Hilfe! Wer bin ich?

Die Borderline-Persönlichkeitsstörung

Rund 3 % der Bevölkerung sind betroffen. Borderliner haben Schwierigkeiten ihre Gefühle zu kontrollieren, eine stabile Beziehung zu führen und neigen zur Selbstverletzung. Aber wie kommt es dazu? Und ist Borderline heilbar?

„Wahrscheinlich liebt sie mich nicht mehr“, so denkt Max, wenn seine Freundin ihm nicht innerhalb einer Stunde auf seine Whatsapp-Nachricht antwortet. Daraufhin wird er wütend und seine Gedanken sagen ihm: „Wenn sie mich nicht mehr liebt, dann liebe ich sie auch nicht mehr. Was fällt ihr ein, mir nicht zu antworten? Hat sie sich etwa in jemand anderen verliebt?“ Als sie ihm dann Stunden später antwortet springt er auf vor Freude. Er liest ihre Nachricht und ist die glücklichste Person der Welt.

Gehen Sie mit Ihren Mitmenschen und sich selbst sorgsam und freundlich um. Bild von Kelly Sikkema

Max leidet an einer Borderline-Persönlichkeitsstörung. Die geschilderten Symptome sind typisch, jedoch nimmt jede Person, die an Borderline erkrankt ist, ihr Leiden anders wahr und die Symptome können variieren. Im Folgenden werden die allgemeinen Symptome geschildert, diese müssen nicht alle zwingend bei einem Individuum auftreten.

Falls Sie gewisse Züge an sich selbst wiedererkennen, sollten Sie sich auf keinen Fall selbst diagnostizieren. Bei einem Verdacht sollten Sie zu einer Expertin gehen und sich von dieser beraten lassen. Falls Sie genau in diesem Moment das Bedürfnisse haben, mit jemandem über Ihr psychisches Leiden zu reden, können Sie bei der Dargebotenen Hand, unter der Nummer 143, anrufen. Hier zur Website: https://www.143.ch/

Eine Erkrankung mit vielen Facetten
Betroffene leiden unter einem gestörten Selbstbild. Häufig stellen sie sich die Frage: „Wer bin ich?“ An einem Tag, an dem die Betroffene gut gelaunt unterwegs ist, würde sie sich generell als positiv eingestellte und freundliche Person beschreiben, am nächsten, wenn es ihr nicht so gut geht, als aggressiven und gereizten Menschen, der von allen gemieden wird. Dies ohne überhaupt daran zu denken, dass dies nur ein vorübergehender Zustand sein könnte. Dann wiederum wird dem Betroffenen sein Zwiespalt bewusst, was zu einer beträchtlichen Verwirrung sorgt.

Diese Unsicherheit über das Selbst hat grosse Auswirkungen im Leben wie beispielsweise bei der Berufswahl, dem Freundeskreis und der Zukunftsplanung, da sich diese ständig ändert.

Auch auf Beziehungen wirkt sich die Erkrankung stark aus. Borderliner haben Schwierigkeiten, stabile Beziehungen zu führen. Viele haben eine Störung der sozialen Kognition. Diese beinhaltet unsere soziale Wahrnehmung und wie wir Informationen bearbeiten und abspeichern. Dies kann somit häufig zu Missverständnissen oder Fehlinterpretationen führen.

Liebe schlägt um in Abneigung
Auch neigen Erkrankte zu einem so genannten „Schwarz-Weiss Denken“: In einem Moment himmeln sie den Partner an und empfinden starke Liebe und im nächsten bringen sie ihm Verachtung und Misstrauen entgegen. Dieser Sinneswandel wird nicht unbedingt von einer Streitigkeit ausgelöst, sondern kann schon bei Kleinigkeiten geschehen, wie bei einem Missverständnis, einem unpassenden Kommentar oder bei der Absage eines Treffens.

Diese plötzliche Abneigung gegenüber einer Person hängt auch damit zusammen, dass viele Borderliner unter grossen Verlustängsten leiden. Die plötzliche Abneigung dient – oft unbewusst – dazu, sich emotional von einer Person zu distanzieren. Damit schützt der Borderliner sich, um weniger verletzt zu werden, für den Fall, dass er tatsächlich verlassen würde.

Borderliner haben Schwierigkeiten, ihre Emotionen zu kontrollieren. Oftmals kann es zu Wutanfällen oder gereizter Stimmung kommen. Ein guter Tag kann schnell zu einem schlechten und dann wieder zu einem guten werden. Die Auslöser können wiederum nur Kleinigkeiten sein.

Sich wieder spüren
Viele an Borderline erkrankte Personen leiden unter einem chronischen Gefühl der Leere. Dieser Zustand kann sich so weit verstärken, dass es zu einer Dissoziation kommt. In diesem Zustand spüren Betroffene ihren Körper nicht mehr richtig und es kann sogar zu kurzzeitigen Halluzinationen kommen.

