Interview mit Annakin

„Für mich ist die Musik heilsam und ich betrachte sie als Katharsis“

Bild: © Christian Ammann

Die Badener Sängerin Annakin hat ihr neustes Album „The Light Before Love Disappears“ zusammen mit dem englischen Singer-Songwriter und Produzenten Ed Harcourt – der massgeblich an Marianne Faithfulls Alben „Give My Love to London“ und „Negative Capability“ beteiligt war und mit „No Moon In Paris“ einer der schönsten Faithfull-Songs komponierte – in zwei Studios in Spanien eingespielt. Entstanden ist ein traumwandlerisch schönes, zugleich zartes und kraftvolles Pop-Juwel mit poetischen, metaphernreichen Texten, die zum Nachdenken anregen. Nahaufnahmen.ch traf sich mit Annakin zu einem ausführlichen Gespräch, unter anderem über einen nachmitternächtlichen Sprung in einen Pool, der zur Zusammenarbeit mit Ed Harcourt führte, ihr konstant suchendes und alles hinterfragendes Wesen als Künstlerin, ihre schwachen und wunden Punkte, die Flüchtigkeit der glücklichen Momente, Humor als wichtiges Ventil, einen Glockenschlag als Referenz an Nick Cave sowie ihr Live-Projekt Annakin’s Musicbox mit dem argovia philharmonic Orchester, bei dem eine überdimensionale Musikdose als Kulisse dienen wird. 

Von Christoph Aebi

Annakin, dein neues Album heisst „The Light Before Love Disappears“. Was ist mit diesem Licht, bevor die Liebe verschwindet, genau gemeint? 

Die Textzeile „The Light Before Love Disappears“ stammt aus dem Song „Before Love Disappears“. Das Lied ist eine Art Gebet. Die Aussage lautet, dass mit Liebe alles einfacher, schöner und besser ist – egal ob auf der Welt, in einer Partnerschaft oder unter Freunden. Aber es gibt auch ganz viele Menschen, die kein Glück im Leben haben. Es kommt in diesem Lied der Weltschmerz ins Spiel, der bei mir immer ein Thema ist. Das wollten wir auf dem Cover ebenfalls reflektieren und haben lange überlegt, wie wir es darstellen sollen. Wir haben es dann mit diesem Kreuz umgesetzt. Es soll jedoch keine Kreuzigung darstellen, im Gegensatz zum bekannten Bild von Marilyn Monroe des Fotografen Bert Stern, von dem wir uns haben inspirieren lassen. Einerseits wollte ich das Negative in unserer Welt im Bild haben, andererseits bin ich für einmal ausserordentlich fröhlich auf dem Cover, das ist wirklich ein Novum. Ich denke, das Cover widerspiegelt sehr gut die Botschaft des Titelsongs. 

Bild: © Christian Ammann

„Parachute“, die erste, bereits im Januar erschienene Single des Albums, auf der du im Duett mit dem englischen Singer-Songwriter Ed Harcourt singst, wurde noch von Dimitri Tikovoï produziert, der bereits für deine letzten drei Alben verantwortlich war. Den Rest des neuen Albums produzierte schliesslich Ed Harcourt. Wie kam es zu diesem Wechsel?

Mit Ed Harcourt wollte ich schon lange einmal ein Duett realisieren. Beim Song „Parachute“ wusste ich, dass die Lyrics stark genug für ein Duett sind. Ed hat schliesslich die Vocals gesungen, das Lied schon ein bisschen vorproduziert und dann haben wir es Dimitri zum Produzieren geschickt. Als er das Lied hörte, war er hin und weg und schlug vor, ich solle das neue Album mit Ed aufnehmen. Ich hätte das Album eigentlich gerne nochmals mit Dimitri gemacht. Aber er hätte das Album zu diesem Zeitpunkt wegen dem Lockdown in England nur online machen können. Das kam für mich nicht in Frage und wir fanden, eine etwas andere, organischere Herangehensweise wäre für dieses neue Projekt der richtige Weg. Und so fiel der Entscheid relativ schnell. Man muss verstehen: Wir drei sind gute Freunde. So war dieser Produzentenwechsel ok für alle und es gab deswegen auch keine komischen Gefühle. Ich habe den Wechsel nicht bereut. Es war immer lässig, mit Dimitri zu arbeiten. Er hat meine Musik immer super verstanden und sie auf ein höheres Niveau gehoben. Aber musikalisch hat Ed nochmals einen anderen Twist ins Album reingebracht. Dadurch, dass Ed selber Singer-Songwriter und ein wunderbarer Sänger ist, hat er meine Vocals sehr stark unter die Lupe genommen. Beispielsweise sagte er mir im Studio, wenn ich den Gesang noch ein bisschen langziehen würde, wie zum Beispiel bei „The Measuring of Truth“ oder „Secret Wounds“, wo ich eigentlich total hinter dem Takt bin, würde es viel entspannter tönen. Diese Inputs fand ich wahnsinnig wichtig. Und es brauchte wahrscheinlich einen Sänger, um solche Dinge einmal zu thematisieren. 

