Ein Konflikt ist nicht immer etwas Negatives

Konflikte ohne Gewalt lösen nach der Auffassung der Sozialen Arbeit

Konflikte und Gewalt werden des Öfteren miteinander verbunden. Jedoch muss nicht gleich jede Auseinandersetzung handgreiflich enden. Eine Streitigkeit kann auch zu positiven Erfahrungen führen.

Ein Konflikt kann alles Mögliche bedeuten, von einer kleinen Differenz bis hin zu einem Freundschaftsabbruch. Um solche Auseinandersetzungen mit weniger stark belastenden Gefühlen zu bewältigen, könnte folgendes Basiswissen der Sozialen Arbeit zur Gesprächsführung hilfreich sein.

Soziale Konflikte
In diesem Artikel geht es um soziale Konflikte zwischen mindestens zwei Individuen. Dabei kommunizieren beide Seiten miteinander jeweils über ihre Positionsdifferenzen um einen Streitgegenstand, so zum Beispiel um unterschiedliche Interessen, Werte oder Vorstellungen. Die verschiedenen Perspektiven werden dabei in einem Wechselspiel miteinander ausgetauscht und das Gesagte wird dabei immer wieder neu wahrgenommen und bewertet.

Dieser Austausch kann zu einer angespannten Atmosphäre führen, da beide Seiten ihre eigene Position verteidigen möchten. Auch besteht die Gefahr, dass sie sich dabei zu nahetreten, indem sie sich gegenseitig Vorwürfe machen, oder sich stark distanzieren und wichtige Informationen voreinander verschweigen.

Ein solch irritierender Zustand führt dazu, dass beide Parteien schnell einen „Tunnelblick“ entwickeln können. Die Wahrnehmung versimpliziert sich, Gemeinsamkeiten werden übersehen und Differenzen werden stärker wahrgenommen.

Die Eskalationsstufen eines Konfliktes
Die immer grösser werdende Differenz führt in der Regel zu einer Eskalation des Streits. Nach Friedrich Glasl, einem Konfliktforscher aus Österreich, gibt es insgesamt neun Eskalationsstufen eines Konfliktes. Diese Stufen werden wiederum in jeweils drei Kategorien aufgeteilt.

Eine Verbildlichung der neun Eskalationsstufen eines Konfliktes nach Glasl.
Bild: Wikimedia Commons von Benutzer Sampi

Bei den ersten drei Stufen handelt es sich um die win-win-Kategorie, die Fronten verhärten sich, aber die Konfliktpartner möchten trotz allem kommunizieren und nach einer Lösung suchen, welche alle zufrieden stellt.

In den mittleren drei Stufen möchten beide Parteien, dass sie selbst gewinnen und somit das Gegenüber verliert: Eine win-lose-Situation. Dabei kann es bereits zu gegenseitigen Drohungen kommen.

Bei den letzten drei Stufen versuchen die Kontrahenten, den anderen in den Abgrund zu stossen, auch wenn sie dabei selbst mitgerissen werden. Es besteht also eine lose-lose-Situation.


In diesem Video werden die neun Eskalationsstufen eines Konfliktes nach Glasl kurz und einfach erklärt.

Eine solche Konstellation kann zum Beispiel unter Mitarbeitern entstehen: Ein Missverständnis zwischen zwei Arbeitskollegen kann so stark eskalieren, dass beide ihren Job verlieren. Aber soweit muss es nicht kommen, denn insbesondere in den ersten Eskalationsstufen gibt es noch viele Möglichkeiten, eine gemeinsame Lösung zu finden, um den Konflikt zu bewältigen.

Mit Konflikten umgehen anhand eines Beispiels
Streitigkeiten mit Arbeitskollegen oder Freunden sind für viele eine unangenehme Angelegenheit. Um solche Situationen möglichst gut bewältigen zu können, bietet es sich an, ein kooperatives Konfliktgespräch vorzubereiten und durchzuführen. Dabei können beide Konfliktparteien gemeinsam das Gespräch suchen oder aber auch eine neutrale Drittperson engagieren, die das Gespräch leitet und zwischen beiden Seiten vermittelt.

