Das Leben ist eines der seltsamsten…

Life is Strange: True Colors 

Eine junge Frau kommt in eine fremde Stadt und muss dort ein Mysterium aufklären, während sie zeitgleich ihr Leben wieder auf die Reihe bekommen möchte. Was sich wie der Plot eines Sundance-Films anhört ist die Geschichte von Life is Strange: True Colors, dem bislang erwachsensten Teil der Spielereihe. Life is Strange- und Indie-Filmfan SEBASTIAN GEIGER hat sich angeschaut, ob er mit seinen Vorgängern mithalten kann.  

Warum muss Haven Springs so schön sein? Ungelogen, der Ort von Life is Strange: True Colors ist einer, an dem man Urlaub machen möchte. Oder ein halbes Jahr leben. Es gibt nachhaltiges Essen, ein tolles Pub und den wohl besten Plattenladen überhaupt! Chapeau Deck Nine, ihr habt es geschafft, dass ich Sehnsucht nach einem Ort entwickelt habe, den ich nie außerhalb eines Computerspiels zu Gesicht bekommen werde. Aber vielleicht ist das auch ganz gut so. Die schönsten Orte haben bekanntlich die dunkelsten Geschichten. 

Denn Life is Strange wäre nicht Life is Strange, wenn es nicht ein finsteres Geheimnis gäbe, das versteckt in Haven Springs lauert und das droht, das Leben von Alex Chen auf den Kopf zu stellen. Die hat bisher einen Großteil ihres Lebens in Jugendheimen verbracht, bis sie ihr Bruder Gabe angeschrieben hat, ob sie nicht zu ihm ziehen will. Allerdings haben sich die beiden seit Jahren nicht mehr gesehen und auch Alex hat ein Geheimnis: Sie kann die Emotionen anderer Leute sehen und wird – wenn diese stark genug sind – sogar davon mitgerissen. Nicht gerade super Voraussetzungen für einen Neuanfang in einer fremden Stadt, Alex wagt den Schritt trotzdem, allein, um aus ihrem Jugendheim herauszukommen. 

Wie erzählt man als Game-Entwickler am besten eine Geschichte? Der Versuch, auf diese Frage eine Antwort zu finden, ist so alt wie die ersten Spiele selbst. In den vergangenen Jahren haben sich aber drei grobe Richtungen herauskristallisiert. Die eine, die Dark Souls und ähnliche Spiele verfolgen, ist, die Story ins Spiel einzubauen und fast schon selbst zu einer Spielmechanik werden zu lassen. Der zweite Weg wird von Spielen wie Call of Duty beschritten und funktioniert über Cut-Scenes, in denen sich ein Großteil der eigentlichen Handlung abspielt. Die dritte Richtung ist, auf Spielmechaniken mehr oder weniger zu verzichten und stattdessen eine Art interaktiven Film zu programmieren. In diesem kleinen, aber interessanten Sektor der Gameswelt ist Life is Strange die Independent-Selektion, die man sonst eher auf dem Sundance-Filmfestival sieht. 

Mystery und Lebenskrisen 

Genau das macht die Spiele aber so charmant. Es sind eben keine Stories um die Rettung der Welt oder den Kampf gegen das absolut Böse, die der Spieler hier erlebt. Stattdessen steuert er einen jungen Protagonisten (oder eine junge Protagonistin) durch eine Kleinstadt im Norden der USA und bewältigt neben einem Mystery-Plot auch noch die eine oder andere altersgerechte Lebenskrise. 

Im Fall von Alex hängt diese direkt mit ihrer besonderen Fähigkeit, Emotionen zu sehen zusammen. Ihre übernatürliche Empathie hat dafür gesorgt, dass sie sich vor anderen Menschen verschließt, nicht, dass diese am Ende noch einen Wutanfall bei ihr provozieren. Und dann sind da natürlich noch die unzähligen kleinen und großen Traumata aus ihrer Zeit in den Jugendheimen und um ihre Familie. Gabe und die sehr freundlichen Menschen von Haven Springs kommen ihr da wie ein Rettungsanker vor – als Gabe aber wenig später stirbt, droht auch Alex, wieder in einen seelischen Abgrund gerissen zu werden. Um nicht endgültig von ihm verschlugen zu werden, beschließt sie, ihre übernatürliche Fähigkeit dazu zu benutzen, um den Tod ihres Bruders aufzuklären. Unterstützung erhält sie dabei von seinen beiden besten Freunden. 

