Interview mit Pippo Pollina

„Unser Leben ist eine kontinuierliche Begegnung mit Abzweigungen“

Bild: © Lena Semmelroggen

Pippo Pollina ist mit seinem neuen Album „Canzoni Segrete“ ein emotionales, zugleich zartes als auch ungemein kraftvolles, musikalisch ausgefeiltes und poetisches Meisterwerk gelungen, auf dem das Thema Abschied im Zentrum steht. Nahaufnahmen.ch traf den italienisch-schweizerischen Cantautore zu einem ausführlichen Gespräch, unter anderem über die Musik als Lebensretter, das Leben als Staffellauf, Zeichen von verstorbenen Seelen und die Wichtigkeit des Zweifelns.

Von Christoph Aebi

Pippo, dein neues Album heisst „Canzoni Segrete“ („Geheime Lieder“). Im Album-Booklet schreibst du, dass du die geheimen Lieder mit väterlicher Sorgfalt beschützt, in der Hoffnung, sie nicht dem Abgrund der Banalität auszusetzen. Wieso besteht diese Gefahr? 

Es ist mir ein grosses Bedürfnis, die Kunst oder die Lieder, die ich liebe, vor einer gewissen Beliebigkeit zu schützen. Wenn man früher, als man noch jung war, einen neuen Künstler entdeckt hatte, wollte man alle seine Freunde in seine Leidenschaften involvieren und empfahl ihnen, sich die Musik unbedingt einmal anzuhören. Je mehr Freunde man von etwas überzeugen konnte, desto besser. Man ging zusammen mit ihnen an Konzerte und erlebte diese Rituale gerne in der Gemeinschaft. Heute führt, so finde ich, ein ganz anderer Weg zu einer Leidenschaft oder zu einer tiefen Berührung. Die Schönheit besteht darin, eine ganz persönliche, individuelle Beziehung mit Kunst, die man entdeckt hat und die einem gut tut, zu beginnen. Andere in seine Leidenschaften zu involvieren ist zwar etwas Gutes. Aber es ist immer eine Frage der Intensität und der Tiefgründigkeit, mit der diese Leidenschaft weitergegeben wird. Wenn mich heutzutage etwas berührt, geschieht das aus ganz bestimmten, tiefen Gründen. Und diese Tiefe führt dazu, dass es mich genau heute berührt – und nicht gestern oder morgen. Das Berührtsein hat mit meinem ganz persönlichen, momentanen Zustand zu tun. Deswegen sollten andere Menschen im gleichen Zustand sein, um diese Tiefe ebenfalls zu spüren, oder sie werden die Botschaft gar nicht verstehen. 

Das Cover deines Albums zieren Vögel, die im Himmel ihre Kurven ziehen oder auf einer Stromleitung sitzen. Dieses Bild hat der Fotograf Rainer Wälder gemacht. Er sagt, dass er seine Arbeit meist mit zwei Fragen beginne: „Welche Emotionen sollen mit den Bildern geweckt werden? Welche Farbpalette passt dazu?“ Welche Emotionen möchtest du mit dem Coverbild vermitteln? 

Milena Wälder, die Schwester des Fotografen, hat die Grafik für das Album entwickelt und kreiert. Irgendwann kam sie auf die Idee, dieses Bild ihres Bruders als Cover zu verwenden. Die Lieder sind ein bisschen wie kleine Vögel, die einzeln und einsam fliegen und sich dann irgendwann auf die Leine setzen. Die Vögel auf der Leine erinnern zudem an Noten in einem Pentagramm. Deshalb passte das Bild grafisch und konzeptuell sehr gut.

Bild: © Rainer Wälder

In der Einleitung zu den Liedern im Album-Booklet schreibst du:„Es wäre schön gewesen, zu fliegen. Wir hätten andere Seiten in den Geschichtsbüchern geschrieben und aufgehört, uns mit überflüssigen und manchmal schädlichen Fragen zu quälen. Sich zu befreien, hätte bedeutet, jene kindliche Dimension in uns zu bewahren. Gegen die Zeit, weil sie gleich wichtig wie notwendig ist für eine gesunde Entfaltung. Denn das Kind in uns verschwindet nicht mit dem Wachstum, es wird einfach in eine dunkle und unordentliche Ecke verbannt.“ Ist das ein Plädoyer dafür, sich auch als Erwachsener eine gewisse Kindlichkeit zu bewahren?

