Interview mit Suzanne Vega

„Das Gefühl, anders zu sein, hat meinen Charakter geformt“

Bild: © George Holz

Suzanne Vega blickt mit dem Live-Album „An Evening of New York Songs and Stories“, eingespielt mit einer famosen Begleitband, auf ihre bereits 35-jährige Karriere zurück. Die von ihrer Heimatstadt New York inspirierten Lieder auf dem Album zeigen eindrücklich, wie Suzanne Vega aus ihrer destillierten Poesie, deren Lektüre allein eine eindringliche Erfahrung ist, berührende musikalische Perlen zaubert, die auch gesellschaftliche Probleme und Tabu-Themen – wie etwa in ihrem Welthit „Luka“ – nicht ausklammern. Wir sprachen mit der amerikanischen Songpoetin über Offenbartes und Verborgenes, Trauer und Hoffnung, verquere Scherze und das Tanzen im Angesicht des Todes, den Grund, weshalb sie ihren Platz in der Welt erst finden musste und darüber, wie Lou Reeds schonungslose Songs ihr Mut machten, auch über schwierige Themen zu schreiben.

Von Christoph Aebi

Ihr neues Album „An Evening of New York Songs and Stories“ haben Sie live im Café Carlyle in New York aufgenommen. Darauf sind Lieder aus Ihrem Repertoire versammelt, die von Ihrer Heimatstadt inspiriert sind. War es deshalb eine bewusste Entscheidung, das Album am 11. September zu veröffentlichen?

Nein, es war ein kompletter Zufall. Tatsächlich konnte ich es kaum glauben, als ich meinen Manager fragte, wann denn das Album veröffentlicht würde und er mir antwortete: 9/11. Ich sagte ihm: „Das ist ja wohl nicht dein Ernst. Machst du einen bizarren Witz?“ Er aber bestätigte mir das Datum und fragte mich, ob es für mich in Ordnung sei oder ob ich es ändern möchte. Und ich fand schliesslich, dass es eigentlich ein merkwürdig passendes Datum für die Album-Veröffentlichung ist.

Eines der Lieder auf dem neuen Album, „Anniversary“, haben Sie 2002 anlässlich des ersten Gedenktages an 9/11 geschrieben. Das Lied endet mit den Zeilen: „Make the time for all your possibilities / they live on every street.“ Wollten Sie darauf hinweisen, dass es in all der Trauer, die ein solcher Gedenktag mit sich bringt, auch Hoffnung geben kann?

Ja, das war meine Absicht. 9/11 war ein so unglaublich trauriger Moment in der Geschichte von New York City. Wie sich herausgestellt hat, hat sich New York relativ schnell von dieser gewaltigen Tragödie erholt. Innerhalb von ein paar Jahren wurden die Schäden bereinigt und New York hat danach eine Art Renaissance erlebt. Aber damals, im Jahr 2002, wussten wir noch nicht, dass das geschehen wird. So war dieses Lied meine Art und Weise, auszudrücken, dass wir einen Weg finden müssen, um trotz allem vorwärts zu schauen und voranzuschreiten.

Dieses Album haben Sie mit exzellenten Musikern (Gerry Leonard an den Gitarren, Jamie Edwards am Piano und an den Keyboards sowie Jeffrey Allen am Kontrabass) eingespielt. Insbesondere bei „Anniversary“ sowie bei „Ludlow Street“ hat man den Eindruck, dass die Musiker nicht einfach das Lied begleiten, sondern dieses tief im Innern spüren. „Ludlow Street“ haben Sie für Ihren 2002 verstorbenen Bruder Tim geschrieben. Er hat als Produktionsassistent für ein Musikfestival gearbeitet, das auf dem Gelände des World Trade Centers stattfand. An 9/11 hat er sich krankgemeldet und entging deshalb dem Terroranschlag, hat dieses Überleben aber nie überwunden.

Das stimmt genau. Er war nicht da, als der Anschlag geschah. Aber Ground Zero hat ihn danach richtiggehend verfolgt, er war wie besessen davon. Er ist immer wieder zum Ort des Geschehens zurückgekehrt, hat sich das Loch im Boden angeschaut und hat mit seinen Freunden darüber gesprochen. Diese hatten viele schlimme Dinge gesehen, weil sie an jenem Tag zur Arbeit gegangen waren und das Attentat vor Ort mitverfolgen mussten. Es war einfach grauenvoll und unmenschlich. Tim fühlte sich auf eine gewisse Weise schuldig und deshalb wurde es mit seinem Alkoholproblem immer schlimmer.

Nach welchen Kriterien haben Sie eigentlich die Lieder aus Ihrem Backkatalog für dieses Album ausgewählt?