Ed Harcourt und Dimitri Tikovoï haben schon mehrmals zusammengearbeitet, beispielsweise bei ihrem gemeinsamen Bandprojekt Wild Boar oder für Marianne Faithfulls Album „Give my love to London“. Hast du Ed durch Dimitri kennengelernt?

Ja, wir haben uns an der Hochzeit von Dimitri kennengelernt. Ich bin dort auf Ed zugegangen und habe ihm gesagt, dass ich seinen Gesang liebe. Daraus hat sich ein Gespräch ergeben. Am Hochzeitsfest standen wir schliesslich morgens um 2 Uhr plötzlich zu zweit allein vor dem Pool und ich fand: „Jetzt wäre es eigentlich cool, noch schnell schwimmen zu gehen.“ Und daraufhin tauchte Ed einfach in den Pool ein. Ich bin dann ebenfalls reingesprungen. Das war eine gute erste Verbindung. Wir haben gemerkt, dass wir den gleichen Schalk im Nacken haben. Zudem arbeiten wir beide unter Humor viel besser als unter Spannung.

Diesen Humor konnte man auch auf den Bildern erkennen, die du im Rahmen der Studio-Aufnahmen auf den sozialen Medien gepostet hast.

Wir fanden, dass es viel spannender ist, wenn man nicht nur Studio-Bilder postet. Dort sieht man meistens nur viele Knöpfe und fensterlose Räume. Deshalb dachten wir, wir machen mal etwas Anderes und das kam sehr gut an. Aber es war auch ein wenig ein Bluff, weil wir wirklich wahnsinnig viel gearbeitet haben in diesen Tagen. Doch wenn wir nach einem langen Studiotag todmüde waren, musste ein lustiges Bild draussen in der Natur jeweils noch sein. Das hat sehr gut getan.

Ihr habt das Album Anfang Juni dieses Jahres relativ schnell eingespielt, innerhalb nur einer Woche. Bist du jemand, der gerne zügig arbeitet?

Es täuscht ein bisschen. Wir haben recht viel vorproduziert, weil wir wussten, dass wir die Aufnahmen in recht kurzer Zeit finalisieren mussten. Ich habe lange an den Demos gearbeitet und diese anschliessend Ed geschickt, der in seinem Wolf Cabin-Studio in Oxfordshire die Vorproduktion gemacht hat. Damit haben wir quasi schon den Stil des Albums vorgegeben. Erst als wir wussten, in welche Richtung wir mit jedem Song gehen wollten, haben wir den Studioaufenthalt geplant. Das war ein guter Weg, denn sonst verliert man oft wichtige und auch teure Zeit im Studio. Mir war aber wichtig, dass ich das Album trotz der Corona-Restriktionen nicht online produzieren muss. Lange hat es danach ausgesehen, dass es nicht anders gehen würde. Aber dadurch wäre viel verloren gegangen. Man kann nie so kreativ sein und auch Fehler einbeziehen, die sich dann als cool und wunderbar herausstellen, wie wenn man zusammen am gleichen Ort ist. Es ist ein ganz anderes Arbeiten. Eigentlich nehme ich mir für die Studioaufnahmen gerne mehr Zeit, als wir diesmal zur Verfügung gehabt haben. Es war schon ein wenig stressig. Aber wir mussten einerseits erst das Ende des Lockdowns in Grossbritannien abwarten und andererseits waren die ersten Konzerte zum neuen Album bereits geplant. Und dazwischen gab es ein etwas enges Zeitfenster für die Aufnahmen. Aber ich bin wahnsinnig stolz, dass wir alles so gut geschafft haben.

Das Album wurde in zwei Studios in Spanien aufgenommen, im Studio Sacramento in Alicante sowie im Orange Grove Studio in Barxeta, einem Wohnstudio in einer ehemaligen Finca inmitten eines Orangenhains. Dieses gehört Kjetil Grimstad, der auf dem Album-Opener „The Love the Love“ die Drums spielt und neben dir und Ed der einzige Musiker ist, der am Album mitgewirkt hat. Wieso habt ihr das Album gerade in Spanien produziert? 