Ich glaube, das Kind, das in uns steckt, verschwindet nicht. Es ist immer noch da. Es wird einfach im Laufe der Zeit von vielen anderen Dingen verdrängt, die uns wichtiger erscheinen, um zu überleben. Und dieses Beiseiteschieben ist ein Verlust. Ich verbinde mit der Kindheit gewisse Haltungen und Einstellungen. Herzhaft zu lachen beispielsweise, auch über unsinnige Dinge, das ist etwas, das wir je länger je mehr verlieren. Das finde ich sehr schade. Solche Dinge sollten in unserem Leben viel präsenter sein, weil sie uns ganz und unser Dasein integer machen. Auch um ein gewisses seelisches und mentales Gleichgewicht zu bewahren, sollten wir den Aspekten, die für unser aktuelles Leben vielleicht nicht unbedingt notwendig scheinen, grösseren Raum geben. Der grosse Traum des Fliegens verkörpert für mich ebenfalls diese kindliche Haltung, die sehr tief in uns verwurzelt ist.  Der Mensch hat nie von diesem von den Vögeln verkörperten Traum gelassen. Im Gegenteil, er hat versucht, mit der Entwicklung des Flugzeugs den Traum zu kopieren und dieses Geheimnis zu verstehen.

Du hast gesagt, dass das Kind in uns im Laufe der Zeit von anderen Dingen verdrängt wird, die uns wichtiger erscheinen, um zu überleben. In deinem Lied „Come una felicità improvvisa“ („Wie ein plötzliches Glück“) gibt es jedoch folgenden sehr schönen Vers: „Come un bambino che gioca / mentre brucia il mondo. / Che a salvarlo sarà proprio questo girotondo.“ („Wie ein Kind, das spielt, während die Welt brennt. / Retten wird es genau dieses Karussell.“). Also wird eigentlich gerettet, wer wie ein Kind ist? 

Ja. Es gibt Haltungen und Themen, die heutzutage eher von Kindern oder Jugendlichen wirklich unterstützt werden. Die Klimaproblematik ist zwar nun endlich auch bei den mächtigen Menschen angekommen. Aber eine Greta Thunberg begann bereits im Alter von 15 Jahren, sich aktiv für den Klimaschutz einzusetzen. Sie war sehr intuitiv in ihrem Verständnis, dass wir etwas tun müssen, damit die Welt gerettet wird. Die Kinder drücken in ihrer Naivität oft genau das aus, was in unserem Leben eigentlich wesentlich und wichtig wäre. Dieses ganze Wettbewerbsdenken und die eigene Positionierung in der Gesellschaft, also Dinge, die für Erwachsene zentral sind, vernichten oft alles andere oder lassen zumindest anderen Dingen, die ebenfalls wichtig und notwendig wären, damit das Leben weitergehen kann, keinen Platz mehr. Und das ist ein Problem. Die Naivität eines Kindes kann also nicht nur sein eigenes Leben, sondern unser aller Leben retten. Wir müssen verstehen, dass wir manchmal einen Schritt zurückgehen müssen, damit wir anschliessend vorwärts gehen können.

Im Refrain des Liedes heisst es: „Prendila prendila tu prima che scappi via / prendila prendila tu, ti tenga compagnia.“ („Nimm es, nimm du es, bevor es davonläuft / halte es fest, halte es und bleibe bei ihm.“) Ist mit diesem „es“ das Glück gemeint?

