Er rollt und rollt und rollt…

Wie der Kugelschreiber die Welt eroberte

Ein Gegenstand aus der analogen Zeit: Den Kugelschreiber gibt es seit nunmehr 83 Jahren. Zwar tippen wir heute mehr denn je Texte mit Tastaturen in elektronische Geräte – dennoch wird das Schreiben mit Stift wohl nicht ganz so bald aussterben.

immer noch unschlagbar praktisch und unentbehrlich:
Der Kugelschreiber.
Bild fotografierende auf Unsplash

Einmal am Druckknopf geklickt und schon geht’s los mit Schreiben. So einfach geht es seit über achzig Jahren dank des Kugelschreibers. Vor dessen Erfindung war das Schreiben mit Tinte eine echte Mühsal.

Während Jahrhunderten benutzten die des Schreiben mächtigen zugespitzte Vogelfedern. Zwar kannten wohl schon die alten Ägypter und später die Römer eine Art von Stahlfedern. Diese blieben aber während sehr langer Zeit handwerkliche Einzelstücke. Die Massenproduktion von Stahlfedern setzte erst im Jahr 1822 in England ein.

“Das Schneiden und Halten der Feder” aus: Johann Stäps: Selbstlehrende Canzleymäßige Schreibe-Kunst. Leipzig 1784
Quelle Wikipedia

Einen weiteren bedeutenden Fortschritt hin zum mühelosen Schreiben brachte der Füllfederhalter. Zwar finden Historiker in diversen Epochen Hinweise auf frühe Einzelstücke von Federhaltern mit Tintenreservoir. Doch kein Modell schaffte den langfristigen Durchbruch: Die Entwicklung des Füllers verlief demnach bis ins 19. Jahrhundert nur zaghaft, bis um 1850 erste Patente für brauchbare Füllfederhalter eingereicht wurden.

Und auch der Amerikaner John Jacob Loud reichte 1888 ein Patent ein – es wäre vielleicht schon damals der erste Kugelschreiber daraus geworden, wenn Loud seine Idee kommerziell hätte umsetzen können. Doch offenbar war die Zeit des Kulis noch nicht gekommen.

Der Füller startet durch
Denn zunächst brach das Zeitalter des Füllfederhalters an. Gegen Ende des 19. Jahrhundert war dieser soweit entwickelt, dass eine – für heutige Begriffe bescheidene – Massenproduktion beginnen konnte. Und anfangs des 20. Jahrhunderts wurden zahlreiche Unternehmen gegründet, die Füller produzierten.

Zu dieser Zeit wiesen die damaligen Modelle des Kugelschreibers noch erhebliche Mängel auf: Sie kleckerten oder die Tinte trocknete aus. Sie waren somit noch keine ernsthafte Konkurrenz für den Füllfederhalter. Eine echte Verbesserung brachte erst das Modell des Erfinders László József Bíró aus Ungarn.

Das Bessere als Feind des Guten
Er entwickelte zusammen mit seinem Bruder György und andern Erfindern den Go-Pen, den er 1938 patentieren liess. Dieses Modell verfügte über schnell trocknende Tinte und eine verbesserte Kugelhalterung, die genau die richtige Menge Tinte beim Schreiben aufs Papier brachte. Bald darauf brachte das Erfinderteam sein Schreibgerät auf den Markt und hatte erste kleine Erfolge. Biró gilt daher als eigentlicher Erfinder des Kugelschreibers.

Werbung in einer argentinischen Zeitschrift im Jahr 1945 für den Birome, den Kugelschreiber der Erfinder rund um László Bíró.
Quelle: Wikipedia, hochgeladen von Benutzer Roberto Fiadone

Da Biró aus einer jüdischen Familie stammte und auch in Ungarn die Stimmung judenfeindlich wurde, wanderte er 1938 zunächst nach Frankreich aus und floh später nach Argentinien. Dort verbesserte Biró Tinte und Gerät weiter und erlangte 1943 auch ein US-Patent. Biró startete sodann die Produktion von Kugelschreibern und verkaufte auch einige Exemplare an die Britische Royal Air Force. Dies weil sein Schreiber im Gegensatz zu anderen auch in grosser Höhe nicht kleckerte.

Amerikanischer Geschäftssinn
Den Durchbruch schaffte der Kuli 1945. Der Geschäftsmann Milton Reynolds erkannte das Potential des neuen Schreibgeräts und liess seine Ingenieure rasch eine eigene Variante entwickeln, noch bevor die konkurrenzierenden Unternehmer mit Birós Lizenz auf dem Markt erschienen. Zu Weihnachten 1945 war Reynolds Kugelschreiber, der Reynolds Rocket, das angesagte Geschenk für die Besserverdienenden. Der Preis lag bei stolzen 12.50 US-Dollar, was heute einem Betrag von fast 150 Dollar entspricht.

Doch schon bald wurde das Schreiben mit dem Kugelschreiber günstiger. Nicht zuletzt dank dem Franzosen Marcel Bich, der Birós Patente übernahm. Dank einer weiteren Verbesserung und der Einführung des Konzeptes des billigen Plastik-Einweg-Kugelschreiber gelang der Durchbruch. BIC, so der neue Name des Unternehmens wurde in Frankreich zum Synonym des Schreibgeräts und eroberte in den 1950er Jahren die Welt.

Heute ein Klassiker
Über 100 Milliarden Mal wurde der BIC Cristal seither verkauft und gilt heute als Design-Klassiker. Das transparente Gehäuse mit den sechs Kanten besteht aus dem Kunststoff Polystyrol, die Kugel aus Wolframcarbid.

Der BIC Cristal erstmals 1950 hergestellt gibt heute es in zahlreichen Farben.
Quelle: Wikipedia, Benutzer Trounce

Während ein Kugelschreiber in Frankreich heute noch bic genannt wird, ehren andere Länder den Erfinder Biró: In England ist biro eine bekannte Bezeichnung für den Kuli und auch in Italien hört man sie zuweilen. In Argentinien heisst der Kugelschreiber birome, nach der Marke die Biró und seine Partner dem ursprünglich in Argentinien verkauften Modell gegeben hatten.

Vielleicht wird der Kugelschreiber keine weiteren 83 Jahre mehr erleben. Die papierlose Schule und das papierlose Büro könnten dereinst Einzug halten. Aber die unbestreitbaren Vorteile von Kugelschreiber und Papier werden dieser Art des Schreibens das Überleben noch ein paar Jahre sichern.

P.S. Nach dem selben Prinzip der rollenden Kugel ist auch der Deo-Roller konzipiert – auf die Idee kam auch hier ursprünglich der Erfinder des Kugelschreibers, László József Bíró.

P.P.S. Nach dem Wegwerf-Kugelschreiber brachte BIC 1973 auch noch das Wegwerf-Feuerzeug auf den Markt, ebenfalls mit grossem Erfolg.

Im Netz
Archäologischer Fund einer Schreibfeder aus London

Inventor Laszlo Biro and the Battle of the Ballpoint Pens (ThoughtCo)





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