Wegen den Quarantäne-Bestimmungen konnte ich für die Aufnahmen nicht nach England reisen. In Spanien jedoch war sowohl für Ed als auch für mich die Einreise mit negativen Corona-Tests möglich. Ed musste aber nach der Rückkehr nach England 10 Tage in Quarantäne und durfte in dieser Zeit sein Haus nicht verlassen. Ich rechne ihm deshalb hoch an, dass er für die Aufnahmen mit mir nach Spanien gereist ist. Das Estudio Sacramento in Alicante ist ein unglaublich gutes Studio. Wir wussten, dass wir das Album dort bei Daniel Saiz, der europaweit für sein Mixing&Mastering bekannt ist, finalisieren wollten. Im Orange Grove Studio, in welchem wir auch gewohnt haben, herrschte eine wahnsinnig schöne Atmosphäre. Zudem ist Kjetil Grimstad ein Super-Drummer.

Wie wichtig ist für dich der Ort, an dem du ein Album aufnimmst?

Das Allerwichtigste ist, dass das Studio professionell ist und die Toningenieure und Techniker, die dort arbeiten, gut sind. Aber ich glaube schon, dass der Ort helfen kann. Es ist total lässig, wenn man wie im Orange Grove Studio dort, wo man Musik macht, auch wohnen kann. Dann fällt der Weg ins Studio weg und man hat damit einen Stressfaktor weniger.

Was schätzt du an Ed Harcourt am meisten?

Er hat ein riesiges musikalisches Know-how und hat meine Songs sehr schnell sehr genau verstanden. Er wusste instinktiv, wo ich mit den Songs hinwill, so dass es eigentlich nie Diskussionen gegeben hat. Das ist natürlich ideal, wenn man nicht erst diskutieren muss, ob jetzt dies oder jenes besser ist. Er sagte einmal, meine Lieder seien „songs from the heart“. Das muss einer begreifen, damit er es in der Produktion auch so rüberbringen kann. Ich finde es zum Beispiel total stimmig, dass er verschiedene Glockenklänge ins Spiel gebracht hat – auch wenn die eine Glocke eine Axt ist, die er auf ein Cymbal geschlagen hat. Zudem hatten wir es bei den Aufnahmen immer sehr lustig. Ich liebe es, mit Musikern zusammen zu arbeiten, die meine Philosophie teilen, dass die Arbeit sowohl profimässig als auch lustig sein muss. Weil der Druck und der Stressfaktor sind sowohl bei Albumaufnahmen als auch bei Konzerten sehr hoch. Wenn man den gemeinsamen Humor als Ventil benutzen kann, dann ist es viel einfacher.

Worin bestanden die Unterschiede zur Arbeitsweise mit Dimitri Tikovoï?

Dimitri und ich haben bei den Aufnahmen zwar ebenfalls auch reale Instrumente verwendet. Aber Dimitri arbeitet elektronischer als Ed und bei ihm geschieht vieles mit seinen magischen Zaubertricks am Computer. Ich glaube, diesmal mit Ed habe ich bei der Produktion stärker dreingeredet und bereits im Vornherein ganz klar die Wege vorgegeben. Von daher war es schon eine etwas andere Zusammenarbeit. Das soll jetzt aber nicht wertend klingen. Mit Dimitri war es immer super und ich habe es geliebt, mit ihm zu arbeiten. Er nahm das Zepter etwas mehr in die Hand und ich habe ihn oft einfach machen lassen, weil ich wusste, dass er den Song an den richtigen musikalischen Ort führen würde.

Ich habe von Ed ein sehr schönes Zitat gefunden. Er sagte einmal in einem Interview: „I think for my work I want people to either really love it or really hate it – that’s a good thing. It’s better than people just being indifferent – following your whim and not trying to please everyone is something to strive toward. That’s really the only way to survive creatively, I think.“ Den Launen zu folgen und nicht allen gefallen zu wollen als etwas Erstrebenswertes und als einziger Weg, kreativ zu überleben: Gilt das auch für dich?

Ja, diese Aussage kann ich nur unterschreiben. Man kehrt mit seiner Kunst sein Innerstes nach aussen. Deshalb finde ich es sehr wichtig, dass man voll und ganz dahinterstehen kann, egal was geschieht. Ich erhalte so viele Vorschläge, wie ich Musik machen könnte oder was ich tun könnte, um poppiger zu klingen und damit mehr Radio-Airplay zu generieren. Aber das wäre Selbstverrat. Ich mache meine Musik genau so, wie ich das möchte und wie es für mich stimmt. Und es stimmt offensichtlich für ganz viele andere auch, sonst würde ich gar nicht mit Leuten wie Dimitri Tikovoï oder Ed Harcourt zusammenarbeiten können. Die machen ja nicht einfach mit, weil es Kohle gibt. Da gibt es schon ein Tor, durch welches man gehen muss, um an solche Cracks heranzukommen. Und das gibt mir die Bestätigung, dass diese Musik in der Schweiz ebenfalls eine Berechtigung hat. Auch wenn es als Indie-Musikerin, die auf Englisch singt, nicht immer ganz einfach ist, gerade jetzt, wo Mundart wieder total hip ist. 

