Personale Identität

Die Frage nach dem Ich

Von Christoph Andreas Schmassmann

Der folgende Essay setzt sich mit der Frage nach der Konsistenz des menschlichen Ichs auseinander. Wie werden wir zu einem personalen Ich, das eine Identität einschliesst, die den mehr oder weniger zufälligen und stets kontingenten Wandel der Dinge in der Zeit überdauern kann? Und wie lässt sich diese in einem dem Erleben nach prozesshaften Wesen fassen, ohne in einer Statik befangen zu bleiben, die so dem Phänomen weder gerecht wird, noch vor dem Hintergrund unserer persönlichen Erfahrungen mit ihm zu halten ist? 

Es gilt zunächst kurz zwei in ihrer Wirkungsmacht und Diskursfähigkeit historisch einmalige Positionen, die sich zu dieser Frage stellen, heranziehen, um sie im weiteren gegeneinander abzuwägen, hinterfragen und schliesslich erweitern zu können. 

Da besteht zunächst Descartes rationalistischer Ansatz. Seiner Ansicht nach, die die morderne Erkenntnistheorie begründen sollte, widersteht allein das Ich allen Zweifeln, wie er es in dem berühmt gewordenen Satz verdichtet auf den Punkt bringt: „Cogito ergo sum“. In seinen Meditationen leitet er her, wie ein wie immer auch geartetes Ich letztlich an allem zweifeln kann bis hin zu seinem Dasein als körperlichem Wesen und an der gesamten Umwelt, wie sie sich diesem präsentiert. Dies lässt sich nach Descartes in ihrem ganzen Ausmass in Frage stellen. Allein was bleibt ist das Ich, das denkt, das diese auffasst und interpretiert. Somit hat man das Ich – die personale Identität – auf der sicheren Seite, ihm allein kann man sich sicher sein. Es hat dadurch eine Form des Festen und Stabilen angenommen, jedoch erscheint es auch als etwas Statisches – der Wandlung und steten Verwandlung entzogen.

Humes empiristischer Sichtweise zufolge ist diese Vorstellung nicht haltbar. Das Ich besteht in seiner Auslegung lediglich aus mehr oder weniger zufälligen Vorstellungsbündeln, was sich aus der Erfahrung schliessen lässt, dass dieses sich niemals ohne Perzeption antrifft. „Es denkt“ in einem. Hume stellt somit das Ich in seiner festen, unbezweifelbaren Form ganz grundsätzlich in Frage. Niemals treffe ich mich als denselben an. Es scheint das Ich in einem stetem, zuletzt auch unzusammenhängenden Wandel zu sein. Dadurch gewinnt es etwas Traumhaftes, Diffuses und kaum Fassbares.

Demgegenüber wiederum unterscheidet John Lockes Ansatz in einer Art Synthese wesentlich die Begriffe von Mensch und Person. Den Menschen als körperliches Wesen, welches sich in seiner Umwelt wahrnimmt, die Person – im hier skizzierten Verständnis das Ich – als dessen Träger, welche sich seiner selbst bewusst ist. Seine vorerst pragmatische Lösung im Vergleich zu den anfangs dargestellten und leicht abstrakt anmutenden Ansichten der beiden in ihrer Radikalität einander in nichts nachstehenden Vertreter des Rationalismus (Descartes) und des Empirismus (Hume) soll in der Folge nachgezeichnet werden.

Selbstbewusstsein und Gedächtnisspuren

Lockes Ich-Konzept zufolge existiert der Mensch zunächst als körperliches Wesen. Doch dieses wandelt sich, seine Zellen erneuern sich innerhalb des Zeitraums von sieben Jahren (mit Ausnahme der Stamm- und Gehirnzellen). Dennoch wohnt ihm aber dieselbe Person inne. Womit wir in einem ersten Teilschritt schliesslich beim eigentlichen Thema angelangt wären: Dem Ich als personaler Identität. Zwei Aspekt gilt es in diesem Zusammenhang anzuführen und miteinander kurzzuschliessen: Das Bewusstsein und das Gedächtnis. Sie sind unabdingbar um einer Person im Sinne Lockes eine konstante Identität zu verleihen. Das Bewusstsein seiner selbst stellt in diesem Sinne die erste Bedingung dar. Nach Locke bezeichnet das Wort „Person“ ein denkendes, verständiges Wesen, das Vernunft und Überlegung besitzt und – ganz wichtig – „sich selbst als sich selbst betrachten kann“. Das heisst, es erfasst sich als dasselbe Ding, das zu verschiedenen Zeiten und an verschiedenen Orten denkt. Durch diesen Umstand wird die personale Identität gestiftet, dass ich mich als Ich wahrnehme, ich mir meiner selbst bewusst werden kann. Wenn man etwas sieht, hört, riecht, schmeckt, fühlt, überlegt oder will, so ist man sich dessen bewusst, dass man dies tut. Das Ich weiss gewissermassen von sich selbst. Das gilt jederzeit hinsichtlich gegenwärtiger und vergangener Sensationen und Wahrnehmungen; jedes menschliche Wesen wird dadurch für sich in diesem Prozess selbst zu dem, was er sein eigenes Ich nennt. Denn da das Bewusstsein meiner selbst das Denken stets begleitet und jeden zu dem macht, was er sein Selbst nennt und wodurch er sich von allen anderen denkenden Wesen unterscheidet, so besteht hierin auch und gerade die Identität einer Person – seine Unteilbarkeit. Das heisst nach Locke auch ein Sich-Selbst-Gleich-Bleiben eines vernünftigen Wesens.

