Outriders

Loot ist … goot!

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Im Schmalhans-Spielefrühling 2021 ist man dankbar über jedes Spiel, das auch nur ansatzweise für die neue Konsolengeneration optimiert ist. Outriders von People Can Fly und Square Enix mag zwar keine AAA-Hoffnung sein, bekam aber im kargen April trotzdem einen Platz auf der großen Bühne. NORMAN VOLKMANN begab sich auf die Suche nach Monstern, legendären Waffen und… Serverstabilität.

Die Prämisse von Outriders könnte unrealistischer kaum sein. Die Menschen wirtschafteten die Erde zu Grunde, der Klimawandel war nicht mehr aufzuhalten. Es folgten Naturkatastrophen, deren Schwere den Planeten für die Menschheit unbewohnbar machten. Man stelle sich das mal vor! Videospiele! In der realen Welt könnte das selbstverständlich nie– hoppla, was ist das denn?

Outriders allerdings präsentiert Spieler*innen direkt mit einem Plan(eten) B: Zwei riesige Raumschiffe transportieren eine halbe Million Erdflüchtlinge nach Enoch, einem habitablen Planeten, der als Nächstes zerstört werden kann. Gesagt, getan, da kennen auch die Übriggebliebenen nichts! Meine Spielfigur verbringt nach kurzer Einleitung und einem verheerendem Energiesturm knapp 30 Jahre im Kryoschlaf und wacht im Kriegsgebiet wieder auf. Puh. Ich muss ehrlich zugeben, ab jetzt wird es auch für mich als Spielenden von Outriders schwierig, die Handlung wiederzugeben, denn wenn etwas an dem Titel egal ist, dann dessen Geschichte. Es geht um Superkräfte, Krieg, Monster und Loot. Zumindest, wenn das Spiel mal funktioniert.

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Die Einleitung durfte einige Wochen vor Erscheinen bereits gespielt werden – in einer Demo, deren Spielfortschritt auf die Vollversion übertragen wurde, war vom Launch-Desaster noch nichts zu merken. Ahnungslos ballerten Urs von Polyneux und ich uns durch eine Handvoll Missionen und waren ganz angetan. Als gestandene Spielexperten erkannten wir zwar keinen Rohdiamanten, aber irgendwas funkelte dann doch.

Pünktlich zum Osterwochenende erschien Outriders, für Game-Pass-Nutzer*innen auf Xbox war der Titel von Beginn im Abo enthalten. In der Theorie. Denn bis auf einen Fehlerbildschirm, der über die Unfähigkeit des Verbindungsaufbaus zu den Spieleservern informierte, war nicht viel los. Kurzzeitig gelang es uns, in ein gemeinsames Spiel zu gelangen. Die Freude war aber stets kurz, komplette Missionen zu absolvieren gänzlich unrealistisch. Wir ärgerten uns etwas, lachten über den Twitter-Rage der Spieler*innen und spielten letztendlich Diablo 3, das solche Probleme lange hinter sich gelassen hat.

Zwei Tage später waren wir – voller Tatendrang – erneut verabredet. Am heiligen Ostersonntag flogen nun langsam ernstgemeinte Flüche von Berlin und München Richtung Warschau. Es lief immer noch nicht. Da Outriders zu keinem Zeitpunkt offline spielbar ist, bekamen wir nicht mal das Hauptmenü zu sehen. Endstation Titelbildschirm. Das Team von People Can Fly bemühte sich auf Twitter, gute Miene zu machen, “workte hard, resolvte aber keine issues”. Stattdessen empfahl man Spieler*innen, doch mal was zu snacken oder den Hund auszuführen. Ok, cool. Urs und ich sahen an diesem Wochenende so oft die Titelsequenz, dass uns selbst da deutlich sichtbares Screen-Tearing auffiel. In einem Render-Video (!). So blieb es auch am Sonntag bei Twitter-Lektüre und Diablo 3.

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Bis wir das nächste Mal zusammen spielten, vergingen einige Tage. Ich wollte von Outriders erstmal nichts mehr wissen. Urs spielte derweil solo weiter und überzeugte mich letztendlich, es doch noch mal zu probieren. Und er sollte Recht behalten. Auch wenn er mich – wie schon bei Diablo 3 – ob seines höheren Levels durch schwierigere Passagen trug. In Outriders erhöht sich nicht nur das Level des Spielcharakters, mit sogenannten World Tiers können Spieler*innen bestimmen, wie stark Gegner*innen sind und wie oft es seltenes Loot gibt. 15 Schwierigkeitslevel können freigespielt werden und der Druck auf Spieler*innen bleibt konstant hoch. Spätestens bei Bulletsponge-Bossen aber wurde es frustrierend.

An einer Stelle kämpften wir mehr als 20 Minuten gegen einen Zwischenboss, dessen Gesundheitsleiste wir trotz doppelter Feuerkraft nur in Millimetern abtrugen. Es kam wie es kommen musste, wir hatten ihn fast… Zack, beide niedergerafft, nicht über Start gegangen, kein Loot bekommen. Wir fluchten. Doch der Ehrgeiz war geweckt. Solche überlangen Gefechte – zugegeben, eher selten – lassen Outriders zu Arbeit werden. Als der Kollege endlich in Grund und Boden gestampft war, hielt das gute Gefühl nur kurz, denn das erkämpfte Loot war ein Witz im Angesicht der erlittenen Qualen.