Ich möchte gerne etwas näher auf einzelne Songs des Albums eingehen, insbesondere auf bestimmte Bilder und Metaphern, die sich mir eingeprägt haben. In „The Love the Love“, dem ersten Lied auf dem Album, gibt es folgende Textzeilen: „There’s no necessity and there’s no need / To sink down on my knees / But to see how deep I can fall“. Das Lied handelt von einer Trennung und von Wunden, die dadurch entstanden. Machen wir uns häufig in solchen Situationen selber klein?

Ja, vielleicht auch um zu schauen, wie weit man gehen kann. Meine Erfahrung im Leben ist: Wenn es schlecht läuft, dann läuft es wirklich schlecht. Aber irgendwann einmal ist eine Talschwelle erreicht, nach der es wieder besser wird. Das war das Bild, das ich in diesen Text hineininterpretiert habe. Man schaut in einer solchen Situation erst einmal, was noch alles passiert und was noch kommen kann. Danach kann man wieder starten, um auf bessere Momente loszulaufen.

Das zweite Lied, „The Measuring of Truth“, beginnt mit einem Glockenschlag, der sehr an „Red Right Hand“ von Nick Cave erinnert.

Ed kennt Warren Ellis und Nick Cave persönlich, weil er für Marianne Faithfull schon mit ihnen gemeinsam im Studio war. Weil auch ich ein grosser Nick Cave-Fan bin, fand ich Eds Vorschlag, „The Measuring of Truth“ mit diesem Glockenschlag zu beginnen, eine schöne Referenz an diese beiden Künstler.

Mir gefällt der Titel des Songs, „The Measuring of Truth“ sehr gut. Kann man deiner Ansicht nach Wahrheit vermessen?

In seinem Song „The Mercy Seat“, der später von Johnny Cash gecovert wurde, singt Nick Cave sehr schön: „And the mercy seat is waiting / and I think my head is burning / and in a way I’m yearning / to be done with all this measuring of proof / an eye for an eye / and a tooth for a tooth / and anyway I told the truth / and I’m afraid I told a lie“. Ich glaube schon, dass man die Wahrheit vermessen kann, obwohl es natürlich auch eine Metapher ist. Aber am Schluss des Tages kommt es darauf an, ob man ein Lügner, ein schlechter Mensch oder ob man ein guter Mensch gewesen ist. Ich glaube karmatisch daran, dass es einem irgendwo zugute kommen kann, wenn man im Leben nicht ein zu grosses Scheusal gewesen ist.

Ganz am Schluss des Liedes singst du: „We trip we fall / We stand up again and build a wall“. Findest du, dass wir häufig Mauern um uns herum bauen, nachdem wir eine Enttäuschung oder eine schwierige Situation erlebt haben, um uns etwas abzuschirmen?

Ja. Und mehr noch, dass wir uns trotz allem lange nicht ändern können, weil das ein extrem schwieriger Prozess ist. Wir nehmen es uns vielleicht vor, aber am Schluss fallen wir wieder in die alten Muster zurück. Wir erholen uns zwar von etwas, stehen wieder auf, aber dann kommt etwas Neues, das uns blockiert. Es sind Bilder, die ich für den Betrachter respektive den Zuhörer immer so formuliere, dass er seinen Sinn dahinter suchen kann. Mir ist ganz wichtig, dass ich nicht alles auf dem Silbertablett präsentiere.

Das nächste Lied, „Lullaby“, in dem Ed im Background mitsingt, ist für mich eine wunderschöne Beschreibung, was Liebe ist oder sein sollte, insbesondere in folgenden Textzeilen: „And you will always try to make me laugh / By pulling a trick out of your bag / When in fact you’re too tired to even stand / But you you do it anyway / For the smile you get from me / For the smile you get in return“.

Neben „Secret Wounds“ ist „Lullaby“ im Moment gerade mein Lieblingslied auf dem Album. Ich habe beim Schreiben dieses Liedes ganz klar an meinen Mann gedacht. Er ist so am Krampfen die ganze Zeit und wenn er nach Hause kommt, ist er trotzdem immer noch darauf bedacht, dass es mir ebenfalls gut geht und macht alles, damit ich runterfahren kann. Er ist einfach super.