Überleitung – Liminaler Passus 

Wir brauchen also für diesen Ansatz ein in sich geschlossenes Selbstbewusstsein, um das Ich greifbar machen zu können. Des Weiteren müssen wir, um uns als die gleiche Person wie vor einem Jahr wahrzunehmen, ein Form von Gedächtnis an uns selbst besitzen, welches man auch als ein Effekt eines sich diachron gleichbleibendes Bewusstsein beschreiben kann. Dass man im Verlaufe seines Lebens auch vieles (vielleicht auch ganz Entscheidendes) wieder vergisst, spielt für diesen Gedankengang zunächst eine untergeordnete Rolle. Es schränkt ihn lediglich ein. Denn soweit dieses Bewusstsein von sich selbst aus rückwärts auf vergangene Taten oder Gedanken ausgedehnt werden kann, soweit reicht die Identität der Person. So ist man jetzt dasselbe Selbst wie damals; jene Handlungen und Gedanken, insofern man sich an sie erinnert, wurden von demselben Selbst ausgeführt, das zu einem späteren Zeitpunkt darüber nachdenkt – sich erinnert. Somit sind für diese Konzeption einer personalen Identität hauptsächlich die einschneidenden, prägenden und dauerhaft erinnerbaren Erlebnisse von Bedeutung. Sie prägen sich in unserem Gedächtnis  ein, wodurch wir uns allererst mit uns selbst identifizieren können. Sie sind sozusagen identitätsstiftend. Gewisse Ereignisse verblassen, gewisse vergisst man. Andere prägen sich bis zum Ende eines Lebens ein. Das Ich einer Person kann sich somit aufgrund der wechselnden erinnerten Erlebnisse, mit denen es sich identifiziert, stetig verändern und sich mit neuen Erinnerungen anreichern. 

Es ist also weder etwas Festes und in sich Statisches (wie bei Descartes), sondern es bleibt auch immer etwas dem Wandel der Zeit Unterworfenes und somit Dynamisches – noch kann es völlig aufgelöst werden (wie dies Hume tut), da die Erinnerung und das Bewusstsein seiner selbst es gewissermassen zusammenhalten. Somit lässt sich also etwas Greifbares festmachen: In der Identität des Bewusstseins, d.h. in allem, was ich mir meiner selbst über mich bewusst machen kann samt allen Erinnerungen an mich selbst, liegt die Identität einer Person (ihr Sich-Selber-Gleich-Bleiben) verborgen. Wie erwähnt spielt es hierzu keine Rolle, ob der Körper, der jene trägt, derselbe bleibt. Solange in dem sich wandelnden Körper dasselbe Bewusstsein seine Taten und Gedanken als Erinnerungsspuren reproduzieren, um- und überschreiben kann, ist es dieselbe Person, dasselbe sich gleichsam wandelnde Ich.