Nun, wir brauchten eine Kombination von Liedern, die sehr bekannt sind und anderen, die auf den Alben eher etwas versteckt waren, Lieder wie „Tombstone“ oder „Thin Man“ beispielsweise. Diese kennen die Leute nicht immer. Und dann benötigten wir auch Lieder, die zur Atmosphäre des Café Carlyle, in dem wir das Album aufgenommen haben, passten. Es ist ein sehr intimes Konzertlokal und Lieder, die irgendwie jazzig und smooth sind, waren dafür sehr geeignet. Das Carlyle ist kein Rock-Club, sondern ein gehobener Veranstaltungsort und für den Besuch werfen sich die Leute in Schale, ziehen nette Kleider und edlen Schmuck an und drinken zu den Darbietungen Martinis. Ich habe bei der Auswahl meiner Lieder nach einer Atmosphäre gesucht, die dazu passte, und habe mich zu dieser Kombination von sowohl alten als auch neuen, optimistischen und fröhlichen sowie intimen und innigen Liedern entschieden.

Bild: © George Holz

Sie haben „Tombstone“ und „Thin Man“ erwähnt, mit dem Sie dieses Konzert beendet haben. Mir gefällt, dass bei den Einleitungen dazu Ihr feiner Humor zum Vorschein kommt. Zu „Tombstone“, einem Lied darüber, wie Ihr Grabstein dereinst aussehen soll, sagen Sie: „It’s the most cheerful song I have.“ Und „Thin Man“ leiten Sie mit den Worten ein: „We don’t want to leave you too sad, so we are going to play this as your exit music.“ Dabei ist mit dem „Thin Man“, wenn ich das Lied korrekt interpretiere, ja eigentlich der Tod gemeint.

Ja, das stimmt. Es ist, wie bei dem Veröffentlichungsdatum des Albums, eine Art verquerer Scherz. Beides sind tatsächlich Lieder über den Tod in New York City, was auf eine unheimliche Weise passend zu der Pandemie ist, die hier in New York insbesondere im April wütete. Die Lieder verbreiten ein wenig die Stimmung, im Angesicht des Todes zu tanzen sowie fröhlich und heiter zu sein, was etwas sehr Eindringliches und tief Bewegendes hat. Speziell in New York, einer Stadt, in der das Gefühl des Überlebens eigentlich immer sehr präsent ist. Deshalb denke ich, dass diese zwei Lieder sehr gut ins Programm passten, das wir im Café Carlyle spielten.  

Da Sie gerade von Eindringlichkeit reden: Es gibt von Ihnen das Buch „The Passionate Eye – The Collected Writing of Suzanne Vega“, in dem Ihre Gedichte, Songtexte und Essays versammelt sind. Wenn man die Songtexte liest, ohne gleichzeitig die dazugehörende Musik zu hören, fällt einem auf, wie stark die Texte für sich sprechen, sich bei dieser Annäherungsweise sogar ganz neue Ebenen darin auftun. Es ist auf jeden Fall eine sehr eindringliche Erfahrung. Da in dem Buch auch ein langes Interview veröffentlicht ist, das Leonard Cohen einst mit Ihnen geführt hat, habe ich mich gefragt: Ist der Prozess bei Ihnen der gleiche wie bei Leonard, der zuerst Gedichte schrieb, aus denen dann eventuell später einmal Songs wurden?

Die Lieder entstehen auf ganz unterschiedliche Art und Weise. Bei „Tombstone“ zum Beispiel hatte ich zuerst nur eine ganz allgemeine Vorstellung über das Thema sowie die erste Zeile des Liedes im Kopf. Dann habe ich mit meinem damaligen Produzenten Mitchell Froom an der Musik gearbeitet und erst anschliessend den Text beendet. Aber an den Texten arbeite ich jeweils am längsten, ganz egal, ob diese vor oder nach der Musik entstehen, weil ich immer will, dass die Texte so stark wie möglich sind.

In besagtem Gespräch mit Leonard Cohen, das zum Release Ihres Albums „99.9F°“ entstand, geht es insbesondere darum, was man mit einem Song offenbart und was man verbirgt. Dieses Thema kommt auch in einem der Lieder auf dem neuen Album vor. In „Pornographer’s Dream“ heisst es: „If what she reveals, or what she conceals / is the key to our pleasure?“ Ist das beim Liederschreiben eine wichtige Frage für Sie: Was offenbare ich und was verberge ich?

Das ist sowohl beim Liederschreiben als auch als Künstlerin und Person des öffentlichen Lebens eine sehr wichtige Frage für mich, die ich mir immer wieder stellen muss. Es ist sozusagen die Frage des Tages. Jeder, der Zeit auf einer Bühne verbringt oder im Blickpunkt der Öffentlichkeit steht, muss die Antwort für sich herausfinden und sich darüber klar werden, wie viel er von sich preisgeben will.

