Karl Ove Knausgård: “Aus der Welt”

Detaillierter Blick in die Tiefe verpackt in präziser Sprache – eine Wucht eines Debüts

Weit über die norwegischen Grenzen hinaus bekannt geworden ist Karl Ove Knausgård mit seiner sechsteiligen Autobiographie. Schon in seinem ersten Roman, der nun auf Deutsch vorliegt, brilliert der Norweger mit seiner Sprache.

Nein, Karl Ove Knausgård schreibt definitiv keine leichte literarische Kost. Zum Glück. Denn genau der detaillierte Blick in die Tiefe, die akribisch beschriebenen Details bis in die kleinste Ecke verpackt in einer präzisen Sprache, in die man gerne eintaucht, zeichnet den norwegischen Autoren aus. Diese grosse Gabe zeigt der Norweger schon in seinem 1998 erschienenen Debütroman von der ersten Zeile an. „Manchmal schloss ich nachts die Schule auf, ging durch das flache, unbeleuchtete Gebäude, betätigte dabei einen Lichtschalter nach dem anderen und sah, wie das Licht die Dunkelheit über mir aufriss, als wäre ein Schwarm schlummernder Insekten geweckt worden und schwärmte nun gereizt in die Räume aus.“

Auf über 900 Seiten – ja, Knausgård ist bekannt für seine gehaltvollen Bücher auch in der Anzahl Buchseiten – begleiten wir den jungen Lehrer Henrik Vankel im Norden Norwegens. Er arbeitet dort als Aushilfslehrer, der als junger Mann seinen Platz im Leben gefühlt noch nicht gefunden hat. Selbsthass, Selbstzweifel, Einsamkeit und Schamgefühle sind zentrale Gefühle seines Lebens. Tauchen Probleme auf, geht er ihnen gerne aus dem Weg oder läuft von ihnen ungeniert davon. Und er ist sich dessen auch bewusst und reflektiert dies. „Glaubte ich, mein Problem läge jetzt noch irgendwo in Bergen herum, während ich, glücklich und befreit, das Weite gesucht und mich in Sicherheit gebracht hatte? Denn mein Problem würde es ja wohl kaum schaffen, aus eigener Kraft den weiten Weg von Bergen bis hierher zurückzulegen?“

So verwundert es einem beim Lesen auch nicht, dass Henrik, nachdem er sich in eine seiner minderjährigen Schülerinnen verliebt hat und dem intimen Besuch von Mirjam bei ihm zuhause, von heute auf morgen die Region verlässt.

Irritierend und packend zugleich

Stellenweise irritiert der Roman, dann zeigt er sich wieder gestochen scharf. Realität und Träume, ja gar Fantasie vermischen sich. Und immer wieder flechtet Knausgård Geschichtliches mit ein. Als Leser wird man von der ersten Zeile an hineingezogen. Aber auch Gefühle von Abscheu und Ekel begleiten das Lesen. Wie Henrik mit Frauen umgeht, da möchte man insbesondere als Leserin wegschauen, das Buch sofort weglegen. Und trotzdem folgen die Augen gierig den Zeilen. Wie eine Sucht. Knausgårds Bücher machen definitiv süchtig.

Der Roman wurde bei der Veröffentlichung in Norwegen gefeiert als eines „der wichtigsten Bücher der letzten 25 Jahre“ (Dagbladet) und mit dem Norwegischen Kritikerpreis ausgezeichnet.

Titel: Aus der Welt
Autor: Karl Ove Knausgård
Übersetzer: Paul Berf
Verlag: Luchterhand
Seiten: 928
Richtpreis: CHF 39.90





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