Ein Hauch von Revolution in der Schweiz

Der Landesstreik von 1918 und die Rolle von Robert Grimm

In der Schweiz kam es im November 1918 zu einem Landesstreik, an dem sich ungefähr 250’000 Arbeiter*innen beteiligten. Einige der Forderungen der Streikenden, wie das Frauenstimmrecht, die Alters- und Invalidenversicherung und die einer 48- Stunden-Woche, gelten heute als unanfechtbar. Wer sich mit dem Landesstreik auseinandersetzt, kommt dabei an einem Namen nicht vorbei: Robert Grimm.

Von Tobias Burkard

Anfangs 1918 wollte der Bundesrat mit der Verordnung über die Organisation der Arbeit eine Hilfs- und Zivildienstpflicht einführen, welche die ganze Bevölkerung im Alter von 14 bis 60 Jahren unter die Befehlsgewalt der Armee gestellt hätte. Um gegen diesen Militarisierungsversuch anzukämpfen und Anträge an den Bund besser koordinieren zu können, gründeten Sozialdemokraten und Gewerkschaftler das Oltener Aktionskomitee (OAK).

Entstanden ist es auf Initiative von Robert Grimm, der darin auch eine Führungsposition einnahm. Es entwickelte sich bald zur eigentlichen Exekutiven der Arbeiterbewegung und stellte mehrfach Begehren an die Regierung. Ziel war stets eine Verbesserung der Situation der Arbeiter.

Nationalrat Robert Grimm, ca. 1930,
Bild von Carl Jost, © Staatsarchiv Bern

Gemässigter Revolutionär
Während dieser Zeit war Grimm gerade dabei zu einem der “interessantesten, umstrittensten und bedeutendsten Politiker der Schweiz“ aufzusteigen, wie der Historiker Bernard Degen in seinem Buch Robert Grimm. Marxist, Kämpfer, Politiker betont.

Grimm wurde 1881 im Zürcher Oberland in eine Arbeiterfamilie geboren. Nach Wanderjahren in Europa setzte er sich in der Politik rasch durch und wurde bereits 1911 Nationalrat der SP-Fraktion. Zudem wurde er Präsident der kantonalen Berner Sektion und dominierte diese daraufhin.

Dank seiner Reputation konnte er 1915 international bekannte Politiker und Intellektuelle an der sogenannten “Zimmerwald-Konferenz“ in der Schweiz versammeln. Mit dabei war damals auch Wladimir Lenin, in dessen Augen Grimm ein “fähiger, energischer, nicht dummer, aber ganz in seiner Alltagsarbeit versumpfter Mann“ war. Grund für diese Aussage war die gemässigte Haltung Grimms, als es um Fragen der Revolution ging. Im Gegensatz zu Lenin kämpft er nämlich für eine Änderung der Machtverhältnisse ohne Einsatz von Gewalt.

Auch wenn seine eigene Partei in dieser Hinsicht hinter ihm stand, war Grimm trotz – oder gerade wegen – seiner Vormachtstellung nicht unumstritten: Seine Schlagfertigkeit, das grosse Selbstvertrauen und seine autoritären Züge führten zu Schwierigkeiten in der Zusammenarbeit mit ihm. Dafür brillierte er mit seinen politischen Reden: wie kaum ein anderer konnte er die Massen mit seinen Ansprachen mitreissen. Diese Eigenschaft, gepaart mit seinem politischen Instinkt, liessen ihn bald zu einer zentralen Figur der sozialdemokratischen Partei aufsteigen.

Unheilvoller November
Am 5. November 1918 liess der Bundesrat vier Kavalleriebrigaden und vier Infanterieregimente in der Stadt Zürich aufmarschieren. Dies rechtfertige er später in einem “Aufruf an das Schweizervolk“ in dem die Exekutive die Notwendigkeit dieser Massnahme erklärte. Als Grund dafür nannte der Bundesrat “Unruhen und Umtriebe“. Diese befürchtete er nicht zuletzt aufgrund des Jahrestags der russischen Revolution. Damals war es auch in Zürich zwischen Arbeiterorganisationen und der Polizei zu Unruhen und sogar Barrikadenkämpfen gekommen. 

Die soziale Lage war weiterhin schwierig und dies nicht nur in der Schweiz: Aufgrund des Umsturzes des russischen Zarenreichs und des Sturzes der Monarchien in Deutschland und Österreich-Ungarn herrschte europaweit eine angespannte Stimmung. Ausserdem litten viele Staaten unter den Nachwirkungen des Ersten Weltkriegs.

In der Schweiz wurden nun Umsturz-Gerüchte hochgekocht, mehrheitlich von Seiten der militärischen Führung. Diese schien nämlich einer Auseinandersetzung mit der sich radikalisierenden Arbeiterbewegung nicht abgeneigt.

