Baldur fällt! Hoffentlich Allianz versichert!

Companions - Media Gallery

Egal, ob Champions of Norrath, Untold Legends oder Brotherhood of Steel, die Action-RPG-Landschaft der noch jungen 2000er Jahre ist RUDOLF INDERST bestens bekannt. Der Baldur’s-Gate-Ableger Dark Alliance zählte auf PS2 und Xbox ebenfalls zu diesen wunderbar eingängigen Titeln. Eben jener erfuhr nun auf zeitgenössischen Konsolen und PC eine Wiedergeburt. Ob diese jedoch gelungen ist, wollen im Folgenden beantworten.

Eines vorab: Wer bereits im obigen Teaser Titel wie Dungeons & Dragons: Heroes, Gauntlet und Titan Quest sowie Begrifflichkeiten wie „Diablo-Klon“ oder „Hack-and-Slash“ schmerzlich vermisst hat, wird sich hier in den Zeilen, so meine ich, heimisch fühlen.

Kurz bevor das frische Dark Alliance auf die Spieler*innen losgelassen wurde, erschien der Oldie überraschend plötzlich wieder auf dem Radar: Interplay und Wizards of the Coast initiierten einen Re-Release des 2001er Baldur’s Gate: Dark Alliance für PS5, PS4, Xbox Series X/S, Xbox One sowie Nintendo Switch. Für einen sehr “selbstbewussten” Preis von knapp 30 Euro kam das Spiel in den Handel. Wie unsere Kolleg*innen der PC Games bereits vorab kritisch festhielten, handelte es sich „weder um ein Remaster noch ein Remake“ und schlossen daraus, dass sich „die Neuerungen in Grenzen“ halten würden, womit sie recht behielten. Ein Re-Release des zweiten Teils ist nicht ausgeschlossen, munkelt man.

Storefront 6 - Media Gallery

Dass mich weder die fehlende Online-Mehrspieler-Möglichkeit noch der grenzwertige Preis abhalten konnten, von Minute 01 ab denjenigen Titel zu spielen, dem ich bereits auf vielen anderen Systemen inklusive Game Cube und – so glaube ich – Game Boy Advance enorm Lebenszeit gespendet hatte, können Sie mir glauben. Ernsthaft. Wenn Sie wollen werde ich Ihnen meinen Liebesbrief an die Wassereffekte der Snowblind-Engine heraussuchen.  

Es blieb also genug Zeit, sich in meinem Xbox-Umfeld Mitspieler*innen zu suchen, die sich (m)einer „Allianz fürs Leben“ (zum Mitsummen für Kinder der 1980er!) anschließen würden. Im Online-Vierspieler*innen-Koop-Modus landeten dann schließlich drei nahaufnahmen-ch-Veteran*innen und ein weiterer Vertrauter, der seine Fähigkeiten u.a. bei gemeinsamen Borderlands– und Gears-of-War-Runden unter Beweis gestellt hatte.   

Storefront 1 - Media Gallery

Auf dem Papier ermöglicht das Third-Person-Action-RPG also bis zu vier Spieler*innen den gemeinsamen Kampf als eine von vier einzigartigen Figuren gegen legendäre Monster aus dem Dungeons & Dragons-Multiversum anzutreten, darunter der Krummsäbel-schwingende Drow Drizzt Do’Urden oder als einer seiner einzigartigen Gefährten Cattie-Brie, Bruenor oder Wulfgar. Am 30. Juni begann dann schließlich das Drama um Icewind Dale…

…das sich zunächst in den technischen und gestalterischen Schwächen des Action-RPG manifestierte. Diese sind schlichtweg nicht zu „übersehen“ – egal, ob es sich um Feinde handelt, die ohne die Spieler*innen zu bemerken ihren langsamen Tod durch Wurfmessertreffer im Nano-Damage-Bereich akzeptieren oder zornentflammend-verzögerte User-Interface-Eingaben bei Sprung- oder Kamerad*innen-Wiederbelebungspassagen. Begleitet werden diese Phänomene von einem lieblos wirkenden Leveldesign und erstaunlichen Freeze-Momenten beim Umschauen – das hat 2021 beinahe Seltenheitswert.

Hagedorn the Beholder - Media Gallery

Ist einmal die hauseigene Abenteuer-Gruppe nicht zu Hand, wird es aufgrund des desaströsen Matchmaking eine Tour de Force: Erstens dauert es ewig, bis sich etwas rührt, zweitens stehen dann nur allzu oft die folgenden drei Ausgänge an: keine Gruppe verfügbar, aus der Gruppe entfernt worden oder Charakter nicht mehr verfügbar. Dass man eine etwa gleichhoch gelevelte Gruppe vorfindet, erwartet man zu diesem Zeitpunkt schon gar nicht mehr.

Das Show-do-not-tell-Prinzip wird durch Begleittexte in Schriftgröße 2 bzw. einer Tonalität des Spiels zerstört, die wie jähzornige Kinder im Italienurlaub die Strandburgen anderer Gleichaltriger zertrampeln und dabei verrückt lachen (und/oder Jonathan heißen). Letztere, also die Tonart, soll an etwas, das als „irgendwie humorvoll“ entfernt beschrieben werden kann, erinnern. Tatsächlich ist es so amüsant wie, hm, ja, rostige Nägel langsam durch Hoden zu treiben? Ja, ich denke, das trifft es.

Kelvin the Frost Giant - Media Gallery

Das kann kein noch so klassischer Gamedesign-Core-Loop („fight-loot-buy-equip-fight“) ausgleichen: Obgleich das Setting, Charaktere und die Geschichte aus den erfolgreichen Fantasy-Romanen Robert Anthony Salvatores schöpfen können, vermag es die Erzählung nicht, die Spieler*innen  zu packen oder zu unterhalten. Entsprechend emotionslos hastet man als Party die nötigen Stunden bis Levelstufe 20 des ersten Charakters und dem Ende der Story-Kapitel durch die Welt des niederländischen Grafen Glitch van Bug und denkt an vergangene, ruhmreiche Zeiten in Dungeon Siege oder Phantasy Star Online.       

 

Bereits erschienen (PS4, PS5, Xbox Series X/S, Xbox One).

Originaltitel: Baldur‘s Gate: Dark Alliance

Gespielt auf: Xbox One

Entwickler: Tuque Games

Veröffentlicht von: Wizards of the Coast





Rudolf Inderst

*1978 in München. Lebte in Kopenhagen und verliebte sich. Doppelt promoviert, übernimmt er Verantwortung als Ressortleiter für digitale Spiele hier bei nahaufnahmen.ch. Liebt Stanislaw Lem, Hörspiele und Podcasts. Spielt Videospiele seit etwa 40 Jahren. Lehrt Game Studies (aktuell in Neu-Ulm & München), trägt gerne Bart und vertrat jüngst eine Professur für "Intermediale Ästhetik" an der Hochschule Trier.

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