Performative Akte und prekäre Selbstkonstitution

Soweit gilt es nun eine sich stets in die Vergangenheit zurück entwerfende Person mit einem sich immer auch neu in die Zukunft konstituierenden Ich zu kontrastieren. So bleibt dieses Ich in der Zeit ein stets sich neu hervorbringender Komplex von Erinnerungen und Erfahrungen, wobei es nun in einem nächsten Schritt den Begriff der Performativität jenes Ichs weiterzuentwickeln gilt. Dieses erweist sich so als ein stetiger performativer Prozess, indem sich jenes Ich stets von Neuem hervorbringen muss, um zu sein und zu werden – als Seiendes respektive Werdendes denkbar bleiben zu können. Der Begriff der Performativität erweist sich hierbei als Schlüssel zu einer erweiterten Konzeption jenes Ichs. John L. Austin prägte in den 50er Jahren mit dem Neologismus des Performativen zunächst die Sprachwissenschaft und erweiterte deren Dimensionen insofern, als dass Sprache nun auch neben ihrer primär konstativen Funktion auch Handlungscharakter zukommt. Entscheidend ist hierbei die performative Kraft der Sprache ihre Umgebung einerseits zu beeinflussen, andererseits auch nachhaltig zu verändern. Mit Judith Butler gelangte der Begriff in den 90er Jahren schliesslich in die kulturwissenschaftliche Debatte (mit der Verschiebung im Verständnis von Kultur als Text hin zu der Entdeckung der performativen Kräfte, die in ihr spielen) mit der Erweiterung seines Bedeutungsspielraumes auf körperliche Handlungen im Allgemeinen in deren Rolle bei der Konstituierung von (geschlechtlicher) Identität, die sich in ihnen nicht einfach ausdrückt, sondern allererst vollzieht. Wichtige und ganz zentrale Merkmale bzw. Eigenschaften performativer Akte sind hierbei, dass sie selbstreferentiell (indem sie das bedeuten, was sie tun) und wirklichkeitskonstituierend (indem sie die soziale Wirklichkeit allererst herstellen, die sie vollziehen) sind. Des weiteren können sie Dynamiken in Gang setzen, die dazu führen können, dass dichotomische begriffliche Schemata destabilisiert oder sogar zum Kollabieren gebracht werden. Die ambivalente Bedeutung, die bei Butler performativen Akten (Sprechakten wie körperlichen Handlungen) zukommt, besteht einerseits darin, dass sich in ihnen –  verstanden als einer Bestärkung bzw. Festigung der Konvention, die damit in ihrer Permanenz einen Anschein des Natürlichen gewinnt – der Ausdruck der Macht und gleichzeitig deren Verschleierung vollziehen. Andererseits stellt sich deren subversive Komponente durch ihre Eröffnung der Kontingenz und die Erfahrung ihrer letztlichen Unverfügbarkeit heraus. Dieser Aspekt ist hier zunächst einmal als Essenz für die Entwicklung eines Ichs und seiner personalen Identität zentral.

Selbstreferentielle Akte und Wirklichkeits-Konstitution

Hier gilt es nun auf das (mitunter postdramatische) Theater und die Verwendung des Begriffs der Performativität in den Theaterwissenschaften und Performance Studies zu sprechen zu kommen, die ihre eigene Akzentuierung des Begriffs (gerade im Hinblick auf theatrale Handlungen eines wie auch immer gearteten Ichs) vornimmt und somit wieder zurück auf dessen Bedeutung in den Kulturwissenschaften wirkt, so dass in der interdisziplinären Debatte (trotz der unterschiedlichen Perspektiven und der daraus resultierenden Auseinandersetzungen) Ansätze und Erkenntnisse füreinander fruchtbar werden. Das Ich als personale Identität und als Form einer sozialen Rolle geraten in diesem Zusammenhang in den Blickpunkt.

Wichtige Inputs bezüglich des Begriffs der Performativität erhielt die Theaterwissenschaft durch Inszenierungen ab den 70er Jahren, mit denen sie sich konfrontiert und zur Auseinandersetzung gezwungen sah. Diese Form des Theaters erhielt (im Nachhinein) die Bezeichnung postdramatisches Theater, da sie sich von dem Primat des Textes lossagte und nicht mehr das Drama als Ausgangspunkt ihrer Arbeit nahm und stattdessen sich an den dem Theater eignen Mittel (Körper, Stimme, Raum und Zeit als solche) orientierte. Es ist in diesem Sinne in hohem Masse selbstreflexiv und vollzog die Bewegung von der Repräsentation einer (wie auch immer gearteten, aber schliesslich) aussertheatralen Wirklichkeit hin zu der Präsenz seiner selbst. Bezeichnend sind dann auch die Mittel, in denen es sich Ausdruck verschafft: Simultanität, Addition und Montage, worin es sich vom dialogischen (sukzessiven) – in der Dekonstruktion der dramatischen Konstituenten und der Desartikulation einzelner Zeichensysteme und ihres konventionellen Zusammenspiels –  hin zum diskursiven Austausch übergreifender Rhythmen und assoziativen Felder bewegt.

