THIS Revolution Will Not Be Televised

Aufwachsen in Dull Grey

Um dem aufkommenden Sommer und seinen Celsius-Graden in München ein Schnippchen zu schlagen, begibt sich RUDOLF INDERST in die winterlich-unwirsche Welt der Visual Novel Dull Grey. Dort gilt es, über die berufliche Zukunft eines Kindes zu „entscheiden“, was sich als ein beeindruckend trostloses Unterfangen herausstellt. 

Ausgelassen- und Fröhlichkeit haben in der retro-futuristischen planwirtschaftlich-inspirierten (die „Progress-Program“-Regierungsinitiative entscheidet hier) Welt von Dull Grey nur wenig Platz. Als Spieler:innen begleiten wir „Mutter“ und „Sohn Kir“ – der Vater kam bei einem tragischen Arbeitsunfall ums Leben – auf ihrer Reise durch die wenig einladende, größtenteils in schwarz-weiß gehaltene Perma-Winterlandschaft (die Entwickler:innen beschreiben sie als inspiriert von „the worlds of Strugatsky brothers, Dostoevsky’s works and Tarkovsky’s movies“), um die Berufswahl des Nachwuchses zu zementieren, welche vorgeblich lediglich aus zwei Optionen zu Bestehen scheint: „Lamplighter“ oder „Tallyman“. 

Und obgleich der Junge im Zentrum der Erzählung zu stehen scheint – Visual-Novel-typisch beschränkt sich das Gameplay auf die Button-Eingabe zu festlegten Momenten – so ist es doch die Mutter, die wir als Spieler:innen stets antworten lassen auf dem Bildschirm, wenn es um die berufliche Zukunft des Nachwuchses geht und jener bezüglich seiner Wahl von dritten Parteien dazu befragt wird (mal ist eine Maschine, mal die Familie, mitunter Fremde). Weigert man sich, einer vorgegebenen Antwort zu folgen, erscheint eine dritte Option. Allen Antworten und ihren augenscheinlichen Auswirkungen ist jedoch zu eigen, dass jene sich perfekt an die monotone Lebenswelt (wieder die Entwickler: innen: „A visual style tracing back to Soviet graphics of the 20s“) angepasst haben – das Nötigste in aller Kürze und zwar schmucklos.

Ehe man es sich versieht, ist am Ende der kurz dauernden Spieldauer angekommen. Und hier passiert etwas Erstaunliches: So unwirklich-dystopisch die Spielwelt des Titels auch sein mag, hier machen die Entwickler:innen einen geradezu utopischen Moment stark: Die Berufswahl trägt dazu bei, ob der erwachsene Kir „happy“ oder „unhappy“ wird – da wird Dull Grey doch beinahe zum Città del Sole! Doch Zwischen dem Tron’schen Master-Kontroll-Progamm, Bildzitaten aus den Dreibeinigen Herrschern und der etwas holprigen Übersetzung aus dem Russischen ins Englische bleibt eines besonders in Erinnerung: der Startbildschirm. Mit seinem hypnotischen Sound und dem bildbrutalen Klima-Nihilimus prägt er von Anfang die Tonalität der Visual Novel und lässt Spieler:innen bis zum Ende nicht los.     

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Titel: Dull Grey (bereits erschienen)

Genre: Visual Novel 

Entwickler: Provodnik Games

Plattformen: Switch, PC, PS4, PSVita, Xbox One 





Rudolf Inderst

*1978 in München. Lebte in Kopenhagen und verliebte sich. Doppelt promoviert, übernimmt er Verantwortung als Ressortleiter für digitale Spiele hier bei nahaufnahmen.ch. Liebt Stanislaw Lem, Hörspiele und Podcasts. Spielt Videospiele seit etwa 40 Jahren. Lehrt als Professor für Game Design mit dem Schwerpunkt Game Studies / Spielanalyse / Game Business an der IU und krault sich gerne seinen Bart.

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