Frau Maurer ist Schulsozialarbeiterin und Herr Lachs Primarlehrer. Beide geraten immer wieder in einen Streit über den eigentlichen Berufsauftrag von Frau Maurer. Ihrer Ansicht nach, soll ein Kind, das Bedarf nach einem Gespräch hat, freiwillig zu ihr gehen können. Herr Lachs sieht Frau Maurers Angebot eher als Sanktion. Falls ein Kind im Unterricht stört, schickt er dieses zu ihr. Frau Maurer hingegen beharrt darauf, dass ihr Angebot freiwillig ist. Deshalb schickt sie die Kinder immer wieder zurück zu Herrn Lachs. Dieser besteht jedoch darauf, dass die Kinder zu Frau Maurer gehen müssen und schickt diese erneut zu ihr. So kommt es unweigerlich zu verwirrten Kindern, die nicht wissen wohin sie gehen sollen und zu einer Eskalation des Konflikts. Frau Maurer weiss, dass es so nicht weitergehen kann und lädt Herrn Lachs zu einem Konfliktgespräch ein.

Vor einem solchen Gespräch ist es von grosser Bedeutung, sich mit der eigenen Persönlichkeit und der des Gegenübers auseinanderzusetzen. Je nach Persönlichkeitstyp wird eine Person mehr oder weniger durch eine Auseinandersetzung gekränkt. Wenn man die Persönlichkeit und den Konflikttyp der anderen Person kennt, kann man im Konfliktgespräch sein Verhalten so anpassen, dass weitere Eskalationen verhindert werden.

Frau Maurer weiss, dass Herr Lachs ihr erst zuhört, wenn er zuerst seine Gedanken aussprechen kann. Deshalb nimmt sie sich vor, ihn zu Beginn des Gesprächs ausreden zu lassen. Des Weiteren weiss sie: Herr Lachs fühlt sich schnell angegriffen , wenn man ihn darauf anspricht, weshalb er die Kinder zu ihr schickt. Deshalb möchte sie zu Beginn des Gesprächs dieses Thema noch nicht ansprechen sondern erst später mit einer sensiblen Wortwahl.

Der erste Schritt eines Konfliktgespräches liegt gemäss dem Psychologen Karl Berkel bei der eigenen Person. Bevor man das Gespräch beginnt, muss man zuerst seine eigenen Emotionen unter Kontrolle bekommen. Denn Wut, Aggression und Ärger nehmen einem Klarheit und erschweren die Orientierung im Gespräch.

Bevor Frau Maurer das Gespräch beginnt, versucht sie sich trotz der vorgefallenen Eskalation zu beruhigen. Sie redet sich selbst ermutigende Worte ein wie: „So was kann in deinem Beruf vorkommen. Jetzt muss ich mit ihm eine Lösung finden, damit so was in Zukunft nicht mehr passiert.“

Je nach Eskalationsstufe, besteht ein grosses Misstrauen beider Seiten, da sie sich angegriffen und verletzt fühlen. Um im nächsten Schritt das Vertrauen wieder aufbauen zu können, hilft es, authentisch zu sein, indem man offen über eigene Gefühle und Gedanken redet. Aber auch die Metakommunikation ist bedeutsam. Dabei geht es darum, die Konfliktsituation gemeinsam neutral von aussen zu betrachten.

Frau Maurer kommuniziert offen über die Gefühle, die die vorgefallene Situation in ihr ausgelöst haben und spricht ihren Wunsch nach einer Lösung aus. Um das Vertrauen von Herrn Lachs zu ihr aufzubauen, entschuldigt sie sich für ihr Verhalten. Die Entschuldigung bewirkt bei Herrn Lachs den erhofften Vertrauensgewinn und er entschuldigt sich ebenfalls für sein Verhalten.

Das neu aufgebaute Vertrauen lockert die Anspannung und das eigentliche Konfliktgespräch kann beginnen. In diesem kommen die beiden Parteien in einem Wechselspiel immer näher an den eigentlichen Grund des Streits heran. Wichtig ist, dass man den Partner dazu ermutigt, den Konflikt zu lösen. Dies fällt leichter, wenn man die Vorteile auflistet, weshalb es besser wäre, eine Lösung zu finden und die Nachteile, falls keine Lösung gefunden wird.