Dein Mann Christian Ammann ist ein bekannter Mode-, Beauty- und Porträt-Fotograf und zeichnet verantwortlich für die Videos, die Cover deiner Alben, die Bilder in den Booklets sowie die Pressebilder. Diese heben sich sehr wohltuend von den manchmal nicht so gelungenen Alben-Covern anderer Schweizer Künstler ab. Vielleicht sind die Bilder, die er von dir macht, auch so stark, weil er dich sehr gut kennt und zwischen euch ein grosses Vertrauen besteht.

Ich glaube, man merkt, dass alle meine Alben-Cover aus der gleichen Feder stammen und wenn man die Cover aneinanderreiht, dann sind sie aus einem Guss. Zudem steht hinter jedem Album-Cover ein Konzept. Das ist mir sehr wichtig. Ich finde es auch wichtig, wie man sich auf der Bühne präsentiert. Dort wird man zwei Stunden lang angeschaut und wenn man es verkennt, statt einer Jeans etwas ein wenig Auffälligeres anzuziehen, dann ist das eine vergebene Chance, finde ich. Man kann mit seiner Kleidung auch ein Statement setzen und wird vielleicht eher gesehen. Es gibt viele Künstler, die das gut machen oder es irgendwann einmal kapiert haben, wie zum Beispiel Pegasus. Dann gibt es andere, die vielleicht nicht so viel Wert darauf legen und das ist ebenfalls in Ordnung. Möglicherweise passt es so ganz gut zu ihrer Musik. Ich aber fand schon bei Swandive immer, dass es ein wichtiger Abend ist, wenn ich mit meiner Band auf die Bühne gehe. Das ist für mich eine feierliche Angelegenheit. Und entsprechend festlich bin ich dann immer gekleidet.

Im zweiten Teil des Liedes heisst es: „I am good at roaming my mind / For something I’ll never find / Like an animal that is shuffling the garbage at night / And we both remain hungry / And we both keep searching / For the one thing that stills our insides“.

Du kennst vielleicht die Situation, wenn man einfach nicht einschlafen kann, weil man die ganze Zeit am Überlegen ist und die Gedanken rotieren. Das geschieht bei mir manchmal, wenn mich etwas sehr beschäftigt. In einer solchen Situation sind die Gedanken wie ein endloser Kreislauf. Ich finde, die Metapher mit dem hungrigen Tier umschreibt das perfekt. Weil einerseits ist es ein Trieb, andererseits ein Hungrigsein und eigentlich hat beides eine gewisse Tragik.

Die Tragik, dass man, auch wenn man in einer glücklichen Beziehung ist, weiterhin auf eine gewisse Art und Weise eine suchende Person bleibt?

Ich meine damit nicht die Suche nach einem anderen Partner, sondern dass man als Künstler grundsätzlich immer auf der Suche sein muss. Es geht primär um mein Wesen als Künstlerin, die immer alles hinterfragt. Das ist anstrengend, aber es bringt mich weiter und lässt mich selbstkritisch bleiben.

In „Humans“ geht es um das Verhältnis zwischen Menschen und Tieren. Darin heisst es: „I think possession is a very strange concept / Made by humans by humans / We patched you up we left you disconnected / Mighty tiger take another round / You watch your face reflected in a tear-shaped pond / It must be the wind this weeping sound“ sowie „I am a trespasser of your sacred ground / It’s not the other way around“. Kritisierst du damit die Zootierhaltung?

Nicht nur. Die Tierhaltung in Zoos und im Zirkus ist sowieso eine Katastrophe. Aber die Tiere werden auch in der freien Wildbahn je länger je mehr gejagt. Bei uns ist beispielsweise der Wolf das gejagte Tier, in Indien der Tiger. Ich war vor ein paar Jahren in Indien und habe miterlebt, wie sie dem Tiger nur noch eine ganz kleine Schneise lassen. Wenn er das Revier vergrössern möchte, dann muss er tausende Kilometer weiter in den Norden laufen – was einzelne Tiere machen, das weiss man, weil sie teilweise getrackt werden. So geht es vielen Tieren. Der Mensch hat die Tiere je länger je mehr verdrängt. Mich erschreckt als Tierschützerin sehr, dass die Tiere beispielsweise bei Bauprojekten oft keine Priorität haben. Die Tiere haben keine Stimme – und wenn nicht wir für sie schauen, wer dann? Logischerweise ist es nicht schön, wenn der Wolf bei uns jetzt wieder Rinder reisst, aber das zeigt doch nur, dass das ganze Gleichgewicht durcheinander geraten ist. Der Wolf würde, wenn er noch die gleich grossen Jagdgebiete in den Wäldern wie früher hätte, wahrscheinlich auf die Rehe losgehen, aber das kann er nicht mehr, weil die Waldgebiete konstant verkleinert wurden. Es ist erschreckend, wenn man schaut, wie viel Wald vor hundert Jahren da war und welche Waldflächen wir jetzt noch belassen haben. Das ist ein Bruchteil der ursprünglichen Flächen. Es ist also ein Teufelskreis, den wir Menschen mitverursacht haben. „Humans“ beschreibt den Egoismus des Menschen, der sich anmasst, die Tiere als Eindringlinge zu sehen – dabei ist es eigentlich genau umgekehrt.

