Wort-Buffet (21)

Wörter und ihre Geschichten (Rückblick)

Dieser Jahresrückblick ist mittlerweile schon fast eine Tradition. Hier wollen wir auf die Beiträge unserer kleinen Rubriken Das Wort und falsche Freunde drüben bei instagram zurückblicken. Dort picken wir uns jeweils Wörter heraus, die (hoffentlich) interessante Geschichten zu erzählen haben.

Ein Ei gleicht dem anderen – aber identisch sind sie deswegen noch lange nicht.
Foto von Erol Ahmed auf Unsplash

identisch
Aus praktischen und pragmatischen Gründen werden wir mehrere Gegenstände als identisch bezeichnen, wenn wir selbst bei genauerer Untersuchung mit unseren Augen und Händen keine Unterschiede feststellen können. Diese Gegenstände würden wir als völlig gleich benennen – dies im Wissen, dass eine noch genauere Untersuchung mit einem technischen Analysegerät dann wohl doch noch Unterschiede zeigen würde.

Wir müssten schon sehr weit in die Welt des Allerkleinsten gehen, um zwei „identische“ Gegenstände als tatsächlich völlig gleich zu identifizieren – sogar gleiche Atome können sich in der Zahl ihrer Bausteine (genauer der Neutronen), unterscheiden – man spricht in diesem Fall von Isotopen.

Ob es verschiedene (konkrete) Dinge gibt, die absolut ununterscheidbar sind, ist eine umstrittene philosophische Frage. Denn selbst wenn wir sie nach noch so genauer Untersuchung nicht unterscheiden könnten, wären sie doch nicht dieselben. Die „identischen“ Gegenstände unterschieden sich in irgendeiner andern Eigenschaft, und sei es auch nur durch ihre räumliche Lage.

Das Wort identisch geht zurück auf das Lateinische idem, was „ebender, ein- und derselbe“ bedeutet. Es wurde auch noch im mittelalterlichen Latein verwendet und gelangte von dort ins Deutsche (und andere Sprachen), wie auch schon zuvor Identität aus identitas (bzw. idemptitas).

Letzeres wäre ein weiterer Begriff, der das Feld für philosophische oder neuropsychologische Betrachtungen öffnen würde. Aber belassen wir es für den Moment damit und beschränken uns auf die Sache mit der Identitätskarte: Wir bezeichnen den Besitzer, die Besitzerin eines Ausweises als „identisch“ mit der Person auf die er lautet. Nicht auszudenken, welches Chaos am Zoll entstünde, wenn dies die kontrollierende und zu kontrollierende Person philosophisch gründlich diskutieren wollten.

Was hat eine Taste mit einem Schloss zu tun? Die Verbindung ist kürzer, als man zunächst vielleicht denkt.
Foto von Luis Morera auf Unsplash

Taste & Schloss
Das Wort Taste stammt wie das dazugehörige Verb tasten vom Lateinischen taxare ab, was etwas „(prüfend) berühren“ bedeutet. Die Taste gelangte via das Italienische tasto zu uns.
Im Englischen entspricht das Wort key der deutschen Taste und bedeutet gleichzeitig „Schlüssel“ – ein Ding zum aufschliessen von Schlössern also. Aber auch im übertragenen Sinn einem Mittel zum „entschlüsseln“ des Unbekannten oder Rätselhaften (vgl. „der Schlüssel zum Erfolg“).
So ist auch der Notenschlüssel das Mittel zum Lesen der nachfolgenden Noten. In zahlreichen Sprachen wie Englisch/Französisch (clef), Spanisch (clave) aber auch Schwedisch (klav) ist die gemeinsame Herkunft vom Lateinischen clavis (Schlüssel, Schloss, Riegel) durchaus noch ersichtlich.

Das Schloss als Vorrichtung zum Verschliessen hatte im Deutschen (als althochdeutsch sloʒ) diese Bedeutung schon, bevor im 13. Jahrhundert auch eine Burg oder ein Kastell Schloss genannt wurden. Die Unterscheidung Burg – Schloss, mit letzterem als luxuriösere Ausführung, kam gegen Ende des Mittelalters auf, als die Gebäude ihre Funktion als Wehranlage immer weniger wahrnehmen konnten – dies aufgrund der ständig schlagkräftigeren Kanonen.

Kasko
Den Meisten wird das Wort wohl in Zusammenhang mit einer Versicherung geläufig sein. Die Kaskoversicherung bezahlt, wenn am Fahrzeug selbst ein Schaden entsteht, zum Beispiel bei Diebstahl oder Marderbiss.