Gab es jemals ein Lied, bei dem Sie nachträglich fanden, dass Sie zuviel offenbart hatten?

Ja, das ist mir mehrmals passiert. Aber üblicherweise ist es so, wenn es beispielsweise einen Vers gibt, bei dem ich im Nachhinein das Gefühl habe, dass er zuviel offenbart, dann lasse ich ihn bei Live-Auftritten einfach weg. Und wenn es ein ganzes Lied ist, das zuviel offenbart, dann singe ich es live nicht mehr. Es ist also für mich ziemlich einfach, zu sagen: „Zu der Situation, aus der das Lied entstand, möchte ich lieber nicht zurückkehren.“ Und deshalb ist es auch kein permanentes Problem für mich.

Bild: © George Holz

Eines der Gedichte in Ihrem Buch, aus dem nie ein veröffentlichter Song wurde, hat mich ganz besonders berührt. Es heisst „Cold blue steel“ und beginnt mit den Zeilen: „Childhood was the forge / in which this character / was hammered out.“ Auf welche Weise hat Ihre Kindheit Ihren Charakter geformt?

Ich komme aus einer grossen Familie, in der ich das einzige Kind war, das seinen Vater nicht kannte. Das hat dazu geführt, dass ich anders war als andere Kinder. Ich würde sagen, dieses Gefühl, anders als die Menschen in meiner Familie, meiner Nachbarschaft, meiner Umgebung zu sein, hat meinen Charakter geformt. In mancher Hinsicht bin ich herausgestochen und das Leben war zu jener Zeit oft schwierig für mich, weil ich verschiedene Dinge zuerst herausfinden und verstehen musste. Ich musste herausfinden, wer mein Vater war und wieso ich gewisse Charaktereigenschaften hatte. Es war nicht immer einfach, mit meinem Stiefvater gut auszukommen und ich musste irgendwie zuerst meinen Weg und meinen Platz in dieser Welt finden, all die Informationen gebrauchend, die ich zur Verfügung hatte.

Vielleicht hat gerade dieses Gefühl des Andersseins Sie sehr sensibel und empathisch für die gesellschaftlichen Probleme und sozialen Anliegen gemacht, die Sie in Ihren Liedern thematisieren. Eines dieser Lieder, in dem man auch gut erkennt, wie verdichtet Ihre Poesie ist, heisst „Cracking“. Das Lied beginnt mit den Zeilen: „It’s a one-time thing / It just happens / A lot.“ Die Protagonistin des Liedes hat mit psychischen Problemen zu kämpfen und ist sehr fragil.

Sie haben den Nagel auf den Kopf getroffen. Die Protagonistin ist in einem sehr zerbrechlichen Zustand und ist sich nicht sicher, was real und was nicht real ist. Sie steht unter grossem Stress und Druck – und das in einem Moment, in dem sie das Gefühl hat, zu zerbrechen. Gleichzeitig ist sie nicht sicher, ob sie selber die Person ist, die da gerade zusammenbricht. Es handelt sich um einen Moment der Dissoziation, der Aufspaltung ihrer Persönlichkeit.

Ein weiteres Beispiel eines Liedes, das ein Problem beziehungsweise Tabu in unserer Gesellschaft thematisiert, ist natürlich ihr Welthit „Luka“, in dem es um häusliche Gewalt an einem Kind geht. In wenigen Zeilen offenbart der Ich-Erzähler im Lied den ganzen Horror, aber auch die Scham, die mit dieser erlebten Gewalt einhergeht: „Yes I think I’m okay / I walked into the door again / Well, if you ask that’s what I’ll say / And it’s not your business anyway.“ Ihr damaliger Manager Ron Fierstein war überzeugt davon, dass das Lied allein aufgrund der Thematik ein Hit wird. Er war der Meinung, die Menschen müssten mehr sozialkritische Lieder hören. Wenn man sich anschaut, wie sich das Musikbusiness aktuell präsentiert, wage ich fast zu bezweifeln, dass ein Manager heutzutage die gleiche Aussage tätigen würde. Wie denken Sie darüber?