Kavallerietruppe in der Kaserne Zürich-Aussersihl (man beachte auch die Bildunterschrift)
Bild: ETH-Bibliothek

Die unrühmliche Rolle des Militärs
Das OAK fasste den Militäraufmarsch vom 5. November in Zürich zusammen mit dem “Aufruf an das Schweizervolk“ als Provokation auf und antwortete am 9. November mit einem eintägigen Proteststreik. Dieser sollte sich auf 19 Ortschaften beschränken. Entgegen dem Willen des Regierungsrates erliess der Kommandant der Zürcher Ordnungstruppen, Oberstdivisionär Emil Sonderegger, ein Versammlungsverbot in seiner Stadt und heizte die Stimmung damit noch mehr auf. Ausserdem ging die militärische Führung um General Wille gewalttätig gegen die Demonstranten vor und nahm so eine Eskalation bewusst in Kauf. Um die politische Glaubwürdigkeit zu wahren, sah sich das OAK gezwungen, einen unbefristeten Landesstreik auf den 12. November auszurufen. Die Arbeiterschaft fasste ihre Forderungen in einem 9-Punkte-Programm zusammen (siehe Zusatzinfo).

Für die Streikenden galt ein absolutes Alkoholverbot, welches Grimm höchstpersönlich forderte. Trotzdem erhitzten sich die Gemüter an gewissen Orten. In Grenchen kam es bei Auseinandersetzungen zwischen Streikenden und Soldaten sogar zu drei Toten. Mehrheitlich siegte jedoch die Vernunft, weswegen die Lage grundsätzlich ruhig blieb.

Verspätete Genugtuung
Der Bundesrat seinerseits reagierte mit einem Ultimatum an das OAK unter der Drohung der Festnahme des ganzen Streikleitungskomitees und der Einberufung der Bundesversammlung. Hierauf entschied sich das OAK an einer internen Abstimmung für den Abbruch des Streiks, ohne die Forderungen erfüllt zu sehen. Was innerhalb der Arbeiterbewegung zunächst als Gesichtsverlust beurteilt wurde, muss aus der jetzigen Perspektive jedoch relativiert werden: die meisten Forderungen aus dem 9-Punkte Programm der Streikenden wurden nämlich -früher oder später- umgesetzt. Zudem etablierte sich die Arbeiterbewegung als ernstzunehmender Verhandlungspartner der Unternehmer und wurde vermehrt in die politischen Prozesse einbezogen.

Streikende besetzten eine Bahnstrecke bei Grenchen
Bild: SBB Historic

Grimm selber machte nach dem Landesstreik weiterhin Karriere als Politiker. Er wurde während des zweiten Weltkriegs Berner Regierungsrat und leitete die «Sektion Kraft und Wärme» der Kriegswirtschaft. Angesichts der faschistischen Bedrohungen aus dem Ausland setzte er sich mehr denn je für die bürgerliche Staatsordnung ein.

Das 9-Punkte-Programm der Streikenden
1 – Unverzügliche Neuwahl des Nationalrates auf der Grundlage des Proporzwahlrechts
2 – Aktives und passives Frauenwahlrecht
3 – Einführung der allgemeinen Arbeitspflicht
4 – Einführung der 48-Stunden-Woche in allen öffentlichen und privaten Unternehmungen
5 – Reorganisation der Armee als Volksheer
6 – Sicherung der Lebensmittelversorgung im Einvernehmen mit den landwirtschaftlichen Produzenten
7 – Alters- und Invaliditätsversicherung
8 – Staatsmonopol für Import und Export
9 – Tilgung aller Staatsschulden durch die Besitzenden

Europa im Wandel
In der Zeit vor dem Landesstreik befand sich die gesamte europäische Gesellschaft in einem Wandel. Neue Technologien versprachen eine grosse Zukunft, gleichzeitig veränderten sich Kultur und Traditionen. In der Schweiz als auch im Ausland standen den neuen Erfindungen und Innovationen eine unübertroffen angespannte soziale Lage gegenüber. Diese manifestierte sich in einer Zunahme der Streiks im In- und Ausland, bald wurde auch in der Schweiz die Idee eines Generalstreiks diskutiert.

Aufgrund dieser Anspannung kam es zu einer Radikalisierung der Linken: Davon zeugen steigende Mitglieder bei den Gewerkschaften und wachsender Antimilitarismus.

Der neutrale Staat Schweiz entpuppte sich als geeigneter Treffpunkt für die wachsende internationale sozialistische Bewegung: in Zimmerwald 1915 und im Kiental (damals “Kienthal“) 1916 wurde von linken Intellektuellen und Politiker “der Grundstein für die weltumspannende Dritte Internationale“ (1919 in Moskau gegründet) gelegt.

Das Kiental mit seinem gleichnamigen Hauptort lädt auch heute noch zu einem Besuch.

Literatur zum Thema

Degen, Bernard; Schäppi, Hans; Zimmermann, Adrian (Hg.) Robert Grimm. Marxist, Kämpfer, Politiker. Zürich 2012.

Gautschi, Willi Lenin als Emigrant in der Schweiz, Zürich 2012.

Greyerz, Hans von Die Schweiz während des Ersten Weltkrieges. In: Jost, Hans-Ulrich [et. al.] (Hg.): Handbuch der Schweizer Geschichte. Band 2. Zürich 1977. S. 1138.

Tanner, Jakob Geschichte der Schweiz im 20. Jahrhundert. München 2015.

Im Netz

Blog des Nationalmuseums

Die Schweiz am Rande eines Bürgerkrieges
SRF-Dokumentation (mit Priginalbildern, schauspielerischen Einlagen und Expertenmeinungen)




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