Durchblick im Dschungel der Intelligenz-Mythen

Fakten zu Definition und Aussagekraft unserer unsichtbaren Fähigkeit des Denkens

Von Salome Odermatt

Intelligenz wird seit über 100 Jahren wissenschaftlich untersucht und gilt heute als das am besten erforschte Konstrukt der Psychologie. Trotzdem halten sich zahlreiche Vorurteile und Mythen in der breiten Öffentlichkeit und in Teilen der Wissenschaft. Insbesondere die Definition und Aussagekraft dieses Persönlichkeitsmerkmals werden immer wieder in Frage gestellt. Dabei ist sich die Mehrheit der Intelligenzforscher:innen darüber einig, wie Intelligenz beschrieben wird und warum sie wichtig ist.

Was hat es mit dem Konzept der Intelligenz auf sich? Für viele scheint es, eine nicht fassbare Eigenschaft unseres Gehirns zu sein. Foto von Paweł Czerwiński (unsplash)

Tippt man «Intelligenz» bei Google ein, gibt es über 22 Millionen Ergebnisse – bei IQ sind es über 400 Millionen Treffer (Stand 11. August 2021). Ein Augenschein der Suchergebnisse zeigt, dass es sich beim Thema Intelligenz ähnlich wie bei politischen Fragestellungen verhält: Es existieren viele Meinungen, die sich lange nicht alle auf aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse stützen. Auch der deutsche Psychologe Detlef H. Rost konstatiert im Vorwort seines Buches Handbuch Intelligenz, «dass vielfach statt Faktenkenntnis ideologisch verbrämte Meinungen, Mutmassungen, Vorurteile und Mythen vorherrschen». Vielleicht liegt dies unter anderem an der Befürchtung, bei einer Intelligenztestung könnte rauskommen, man sei doch nicht so intelligent, wie man es gerne hätte. Dadurch empfindet man das Quantifizieren unserer intellektuellen Leistungsfähigkeit als zweifelhaft oder nicht aussagekräftig. Ein genauerer Blick in die moderne Intelligenzforschung zeichnet jedoch ein anderes Bild.

Mythos 1: Es gibt keine einheitliche Intelligenzdefinition
Als einer der ersten beschrieb der US-amerikanische Experimentalpsychologe Edwin Boring im Jahr 1923 das komplexe Konstrukt der Intelligenz mit den viel zitierten Worten: «Intelligenz ist, was ein [Intelligenz-] Test misst». Diese Definition wird von Kritiker:innen zwar oft als Beispiel für die Aussichtslosigkeit herangezogen, Intelligenz zu definieren. Doch ist diese Art der Definition sehr wohl aussagekräftig, wenn der Testende genau angibt, welcher Intelligenztest verwendet wurde. Seit der Definition von Boring gab es unzählige weitere Versuche, Intelligenz zu definieren. Diese Palette an unterschiedlichen Definitionen wird häufig damit begründet, dass Intelligenz eine unterschiedliche Bedeutung für verschiedene Personen hat. So überrascht es nicht, dass bei vielen der Eindruck entstand, dass ein Definitionsproblem vorliegt.

Seit 1994 existiert jedoch eine sogenannte wissenschaftliche Mehrheitsmeinung über die Kernmerkmale von Intelligenz. Diese wurde von über 50 führenden Intelligenzforscher:innen zusammengetragen und unterschrieben. Diese Intelligenzdefinition gab Linda Gottfredson, eine US-amerikanische Psychologin und Intelligenzforscherin, im Jahr 1997 in einem im Journal of Intelligence veröffentlichten Artikel folgendermassen wieder:

Intelligenz ist eine sehr allgemeine geistige Kapazität, die – unter anderem – die Fähigkeit zum schlussfolgernden Denken, zum Planen, zur Problemlösung, zum abstrakten Denken, zum Verständnis komplexer Ideen, zum schnellen Lernen und zum Lernen aus Erfahrung umfasst.
Es ist nicht reines Bücherwissen, keine enge akademische Spezialbegabung, keine Testerfahrung.
Vielmehr reflektiert Intelligenz ein breiteres und tieferes Vermögen, unsere Umwelt zu verstehen, ‚zu kapieren‘, Sinn in Dingen zu erkennen‘ oder ‚herauszubekommen‘, was zu tun ist.“

Mit dieser Definition soll einerseits verdeutlicht werden, was Intelligenz umfasst (erster und letzter Abschnitt) und andererseits aber auch klar aufgezeigt werden, was davon abzugrenzen ist (mittlerer Abschnitt).

Es gibt unzählige Befunde, die darauf hinweisen, dass eine hohe Intelligenz Vorteile in verschiedenen Lebensbereichen mit sich bringt. Foto von Jesse Martini (unsplash)

Mythos 2: Intelligenztests sagen wenig aus über Erfolg oder Misserfolg im «echten Leben»
Spricht man über den Einsatz von Intelligenztests zur Erfassung der kognitiven Leistungsfähigkeit, wird immer wieder ihre Vorhersagekraft für Alltagskriterien angezweifelt. Dabei gehören Intelligenztests zu den besten diagnostischen Verfahren, welche die Psychologie bisher hervorgebracht hat – mit gewaltiger Relevanz für unser Leben.

Viele Studien zeigten in den letzten Jahren, dass Intelligenz, so wie sie mit heutigen etablierten Intelligenztests erfasst wird, ein starker Prädiktor für zentrale Lebensbereiche ist. Intelligente Personen haben mehr Erfolg in der Schule, in der weiterführenden Ausbildung sowie im Beruf, was schliesslich auch zu einem höheren Einkommen führt. Dies verwundert insofern nicht, da Intelligenz beim Erwerb von Fähigkeiten, die in Zusammenhang mit kognitiven Funktionen stehen, eine zentrale Komponente spielt.