Das ist eine interessante Frage. In den 70er-Jahren gab es viele Lieder, welche soziale Anliegen oder Kriege thematisierten. Ron Fierstein machte diese Aussage in den 80er-Jahren, weil er rückblickend das Gefühl hatte, dass Musik mit einem sozialen Anliegen wirklich die Gesellschaft verändert hatte. Deshalb dachte er selbstverständlich, dass es mit „Luka“ gut funktionieren würde. Ich denke, heutzutage ist es viel schwieriger, am Radio eine Botschaft rüberzubringen. Ich höre am Radio keine sozialkritischen Lieder. Songs über politische Themen werden in den USA definitiv nicht am Radio gespielt. Das heisst aber nicht, dass sie nicht geschrieben werden. Ich kenne einige Singer-Songwriter, die über die politische Lage in den USA singen. Sie erreichen aber vielleicht eher an Konzerten oder bei Live-Streams ihr Publikum. Es ist im Vergleich zu früher auch schwieriger, eine einheitliche Botschaft zu haben, weil die Welt nicht mehr einfach ist und immer komplexer wird.

Auf diesem neuen Live-Album gibt es Lieder, in denen einige Menschen herumgeistern, die nicht mehr unter uns weilen  – von Frank Sinatra und Ava Gardner über Lauren Bacall und Humphrey Bogart bis hin zu Marlene Dietrich und Lou Reed. Von letzterem covern Sie „Walk on the wild side“. Ich habe gelesen, dass Lou Reed für Sie sehr wichtig war und Sie im Alter von 19 Jahren nach dem Besuch eines seiner Konzerte an der Columbia University in New York Ihre wahre künstlerische Stimme gefunden haben. Was ist während dieses Konzertes geschehen, das zu Ihrer ganz eigenen künstlerischen Ausdrucksweise führte?

Lou Reed hat sehr ungestüme, leidenschaftliche Lieder geschrieben, die stark von der Gewalt in New York City geprägt waren und in denen es oft auch um Gewalt zwischen Männern und Frauen ging, die miteinander stritten und kämpften. Dies war eine Welt, die ich kannte, von der ich aber nie zuvor in Liedern gehört hatte. Leonard Cohens Lieder beispielsweise waren ganz anders. Sie thematisierten die Beziehungen zwischen Männern und Frauen eher auf einer sexuellen und spirituellen Ebene. Diese irgendwie schonungslose, gewalttätige Welt in Lou Reeds Liedern repräsentiert zu sehen, hat mir Mut gemacht. Es hat mir das Gefühl gegeben, dass ich über schwierige Themen und Dinge schreiben konnte, wie ich das beispielsweise in „Luka“, „Cracking“ oder auch „Neighborhood Girls“ getan habe. Seine Lieder haben für mich gewissermassen die Türen aufgestossen.

Eine weitere verstorbene Person, die auf dem Album vorkommt, im Song „New York is my destination“, ist die Schriftstellerin Carson McCullers (1917 – 1967). Über ihr Leben haben Sie ein ganzes Theaterstück geschrieben, welches die Basis für Ihr letztes Album „Lover, Beloved: Songs from an Evening with Carson McCullers“ war. Was fasziniert Sie an der Poesie und am Leben von Carson McCullers am meisten?

Sie war eine für ihre Zeit aussergewöhnliche und auch sehr lustige Frau, die ihr Leben damit verbrachte, an ihrer Kunst zu arbeiten. Sie war zudem tief berührt vom Schicksal anderer Menschen und fühlte sich gleichzeitig als Aussenseiterin in ihrer Welt. Sie liebte die Menschheit, obwohl sie selber schwierige Zeiten durchmachte und von anderen Menschen nie wirklich akzeptiert, sondern immer und immer wieder zurückgewiesen wurde. Diese ganze Situation hat für mich etwas sehr Berührendes.

Carson McCullers hatte auch eine Verbindung zur Schweiz, da sie sich unsterblich in die Schweizer Schriftstellerin und Fotografin Annemarie Schwarzenbach verliebte, die ihre Liebe jedoch nicht erwiderte. Carson McCullers sagte über Annemarie Schwarzenbach: „She had a face that I knew would haunt me for the rest of my life.“

Ja, genau. Annemarie war aber auch eine unglaublich schöne Frau.

Mit diesem Live-Album schauen Sie auf die ersten 35 Jahre Ihrer Karriere zurück. Arbeiten Sie aktuell bereits wieder an neuen Liedern?

Ich bin daran, mit Ideen herumzuspielen und denke darüber nach, was ich mit ihnen anfangen und wie ich sie realisieren soll. Ich hoffe, dass ich im Jahr 2022 ein neues Album fertig habe.

Und wir hoffen, dass wir Sie spätestens zum Release des nächsten Albums wieder einmal live in der Schweiz erleben können.

Oh, ich auch. Ich liebe die Schweiz und freue mich sehr auf meinen nächsten Besuch.



Aktuelles Album:
„An Evening of New York Songs and Stories“ (Cooking Vinyl / Sony Music)

Offizielle Homepage:
www.suzannevega.com





Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.