Outriders ist nur so gut, wie die Mitspielenden in der eigenen Party. Stundenlang regten Urs und ich uns über das Spiel auf, über all seine Verfehlungen, über all die dämlichen Story-Fetzen und doch: Wir spielten stundenlang, immer wieder kamen wir in die Verlegenheit, unser Gezeter mit: “Das ist schon cool” zu unterbrechen. Outriders beherrscht seine Kernmechanik perfekt: Das Geballere aus der Deckung ist knackig schwer, aber befriedigend. Zwar liegt der Vergleich mit Gears of War auf der Hand, doch die Charaktere in Outriders bewegen sich leichter und unbeschwerter durch die Spielwelt. Gegnertypen sind einigermaßen abwechslungsreich und vor allem mächtig genug, dass sich innerhalb kürzester Zeit absolute Hassgegner herausstellten. Die Fähigkeiten, die den insgesamt vier zu Beginn wählbaren Charakterklassen zur Verfügung stehen, fühlen sich gut an und ergänzen sich im Mehrspielermodus perfekt. Der Wechsel zwischen feindlichen Soldaten-Truppen und nicht näher definierbaren Alienmonstern verhindert zudem aufkommende Langeweile.

Outriders-Multiplayer-Xbox-One

Doch Outriders frustriert an vielen Stellen mit Dingen, die 2021 geradezu lächerlich sind. Die Spielerführung und Wegfindung haben uns wahnsinnig gemacht. Die Karte ist komplett nutzlos, sie zeigt keine Details, keinen genauen Standort der Figur oder Indikatoren, in welche Richtung es gehen müsste. Markiert man Missionspunkte, bedeutet das noch lange nicht, dass man sie am Ende auch erreicht. An so mancher Stelle standen wir vor unüberwindbaren Wänden oder wurden einfach in die komplett entgegengesetzte Richtung geführt.

Erledigt man in den kleinen Levelhubs Nebenmissionen, muss man verschiedene Hindernisse überwinden. Mauern, Schutthaufen, enge Vorsprünge – alles, was Videospiele in solchen Situationen eben zu bieten haben. Doch jedes Mal triggert Outriders eine kurze Zwischensequenz, die die Hauptfigur bei der Überwindung des Hindernisses zeigt. Immer ohne Helm. Immer dieselbe Animation. Immer nervend.

Auch wenn die Geschichte eigentlich nicht der Rede wert ist: Wenn wir während des Spiels nicht über komplett andere Dinge sprachen, amüsierten wir uns über die Hauptfigur und deren Scheißegal-Attitüde. Unser Outrider ist ein einfacher Typ. Die Menschheit besiedelte einen fremden Planeten, bekam eine zweite Chance. Menschen entwickelten Superkräfte. Alles ist neu, alles ist anders. Doch eines, eines ändert sich nie. Gibt es Probleme, löst man diese nur auf einem Weg, ganz klassisch: Kopfschuss.

Die Geschichte des Spiels ist in ihren besten Momenten konfus und klischeebeladen und in den schlechtesten einfach nur plump und dumm. Aber nicht mal die Hauptfigur hat wirklich Interesse an dem, was um sie herum passiert. Warum sollten wir es dann? Nach einer mehrteiligen Nebenmission, bei der wir außerirdische Schriften entzifferten, resümiert unser Outrider nach der Erklärung eines Wissenschaftlers: „Reicht jetzt aber auch mit der Geschichtsstunde, lasst uns wieder den wichtigen Dingen nachgehen.“ Exakt!

Outriders-Wueste-Xbox-Mehrspieler

Ich habe fast 50 Stunden Outriders gespielt und kann darüber vermutlich länger meckern, als es zu loben. Aber ich kann auch nicht behaupten, keinen Spaß gehabt zu haben. Das lag eindeutig, aber nicht ausschließlich am Mehrspielermodus. Die Spielwelt ist abwechslungsreich und die Szenerie ändert sich in genau der richtigen Frequenz. Es ist motivierend, Waffen und Ausrüstungsgegenstände zu sammeln, und die Upgrademöglichkeiten bringen deutlich spürbare Effekte. Spielt man nicht alleine, ist die Story im Grunde komplett egal, denn Outriders ist das perfekte Spiel, um nebenbei stundenlang zu quatschen. Solospieler suchen sich tolle Podcasts, damit sie das Spiel nicht mit voller Aufmerksamkeit ertragen müssen.

Podcast-Hörtipp: Am besten startet man mit dieser Ausgabe von Polyneux macht’s kurz, in der Urs und ich unter anderem von unseren Outriders-Abenteuern berichten.

Bereits erschienen.

Originaltitel: Outriders

Plattformen: PC, Xbox Series X/S, PlayStation 4/5

Entwickler: People Can Fly

Veröffentlicht von: Square Enix





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