Blühende Invasoren

Nicht alles was blüht, erfreut unsere Insekten

Wenn die warme Jahreszeit wieder beginnt, blühen in unseren Parks und Gärten auch viele Blumen und Sträucher, die aus ganz anderen Gegenden der Welt stammen. Viele dieser nichtheimischen Arten haben sich inzwischen auch in der freien Natur niedergelassen. Sie dienen dort aber nur wenigen Insekten als Futterpflanzen und verdrängen zudem die einheimischen Arten, auf die unsere Insekten angewiesen sind.

Von Jana Tischer und Martin Geiser

Heimische Pflanzen sind viel wertvoller für heimische Insekten.

Am blühenden Fliederstrauch tummeln sich dutzende Schmetterlinge und bei den Riesen-Goldruten haben sich hunderte von Schwebefliegen versammelt. Die genannten Pflanzen sind beide nicht einheimisch. Sie dienen einigen Insekten zwar als Futterquelle, aber die Mehrheit der nichtheimischen Pflanzen kann von Insekten weniger genutzt werden als heimische.

Damit tragen die sogenannten Neophyten als eine von vielen Ursachen zum Insektensterben bei. Zu dem Ergebnis kommt eine Metastudie von Douglas Tallamy von der Universität Delaware, welche viele verschiedene Studien zu dieser Problematik ausgewertet hat.

Insekten sind Feinschmecker
Insekten sind durch die Evolution prinzipiell auf vielfältige Art und Weise an heimische Pflanzen angepasst. Unter den Insekten, die sich direkt von Pflanzen ernähren, gibt es unter anderem Laubfresser, Holzfresser, Bestäuber, Fruchtfresser und Samenfresser. Von denen sind manche Spezialisten, die auf eine oder wenige Wirtspflanzen spezialisiert sind, und manche Generalisten, die eine grosse Vielfalt an Pflanzen nutzen können.

Dabei dienen diesen Insekten zwar teilweise die Blüten von gebietsfremden Pflanzen, aber meist nicht andere Teile wie die Blätter. Die Larvenformen von Bestäubern wie von Schmetterlingen sind oft auf bestimmte Wirtspflanzen angewiesen. Mehrere Studien konnten zeigen, dass Raupen, die aus Eiern geschlüpft sind, welche von Schmetterlingen an nichtheimische Pflanzen gelegt wurden, sich entweder schlechter oder gar nicht entwickeln konnten.

Bloss schöner Schein
Manche Pflanzen, deren Blüten Insekten anziehen, wie der Schmetterlingsflieder (Buddleja davidii), können den Eindruck erwecken, ökologisch wertvoll zu sein. Doch die Raupen der Schmetterlinge brauchen in aller Regel einheimische Futterpflanzen, wie Brennnesseln oder Disteln.

Neophyten können sich oft aber gerade deshalb gut verbreiten, weil sie den einheimischen Insekten nicht als Futterquelle dienen. Ohne Fressfeinde können sie ungestört wachsen. Und gebietsfremde Pflanzen, die besonders nektarreiche Blüten haben, ziehen vermehrt Insekten an. Diese besuchen und bestäuben deshalb weniger oft die einheimischen Pflanzen, was deren Verbreitung schadet.

Auf der anderen Seite gibt es einige Beispiele, die zeigen, dass ursprünglich nichtheimische Arten sich gut in unsere heimische Flora und Fauna integrieren können. Die Sonnenblume etwa kommt zwar ursprünglich aus Nordamerika. Doch gibt es auch bei uns unzählige Insektenarten, die sich von ihrem Nektar und ihren Pollen ernähren, Raupen, die ihre Blätter fressen oder Distelfinken, die sich ihre Kerne herauspicken.

Schwebefliege auf einer Goldrutenblüte (Solidago canadensis, bzw. eine daraus gezüchtete Gartenpflanze). Dieser invasive Neophyt verdrängt heimische Pflanzen auch aus Naturschutzgebieten.

Mühevoller Kampf
Jedoch trifft dies auf die meisten Neophyten nicht zu. Ihre Ausbreitung sollte daher aufgehalten werden, damit sie nicht den Platz von ökologisch wertvollen Pflanzen einnehmen. In Gärten und Parks sollten nichtheimische mit heimischen Pflanzen zum grössten Teil ersetzt werden. Und auch in der freien Natur sollte man die sogenannten invasiven Neophyten, also die, die sich ohne Zutun stark verbreiten, nicht ungehindert wuchern lassen. An zahlreichen Standorten werden sie daher in mühevoller Handarbeit entfernt, unter anderem im Auftrag von den entsprechenden Behörden oder von Naturschutzorganisationen.

Alle, die einen eigenen Garten oder einen eigenen Balkon haben, können mithelfen und die heimische Insektenwelt unterstützen, indem sie heimische Blumen oder Sträucher anpflanzen. Statt Fuchsien, Pelargonien und Co darf es auch mal der Wiesensalbei oder eine Wilde Möhre sein. Die sind genauso schön anzuschauen und bieten gleichzeitig vielen Insekten Nahrung.

Definitionen (nach BAFU)

Neophyten: gebietsfremde Pflanzen, die nach 1500 n. Chr. eingeführt wurden.

Gebietsfremde Pflanzen, werden als etabliert bezeichnet, wenn sie sich konstant vermehren und ohne direkten menschlichen Einfluss (oder trotz diesem) über mehrere Lebenszyklen hinweg dauerhafte Populationen aufbauen.

Etablierte Pflanzen werden als invasiv bezeichnet, wenn sie in der Lage sind, grosse Areale zu besiedeln und die dort natürlich vorkommenden Lebensgemeinschaften zu verdrängen oder zu schädigen.

Im Netz

Die im Artikel erwähnte Studie: Studie: «Do non-native plants contribute to insect declines?», Douglas W. Tallamy, Desirée L. Narango, Adam B. Mitchell, Ecological Entomology (2020)

Liste von Neophyten in der Schweiz (JardinSuisse)

Neophyten bei info flora

Nicht nur gebietsfremde Pflanzen sind ein Problem. Auch zahlreiche Tiere, Flechten und Pilze sind in den letzten Jahrhunderten eingewandert und bedrohen die einheimische Artenvielfalt.
Gebietsfremde Arten in der Schweiz (Bundesamt für Umwelt, 2006)

Durch viele Aktivitäten des Menschen sterben Tier- und Pflanzenarten aus – überall auf der Welt, also nicht nur im Regenwald, sondern auch hier bei uns in der Schweiz.
Planet Wissen

Die Aktion «Mission B – jeder Quadratmeter zählt» ruft alle Menschen in der Schweiz dazu auf, mehr Lebensraum für die heimische Artenvielfalt zu schaffen. Unter anderem kann man seinen Beitrag leisten, indem man für heimische Tiere wertlose Neophyten oder auch einen englischen Rasen mit wertvollen heimischen Pflanzen ersetzt. Doch es gibt viele weitere Massnahmen, zum Beispiel kann man Ast- oder Steinhaufen anlegen, Nisthilfen für Vögel und Wildbienen anbringen, Wasserstellen einrichten und vieles mehr.





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