Spannend, was der eher geringe Altersunterschied zwischen True Colors-Hauptcharakter Alex Chen und der Heldin des ersten Life is Strange, Max Caufield, ausmacht. Letztere war ein Teenager mit Teenager-Problemen. Das ihr Mysteryplot also nicht nur ihr Leben, sondern auch ihre Heimatstadt in Form eines Tornados wegzureißen drohte, passte zur Intensität dieses Lebensabschnitts. Bei Alex geht alles ein wenig ruhiger und persönlicher zu und wird dadurch noch ein Stück mitreißender. Das liegt auch an Charakteren wie Steph Gingrich, die als Radio DJ einen hervorragenden Musikgeschmack hat (den man sich auch anhören kann), Dungeons and Dragons spielt und auch sonst einfach nur großartig ist. Netterweise hat sie im DLC Wavelengths ihr eigenes Abenteuer bekommen, in dem es noch mehr gute Musik und eine Extraportion Traumaverarbeitung gibt. Sie und der Rest der Charaktere machen Haven Springs zu einem sehr lebendindigen Ort und die finale Entscheidung von True Colors zu einer der schwersten, die ich in den vergangenen Monaten in einem Computerspiel zu treffen hatte. 

Ein einfach schönes Spiel 

Wenn es einen Wermutstropfen an Life is Strange: True Colors gibt, dann der, dass das Spiel zu kurz ist. In Heaven Springs wäre ich nämlich gerne noch viel länger herumgelaufen und hätte mich mit den interessanten Charakteren beschäftigt. So ist der neueste Teil leider auch der kürzeste aller Life is Strange-Spiele, was besonders beim Startverkaufspreis von 60 Euro fast schon eine Zumutung ist. Gerade, weil sich das Spiel ansonsten einfach so richtig lohnt. Alex ist ein super Hauptcharakter, ihre Freunde spannend und interessant erzählt und das Örtchen Haven Springs eine Stadt, in der man – wie schon erwähnt – mindestens einmal Urlaub machen möchte. Ich hätte gerne von alledem mehr – kriege es nur leider nicht. Das schließt auch den DLC Wavelenghts mit ein. Hier steht für zwei Stunden der beste Nebencharakter der Welt, Nerd-Punk-Queen Stephanie Gingrich im Mittelpunk und der Spieler darf eine Radiostation leiten. Gerade für die Life is Strange-Fans, die die Musik schon immer als den besten Teil der Serie angesehen haben, ein Genuss. Leider ist auch hier viel zu schnell Feierabend. 

Wer von Life is Strange nicht genug bekommen kann, oder ein Faible für Indie-Filme hat, sollte True Colors trotzdem nicht verpassen. Story, Charaktere und Setting haben alles, was man von dieser ganz besonderen Spielereihe haben will. Was man sich aber überlegen kann, ist, ob man nicht noch ein bisschen wartet, Alex Chens Abenteuer zu spielen, wenn sie ein bisschen günstiger sind. 

Titel: Life is Strange: True Colors
Publisher: Square Enix
Genre: Adventure 
Plattformen: Xbox One, Xbox One Series X, PlayStation 4, PlayStation 5, Switch, PC 
Erscheinungsdatum: Bereits erschienen 




Rudolf Inderst

*1978 in München. Lebte in Kopenhagen und verliebte sich. Doppelt promoviert, übernimmt er Verantwortung als Ressortleiter für digitale Spiele hier bei nahaufnahmen.ch. Liebt Stanislaw Lem, Hörspiele und Podcasts. Spielt Videospiele seit etwa 40 Jahren. Lehrt Game Studies (aktuell in Neu-Ulm & München), trägt gerne Bart und vertrat jüngst eine Professur für "Intermediale Ästhetik" an der Hochschule Trier.

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