Aber das seit dem 18. Jahrhundert belegte Fremdwort hat im Deutschen noch eine weitere Bedeutung, es bezeichnet einen Schiffsrumpf. Dies im Gegensatz zur darin enthaltenen Ladung, die Kargo genannt wird.

Kasko gelangte aus dem Spanischen casco zu uns, dessen heute vorherrschende Bedeutung ist „Helm“, aber nach wie vor auch steht casco auch für einen Schiffsrumpf.

Ursprünglich bedeutete das Spanische casco „abgebrochenes Stück, Scherbe“ und ist aus dem Verb cascar (zerbrechen) abgeleitet. Es ist seinerseits aus dem Lateinischen quassus (zerbrochen) entstanden und dieses gehört zu den Verben quassare (zerschmettern) bzw. dem etwas weniger heftigen quatere (zerschlagen, schütteln). Aus letzterem ist discutere entstanden zunächst ebenfalls mit der Bedeutung „zerschlagen, zerteilen“. In diesem Sinn wurde es dann auch auf zu erörternde Sachlagen übertragen und gelangte als discuter ins Französische und schliesslich im 17. Jahrhundert ins Deutsche.

Fiaker
Das Wort bezeichnet sowohl eine zweispännige Mietkutsche, wie auch dessen Fahrer. Es stammt aus dem gleichbedeutenden Französischen fiacre.

Die ersten Lohnkutschen warteten im Paris des 17. Jahrhundert auf Kundschaft. Dies vor dem Gasthaus „à Saint-Fiacre“, dessen Schild den heiligen Fiacrius zeigte. Vom Haus an der Ruelle Saint-Fiacre ging der Name auf die Kutschen über, so zumindest eine verbreitete Erklärung.

Fiaker am Michaelerplatz in Wien
Quelle; wiki-commons, User: Isiwal

Das Französische fiacre verbreitete sich mit dem Gefährt im Deutschen Sprachgebiet. Auch in den Österreichisch-Ungarischen Gebieten Kroatien und Tschechien wurde es eingeführt und wird dort auch heute noch verwendet.

Das Wort Fiaker wurde aus vielen deutschsprachigen Gebieten wieder verdrängt und wird heute nur noch in Österreich und Bayern verwendet. An die Stelle von Fiaker trat die Droschke, die vom Russischen дрожки („drožki“) abstammt. Das Wort bezeichnete einen bequemen Pferdewagen oder Schlitten, der der Oberschicht vorbehalten war.

Ungefähr gleichzeitig wie die Fiaker zu ihrem Namen kamen, wurde Fiacrius zum Schutzheiligen der Kutscher erkoren. Dieser Fiacrius war ein irischer Mönch, der im 7. Jahrhundert nach Frankreich reiste, um dort als Einsiedler zu leben. Zu seinem Leben ist zwar einiges überliefert, doch die Quellen sind sich nicht einig. War er Sohn eines schottischen Königs und hat die Krone abgelehnt, um Mönch zu werden?

Zahl
Die Geschichte und Entwicklung des Menschen wäre undenkbar ohne seine Fähigkeit zu zählen. Worte für Zahlen dürften zunächst für die kleineren Zahlen wie 1 und 2 entstanden sein und danach solche bis 10 – viele Völker der Erde benutzten zunächst ihre Finger, um zu zählen.

Das heutige Wort für das Konstrukt Zahl können wir schriftlich bis zum Althochdeutschen zala zurückverfolgen. Neben der gegenwärtige Bedeutung, konnte zala auch „Anzahl“, „Aufzählung“ oder „Bericht“ bedeuten.

Wer weiter zurückblickt in die Geschichte, verlässt den sicheren Grund der schriftlichen Überlieferung. Als wahrscheinlicher Ursprung für Zahl und zählen gilt eine indogermanische Wurzel, die „spalten, kerben, schnitzen“ bedeutet haben könnte. Dies gilt als Hinweis darauf, dass Zahlen ursprünglich als Kerben in Hölzern oder Ritzen im noch feuchten Lehm festgehalten wurden.

Kerbhölzer waren noch bis ins 19. Jahrhundert gebräuchlich, um zum Beispiel Löhne, Schulden oder Steuern aufzuzeichnen.

zählen und erzählen sind, wie auf den ersten Blick ersichtlich, miteinander verwandte Wörter – entsprechendes gilt natürlich auch für die Substantive Zahl und Erzählung. Als Ursprung für beide dürfte ein einziges urgermanische Wort gelten. Dieses könnte wie „talo“ geklungen haben. Nachfahren dieses Wortes finden wir zum Beispiel im Englischen tale [Erzählung, Geschichte], im Schwedischen tal [Zahl, Nummer, Rede, Sprache], im Niederländischen tal [(An)zahl, Nummer].