Der Tiger kommt in „Black and White Circus“, einem weiteren Song auf deinem neuen Album, nochmals vor. Darin gibt es die Textzeile „Who gives a perfect picture now / That the tiger doesn’t shout / He draws his circles in a cage / Every atom of him wants out.“ Das hat mich sehr an ein Erlebnis vor mehr als zwanzig Jahren erinnert. Ich sah in Québec in einem Zoo einen Tiger, der in einem Käfig mit nur wenigen Quadratmetern Fläche eingesperrt war. Und dieser Tiger lief die ganze Zeit im Kreis herum. Das hat mich schockiert und dieses Bild hat sich bei mir stark eingeprägt. Der Song ist für mich auch eine Art Schwarzweiss-Bild, auf dem man etwas Vergangenes betrachtet, das es so nicht mehr gibt oder das nicht mehr in Betrieb ist.

Das Lied steht für den Stillstand, den Covid mit sich gebracht hat und immer noch mit sich bringt. Ich habe mir überlegt, was das für uns alle bedeutet – oder eben für einen Zirkus. Wenn man einen Film machen würde und zu Beginn des Lockdowns einen Schnitt gemacht hätte, dann würde sich die Situation genau so präsentieren, wie ich sie im Lied beschreibe: Eine Momentaufnahme eines Zirkus, in dem alles still steht – ausser den Clowns, die sind immer noch überall in Bewegung.

Wie hast du ganz persönlich diese Covid-Zeit erlebt?

Am Anfang bin ich unglaublich erschrocken, weil ich wusste, was das für uns bedeuten würde, und es hat mich sehr nervös gemacht. Nach einigen Monaten habe ich mich aber total dieser Ruhe hingeben können und habe zum Teil sogar begonnen, es zu geniessen, dass man nicht immer etwas tun muss. Als alles abgesagt wurde, musste man ja gezwungenermassen eine Pause einlegen. Aber ich hatte das Glück, dass ich an meinem Musikdosen-Projekt, das ich zusammen mit dem argovia philharmonic Orchester plane, weiterarbeiten konnte. Das hat mich beschäftigt, mich ein bisschen gerettet und war auch finanziell ein guter Zustupf. Diesbezüglich hatte ich wirklich Glück.

Auf dein Musikdosen-Projekt komme ich später im Gespräch nochmals zurück. Zuerst möchte ich mehr über „Intermezzo“, mein Lieblingslied auf diesem Album, erfahren. Es ist sehr sparsam instrumentiert, nur mit einer elektrischen Gitarre und hat mich deshalb ein wenig an ein anderes Lied von dir, „In Between“ aus dem Album „Stand your Ground“, erinnert, auf dem du nur von dem in der Schweiz erfundenen Musikinstrument Hang begleitet wirst.

Die Lieder sind in ihrer Instrumentierung sehr ähnlich. Ich versuche immer, wenn es irgendwie passt, pro Album ein sehr reduziertes Stück aufzunehmen.

„Intermezzo“ heisst eigentlich Einschub, Überleitung, Zwischenspiel. Für mich ist es jedoch das zentrale Stück des Albums und jenes mit dem rätselhaftesten Text. Darin kommt ein „strange kind of Jesus“ vor, der nicht jener ist, den er zu sein scheint, der von unseren Träumen Besitz ergreift, diese in Albträume verwandelt, der das Land verflucht, die Luft vergiftet, der Gefahr bringt, die sich in unseren Geist bohrt und die Herzen mit Einsamkeit durchtränkt. Er ist eigentlich das personifizierte Böse. Was war die Inspiration für dieses Lied?

