Far Cry 6

Schluss mit Wachstum

far cry 6 titelbild

Wenn ein faschistischer Diktator eine Spielwelt unsicher macht, in der domestizierte Krokodile mit Jacke auf Kommandos horchen und die Revolutionäre ironische Massenmörder sind, dann kann das nur ein neues Far Cry bedeuten. NORMAN VOLKMANN hat das Maschinengewehr durchgeladen und… für das Gute gekämpft?

A Ubisoft Original prangert auf dem Fernseher, als ich Far Cry 6 starte. Als gäbe es daran Zweifel. Interessant ist eher, wie Ubisoft Streaming-Unternehmen wie Netflix und Spotify nacheifert und keinen Raum für Ungewissheit zulässt. Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass gerade Ubisoft so ein Label einführt. Immerhin ist das Unternehmen für eine klare Formel der Spieleentwicklung bekannt. Dass dahinter wirklich nicht mehr steckt als Branding, wird spätestens nach den ersten Spielstunden klar. Far Cry 6 erfüllt von der ersten Minute alle Erwartungen, die an ein Spiel der Serie gestellt werden könnten. Aber reicht das wirklich aus, neun Jahre nachdem Far Cry 3 die Franchise auf ein neues Level gehoben hat? 

Originell ist dieses Ubisoft Original jedenfalls zu keinem Zeitpunkt. Dabei hatte Ubisoft 2012 dem Bösewicht Vaas doch eine klare Aussage in den Mund gelegt:  

“Did I ever tell you what the definition of insanity is? Insanity is doing the exact… same fucking thing… over and over again expecting… shit to change… That. Is. Crazy.”  

Was der Gute allerdings nicht wusste: Eine wirtschaftlich erfolgreiche Spieleserie braucht das Immerselbe. Den sicheren Hafen für Spieler*innen, der auf allem Vorherigen aufbaut. Nur eines änderte sich im Laufe der Jahre: Die Absatzzahlen der Hauptreihe stiegen kontinuierlich. Far Cry 5 war ein enormer wirtschaftlicher Erfolg und verkaufte in den ersten sieben Tagen mehr als doppelt so viele Exemplare als der direkter Vorgänger. Und so wuchs 2018 bereits der Druck auf Far Cry 6. Das Ergebnis ist ein lauwarmer Aufguss, dessen Neuerungen Spieler*innen aus anderen, besseren Shootern kennen.  

Far Cry 6 Anton Diego

Überraschend ist das nicht und dementsprechend rang ich mit mir, ob ich Far Cry 6 überhaupt spielen wollte. Far Cry 3 habe ich noch in wohliger Erinnerung: Nach dem sperrigen zweiten Teil, war es eine endgültige Investition in die spielerische Freiheit und dem Willen, sich selbst nicht mehr zu ernst zu nehmen. Ich gebe zu: Ob das fast eine Dekade später gut gealtert ist, wage ich nicht zu beurteilen, hege aber zumindest Zweifel. Far Cry 6 geht den einzigen Weg, der noch möglich scheint: alle Regler hochdrehen. Doch die selbst-attestierte Durchgeknalltheit ist inzwischen vor allem Marketing-Werkzeug. Der Titel selbst ist unter dem Strich in etwa so wahnsinnig, wie Menschen, die sich gern als “ein bisschen verrückt” beschreiben. 

Der legendäre Basketballcoach Pat Riley definierte vor Jahren die sogenannte “Disease of More” als Konzept im professionellen Sport. Grob zusammengefasst geht es dabei um außerordentlich erfolgreiche Teams, die selten von besseren Teams deklassiert werden, sondern selbst die Architekten ihres Scheiterns sind. Es geht um innere Strukturen, persönliche Befindlichkeiten, das Verlieren der Ziele im “mehr”. Mehr Geld, mehr Aufmerksamkeit, mehr Freiheiten, mehr Ballbesitze. Die Wünsche Einzelner übertrumpfen das gemeinsame Ziel und den Fokus auf die Herausforderungen und sorgen für das Zerbrechen der Teams. Das Konzept trieft zwar nur von pathetischer Sportpsychologie, aber die Parallelen zu erfolgreichen Spieleserien und Far Cry im Besonderen sind kaum von der Hand zu weisen.  