Auch in Lateinischen Sprachen gibt es die Verwandtschaft von zählen und erzählen. So bedeutet das Spanische contar beides, im Französischen ist die Ähnlichkeit von compter [zählen] und (ra)conter [erzählen] ebenfalls offenkundig.

Pfeil(er) & Batterie
Pfeiler und Pfeil stammen von verschiedenen lateinischen Wörtern ab. Bei den Römern hiess pila Pfeiler und pilum (Plural: „pila“) bezeichnete einen Wurfspeer.
Das Lateinische pila hatte noch weitere Bedeutungen: zum Beispiel Kugel/Kügelchen bzw. Ball. Daraus entwickelte sich u.a. das auch noch heute verwendete Wort Pille (eigentlich eine pharmazeutische Spezialität in Kugelform).
Das Französische pile und das Italienische pila für Batterie gehen auf die Bedeutung „Stapel“ dieses Wortes zurück. Dies weil einzelne Batteriezellen zu grösseren und damit leistungsstärkeren Einheiten aufeinander gestapelt werden können. Besonders gut sichtbar, ist dies an der ersten Batterie der Neuzeit überhaupt, der 1799 von Alessandro Volta entworfenen „Voltasäule“.

Das Wort Batterie hat aber eine Vielzahl weiterer Bedeutungen. Nicht nur im Deutschen, wo es eine grössere militärische Einheit bezeichnen kann oder allgemein eine grosse Anzahl von etwas Gleichartigem. So ist es zum Beispiel in den Wörtern „Legebatterie“ oder „Batteriehuhn“ enthalten und nimmt Bezug auf die in endlos scheinenden Reihen eingepferchter Hühner in der industriellen Landwirtschaft.
Auf Französisch, Italienisch und Spanisch haben batterie/bateria/batteria ebenfalls mehrere Bedeutungen: Die oben genannten deutschen gehören ebenso dazu wie auch das Schlagzeug, das mit dem entsprechenden Verb battre/battere/batir also „schlagen“ in Verbindung steht.

Voltasäule im Museum
Bild: Luigi Chiesa, wiki-commons

Fenster
So ein Fenster ist zwar praktisch: es lässt Licht und frische Luft ins Haus. Aber gleichzeitig bereitet es auch ein handfestes Problem: Damit es an kühleren Tagen drinnen nicht bald ungemütlich wird, muss man es dicht machen. Dazu benutzte man zunächst Holz oder Fell, später Pergament oder Stoff. Vor allem in Asien wurde auch Papier verwendet.

Zwar gab es schon bei den Römern erste Fenster mit Glas, dies zeigen Funde aus Pompeji. Doch dessen Herstellung war dermassen aufwändig und teuer, dass sich gläserne Fenster erst über die Jahrhunderte verbreiten konnten. Nördlich der Alpen zunächst im Kirchenbau, in grösserem Stil aber erst bei romanischen und schliesslich bei gotischen Kirchen. Die damals höchst kunstvoll gefertigten Bleiglasfenster erstaunen selbst heutige Betrachter.

Zudem fand Glas auch Einzug in die Fenster der Häuser der Oberschicht. Erst durch die industrielle Glasproduktion des 17. Jahrhunderts wurde Glas vom Luxus- zum Konsumgut und damit erschwinglich für die breite Bevölkerung.

Das Englische window oder das Dänische vindue gehen auf das Altnordische vindauga zurück. Dieses setzt sich aus vindr (Wind) und auga (Auge) zusammen und zeigt, was Fenster in früher Zeit waren: kleine, oft runde und damit „augenförmige“ Löcher durch die der Wind hineinblies – bzw. in erster Linie Rauchabzüge.

Doch vielleicht war es nicht die Form, sondern die Funktion des Fensters, die dieses mit den Augen in Verbindung brachte. Durch die Fenster blickt der Mensch nach draussen, das Haus „sieht“ also mit den Fenstern. Die Verwandtschaft der beiden Wörter zeigt sich besonders in den slawischen Sprachen, so heisst Auge auf Tschechisch oko und Fenster okno.

In vielen anderen Sprachen aber, haben Fenster nichts mit Augen gemeinsam. Jedoch viel mit dem Lateinischen fenestra: Französisch (fenêtre), Italienisch (finestra), Niederländisch (venster) oder Schwedisch (fönster). Grund dafür: Mit den Römern kamen auch richtige Fenster ins nördliche Europa und mit ihnen eine neues Wort, das übernommen und eingebürgert wurde.

Im Portugiesischen hingegen heisst das Fenster janela. Es stammt vom Lateinischen januella, einer Verkleinerungsform von janua, was „Haustür, Zugang“ bedeutet.