Das war die Covid-Pandemie, die ja wirklich etwas Teuflisches hat. Weil es so eine einschneidende Erfahrung für uns alle war, wollte ich das Lied auf dem Album zentriert platzieren. Aber da alle den Begriff langsam nicht mehr hören wollen und können, liegt es an uns Künstlern, diese Situation in andere Worte zu übersetzen. Es ist vielleicht etwas blasphemisch, von einem Jesus zu sprechen, dessen Gebet das Gift ist, das versprüht wird, der überall ist, unsere Leben bestimmt und uns einsam macht. Für mich ist es aber zusammengefasst das, was während der Corona-Krise geschehen ist. Vor allem beim ersten Lockdown im März letzten Jahres. Da haben sich die Menschen in verschiedene Charaktere aufgesplittert: Es gab die Ängstlichen, die Verneiner, die Horter und die Helfer. Es hat mich extrem beeindruckt, weil die Menschen dabei wirklich ihren wahren Charakter gezeigt haben. So konnte der beste Freund ein absoluter Leugner und Verneiner dieses Virus sein, was ich einerseits sehr spannend fand, aber anderseits war es zum Teil sehr schockierend, zu erleben, was passiert. Ich kann mir vorstellen, dass es in einem Krieg ähnlich abgehen würde, wenn der eine den anderen verrät oder eben nicht. Im Extremfall zeigt sich, wie jemand drauf ist. Davon handelt Intermezzo. Es ist jetzt ein längeres Intermezzo geworden, als wir gehofft haben. Aber es wird ein Intermezzo bleiben. In 10 Jahren wird es vorbei sein oder zumindest anders sein, daran glaube ich.

Du hast in diesem Gespräch bereits angetönt, dass du mit deiner Kunst dein Innerstes nach aussen kehrst. In „Parachute“ singst du „There is no better moment in time / To reveal all the secrets of mine / So I am throwing some light on my invisible scar / Like a radar scans the sky for a star“. Was ist das für eine unsichtbare Wunde, auf die hier ein Licht geworfen wird?

Das sind einfach generell formuliert meine schwachen, wunden Punkte. Die kommen auch im Lied „Secret Wounds“ zum Zug oder in „Before Love Disappears“, dort geht es genaustens darum. Zum Beispiel, dass ich gerne an der Hand genommen werde und es nicht mag, ausgeschlossen zu werden, sondern gerne Teil von etwas bin. Das hat sicher mit mir als Persönlichkeit zu tun und vielleicht auch damit, wie ich aufgewachsen bin. In diesen Liedern sind ganz persönliche Themen drin. Für mich ist die Musik heilsam und ich betrachte sie als Katharsis. Jeder Mensch hat seine Probleme und Schwächen, die man entweder ernst nehmen oder ein Leben lang ignorieren kann. Ich als Künstlerin komme mit meinen Songs nicht drum herum, diese wunden Punkte zu betrachten.

In „Secret Wounds“ gibt es die Zeilen „Happiness has always been a fragile moment in time / It is never truly yours and it never will be mine / And it doesn’t have anything to do with how I feel / In my secret wounds“. Ist Glück für dich nur ein fragiler, flüchtiger Moment?

Ja, das ist tatsächlich so. Ich bin zwar oft sehr glücklich und fröhlich, aber ich weiss, dass ich die Zeit gut nutzen muss, weil diese Momente flüchtig sind. Das ist sicher bei den meisten anderen Leuten ebenfalls so, von ein paar Ausnahmen vielleicht abgesehen. Natürlich kann man etwas dazu beitragen und daran arbeiten, dass einem das Glück hold ist. Ich finde es aber nicht weiter tragisch, wenn man nicht immer glücklich ist. Ich glaube, aus dieser Melancholie ziehe ich meine Kreativität und mein Leben bleibt dadurch spannend.

Du hast in einem Interview einmal gesagt: „Wenn ich versuche, fröhliche Lieder zu schreiben, habe ich immer das Gefühl, sie seien oberflächlich. Ich bin erst zufrieden, wenn die Texte noch etwas Schwarzes haben.“ Gilt diese Aussage für dich immer noch?

Ja, das kannst du genau so abdrucken. Das ist irgendwie einfach so. Ich nehme den Leuten, die immer fröhlich sind, diese Fröhlichkeit manchmal nicht ganz ab, weil ich glaube, dass jeder eine gewisse Schwere in sich trägt. Bei mir ist das vielleicht ein bisschen ausgeprägter. Ich habe es aber auch gerne lustig. Auf alle Fälle kennt mich die Band als diejenige, welche die Sprüche klopft.

Bild: © Christian Ammann

Kommen wir noch zu deinem Live-Projekt Annakin’s Musicbox, das du zusammen mit dem argovia philharmonic Orchester realisierst. Als Kulisse für diese im November stattfindende Konzertreihe wird eine überdimensionale Musikdose dienen. Im Pressetext stand, dass du die Idee dazu in einer Novembernacht hattest. Was ist in jener Nacht geschehen? 

