Genesis Noir – am Anfang war der Knall

Ein Kickstarter-Projekt von Feral Cat Den und Fellow Traveler, monochromatisch und jazzumwoben, erzählt vom Anfang und Ende allen Seins. Eine trübe Mischung, zu deren Aroma nur eine Zigarre passen kann. Eine Review von Christian Kandlin.

Alles beginnt mit einem Mord. Eine Welt zerbricht vor unseren Augen. Die Mörder: Neid und Arroganz. Die Tatwaffe: der Urknall. Wir möchten das unaufhaltbare aufhalten, analysieren die sich vor uns entfaltende Mordszene, suchen einen Ausweg, unser ein und alles zu beschützen. Doch wir sind ein Niemand, das Nichts zwischen zwei Sternen, No Man. Wir haben nichts mehr zu verlieren, also durchsuchen wir Raum und Zeit, erleben Sekunden und Ewigkeiten parallel und kommen der Schöpfungsgeschichte auf die Schliche. Ein Plan zur Rettung unserer Welt entfaltet sich. Alles was wir brauchen ist ein Schwarzes Loch.

Die Geschichte vom New Yorker Studio Feral Cat Den ist wie erwartet ungewöhnlich. Noir-Genretypisch bricht die Erzählung mit linearen Handlungen. Wir untersuchen Spuren, stolpern über Metaphern und Anekdoten, wobei unser Fragezeichen von Szene zu Szene zu wachsen droht. Wie in einem Fiebertraum irren wir durch Welten und suchen unermüdlich nach Antworten. Das Erlebte wird nicht erklärt, vielmehr schreit es geradezu nach Interpretationsansätzen. Auf Rätselspaß folgt aber oftmals Ungeduld, sodass die ständige Unwissenheit schonmal ermüden kann.

Genesis Noir ist ein Point-and-Click-Adventure und kann am PC allein mit einer Maus bedient werden. Auf ruhige Passagen, während denen die Interaktion einem dauerhaft gedrückten Play-Button gleichkommt, folgen Spielplätze, die zum Entdecken einladen, sowie relativ simple Puzzles. Vollkommen uneingeschränkt hingegen ist das audiovisuelle Design des Spiels. Monochromatisch werden handgezeichnete Dimensionen erkundet, das raue Schwarz untermalt die typisch melancholische Stimmung und lädt zum Träumen ein. Weiße Schraffuren geben dem Dunkel einen Rahmen, formen Figuren und Landschaften. Und im seltenen Goldton erstrahlt unser nächstes Ermittlungsziel.

No Mans Weg durch das kalte Nichts wird außerdem von dezentem Lounge Jazz begleitet. Nostalgisch erinnert er an nie erlebte Regentage, die mit Whiskey und Zigarren bekämpft wurden. Mal ein Noir-Krimi, plötzlich ein Impro-Duell, die Musik folgt fließend dem Lauf der Narration und adaptiert das aktuelle Stimmungsbild hervorragend. Schillernd sphärische Klänge unterbrechen das Gesamtbild gelegentlich, wecken aus dem Traum oder vertiefen ihn umso mehr. Im Duett mit der visuellen Präsentation ergibt sich ein nahezu psychedelisches Gesamterlebnis in verletzendem Schwarzweiß, getröstet von einzelnen Goldschimmern.

Dennoch weckt uns die Realität unsanft, sobald eines der technischen Probleme bemerkbar wird. Die Steuerung, wenn auch schlicht, sägt mit ihren unpräzisen Eingaben und den verschwimmenden Klickboxen schonmal am ein oder anderen Nerv. Auch ist es möglich, Rätsel “falsch” zu lösen, sodass der Fortschritt dadurch verhindert wird. Die Checkpoints sind nur Kapitelweise verteilt, was bei der kurzen Spieldauer von rund vier Stunden zwar verzeihlich ist, dennoch durchaus Zeit rauben kann. Zuletzt wäre der ein oder andere Tonaussetzer zu erwähnen, der gerne Mal inmitten eines Kapitels auftauchte, sodass es aufgrund der veralteten Checkpoints schonmal zur Augenroll-Passage kommen kann. Aber so negativ das alles jetzt auch klingen mag: Die Hälfte davon wäre mit einem kleinen Update bereits behoben, von daher möchte man nicht zu streng damit umgehen.

Genesis Noir bietet zum Glück genügend Argumente, die für das Spielen sprechen. Es ist eine poetische Mischung aus Film Noir und Astronomie, bringt physikalische Phänomene in Einklang mit emotionalen Zuständen und winkt keck mit sentimentaler Botschaft an der Zielgeraden. Ja, an manchen Stellen werden wir gerne Mal im Dunklen gelassen, und das mag schonmal frustrieren. Dem stellt sich das Spiel jedoch aufrecht gegenüber und möchte zur Interpretation motivieren, denn so heißt es auch zu Beginn schon: “Imagination embodies the dark unknown in myth.”

Auf Twitter finden Sie Autoren Christian Kandlin unter @The_Synchronos.

Originaltitel: Genesis Noir (bereits erschienen)

Plattformen: PC, Switch, XBox

Entwickler: Feral Cat Den

Publisher: Fellow Traveler





Rudolf Inderst

*1978 in München. Lebte in Kopenhagen und verliebte sich. Doppelt promoviert, übernimmt er Verantwortung als Ressortleiter für digitale Spiele hier bei nahaufnahmen.ch. Liebt Stanislaw Lem, Hörspiele und Podcasts. Spielt Videospiele seit etwa 40 Jahren. Lehrt Game Studies (aktuell in Neu-Ulm & München), trägt gerne Bart und vertrat jüngst eine Professur für "Intermediale Ästhetik" an der Hochschule Trier.

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