Bei der Diskussion zum Konfliktgegenstand achtet Frau Maurer darauf, dass sie stets respektvoll und sachlich bleibt. Vorwürfe können dazu führen, dass sich Herr Lachs angegriffen fühlt und sich ihr verschliesst. Nach einer längeren Diskussion finden sie heraus, dass sich Herr Lachs mit den Kindern überfordert fühlt und sich mehr Kooperation mit Frau Maurer wünscht.

Sobald die Ursache des Streits herausgefunden wurde, ist es nun an der Zeit, dass beide Seiten mögliche Lösungswege aushandeln. Dabei ist zu beachten, dass die Interessen des Gegenübers mit einbezogen werden und faire Ziele gesetzt werden, damit schlussendlich niemand „drunter kommen“ muss.

Beide vereinbaren miteinander, dass Herr Lachs eine Weiterbildung besucht, um mit seiner Überforderung besser umgehen zu können. Im Gegenzug bietet Frau Maurer an, Einzelgespräche zu führen mit denjenigen Kindern, die den Unterricht öfters stören.

Nach dem Konfliktgespräch sollten die Partner nochmals die Diskussion reflektieren. Was lief gut und was weniger? Wurden alle wichtigen Punkte thematisiert?

Frau Maurer reflektiert ihr eigenes Verhalten und kann feststellen, dass sie trotz Vorwürfen von Herrn Lachs ruhig und sachlich blieb. Durch ihre ausgeglichene Art, konnte sie auch Herrn Lachs beruhigen und so sein Vertrauen gewinnen. Beide konnten trotz Uneinigkeit eine gemeinsame Lösung finden, die alle zufrieden stellt.

Nach einer gewissen Zeit könnte man erneut gemeinsam das Gespräch suchen, um zu prüfen, ob sich jeder an die Vereinbarungen hält und bereits Fortschritte erreicht wurden.

Positive Effekte eines Konfliktes
Um die positiven Effekte eines Konfliktes wahrnehmen zu können, benötigt es von beiden Seiten eine Bereitschaft zur Veränderung. Nach Berkel gibt es ganze zwölf Gründe, weshalb man aus Konflikten etwas lernen kann:

Konflikte

  • machen problembewusst
  • stärken den Willen zur Veränderung
  • erzeugen den notwendigen Druck, Probleme aktiv anzugehen
  • vertiefen menschliche Beziehungen
  • festigen den Zusammenhalt
  • geben Anstoss, Fähigkeiten und Kenntnisse zu vertiefen
  • fördern Kreativität
  • lassen uns andere und uns selbst besser kennenlernen
  • führen zu besseren Entscheidungen
  • fördern die Persönlichkeitsentwicklung
  • machen das Leben interessanter
  • können auch Spass machen

Der eigene Konfliktstil nach Berkel (pdf)

Es wäre schön, wenn mehr Konflikte auf diese Art gelöst werden würden. Dazu braucht es die Einsicht, dass Konflikte auch einen positiven Effekt auf die Persönlichkeit haben können und man keinesfalls im Streit auseinander gehen muss.

Literatur

Rainer Kilb; Konflikte, Radikalisierung, Gewalt. Hintergründe, Entwicklungen und Handlungsstrategien in Schule und Sozialer Arbeit; Verlag Beltz Juventa, 2020.
In diesem Buch werden Konflikte, Radikalisierung und Gewalt thematisiert und in einen Zusammenhang gebracht. Ausserdem werden die Begriffe auch klar getrennt und definiert.

Friedrich Glasl; Selbsthilfe in Konflikten. Konzepte, Übungen, Praktische Methoden; Haupt Verlag; 2022.
Hier werden die neun Eskalationsstufen eines Konfliktes nach Glasl detailliert beschrieben und es werden hilfreiche Methoden zur Selbsthilfe bei Konflikten angeboten.

Andreas Basu, Liane Faust Gewaltfreie Kommunikation; Verlag Haufe; 2019.
Dieses Buch verschafft einen ersten Überblick über gewaltfreie Kommunikation und ist für Menschen, denen dieses Thema neu ist, simpel erklärt.

Karl Berkel Konflikttraining – Konflikte verstehen, analysieren, bewältigen Windmühle Verlag, 2014.





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