balancierte und auch da genau die Mitte des Shotmeters traf. Liest sich kompliziert, spielt sich beschissen. Eine Technik, die mich irre auf eine kleine Grafik, statt auf das Spielgeschehen, starren ließ. Zumindest das darf man aber im Kontrollmenü ausstellen. Mein persönliches Worst-of der Würfe im Folgenden:

Die Problematik ist für 2K keine. Ein Hotfix erleichterte das Werfen auf niedrigen Schwierigkeitsgraden. Ich habe nun also die Möglichkeit, entweder mit 30 Punkten Gegner zu deklassieren oder selbst mit 30 zu verlieren und keinen Sprungwurf zu treffen. Die Ansage von Visual Concepts auf die Problematik: “git gud”. Für ein Spiel, das den Grind in all seinen Spielmodi über alles andere stellt und nun bestimmte Spielmodi absolut unspielbar gemacht hat, eine absolute Frechheit. Hinzu kommt: jeder Profi hat eine andere Wurf-Animation und unterschiedliches Timing. Je nach Standort des Spielers und Wurffähigkeit des Spielers, Intensität und Druck der Defense kommen weitere Faktoren hinzu, die Erfolg und Misserfolg des Wurfes beeinflussen. Von Spieler*innen zu erwarten, Stunden über Stunden zu investieren, damit bestimmte Offline-Modi (!) einigermaßen erfolgreich absolviert und ein Mindestmaß an Spielspaß aufkommt, ist Wahnsinn. Zumal es in den vergangenen Jahren ja funktionierte.

NBA 2K war auf hohen Schwierigkeitsgrad schon immer herausfordernd. Die Prioritäten von Visual Concepts und 2K Sports sind aber klar: Seit Jahren rückt der Fokus auf den Verkauf von überteuerten Zufallsboxen in den Fokus. Glücksräder oder andere Zufallsspiele sind die ekelhaften, kostenlosen Karotten, die Spieler*innen vor die Nase gehalten werden und am Ende Pseudo-Argumente des Studios: “Schau her, kannst du alles freispielen.” Klar, ist das Spielerlebnis maximal frustrierend, liegt der Kauf von besseren Spielern nahe – immer in der Hoffnung, schneller besser zu werden und endlich im Spiel voran zu kommen. Spieler mit hohen 90er-Wertungen allerdings können gezielt im Grunde nicht erreicht werden, wenn man nicht Vollzeit NBA 2K21 spielt oder Reichtümer in Lootboxes investiert. Es ist in ein Witz. Der erwartete Zeiteinsatz war bereits in den letzten Jahren absurd, aber die Daumenschrauben werden nur weiter angezogen. Dass der Titel aber nun in gewissen Abschnitten fast unspielbar ist, ist ein Novum – die initiale Reaktion von 2K auf das negative Feedback der Spielerschaft eine bodenlose Frechheit.  

Mir ist sehr bewusst, dass meine Kritik ein nahezu typischer Gamer-Rant ist, der Spieler*innen eigentlich fast so unsympathisch macht, wie die Entwickler, die solche Geschäftsmodelle immer härter verfolgen. Ich ärgere mich ja selber darüber, dass mich das so nervt. Dank fehlender direkter Konkurrenz hat 2K Sports keinen Druck, auch nur eine Kleinigkeit zu ändern – das Modell scheint so gut zu funktionieren, das es jedes Jahr nur noch dreister wird.

NBA 2K21 verkörpert aktuell alles Schlechte, das Spiele mit Lootboxen und Mikrotransaktionen ausmacht: Es treibt auf die Spitze, was in den letzten Jahren immer weiter angesteuert wurde und zeigt, wie Gameplay letztendlich im Sinne eines Geschäftsmodell verschlimmbessert wird. Alles was an dem Titel spielmechanisch gut ist, gibt es seit Jahren. Und alle Detailverbesserungen bewegen nichts, wenn ein elementarer Teil des Spiels es unspielbar macht und ausschließlich dazu dient, dass Spieler*innen beständig Geld in das Produkt pumpen. Und selbst mit perfekter Wurfmechanik würde es schwerfallen, das Geschäftsmodell von 2K Sports und Visual Concepts zu ignorieren. Mir tut es in der Basketball-Seele weh, aber NBA 2K21 ist ein unverschämtes Kackspiel.  

Bereits erschienen.

Originaltitel: NBA 2K21

Plattformen: PC, Playstation 4, Xbox One

Entwickler: Visual Concepts

Veröffentlicht von: 2K Sports





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