Marx‘ Grösse und Grenzen

 

Marx‘ Grösse und Grenzen

Ein Blick in die Geschichte der Zukunft

Der Kapitalismus oder das, was darunter verstanden wird, hat sich als äusserst wandlungsfähig erwiesen und so oft er in der Krise und am Ende schien, umso stärker und zugleich subtiler hat er sich weiterentwickelt und den neuen Begebenheiten und Umständen angepasst. Marx‘ Denken kann einerseits helfen, dies genauer zu untersuchen und zu verstehen, andererseits zeigen sich gerade in Marx‘ Grösse diesbezüglich auch die Grenzen des Visionärs. 

 

Von Christoph Andreas Schmassmann

Wer begreifen will, was das kapitalistische System „im Innersten zusammenhält“, kommt auch heute an einer Lektüre von Karl Marx nicht vorbei. Doch das, was Karl Marx als Visionär ursprünglich gewollt und gewünscht, was er erstrebt, erhofft und erwartet hat, ist damals wie heute nicht eingetroffen. Ausgeblieben ist die sozialistische Revolution in den hochkapitalistischen Industriestaaten. Der angebliche Siegeszug des Marxismus in Osteuropa und China ähnlich wie das Aufflackern marxistischer Ideologien in Westeuropa oder der dritten Welt widerlegten Marx damals eher, als dass sie ihn bestätigten.

Um es auf einen sicherlich etwas vereinfachenden Nenner zu bringen: Gerade das, was Marx im Gegensatz zu anderen versprochen und verheissen hatte – die Humanisierung der Gesellschaft, die Emanzipation der Massen, das Absterben des Staates, das Ende von Ausbeutung, Unterdrückung und Entfremdung, der Anbruch der klassenlosen Gesellschaft, die Einheit von Theorie und Praxis – ist in immer weitere Ferne gerückt. Nichtsdestotrotz bleibt er einer der wichtigsten Kritiker des Kapitalismus, der das Wesen und die Funktionsweisen des kapitalistischen Systems durchschaute und analysierte wie kein zweiter nach ihm.

 

Marx‘ Aneignung der Dialektik

Als ein wichtiger Ausgangspunkt und Schlüssel zu, aber zugleich Achillesferse von Marx Denken dient hier das Verhältnis zur Hegelschen Dialektik und deren Deutung des historischen Zeitablaufs. Schon früh übernahm Marx Hegels dialektisches Entwicklungsschema: Mittels des sich immer wiederholenden Umschlags der These in die Antithese und des absolut gesicherten Fortgangs zur höchsten Synthese zielt dieses immer nur in eine einzige – positive – Richtung. Es gleicht so einer Einbahnstrasse. Marx hat zwar an Hegel kritisiert, dass die Dialektik bei ihm auf dem Kopf stehe: „Man müsse sie umstülpen, um den rationellen Kern in der mystischen Hülle zu entdecken.“ Den idealistischen Ausgangspunkt Hegels wollte Marx durch einen „materialistischen“ oder realistischen ersetzen. An Duktus und Verfahrensweise der Hegelschen Dialektik selber änderte sich jedoch erstaunlich wenig. Eine Kritik oder Öffnung bzw. Offenhalten des als eindeutig begriffenen geschichtlichen Verlaufs fehlt bei beiden. Zu unhinterfragt zeigen sich beide in ihrem historischen Determinismus.

Hier gilt es einen Moment auszuholen und die Denkbewegung der Dialektik genauer zu fassen: denn gerade heute erscheint die Dialektik schliesslich als die spekulative „Vernunft“, die sich im Prisma des streng logischen Denkens der Wissenschaften bricht und so gebrochen sich darbietet. Sie erscheint als der Übergang von der hellen Oberfläche des Logisch-Rationalen zur dunklen Tiefe des Alogischen-Irrationalen, damit aber auch der Zugang für die Logik zu diesem Untergrund und zugleich die dauernde kritische Speisung und Korrektur der Logik aus den Wurzeln jener Tiefe. Die Dialektik ist so eine Grenze der Logik, die keine Schranke ist, welche vielmehr die logische Verstandeserkenntnis über sich selbst hinauszutreiben versucht.

Gleichzeitig erweist sie sich als der einzige Weg, der die an sich irrationale Geistestätigkeit der logischen Kritik näher zu rücken vermag. Aus dieser ihrer eigenartigen Stellung als eines Zwischenbereichs und Übergang, als eines  Nicht-mehr-nur-Logischen und Noch-nicht-ganz-Alogischen oder umgekehrt als eines Nicht-mehr-ganz-Alogischen und Noch-nicht-nur-Logischen ergibt sich ihre Stärke und ihre Schwäche. Stark ist sie der Logik gegenüber als die Kritik des Lebens an den Widersprüchen, Aporien, Schranken des Verstandes. Stark ist sie als der Vorstoss und das Eindringen der Vernunft in die dunkelsten und geheimsten Regionen des Irrationalen. Schwach wird sie als die Zersetzung und Auflösung logischer Bestimmtheit und Klarheit durch den Einbruch des Alogischen, sobald man sie am Maßstab der Logik misst. Und schwach ist sie als der unbeholfene, tastende, unglückliche, von vornherein stets von neuem zum Scheitern verurteilte und doch immer wieder zu wagende Versuch, am relativ untauglichen Objekt das Unbewusste, Fliessende, Widerstreitende bewusst zu machen, zu fixieren und wieder aufzulösen.