Um ihren Körper wieder spüren zu können, verletzen sich viele Borderliner selbst. Gemäss dem Ratgeber Borderline-Störung sind dies rund 80% der Betroffenen. Sehr häufig schneiden sie sich selbst. Eine weitere selbstschädigende Methode, um den Körper wieder zu spüren, ist der exzessive Konsum von Drogen.

Die Selbstverletzung kann des Weiteren auch von einem Hass gegenüber sich selbst ausgelöst werden. Viele bestrafen sich, da sie grosse Schuldgefühle haben, nachdem sie Menschen von sich weggestossen oder psychisch verletzt haben. Es ist wichtig für die betroffene Person, eine entsprechende Diagnose zu erhalten. So kann sie eine geeignete Therapie beginnen, damit sie sich selbst und andere nicht mehr verletzt.

Die Borderline Persönlichkeitsstörung, auch emotional instabile Persönlichkeitsstörung genannt, ist eine psychische Erkrankung, welche man ursprünglich dem Grenzbereich zwischen einer neurotisch und einer psychotisch bedingten Störung zugeschrieben hat. Dementsprechend wurde der Persönlichkeitsstörung auch der englische Name „Borderline“ gegeben, welcher ins Deutsche übersetzt „Grenzlinie“ bedeutet. Heutzutage weiss man, dass Borderline eine rein psychotische Störung ist.
Die psychotische Störung, auch Psychose genannt, ist ein Sammelbegriff für psychische Erkrankungen, welche eine gestörte Wahrnehmung der Realität verursachen.

Diagnostische Kriterien
Das Handbuch DSM-5 (Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders 5), wird von der American Psychiatric Association herausgegeben und beinhaltet ein Klassifikationssystem für psychische Störungen. Darin sind folgende Symptome für die Borderline-Erkrankung aufgelistet:

  • Häufige Beziehungen nach wiederkehrendem Muster: Die Bindung zu einem anderen Menschen ist instabil und zugleich intensiv, sie ist gekennzeichnet durch einen Wechsel zwischen den Extremen Idealisierung und Entwertung.
  • Verzweifeltes Bemühen, tatsächliches oder vermutetes Verlassenwerden zu vermeiden.
  • Störung der Identität: ausgeprägte und andauernde Instabilität des Selbstbildes oder der Selbstwahrnehmung.
  • Impulsivität in mindestens zwei potenziell selbstschädigenden Bereichen (z.B. Geldausgaben, Sexualität, Substanzmissbrauch, rücksichtsloses Fahren, „Essanfälle“).
  • Wiederholtes suizidales Verhalten, Suizidandeutungen oder -drohungen oder Selbstverletzungsverhalten.
  • Affektive Instabilität infolge einer ausgeprägten Reaktivität der Stimmung, z.B. hochgradige episodische Misslaunigkeit (Dysphorie), Reizbarkeit oder Angst, wobei diese Verstimmungen gewöhnlich einige Stunden und nur selten mehr als einige Tage andauern.
  • Chronische Gefühle von Leere.
  • Unangemessene, heftige Wut oder Schwierigkeiten, die Wut zu kontrollieren, z. B. häufige Wutausbrüche, andauernde Wut, wiederholte körperliche Auseinandersetzungen.
  • Vorübergehende, durch Belastungen ausgelöste paranoide Vorstellungen oder schwere dissoziative Symptome.

Fünf dieser aufgelisteten Symptome müssen bei einem Patienten vorhanden sein, um ihn mit Borderline diagnostizieren zu können. Einige der aufgelisteten Symptome überschneiden sich auch mit Symptomen anderer psychischer Erkrankungen. Durch die raschen Gemütsänderungen werden Borderliner öfters mit Bipolarer Störung fehldiagnostiziert.

Borderline kommt selten alleine, denn Erkrankte haben meistens begleitende psychische Störungen. Zu diesen gehören: Depression (diese unterscheidet sich aber von der üblichen Major Depression), ADHS, Angststörung, Essstörung, Posttraumatische Belastungsstörung und Zwangsstörung.

Ursachen
Borderline entsteht bereits in der Kindheit und erreicht ihren Höhepunkt in der Adoleszenz. Die Ursache lässt sich bei Vielen auf eine traumatische Kindheit zurückführen. Durch einen gewalttätigen Haushalt oder aber auch bei Vernachlässigung können im frühen Kindesalter Bindungsstörungen und eine gestörte Selbstwahrnehmung entstehen. Ohne stabile Beziehung zu einer Bezugsperson oder bei einer wechselhaften Beziehung kann die Wahrnehmung von Gut und Böse des Kindes durcheinanderkommen.

Heutzutage weiss man noch nicht, ob Borderline genetisch vererbbar ist, aber geht davon aus, dass Kinder von Borderlinern die Krankheit „erlernen“ können. Wenn ein Elternteil an Borderline leidet, können Verhalten wie Impulsivität und emotionale Instabilität vom Kind „nachgeahmt“ werden.