In seiner Uneindeutigkeit und Polyvalenz und den damit verbundenen Schwierigkeiten der Sinnfindung verweist es letztendlich auf das dezentrierte Subjekt (einem stets prekären Ich-Status innerhalb kultureller Prozesse) und führt  den Zuschauer immer wieder an die Grenzen seiner intendierten Wahrnehmungs- und Verstehensleistungen heran und macht damit letztere zu seinem eigentlichen Thema. Somit trägt es (auch mit seiner Aufwerfung von Wahrnehmungsweisen, die den Alltag neu bestimmen und Phänomene als kontingent ausweisen, womit es in seiner künstlerischen Praxis ein Reflexion veränderter gesellschaftlicher Wahrnehmungs- und Verhaltensformen bezeugt) in entscheidendem Masse zur Verwischung der Grenzen zwischen Kunst und Leben bei. Das Ich wird hierbei als ein in seiner Präsenz letztlich unverfügbares Phänomen entworfen, das sich stets von neuem in die Zukunft entwerfen muss, aber nach ganz bestimmten Rollenmustern einer Gesellschaft, die sich ihm aufdrängt in Form von politischen und sozialen Normen, zu denen es sich zu verhalten gezwungen sieht.

Generierung eines Selbst und Grenzerfahrungen

Zwei Gesichtspunkte sind nun für jenes sich selbst stets von neuem inszenierende und selbst konstituierende Ich wichtig, welches sich mit dem Verhältnis von Performativität und Semiotizität (als Zeichenprozessen und der Emergenz von Bedeutung) und dem Begriff der Liminalität auch und gerade von an sich theatralen Ereignissen umreissen lässt, deren Bedeutung sich schliesslich auch auf Formen der Selbstinszenierung im Allgemeinen ausweiten lässt. Für beide genannten Felder der Performanz und der Semiose jenes Ichs ist die Ko-Präsenz von Darsteller und Zuschauer sowie der Aufführungsbegriff an sich zentral. Für erstere gilt es festzuhalten, dass jenes Ich nicht länger anderswo gegebene Bedeutung (etwa aus einem vorgegebenen Text) generiert, sondern (in seiner spezifischen Performativität) Bedeutungen allererst hervorbringen. Das Ich als Zeichen(-träger) in seiner semiotischen Funktion (seinem abstrakten Als-Ob, seiner Referenz in der Repräsentation) und seiner performativen Kraft (seinem konkreten So-Sein im Vollzug, dem Selbstreferentiellen in der Präsenz) schaffen dabei neue kontingente Wirklichkeiten und Bedeutungen. Auf der Ebene der Rezeption läuft dies schliesslich auf ein ständiges Wechseln zwischen den beiden Ebenen (der Präsenz und der Repräsentation) hinaus, die interferieren, sich beeinflussen und letztendlich auch niemals klar zu trennen sein werden.

In diesem Sinne ist dieser Aspekt in seinem Zwischen-Zustand eng mit dem der Liminalität verknüpft. Diese Vorstellung der Generierung einer personalen Identität wurde mit der performativen Wende (performative turn) in die Wissenschaft im Allgemeinen getragen, wobei in einer Art kreativem Akt aus den  interagierenden diskursiven Feldern, die sich entfalten, neue Möglichkeiten entstehen, ein Selbst zu entfalten. Der zweite für unser Ich wichtige Gesichtspunkt der Liminalität von Aufführungen, der diese als (dem Ritual verwandte) Schwellenerfahrungen begreift, in denen Transformationen der Beteiligten stattfinden (worin sich deren performative Kraft ausweist), gibt letztlich auch Anlass dazu, die Grenzen zwischen Kunst und Leben zu thematisieren. Durch institutionell (aber auch individuell) gesetzte Rahmenkonzepte lassen sich diese zwar (immer wieder neu) ziehen, tendieren letztendlich aber dazu (wie auch im postdramatischen Theater) sich ständig zu verschieben und fliessend zu werden.

