Ein Leben aus Kartons

Unpacking erzählt eine ludonarrativ-entspannte Geschichte sozialer Mobilität

Nichts versprüht so sehr den Charme von Neustart wie eine neue Bleibe voller Umzugskartons. Und nichts sieht gleichzeitig derart anklagend nach einem Monat aus wie selbige unausgepackte Fracht. Unpacking erhebt die Beseitigung dieses bürgerlichen Missstandes zur Kern-Spielmechanik: RUDOLF INDERST ist daher konsequent unter die Umzugshelfer*innen gegangen und hat es nicht bereut.

Game-Designer*innen sorgen durch das Erdenken und Implementieren von Spielregeln und Spielmechaniken für die Möglichkeit zur interaktiven Auseinandersetzung seitens der Nutzer*innen mit dem Spiel. Dergestalt entsteht Gameplay und eine möglichst spannende, unterhaltsame, lustige, oder nachdenklich stimmende, jedoch nicht weniger packende wie prägende Spielerfahrung. Es ist also, um es abzukürzen, lediglich indirekt möglich für Game-Designer*innen, Spielerfahrung herzustellen. Viel eher greifen sie auf ihre Erfahrung im Beruf und u.a. ihre Zielgruppen- und Mitbewerber*innen-Analyse zurück, um Erwartungshorizonte abzustecken.

Die australischen Köpfe des Entwickler*innen-Studios Witch Beam haben mit ihrem selbsternannten „Zen Game“ etwas Erstaunliches vorgelegt. Begleitet von der entspannenden Musik des BAFTA-Gewinners Jeff van Dyck, besteht der hauptsächliche Game-Loop in der Abfolge aus „Umzugskarton auspacken und Gegenstände unterbringen“. Über mehrere Jahre hinweg begleiten wir als Spieler*innen die Versinnbildlichung sozialer Mobilität mit einem doppelten Wachstumstwist: einem buchstäblichen und einem sprichwörtlichen. 

Denn einerseits werden die aus- und einzukleidenden Immobilien – dem Genre Puzzler verpflichtet – immer größer und komplexer (da teilweise schon eingerichtet) und andererseits „wächst“ auch die unsichtbare Spielfigur in Alter und Erfahrung: Ihre Wohnverhältnisse ändern sich und die (ebenso alternden) Gegenstände, die wir immer wieder für sie platzieren, erzählen die angedeutete Geschichte ihres Lebens und dessen Wandel.  

An dieser Stelle schließt sich auch der Kreis bezüglicher meiner Game-Design-Einleitung: Auch wir haben als Einrichtende wenig Ahnung, ob unsere Art der Wohnungs- und Wohngestaltung eine „positive Lebensumwelterfahrung“ für die Bewohnenden ergibt. Wir greifen auf unsere eigenen Wohnwelten und -erfahrungen sowie unsere kollektiven Wissensbestände von Einrichtungsshows (seien es nun MTV Cribs oder Tine Wittler) zurück. 

Acht Umzüge hält das hochgradig zugängliche Unpacking für uns bereit. Achtmal stellt uns der Gewinner des Titels „Spiel des Jahres“ (Australian Game Developer Awards 2021) mitunter die großen (mitunter beziehungsgefährdenden) Fragen: Zahnpasta und -Bürste in eine Tasse oder doch nur lose auf das Waschbecken? Kann man Konsolenspiele mit Büchern im Regal guten Gewissens mischen oder dreht der innere Monk hohl angesichts dieses Gedankens? 

Dass es beim Auspacken der Kartons kein Zeitlimit gibt und die trügerische Ruhe (durch den bereits erwähnten meditativen Klangschalen-Soundtrack) eine gewisse Zeitlosigkeit suggeriert, ist so bezeichnend wie passend: Erst, wenn schließlich die, also unsere, Eltern zu Besuch in der neuen Wohnung sind und auf die noch herumstehenden Kartons (unnötig) aufmerksam machen, zerbricht der Spiegel der Illusion aufs Schäbigste. Wer jedoch erwartet, eine anarchische Wohnutopie endlich in die Tat umsetzen zu können, sei gewarnt: Das Angenehm-Warme mit Hygge-Anleihen hat seinen Preis – einfach Dinge auf dem Boden ablegen oder gar den Monitor aus dem Fenster werfen…ist nicht vorgesehen!       

    

Bereits erschienen. 

Originaltitel: Unpacking

Plattformen: PC, Xbox Series X/S, Switch

Entwickler: Witch Beam





Rudolf Inderst

*1978 in München. Lebte in Kopenhagen und verliebte sich. Doppelt promoviert, übernimmt er Verantwortung als Ressortleiter für digitale Spiele hier bei nahaufnahmen.ch. Liebt Stanislaw Lem, Hörspiele und Podcasts. Spielt Videospiele seit etwa 40 Jahren. Lehrt Game Studies (aktuell in Neu-Ulm & München), trägt gerne Bart und vertrat jüngst eine Professur für "Intermediale Ästhetik" an der Hochschule Trier.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.