Rund ums Wohnen
Wer eine europäische Sprache lernt, erlebt vielleicht Überraschungen bei den Bezeichnungen rund ums Haus und ums Wohnen.Da wäre zum Beispiel das Dach. Es stammt wie das Verb decken von einem gemeinsamen Vorfahren einer Indogermanischen Ursprache ab. Von diesem Vorfahren stammen auch die Griechischen und Lateinischen Begriffe für decken und Dach ab: φτιάχνω [(Dach) decken] und στέγη (Dach) bzw. tegere [decken] und tectum [Dach] ab. Von letzterem stammt auch das Wort Ziegel ab. Es ist wohl via das Niederländische tegel ins Deutsche gekommen. Das Englische thatch ist heute nur noch dem Schilf- bzw. Strohdach vorbehalten, alle anderen Dächer werden als roof bezeichnet.

Auch die Geschichte des Wortes Flur ist interessant. Ursprünglich bedeutete es „festgestampfter Boden (im Haus)“. Belegt ist zum Beispiel im Mittelhochdeutschen vluor. Verwandtschaft findet sich im Englischen floor und im Niederländischen vloer. Im Deutschen haben sich verschiedene Bedeutungen entwickelt. Einerseits bezeichnet Flur den Eingangsbereich einer Wohnung, andererseits das unbewaldete Land. Letzteres wird v.a. noch in der Wendung „Wald und Flur“ verwendet.

Das Spanische piso für Stockwerk bzw. Wohnung dürfte vom Lateinischen pinsere (stampfen, zerstossen) abstammen. Auch hier dürfte (wie beim Flur) der festgestampfte Erdboden in alten Häusern zu Grunde liegen.

Das italienische Wort appartamento ist der Ursprung für die im Englischen, Französischen und Spanischen gebräuchlichen Abkommen. Selber wurde es vom Verb appartare (abteilen, zur Seite legen) abgeleitet und stammt vom Lateinischen a parte (zur Seite) ab. Übrigens geht auch das Wort Partei auf diesen Ursprung zurück.

Libelle
Über 6000 verschiedene Arten finden sich in der Ordnung der Libellen. Sie sind wahre Flugkünstler, auch weil sie die beiden Flügelpaare unabhängig voneinander bewegen können.

Libellen verbringen den grössten Teil ihres Lebens aber nicht in der Luft, sondern als Larven im Wasser: Je nach Art ein paar Monate bis mehrere Jahre. Nach dem Schlüpfen sind den Insekten nur noch wenige Wochen vergönnt.

In Fossilien wurden Libellen entdeckt, die bis zu 72 cm Flügelspannweite aufweisen. Diese Riesenlibellen lebten vor etwa 300 Millionen Jahren.

Im 18. Jahrhundert wurde von Biologen der wissenschaftliche Begriff libella eingeführt. Er stammt aus dem Lateinischen und ist die Verkleinerungsform von libra, was „Waage“ bzw. „Wasserwaage“ bedeutet.

Man könnte meinen, Libellen heissen so, weil sie waagrecht in der Luft schweben können. Wie es scheint, ist die Geschichte komplizierter: Der französische Naturforscher Guillaume Rondelet benannte in den 1550er Jahren eine von ihm beschriebene Insekten-Larve „libella fluviatilis”(„Flusslibelle”). Dies weil sie ihn an ein Tier namens „libella marina” („Meereslibelle”) erinnerte. Dabei handelte es sich um einen Hammerhai, der bereits rund 100 Jahre zuvor vom Naturforscher Theodorus Gaza beschrieben und (lateinisch) „libella” benannt wurde. Dies weil das Tier von seiner T-Form her einer damals üblichen Wasserwaage ähnelte.
Ob den Forschern des 16. und 17. Jahrhunderts bekannt war, dass aus den Larven später die fliegenden, ausgewachsenen Insekten schlüpfen, ist nicht klar. Zumindest haben sie es nicht schriftlich festgehalten.
Dass der Begriff Libelle sich durchsetzten konnte, liegt wohl daran, dass im deutschen Sprachraum zuvor hunderte verschiedener Bezeichnungen im Umlauf waren. Oft sehr unspezifische Wörter, die auch andere Dinge bezeichneten. Interessant hierbei ist eventuell der „Augenstecher“. Nicht auszuschliessen, dass die adulten Libellen aufgrund ihrer Erscheinung an die medizinischen Geräte zum Stechen des Grauen Stars erinnerten.

Das war der Rückblick auf den Jahrgang ’21. Wir hoffen, dass es auch einen 22er geben wird mit mindestens ebenso erstaunlichen Geschichten um Wörter und Sprachen.





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