Nein, das Leben. Unser Leben gleicht einem Staffellauf. Wenn die Zeit gekommen ist, übergeben wir den Staffelstab an jemanden und irgendwann muss diese Person ihn wiederum weitergeben. Im Lied soll dieses Gefühl vermittelt werden. Ein Mensch stirbt nicht eher, bevor er den Staffelstab an jemanden übergeben hat. Diese Person repräsentiert dann nicht nur ihr eigenes Leben, sondern auch jenes der Person, von der sie den Staffelstab erhalten hat. Sie ist sozusagen die Erbin und gleichzeitig Interpretin eines Lebens, welches weitergeführt werden muss, dahin, wo die Reise geht. Diese Reise kann individuell gesehen werden. Sie kann aber auch eine Projektion der Reise derjenigen Person sein, die vor dir gelebt hat und derjenigen Person, die nach dir kommen wird. Wir Menschen sind zwar alle Individuen, aber gleichzeitig auch eine Kommunität. 

Das Lied ist geprägt durch ein unglaublich emotionales Gitarrensolo von Jean-Pierre von Dach. War dieses Solo von Anfang an geplant oder ist es spontan im Studio entstanden? 

Mir war bereits beim Schreiben des Liedes klar, dass an jener Stelle ein Solo des grossartigen Jean-Pierre von Dach mit einer verzerrten Gitarre kommen muss, das die Mauern zum Einstürzen bringt und der Welt den ganzen Schmerz entgegenschreit. 

Die Lieder für „Canzoni Segrete“ hast du zwischen Januar 2019 und Juni 2020 geschrieben, ausgenommen von „Léo“, das bereits 1994 entstand. Mit welchem Lied begann die Reise für das neue Album?

Das allererste Lied war „Prendile se vuoi“ („Nimm, wenn du willst“), diese Ballade, die von einem Flügelhorn-Solo geprägt ist. Von dem Moment an wusste ich, wohin die Reise mit dem neuen Album gehen soll: Von den Themen, den Inhalten, aber auch den Bildern her, die ich mit meiner Musik malen möchte. Im Laufe der Zeit wurde zudem klar, dass das musikalische Spektrum wiederum sehr breit sein wird, wie es eigentlich typisch ist für meine Produktionen. Ich und mein Produzent Martin Kälberer sind die Aufnahmen zum neuen Album aber etwas anders angegangen, indem wir mit vielen Perkussionsinstrumenten begonnen haben. Diese prägen „Canzoni Segrete“ und setzen zusammen mit akustischen Instrumenten und ethnischen Elementen, wie beispielsweise den Flöten, sehr wichtige Akzente in der Produktion. 

In „Prendile se vuoi“ singst du: „Chi sei, chi sono e chi saremo ancora / quando l’immensità ci sarà cara? / E la notte non sarà poi così scura. / E mai sapremo cosa è la paura.“ („Wann wird uns die Unendlichkeit / wertvoll und lieb sein? / Dann wird die Nacht nicht mehr so dunkel sein. / Und wir werden gar nicht wissen, was Angst ist.“) Geht es hier um die Unendlichkeit nach dem Tod, das ewige Leben?

Ja, natürlich. Das Lied behandelt das Thema des Abschieds. In meinem Alter – ich gehe langsam gegen die 60 zu -, nimmt die Bedeutung des Abschieds zu und wird zu einem zentralen Thema. Die Eltern sind nicht mehr da, ich habe einen jüngeren Bruder verloren und ein paar wichtige Freunde sind ebenfalls vorzeitig weggegangen. Das Leben zeigt dir plötzlich einen Aspekt, von dem du vorher zwar wusstest, der aber erst konkret wird, wenn rundherum Menschen, die immer dagewesen sind, plötzlich nicht mehr da sind. Dann beschäftigt man sich intensiv, auch mit einer gewissen Selbstverständlichkeit und Natürlichkeit, mit diesem Thema. Ein Abschied ist aber nicht immer nur ein trauriges Gefühl, sondern kann auch eine Versöhnung sein. Deshalb singe ich am Schluss des Liedes: „Und wir werden gar nicht wissen, was Angst ist.“ Weil wir keine Angst mehr haben werden. Das Lied gab den Anstoss dazu, dass das Thema des Abschieds das zentrale Thema des Albums geworden ist. Es ist zwar nicht unbedingt offensichtlich, nicht manifest. Aber man spürt es, wenn man gut zuhört und versteht, welches der rote Faden des Albums ist. Man will als Künstler kein deprimierendes Gefühl vermitteln, aber das Thema Abschied hat eine Präsenz, die eigentlich in unserem Leben immer da ist. In gewissen Momenten unseres Lebens ist diese Präsenz klarer, in anderen nehmen wir sie nicht wahr, weil unser Kopf voll von anderen Gedanken ist oder wir nicht aufmerksam genug sind. Und dann auf einmal reicht eine Episode, damit wir merken: Eigentlich gibt es in unserem Leben nur zwei, drei wichtige Fragen und Themen. Alles andere ist Garnitur. 