Des Weiteren entwickeln Kinder, die eine traumatische Kindheit erlebt haben, gewisse Reaktionsmuster, die sie vor dem Erlebten schützen und ihnen helfen, damit umzugehen. In späteren Lebensabschnitten zeigen sich diese Reaktionsmuster aber als kontraproduktiv, denn nicht in jeder „gefährlichen“ Situation, ist eine tatsächliche Gefährdung des Individuums vorhanden. Beispielsweise reagiert Max immer sehr aggressiv, wenn jemand ihn auf seine roten Haare anspricht, auch wenn ihm ein Kompliment dafür gemacht wird. Denn in seiner Kindheit wurde er für seine roten Haare gemobbt. Um sich solche alten Reaktionsmuster abzugewöhnen, bieten sich verschiedene Psychotherapien an.

© Fachklinikum Bernburg

Die dialektisch behaviorale Therapie
Es gibt kein spezifisches Medikament gegen Borderline. Jedoch existieren Medikamente für viele der Begleiterkrankungen, mit denen Borderliner zu kämpfen haben (z.B. Depression).

Für die Borderline-Persönlichkeitsstörung bieten sich zudem verschiedene nicht-medikamentöse Therapien an. Im Vordergrund stehen Verhaltenstherapien die speziell für Borderline-Patienten kreiert wurden.

So zum Beispiel die „Dialektisch Behaviorale Therapie“, welche von der US-amerikanischen Pysychologin Marsha M. Linehan entwickelt wurde. Hauptsächlich handelt es sich um eine kognitive Verhaltenstherapie, bei der der Patient lernt, seine Emotionen zu regulieren und sein Verhalten zu kontrollieren. Auch wird eine dialektische Betrachtungsweise antrainiert.

Sie dient der Wahrheitsfindung und ist eine Methode, um Gegensätze beispielsweise in der Gesellschaft zu beobachten und zu analysieren. Damit erlernt der Patient die Fähigkeit gegensätzliche Problemfelder zu erkennen, zu akzeptieren und aktiv an einer Lösung zu arbeiten. Wie bei anderen Therapien ist deren Erfolg nicht garantiert.

Marsha M. Linehan ist eine Professorin für Psychologie an der Universität von Washington und litt ursprünglich selber an einer Borderline Störung. Als Ärzte ihr nicht helfen konnten, beschloss sie sich selbst zu helfen und entwickelte die empirisch belegte Dialektisch Behaviorale Therapie.

Prognose
Borderline äussert sich im jungen Alter und nimmt bei zunehmendem Alter ab. Zu 6% wurde die Symptomatik bei 16-Jährigen identifiziert, bei 40-Jährigen dann nur noch zu 0.3%.

Wegen der starken Impulsivität der Patienten werden Therapien des Öfteren abgebrochen. Eine Therapie kann erst erfolgreich durchgeführt werden, wenn die Motivation vom Patienten ausgeht und er die Einsicht hat, an einer psychischen Erkrankung zu leiden. Es stellte sich ausserdem heraus, dass nur 50% der Patienten, auf die therapeutischen Verfahren ansprechen und auch viele Jahre nach der Krankheit noch immer soziale Probleme aufweisen.

Wenn ein naher Angehöriger von Ihnen an Borderline leidet und Sie nicht wissen wie Sie damit umgehen können oder wie Sie ihm helfen sollen, können Sie das Beratungsangebot von Pro Mente Sana nutzen. Es ist gratis und Sie können Kontakt zu einer psychosozialen Beraterin oder einem juristischem Berater aufnehmen.

Literatur zum Thema
Martin Bohus, Markus Reicherzer: Ratgeber Borderline-Störung, Hogrefe Verlag, Göttingen, 2012.
Ein Ratgeber der über die verschiedenen Merkmale der Borderline Störung informiert und eine Hilfestellung für Angehörige bietet. Des Weiteren liegt der Schwerpunkt auf der Dialektisch Behavioralen Therapie und es werden ihre Struktur und Arbeitsweise erklärt.

Debbie Corso: Stärker als Borderline, Verlag Herder, Freiburg, 2018 (übersetzt von Karin Beifuss).
Ein Ratgeber in welchem die Autorin darüber berichtet wie sie es geschafft hat mit ihren intensiven Emotionen umgehen zu können und von diesen nicht mehr überwältigt zu werden. Mit verschiedenen Übungen möchte sie ihren Leser/innen helfen ebenfalls stärker als ihre Erkrankung zu werden.

Im Netz

Ein informatives Youtube Video in welchem einer Borderlinerin Fragen gestellt werden und sie diese aus ihrer Perspektive beantwortet.
Ein englischsprachiges Youtube Video, dass über versteckte Borderline Symptome aufklärt.

Beitragsbild
Edvard Munch, Jugend am Meer. Munch soll an einer Borderline-Störung gelitten haben, was sich gemäss dem Kunsthistoriker Nicolay Stang u.a. auch in diesem Bild zeige.





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