Verhältnisse des Ichs und deren Kontingenz

So bleiben sowohl Theater-Kunst, die (je nach Konzept) nach wie vor unter dem Einfluss des Dramas steht (etwa wenn klassische Texte als Material zwar radikal auf ihre Gegenwartstauglichkeit hin befragt werden, aber auf neue Weise an Handlungs- und Figurenkonzepte gebunden sind), als auch jener prekäre Ich-Status an Prozesse gebunden, die grundsätzlich mit Texten und vorgegebenen Skripts operieren. Es gilt also deren Verhältnis zur Performativität – nach der Welle und dem Einfluss des postdramatischen Theaters bzw. im Zuge des performativ turn – zu fokussieren, insofern dieses neu bestimmt werden muss, ohne hier abschliessend diskutiert werden zu können. Die Generierung von Wissen über jenes Selbst anhand von jenem an Konventionen gebundenen Ich-Entwurf ist hierbei der zentrale Impulsgeber. So kann neu von einem Feld, das sich durch zwei methodisch unterschiedliche Zugänge eröffnet, gesprochen werden, wobei der eine sich nach wie vor am Text (text-centred approach) und der andere sich am Aufführungskonzept (performance-centered approach) orientiert. Es kann ganz im Allgemeinen eine Verschiebung in Richtung letzterem beobachtet werden, wobei der Text seine Dominanz zwar einbüssen wird, aber nach wie vor in der Ausbildung eines Ichs präsent bleiben wird: “Performance Paradigm (…) decenters without discarding texts.” So kann etwa ein Text im Austausch mit anderen Medien auf seine spezifisch performativen Qualitäten (sein performatives Potential) im Hinblick auf die Ausbildung jenes hier zur Debatte stehenden Ichs befragt und in neuer Weise fruchtbar gemacht werden. Gerade die Kunst (und ihre subversive Komponente) erweist sich hier als Schlüssel zu der je individuellen Konstituierung eines möglichen Ichs. Auch jene muss sich die Frage nach dem Verhältnis von Ich-Text (seiner Erinnerung und Selbstbewusstsein) seiner je einmaligen Inszenierung im je situativen diskursiven Kontext neu stellen. So werden nicht mehr in einem Text vorgängig enthaltene Bedeutungen transportiert, sondern der Text dient als Rohmaterial, das insofern Bedeutung erlangt, als in ihm Sprache in ihrer je spezifischen performativen Kraft zur Geltung kommt und ihren Ausdruck findet.

Selbst-Suche und Ich-Findung

In diesem Vollzug wird das in sich selbst zerfallende, sich aber stets wieder neu generierende Ich aufgeladen mit und umgewandelt in einer Aufführungspraxis seiner selbst, in der performativer Kräfte wirken, die einerseits mit Konventionen arbeiten (ebenso wie sie diese freilich unterlaufen werden können). Dem gilt es anzufügen, dass dieses Ich (oder dessen Inszenierung) gleichzeitig, indem es in diesem Prozess nicht nur einen gegebenen Text und sein ihm vorgegebenes Skript, sondern auch aus sozialen, gesellschaftlichen, politischen, künstlerisch(-theatral)en Bedeutungsfelder usw. zitiert, neue Kontexte (für jeden dieser einzelnen Komponenten) stiftet, in denen Bedeutung emergiert, indem Zeichen und Äusserungen (und die in ihnen durch ihre Iterabilität in unendlicher Vielfalt enthaltenen Bedeutungen) zu neuen Kombinationen gebracht werden können, wodurch sie sich in ihrer Bedeutung gegenseitig determinieren, ohne dass dies freilich jemals auf Eindeutigkeit hinauslaufen kann. (Auf die Bedeutung, die das Performative bei der Semiose spielt, ist hier bereits hingewiesen worden.) Als Inszenierung jenes Ichs wird diese dann wiederum qua Erinnerung an sich selbst zitierbar. Die Aufführung oder das In-Szene-Setzen jenes Ichs erhält dabei Bedeutung über (wieder-)erkennbare soziale Konventionen („in enacting [zitierbare] behavioral regimes“ im Sinne Butlers), die letztlich jenes performativ sich entfaltende  Text-Ich in seiner ganzen Bedeutungsvielfalt wiederum determinieren, aber auch allererst freisetzen. Das Ich muss sich stets von neuem in jene Differenzen zwischen den zitierten Kontexten einschreiben: „ (…) writing is given its significance in performance by the range of its possible uses, by the various social (…) conventions that transform it from language into action, behaviour.“ Soziales Verhalten zum je einmaligen und situativ sich entfaltenden, kulturellen Kontext und ein wie auch immer geartetes letztlich sollipsistisches Verhalten jenes hier entworfenen Ichs zu sich selber begründen dann auch jenen Status, dem das verloren geglaubte Subjekt noch gewiss sein kann. Reichlich wenig, aber in einem hier verfolgten Ansatz doch immer noch als möglicher Ich-Entwurf sich gestaltende Prozess, der je wieder neu zu unternehmenden Selbstfindung.

 

 

 

 





Christoph Schmassmann

Hat Literatur und Philosophie an der Universität Basel und Theater an der Universität in Bern studiert - zur Zeit ist er als Lehrperson für Deutsch und Philosophie tätig und verfasst regelmässig Beiträge für verschiedene Magazine und das Radio. Daneben verfolgt er eigene Kunstprojekte und hat Theaterstücke, lyrische Texte und Hörspiele veröffentlicht.

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