NBA 2K22

(Lediglich) Detailarbeit

In der nahaufnahmen-Redaktion ist er der Ballexperte: NORMAN VOLKMANN bespricht seit mehr als einer Dekade jährlich den neuesten Teil der NBA-2K-Reihe. Frei von Schwankungen oder gar Enttäuschungen war die Serie nie. Wo reiht sich NBA 2K22 ein?

Manchmal habe ich nicht nur das Gefühl, für Videospiele zu alt und zu zynisch zu werden, sondern auch für die Welt, die diese Branche in den letzten Jahren formte. Als ich NBA 2K22 das erste Mal startete, war es wieder da: das Gefühl völliger Entkopplung für das Hobby und vieles, was daran hängt.

NBA 2K22 ist erneut ein Schritt in Richtung Community-Space, wieder etwas mehr game-as-a-service. Das hier ist schon lange keine Spieleserie mehr, vielmehr ist es Update-Plattform mit frischen Kaufanreizen und neuen Artworks. Veränderungen, neue Features oder Modi gibt es in jedem Jahr, doch 2K Sports kocht das auf Sparflamme und ohne Wagnis. Der Fokus der Entwicklung liegt darauf, etwas zu erschaffen, dass Spieler*innen über ein Kalenderjahr das Gefühl gibt, ständig etwas vervollständigen zu müssen.

Brands? Brands! Spieler*innen dürfen sich auf den Crocs-Sale freuen.

Jede Woche erscheinen neue Kartenpakete mit historischen und ikonischen Spielern, die das eigene Fantasie-Team verbessern. Alle sechs Wochen starten spielübergreifend neue Seasons: Hier gibt es pro Modus 40 Levelstufen, an deren Ende der ganz dicke Otto der Belohnung sitzt. Der Weg dahin ist selbstredend langwierig und mit mittelmäßigen Belohnungen garniert. Das Ende der Fahnenstange erreicht man nur, wenn man seine Freizeit dem Grind opfert. Die neuen Season sollen auch mal spielerische Änderungen mit sich bringen können, im Gros geht es aber um stetig neue Drops – sprich Kaufanreize.

Seit Jahren produziert 2K eine wöchentliche Webserie, die im Spielmenü gezeigt wird. Während diese läuft, dürfen kleine Multiple-Choice-Fragen gelöst werden, die Spieler*innen mit Brotkrummen in Form digitaler Währung belohnen. In der ersten Folge zum Launch lässt 2K ihre Community zu Wort kommen. Zahlreiche Streamer*innen geben ihre Einschätzung zum neuen Teil: Superlative werden heruntergebetet und die Bestätigung: 2K Sports hat – mal wieder – auf die Community gehört und alles richtig gemacht. Besser geht es nicht, zumindest dieses Jahr.

Spielerisch mag das stimmen. NBA 2K22 ist das einzige Basketballspiel auf dem Markt, es ist per Definition das beste Spiel in dem Segment. Ich sitze ja auch wieder da und spiele und kann sagen: Es ist weiterhin eine gute Basketballsimulation, wenn man erst einmal an den ganzen bunten Reklamen und Pop-ups und Hinweiskästchen und Werbebannern und Untermenüs von Untermenüs und Tutorials vorbei ist. Doch die Anpassungen sind Detailarbeit. Wenn Animationen flüssiger sind und die Entwickler*innen einen größeren Fokus auf eine bessere Balance zwischen Offensive und Defensive gelegt haben, kann das im Grunde nur für absolute Serienkenner erklärt werden. Ich zumindest könnte ohne Presseinfos kaum erklären, was nun im Spielgeschehen genau verändert und verbessert wurde.

Jeder einzelne Spielmodus in NBA 2K22 ist eine eigene Welt, aufgebläht und nur mit Zeit, Hingabe und Geduld zu meistern. Schnell geht hier nichts mehr und Können für das gesamte Spiel zu entwickeln schier unmöglich. Erstelle ich meinen eigenen Spieler, der als Rookie in der NBA durchstarten soll, wird nun von mir erwartet, dass ich durch eine gesichtslose, hart ruckelnde Stadt renne, um Quests (!) zu erfüllen. Eine eigene Brand aufbauen soll ich, eine Karriere als Modedesigner oder Musiker verspricht mir mein digitaler Agent – Basketball spielen kann ja jeder Heini.

Für digitale Währung kann ich mir ein Rad oder ein Kart kaufen, mit dem ich dann schneller durch diese komplett überflüssige Stadt manövrieren kann. Ich möchte das nicht. Alle NPC tragen nur Markenklamotten, es gibt Sales für diese digitalen Sweatshirts, Sneakers und Hosen. Es ist so überflüssig. Von der ersten Minute starre ich durch meinen Fernseher in einen Abgrund, der mit ständiger Werbung plakatiert ist. Dessen Grund ist ein Drop-the-Ball-Glücksspiel, das mit spielverändernden Boni lockt, am Ende aber nur mittelmäßigen Quatschcontent ausspuckt. Und ständig läuft der Newsticker, der Spieler*innen mit dem Glück anderer Nutzer*innen verhöhnt. Vielleicht einfach noch mal 10 Euro investieren und dieses Glück auch spüren? Weg damit!

Trotz aller Shitstorm und schlechter Laune wegen immer dreister werdenden Lootboxen und Glückspielmechaniken. NBA 2K22 ist längst in der Mitte der gesamten Basketballwelt angekommen. Vor Launch lief auch in diesem Jahr Twitter heiß, als Community-Manager Ronnie Singh die Ratings der Spieler*innen aus NBA und WNBA verkündete. Mit seinen 1,4 Millionen Follower*innen ist er selbst ein Star dieses Mikrokosmos’. Der Aufreger war die Bewertung von Bradley Beal, Shooting Guard der chronisch erfolgslosen Washington Wizards. Dessen Ehefrau war mit einem Rating von 89 nicht zufrieden und der Mini-Eklat wurde öffentlichkeitswirksam aufgebauscht, war Gesprächsthema auf Basketballblogs und unter den Athleten der Liga selbst. Selbst LeBron James, der wohl bekannteste, aktive Spieler der Welt mit seinen 50 Millionen Followers, kommentiert die Ratings bekannter Stars und gibt seine Einschätzungen ab. Was will man mehr?

NBA 2K22 spielt sich weiterhin wunderbar, ob fehlender Konkurrenz bleibt es weiterhin die beste Basketballsimulation auf dem Markt. Doch der Preis dafür ist hoch. Ich jedenfalls bin genervt und zu gewissem Maße erneut enttäuscht, was aus der Serie geworden ist und welchen Einfluss sie auf den echten Sport hat. Die Liebe zum Sport und der Spielmechanik hält mich in jedem Jahr, doch die frühere Leidenschaft ist weg. Wahrscheinlich kann ich im nächsten Jahr den gleichen Text veröffentlichen und nur an Details feilen. Es wäre weniger schmerzhaft.

Bereits erschienen.

Originaltitel: NBA 2K22

Plattformen: PC, Xbox Series X/S, PlayStation 4/5

Entwickler: Visual Concepts

Veröffentlicht von: 2K Games





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