Ein vielleicht auf den ersten Blick überraschender Zusammenhang ist jener mit der Lebenserwartung: Intelligenz kann statistisch signifikant voraussagen, wie lange wir leben und ob wir physisch sowie psychisch gesund sind. So zeigte eine Metaanalyse mit insgesamt über einer Million Studienteilnehmer:innen, dass Personen, die 15 IQ-Punkte mehr bei einer Intelligenztestung im Kindes- oder Jugendalter erreichten, ein 24% niedrigeres Sterberisiko im mittleren bis späten Erwachsenenalter hatten. Bisherige Studienergebnisse deuten darauf hin, dass sich dieser IQ-Mortalitätszusammenhang über das gesamte IQ-Spektrum erstreckt.

Die Forschung nennt vier mögliche Erklärungsansätze für diesen Zusammenhang:

  • Gesündere und weniger risikoreiche Verhaltensweisen: Personen mit höherer Intelligenz ernähren sich gesünder, bewegen sich mehr, hören eher auf zu rauchen und vermeiden Unfälle.
  • Zugang zu sichereren Umgebungen: Personen mit höherer Intelligenz erreichen in der Regel ein höheres Bildungsniveau, welches wiederum einen Beruf mit mehr Einkommen ermöglicht. Dadurch haben intelligentere Personen ein besseres Gesundheitsverständnis und oft weniger gesundheitsgefährdende Berufe.
  • Genetische Einflüsse, die sowohl auf die Intelligenz als auch auf die Gesundheit einwirken.
  • Körperliche Schädigungen an Organsystemen (eingeschlossen dem Gehirn) in Kindheitsjahren führen zu geringerer Intelligenz und gleichzeitig geringerer Lebenserwartung.

Mittlerweile befasst sich ein ganzer Forschungszweig, die sogenannte kognitive Epidemiologie, mit dieser Thematik und versucht daraus, Präventionsansätze abzuleiten.

Personen mit höheren Leistungen in Intelligenztests zeigen zudem eine höhere Lebenszufriedenheit, sind weniger von Arbeitslosigkeit betroffen und lassen sich weniger häufig scheiden. Studien stellten auch Zusammenhänge zur aktiven Teilnahme am politischen Geschehen fest: So waren intelligentere Personen politisch interessierter und nahmen häufiger an Wahlen und Demonstrationen teil.

Weniger Skepsis und mehr Vertrauen in die Intelligenzforschung
Das Thema «Intelligenz» ist auch heute noch von Mythen und Irrtümern geprägt, die in den Köpfen der Menschen umhergeistern. Wünschenswert wäre in Zukunft ein sachlicher, auf aktuellen Forschungsergebnissen gestützter Diskurs. Es gibt einige Konstrukte in unserer Welt wie beispielsweise Zeit oder Liebe, die sich nicht so einfach in Worten ausdrücken lassen und doch bezweifelt niemand ihr Dasein.

Natürlich spielen für ein „erfolgreiches Leben“ auch andere Faktoren wie Sozialkompetenz, Motivation und weitere Persönlichkeitseigenschaften eine Rolle, die man nicht ausser Acht lassen sollte. Doch wie es Nathan Brody, ein US-amerikanischer Psychologe, 1999 zusammenfasste: «Die allgemeine geistige Fähigkeit ist die wichtigste singuläre Determinante der Fähigkeit einer Person, in den verschiedenen sozialen Rollen in unserer Gesellschaft Erfolg zu haben».

Intelligenzquotient (IQ)
Im Jahre 1939 entwickelte der US-amerikanische Psychologe David Wechsler den heute in der Intelligenzmessung eingesetzten Intelligenzquotienten (IQ). Dabei wird eine Normalverteilung der Intelligenz in der betrachtenden Population vorausgesetzt, wobei der Mittelwert dem IQ-Wert 100 entspricht und eine Standardabweichung eine Verschiebung um 15 IQ-Punkte nach oben oder nach unten bedeutet. Ca. 68% der Personen in einer Population befinden sich im Durchschnittsbereich mit einem Intelligenzquotienten zwischen 85 und 115. Ein IQ zwischen 70 bis 85 wird als „unterdurchschnittlich“ (13,6%), ein IQ zwischen 115 bis 130 als „überdurchschnittlich“ (13,6%) klassifiziert. 2,1% der Population weisen einen IQ unter 70 („Intelligenzminderung“) sowie gleich viele Personen einen IQ über 130 („Hochbegabung“) auf. Intelligenz wird folglich nicht absolut gemessen, sondern immer im Vergleich mit anderen Menschen—in der Regel derselben Altersgruppe. Heutige Intelligenztests gelten als sehr „reliabel“. Das bedeutet, dass sie eine hohe Messgenauigkeit aufweisen. Dies kann beispielsweise überprüft werden, indem man denselben Intelligenztest zweimal nacheinander—mit einem gewissen Zeitabstand—durchführt und berechnet, wie hoch die IQ-Werte miteinander korrelieren beziehungsweise zusammenhängen.

Literatur zum Thema
Calvin, Deary, Fenton, Roberts, Der, Leckenby et al. (2011): Intelligence in youth and all-cause-mortality: Systematic review with meta-analysis”; International Journal of Epidemiology.

Gottfredson (1997): Mainstream science on intelligence: An editorial with 52 signatories, history and bibliography; Journal of Intelligence.

Stern, Neubauer (2016) Intelligenz: kein Mythos, sondern Realität; Psychologische Rundschau.

Detlef H. Rost: Handbuch Intelligenz; Beltz Verlag, Weinheim; 2013.

Im Netz
SRF Reporter Wunderkinder – Der hochbegabte Maximilian





Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.