Und so eignet sich auch eine bestimmte – man könnte beinahe sagen: entfremdete, pervertierte – Form von Dialektik zur Verzerrung der Wirklichkeit und zur Verherrlichung der Machthaber, zur Täuschung der Machtlosen und zur Verhüllung des Terrors – so unter anderem unter Stalin. Wie rasch und leicht nun aber die von Hegel übernommene emanzipatorisch-revolutionäre  Dialektik eines Marx und Engels in die gegenrevolutionäre Dialektik des Terrors und der Täuschung umschlagen konnte, hat die Geschichte gezeigt und sollte bedacht werden, wenn man den Stellenwert der Hegelschen Dialektik in Marx Denken abzuwägen versucht.

 

Widersprüche der Geschichte  

Marx glaubte an eine Zukunft, die ähnlich wie bei den Reformisten ganz determiniert und eindeutig ist und doch auch wiederum wie bei den Utopisten ganz neu und anders – im und durch das Proletariat würde sich dieser Widerspruch dialektisch „aufheben“.  Die Praxis seit Marx hat diese Theorie wahrlich nicht verifizieren können. Auch in einer Welt, die zusehends durchindustrialisiert und durchkapitalisiert wurde, zeichnete sich keine neue Polarisierung der von Marx gesetzten Ideen ab. Die Länder der dritten Welt wurden analog des Proletariats in den westlichen Kapitalismus integriert.

Und im Gegensatz zu Marx sieht man heute im Proletariat den Gegenspieler. Viel spricht dafür, dass das Proletariat nicht einfach und rasch aus der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft ausbrechen wird, dass es vielmehr als Partner innerhalb dieser aufsteigt – oder auch gegebenen Falls mit dieser untergehen wird. Das System schluckt in diesem Sinne seine eigene Quelle der es unterlaufenden Subversion. Das Anwachsen der Widersprüche garantiert, wie sich gezeigt hat, keineswegs, dass das Proletariat die politische Macht übernimmt und die ganze Gesellschaft grundlegend reformiert oder gar revolutioniert. Die aporetische Struktur einer jeden subversiven Bewegung innerhalb eines von Macht gesättigten Systems wird gerade daran deutlich. 

 

Visionär – nach dem Unmöglichen greifen

Dass Marx die diesen widersprechenden Erkenntnisse kaum je in sein Denken einbezogen hat, war wohl kein Zufall. Hier zeigt sich die Grenze der Grossen. Auch Marx konnte nur dort alle Illusionen abstreifen, wo es nicht um das Durchsetzen des sozialistischen Weltbildes und damit auch um den letzten Sinn seines eigenen Lebens ging. So diente das ungeheuer reichhaltige Material, das Marx als Bausteine für sein System benutzt hat, letztlich doch vor allem als Rechtfertigung im Nachhinein – eine Falsifizierung war einfach undenkbar. Nur in sekundären Fragen konnten gelegentlich Korrekturen angebracht werden. Beruhte doch Marxens unerschütterlicher Glaube an die unabwendbare Fortentwicklung des Kapitalismus zum Sozialismus und Kommunismus weniger auf dem empirischen Kalkül des Forschers, als auf einer vorwissenschaftlich-existentiellen Entscheidung des Propheten und Revolutionärs.

Zu fragen bleibt, ob eine stärker skeptisch-kritische Haltung von Marx dann nicht ihrerseits neue Probleme aufgeworfen hätte? Nehmen wir einmal an, die Marxsche Lehre hätte den Anhängern und Nachfolgern nicht eine absolute Siegeszuversicht vermittelt. Hätten sie dann ebenso mutig, opferfreudig, besessen und rastlos gekämpft? Erkennen wir nicht heute in manchen von Marx’ Thesen sogenannte sich selbst erfüllende Prophezeiungen, die selber bereits die Wirklichkeit verändern? Hätten vorsichtigere Hypothesen eine ähnlich mächtige Wirkung gehabt? Wären dann nicht die Aktionen der Arbeiter selbst hinter dem objektiv Erreichbaren und Erreichten zurückgeblieben? Gilt vielleicht auch hier das Wort von Max Weber, dass man das Mögliche nicht erreicht hätte, wenn nicht immer wieder in der Welt nach dem Unmöglichen gegriffen worden wäre?

Diese Fragen sollen hier an den unvermeidlichen Konflikt zwischen Wissenschaft und Politik, Theorie und Praxis erinnern. Zudem bleibt auch im Bereich der Politik und Praxis der Wert der sich selbst erfüllenden Prophezeiungen vom Marxschen Typus problematisch. Im Leninismus-Stalinismus wurde der Marxismus zu einer irrationalen Mythologie, die der Bürokratie zur Rechtfertigung ihrer Herrschaft und zur Unterdrückung kritischen Denkens diente. Im Westen wurde sein fatalistisch gedeuteter Determinismus immer wieder zum Hemmschuh der schöpferisch-sozialistischen Aktion – gerade in den grossen welthistorischen Krisen. Dies festzustellen ändert jedoch nichts an der fortdauernden wissenschaftlichen Bedeutung von Karl Marx und seines Denkens.      

 

 

 

 





Christoph Schmassmann

Hat Literatur und Philosophie an der Universität Basel und Theater an der Universität in Bern studiert - zur Zeit ist er als Lehrperson für Deutsch und Philosophie tätig und verfasst regelmässig Beiträge für verschiedene Magazine und das Radio. Daneben verfolgt er eigene Kunstprojekte und hat Theaterstücke, lyrische Texte und Hörspiele veröffentlicht.

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