Far Cry 6 Fahrzeug

Auch Far Cry 6 hatte ein klares Erfolgskonzept: Spielerische Freiheiten, eine große, offenen Welt und Antagonisten, die zumindest für die Zeit der Vorberichterstattung im Kopf blieben. Garniert mit Waffenvielfalt, Charakterfortschritt und einer funktionierenden Spielmechanik. Doch ist eine Spiele-Franchise nicht nur etabliert, sondern wirtschaftlich erfolgreich, kommen die Wachstumserwartungen frei Haus. Far Cry 6 soll erfolgreicher werden als seine Vorgänger und verkauft Spieler*innen von allem mehr: mehr Spielwelt, mehr Waffen, mehr tierische Begleiter, mehr Crafting, mehr Freiheit, mehr Bösewichte, mehr Stützpunkte, mehr Fahrzeuge. 

Und obwohl man von der schieren Größe des Titels beeindruckt sein kann, bleibt er vor allem: uninspiriert, langweilig und zum Bersten vollgestopft mit nichts. Die Spielwelt ist riesig, doch sie zu entdecken ist uninteressant. NPCs müllen mich mit GPS-Standorten voll, an denen nutzloses Equipment zu finden ist: Waffen, lustige Hüte oder seltene Crafting-Zutaten. Von allem habe ich nach drei Stunden bereits so viel, dass sich die Suche nicht lohnt. Die Missionen wirken ebenso generisch: Bringe eine Zielperson um, stiehl einen Truck und natürlich der Far-Cry-Klassiker: Fackel eine Plantage mit Flammenwerfer ab, während irgendein Song aus den Boxen dröhnt. Far Cry referenziert sich ständig selbst und beweist, dass diese Reihe in der Vergangenheit gefangen ist.  

Ubisoft hat sich über die Jahre immer wieder zur Lachnummer gemacht, wenn es um die offensichtlichen, politischen Kommentare ihrer Spiele geht. Far Cry 6 sollte hier erstmals eine Ausnahme sein, zumindest wenn man Navid Khavari, dem Narrative Director glaubt. Einen Blogpost startet er mit “Our story is political”. Das ist zwar gut gemeint, doch der politische Kommentar des Titels lässt sich recht einfach zusammenfassen:  “Faschistische Dikatoren = schlecht. Demokratie und Freiheit = gut.” 

Zu Beginn wird es direkt pathetisch: “You have to be willing to die for your freedom”, sagt eine Guerilla-Kämpferin zu mir. Wenn die wüsste, dass ich ja im Grunde gar nichts riskiere. Ein anderes Mal soll mir die geplante Flucht in die USA ausgeredet werden, denn “the American dream doesn’t come in our colour”. Mit einem Nebensatz wird systematischer Rassismus abgehandelt und die Mär des amerikanischen Traums nicht einmal in Frage gestellt. Immerhin spielt man in Far Cry 6 erstmals als weibliche Person of Colour (eine männliche Option gibt es ebenfalls). Ubisoft mag erkannt haben, dass Spiele über Revolutionen, Rassismus und Ungleichheit inhärent politisch sein müssen: Der politische Kommentar bleibt trotz allem stets plump und nichtssagend, der Titel findet seinen Ton zwischen lustig-übertriebene Figuren, ernsten Themen und spielerischer Freiheit einfach nicht.  

Far Cry 6 Esperanza

Was bleibt? Far Cry 6 ist die logische Konsequenz einer Spielreihe, deren Entzauberung immer mit der jeweiligen Spielveröffentlichung begann. Zwar ist alles größer und weiter und freier, doch gleichzeitig auch belangloser. Nach knapp 17 Stunden voller Missionen, die sich wie Beschäftigungstherapie anfühlten und immer nur das gleiche erzählten, deinstallierte ich es. Selten war das Gefühl bei einem Spiel stärker, dass ich meine Zeit verschwende.  

Bereits erschienen. 

Originaltitel: Far Cry 6 

Plattformen: PC, Xbox Series X/S, PlayStation 4/5 

Entwickler: Ubisoft 

Veröffentlicht von: Ubisoft  





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