„Schaut auf diese Stadt!“ (E. Reuter)

In Townscaper schaffen wir Platz für Möwen und Wäscheleinen

Ist Townscaper ein Spiel oder ein Spielzeug? Eine strittige Frage, die nicht zum ersten Mal gestellt wird.

Wer sich ein wenig in der Geschichte digitaler Spiele auskennt, der/dem wird die Diskussion rund um The Sims wieder in den Sinn kommen: Ist das ein Spiel? Oder ein Spielzeug? Dass eine geradezu pathologische Sucht nach Schubladisierung letztlich „Spiel“spaß zerstören kann, noch ehe er so richtig begonnen hat, findet RUDOLF INDERST schade, der sich auf die Spurensuche nach Bewohner:innen in „seinem“ Konstrukt namens town gemacht hat. 

Wie hielt schon Jürgen Fritz vor rund zehn Jahren in seinem Aufsatz Digitale Spiele im Handbuch Kinder und Medien fest: „Ohne aktiv handelnden Spieler kein Spielprozess!“ Und weiter: „Der Spieler bringt sich mit seinen Wünschen, Spielmotiven, Emotionen, Kognitionen, Erwartungen, Kompetenzen und seinem Körper in das Spiel ein, und nur dadurch entfalten sich die Möglichkeiten, die in Hardware, Software und Netzwerken stecken.“ Widerspricht das nicht so ein wenig der Townscaper-Produktbeschreibung im Xbox-Gamestore, welche da unter anderem lautet: „Kein Ziel. Kein richtiges Gameplay.“ Nur einen kleinen Steinwurf weiter in dieser Frage sitzt eine der Muttern der Spielwissenschaft – die Unterscheidung zwischen Paidia und Ludus (wie sie uns und vielen Game-Design-Studierenden der französische Philosoph und Soziologe Roger Caillois 1958 mit seinem Grundlagenwerk Les jeux at les hommes einbrockte), wobei es hierbei hauptsächlich um die prototypische Unterscheidung zwischen einem eher zügellosen Herumspielen auf der einen und einem regelgeleiteten Spiel auf der anderen Seite geht.

Wer gedankenverloren, jedoch keinesfalls absichtslos, gerade in Townscaper dabei ist, einen Schriftzug in einer Häuserwand durch den Einsatz unterschiedlicher Farben zu verbauen oder sich daran gemacht hat – vielleicht ganz im Stile der beeindruckenden Minecraft-Videos auf YouTube – die Cheops-Pyramide ex nihilo zu erschaffen, die/der wird, für einen Moment aus seinem intrinsischen Motivationszustand gerissen – ob dieser Gedankengänge nur müde lächeln und Ihnen zurufen: „That’s ludonarrative Konstrukteur:innen-Agens, b***!“ Und damit zu meiner Schöpfung!

Als simulationslastigen, grid based City Builder wird man Townscaper vermutlich weniger in den Datenbanken der Excel-Freund:innnen wiederfinden. Obgleich: „Wähle Farben aus, erschaffe bunte Häuserblöcke auf dem unregelmäßigen Raster und beobachte, wie Townscapers Algorithmus aus diesen Blöcken niedliche kleine Häuser, Torbögen, Treppen, Brücken und üppige Gärten schafft, je nachdem, wo du sie platzierst.“ (Xbox-Store) Sicher: Kein Scoreboard, keine klaren und eindeutigen Sieg-Niederlage-Zuschreibungen; einzig ploppen beizeiten Achievementmeldungen auf, die deplatzierter nicht wirken könnten. Als zenlike oder tranceinduzierend wird der Titel in meinem Bekanntenkreis beschrieben und doch: Es würde gegen anthropologische Gesetzmäßigkeiten verstoßen, wenn nicht auch hier bei manchen Spieler:innen Wirkfreude in kompetitive Ambition umschlüge: Höher! Schneller! Weiter! Nota bene: Begleitet vom Verfluchen des „Einfach-nicht-so-ganz-symetrisch-werden-Wollenden“.

 Es ist jedoch nicht nur das stete Abwägen, ob man nicht noch hier oder da etwas…das kontinuierliche Drehen des Erdachten mit dem Ansinnen einer architektonischen Ergänzung (jede/r weiß, dass man das Wort „Optimierung“ nicht ernsthaft im Munde führen sollte)…das fortwährende Überlegen, ob Rückbaumaßnahmen an Stelle X oder Bucht Y sinnvoll (!) beziehungsweise zielführend (!!) – welch absurde Begriffe in diesem Zusammenhang – seien; nein, es geht doch auch um…

„DENKT DENN NIEMAND AN DIE KINDER???“

Da schimmern doch nachts die Lichter aus den zahlreichen Fenstern? Da spannen sich doch wie von Geisterhand Wäscheleinen zwischen den Häusern? Und…sind das da Topfpflanzen? Überhaupt: Wie kommen die ganzen Möwen auf „meine“ Siedlungsinselbaustellenwohneinheitenkonstruktionseinheit? Das ist nicht Big Shell! Oder doch? Entdecke ich etwa einen gut versteckten, sich zwischen den Bauwerken schleichend bewegenden FOXHOUND-Agenten namens Jack nicht? Steht er vielleicht bereits hinter mir? Bereits jetzt ahne ich, dass sich die Bewohner:innen gegen mich verschworen haben könnten. Verübeln könnte man ihnen es nicht: Ich raube ihnen freie Sicht, drehe sie permanent in Hochgeschwindigkeit, schneide Wege ab, zerstöre alte Wohn- und Raumeinheiten, begehe ein ästhetisches Verbrechen nach dem nächsten und fotografiere dann auch noch diesen ou-topos, um ihn in den sozialen Medien zu teilen. Wahrlich, ich bin kein guter Mensch.

 

Bereits erschienen. 

Originaltitel: Townscaper 

Plattformen: PC, Xbox, Switch, Mobile

Entwickler: Oskar Stålberg

Veröffentlicht von: Raw Fury

 

 





Rudolf Inderst

*1978 in München. Lebte in Kopenhagen und verliebte sich. Doppelt promoviert, übernimmt er Verantwortung als Ressortleiter für digitale Spiele hier bei nahaufnahmen.ch. Liebt Stanislaw Lem, Hörspiele und Podcasts. Spielt Videospiele seit etwa 40 Jahren. Lehrt als Professor für Game Design mit dem Schwerpunkt Game Studies / Spielanalyse / Game Business an der IU und krault sich gerne seinen Bart.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.