Ich sah im Fernsehen einen Trailer, in dem zum Schluss eine Marionette vorkam. Da hatte ich eine Art Geistesblitz und dachte sofort an eine Musikdose und daran, dass diese eigentlich eine Mini-Konzertvenue ist, die man in einer grösseren Form bauen könnte. Daraufhin habe ich ein Konzept geschrieben und gemerkt, wie genial die Idee ist. Erstens ist die Musikdose ursprünglich eine Schweizer Erfindung eines Genfer Uhrmachers, da ist also ganz viel Swissness dabei. Und zweitens lässt sie ganz viele Spielereien zu, denn die Musikdose kann nicht nur am Ende eines Songs, sondern auch mitten im Song aufhören zu spielen oder man kann sie ein Lied retour spielen lassen. Das werden wir alles im Konzert einbauen. Mein Konzept habe ich bei verschiedenen Orchestern vorgestellt und das argovia philharmonic Orchester hat zugesagt. Wir werden eine Familienkonzert-Reihe machen mit Streichquintett und Bläsertrio, weil die Idee der Musikdosen-Konzerte auch sehr kinderfreundlich ist. In diesen Konzerten werden alle Stücke von mir sein. Am 27. November gibt es zum Abschluss ein Abendkonzert für Erwachsene mit dem ganzen 40-köpfigen Orchester. Das ist ein Traum, denn musikalisch hat das eine unglaubliche Wucht. Dort spielt das Orchester zudem klassische Stücke, die ich auswählen durfte. Die Bühne inklusive Drehteller und überdimensionalem Schlüssel ist bereits gebaut. Visuals werden beim Konzert ebenfalls eine grosse Rolle spielen. Die hat Ivan Engler gemacht, der früher bereits bei Swandive dabei war. Es freut mich unglaublich, dass wir endlich wieder einmal zusammen arbeiten können. Ich bin schon jetzt sehr gespannt, wie die Konzerte ankommen werden, speziell bei den Kindern. Die sind ja oft sehr direkt und manchmal knallhart in ihren Urteilen.

Wirst du in den Familienkonzerten speziell auf die Kinder eingehen?

Ja, es gibt eine sehr dezente Erzählerrolle und eine kleine Einführung für die Kinder, die eventuell noch wichtig sein könnte und die beim Abendkonzert wegfällt. Die Songauswahl ist leicht anders als beim Abendkonzert, bei dem man auch etwas düsterere Lieder bringen kann. Ich möchte ja nicht, dass die Kinder erschrecken, wenn sie beispielsweise „White Noise“ hören.

Wie hast du die Songs für die Konzertreihe ausgewählt?

Ich wollte natürlich die Songs des neuen Albums präsentieren sowie viele Lieder aus „Flowers on the moon“, das eigentlich ein klassisches Album ist und sich für diese Konzertreihe geradezu anbietet. Ein Song wie „Venus“ mit dem ganzen Orchester spielen zu können ist grandios. Es werden auch einige ältere Stücke vorkommen. Wir haben geschaut, dass es eine schöne Mischung aus meinem 15-jährigen Annakin-Schaffen gibt.

Bei dieser Konzertreihe ist der litauische Komponist Rimas G. für die Arrangements verantwortlich, der bereits für die Alben „Orkestra“ und „Sinfonia“ von Jaël fantastische Arrangements geschrieben hat. Wie bist du auf ihn gestossen?

Als ich mit dem Dirigenten Kaspar Zehnder, der ebenfalls am Projekt interessiert war, gesprochen habe, hat er mir empfohlen, für die Arrangements Rimas G. anzufragen. Zu jenem Zeitpunkt wusste ich noch gar nicht, dass er bereits mit Jaël gearbeitet hat. Unsere Zusammenarbeit war wirklich toll. Er hatte grosses Verständnis für meine Songs und ich bin begeistert von seinen Arrangements. Neben den Arrangements für die Songs hat er auch noch Übergänge zwischen den Liedern komponiert und er hat das super gemacht.

Hast du den in Litauen lebenden Komponisten für die Zusammenarbeit auch persönlich getroffen?

Leider nicht. Das wäre sehr schön gewesen. Im Moment ist es zwar schwierig mit dem Reisen, aber ich hoffe, dass er ans grosse Konzert mit dem ganzen Orchester kommen kann. Schauen wir mal, was die Zukunft bringt.

 

Aktuelles Album:
„The Light Before Love Disappears“ (Akin Records / Phonag Records)

Live: 

Mit Annakin’s Musicbox feat. argovia philharmonic Orchester:
6. November 2021 Zofingen, Scala 11.00 Uhr
7. November 2021 Wohlen, Chappellehof 14.00 Uhr
13. November 2021 Baden, Druckerei 13.30 Uhr und 16.30 Uhr
14. November 2021 Beinwil am See, Löwensaal 11.00 Uhr
14. November 2021 Aarau, Kultur- und Kongresshaus 17.00 Uhr
27. November 2021 Aarau, Reithalle 19.30 Uhr

Im Trio:
19. März 2022 Winterthur, Kulturkoller – Läbesruum 20.00 Uhr

 

www.annakin.net/tour-2





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