Survival-Grusel in den Alpen

Echter Schweizer Horror

Fünf Jahre Arbeit stecken im folkloristisch angehauchten Computerspiel Mundaun. Dabei ist nicht nur das Setting ungewöhnlich, sondern auch der Grafikstil. Entwickler Michel Ziegler zeichnete alles per Hand – eine Betrachtung von Sebastian Geiger. 

Abgeschlagene Ziegenköpfe gelten in der Regel nicht als besonders redselig. Der, den der Spieler in Mundaun aber irgendwann in seinem Inventar hat, ist es dagegen sehr. Und er ist hilfreich, denn er gibt immer wieder Tipps, wie man in der einsamen Bergregion, in der das Horror-Adventure spielt, überlebt und ihre Geheimnisse enträtselt.

So seltsam die Idee eines hilfreichen Ziegenkopfs erscheinen mag, sie ist ein gutes Beispiel für die Atmosphäre, die Michel Ziegler mit Mundaun erschaffen hat. Fünf Jahre arbeitete der Schweizer als „Ein-Mann-Studio“ Hidden Fields an seinem Projekt, das seit 16. März 2021 erhältlich ist. Mundaun erzählt die Geschichte von Curdin. Als der junge Mann vom Tod seines Großvaters erfährt, beschließt er, nach Mundaun zu reisen, ein abgelegenes Tal in den Alpen, in dem er seine Jugend verbracht hat. Dort angekommen, stellt er fest, dass es beim Tod seines Opas nicht mit rechten Dingen zugegangen ist – und vielleicht sogar der Teufel selbst seine Hände im Spiel hatte

Holzschnitt-Grafik und Rätoromanisch

So beginnt das Survival-Horror-Adventure aus der Ego-Perspektive. Um dem Geheimnis von Mundaun näher zu kommen, muss der Spieler geduldig sein, Spukgestalten ausweichen und nebenbei die vielen Rätsel, die sich im Spiel verstecken, lösen. Leichte Survival-Elemente, etwa der Kaffee, den Curdin brauen kann, um sein Nervenkostüm zu stählen oder die Munition, die sich der Spieler möglichst aufheben sollte, ergänzen das Spielprinzip. Schon in den ersten Minuten, in denen Curdin auf einer Busfahrt zum Hof seines Großvaters die verloren-nebelige Berglandschaft der Schweizer Alpen betrachtet, lässt ahnen, dass Mudaun ein besonderes Erlebnis wird.

Das liegt vor allem an der Aufmachung des Spiels. Holzschnittartige Grafiken, ein unheimlicher Soundtrack und verschrobene Charaktere machen Curdins Besuch in der alten Heimat zu einem wahren Grusel-Fest. Nimmt man sich Zeit und erkundet brav jeden Ort bis ins letzte Eck, kommt man der Wahrheit über den Tod von Curdins Großvater Stück für Stück näher. Hilfe bekommt der Spieler dabei durch Curins liebevoll geführtes Tagebuch, das Hinweise und Aufgaben enthält, mit denen sich alle Rätsel lösen lassen. Und durch Curdin selbst. Der kommentiert die Vorkommnisse im Spiel gerne und oft – passend auf Rätoromanisch. Die Sprache, die von etwa 60000 Leuten gesprochen wird, hat ihre Heimat im schweizerischen Kanton Graubünden, der vollständig im Gebiet der Alpen liegt. Dort lag auch das echte Mundaun, bevor die Gemeinde am 31. Dezember 2015 mit Obersaxen fusionierte.

Von der Kunst, ein Spiel allein zu machen

Mit seiner finsteren Handlung und dem Ego-Versteckspiel fühlt sich Mundaun wie eine Mischung aus Spieleklassikern wie Silent Hill und Amnesia an, verfeinert durch eine Atmosphäre, die an folkloristische Gruselfilme wie The Witch oder Midsommar erinnert: Werke, die billige Schockeffekte vermeiden und dafür auf tiefgründigen – und abgründigen – Horror setzen. Eine weitere Gemeinsamkeit mit den Klassikern, für sein Spiel betrieb Ziegler ausführliche Recherche. Die kann man in seinen Entwicklertagebüchern nachverfolgen, die online in Videoform zu finden sind. In ihnen schildert Ziegler, wie er sich der Sagenwelt der Alpen genähert hat, die den thematischen Hintergrund von Mundaun bildet. Und die Herausforderung, ein Computerspiel ohne fremde Hilfe zu erschaffen.

Denn, so erzählt Ziegler, nach einiger Zeit im Job als Programmierer habe er sich nach einer kreativeren Alternative gesehnt. So fing er an, an einem Computerspiel zu arbeiten. Neben Folklore recherchierte er dafür in der Geschichte der Schweiz und lernte zeichnen, was zum besonderen Grafikstil von Mundaun führte. Der basiert auf den alten Fotos, die Ziegler gesammelt hat und ist durchgängig handgezeichnet. An manchen Stellen führt das dazu, dass das Spiel etwas unübersichtlich wird, den Großteil der Zeit verstärkt die Grafik aber die Atmosphäre: Mundaun und seine Bewohner wirken wie aus der Zeit gefallen – und nur wenig ist so wie es scheint.

Mundaun ist ein ruhiges, fast schon gemächliches Grusel-Adventure geworden, das zwar keine Horror-Revolution ist, das mit dem besonderen Setting und der gelungenen Atmosphäre aber mehr als wett macht. Eine kleine, liebevolle Spieleperle, die sich kein Horror- und Gruselfan entgehen lassen sollte.





Rudolf Inderst

*1978 in München. Lebte in Kopenhagen und verliebte sich. Doppelt promoviert, übernimmt er Verantwortung als Ressortleiter für digitale Spiele hier bei nahaufnahmen.ch. Liebt Stanislaw Lem, Hörspiele und Podcasts. Spielt Videospiele seit etwa 40 Jahren. Lehrt Game Studies (aktuell in Neu-Ulm & München), trägt gerne Bart und vertrat jüngst eine Professur für "Intermediale Ästhetik" an der Hochschule Trier.

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