Im Lied „Immaginarti“ („Du in meiner Vorstellung“) geht es ebenfalls um Abschied, um Erinnerungen, aber auch um Reue. Es kommen darin die Verse „E adesso che chose da dirti ne avrei / di dubbi e domande riempirti potrei / adesso che avrei bisogno di te / adesso mi chiedo perché.“ („Und jetzt, wo ich dir so viel zu sagen hätte, / ich dich mit Zweifeln und Fragen überhäufen möchte / jetzt, wo ich dich brauche, / jetzt frage ich mich, warum.“) sowie „Che il tempo è pieno die cose non dette“ („Die Zeit ist voll von ungesagten Dingen.“) vor. Das Lied beginnt mit den Zeilen „E immaginarti da solo affacciato al balcone / qualche anno fa.“ („Und ich stelle mir vor, wie du auf dem Balkon / stehst vor ein paar Jahren, allein.“). Wer ist dieses Du in deiner Vorstellung?

Das ist mein verstorbener Vater. Er stand in der letzten Phase seines Lebens oft auf dem Balkon. Durch die Lebendigkeit, die im Zentrum meiner Heimatstadt Palermo auf der Strasse herrschte, auf die er von seinem Balkon aus blickte, die Autos, die promenierenden Leute, die vielen Geschehnisse, hat er versucht, sich am Leben zu halten und sich zu sagen: „Ich bin immer noch hier, bin Teil der Gesellschaft und will noch mitkriegen, was da unten passiert.“ Das war nicht nur seine Informations-, sondern auch seine Energiequelle. Und ja, es gab zwischen mir und meinem Vater einen Generationen-Konflikt. Das ist ein typisch historischer Prozess und hat mit dem Zweiten Weltkrieg zu tun. Die Kinder des Zweiten Weltkrieges, wie mein Vater, waren sehr geprägt von den Zerstörungen, von der Armut. Sie wollten sich davon erholen, sich von diesen Schicksalen entfernen, die ihr Leben geprägt haben und strebten nach ökonomischem und sozialem Aufstieg. Und meine Generation wollte sich in dieser Gesellschaft anders positionieren. Wenn ich die Auseinandersetzungen zwischen mir und meinen Kindern betrachte, die sind dagegen sehr mild. Aber wer weiss, wie das in Zukunft sein wird.

Ich habe gelesen, dass dein Vater, der Anwalt war, gerne gehabt hätte, dass du dein Jura-Studium beendest, statt Musiker zu werden.

Ja, das war einer der vielen Konflikte zwischen mir und meinem Vater.  

Bild: © Lena Semmelroggen

Auch „Dove ti nasconderai“ („Wo du dich versteckst“) ist ein Abschiedslied, obwohl es viel fröhlicher tönt. Es ist eine Art Brief an jemanden, der nicht mehr unter uns ist, sondern in der Ewigkeit weilt.

Genau. Für mich bleibt die Kommunikation zwischen Menschen, die nicht mehr da sind, und uns hier auf der Erde bestehen. Natürlich ist diese Kommunikation einseitig, aber manchmal habe ich trotzdem das Gefühl, dass ich eine Antwort kriege. Dieses Thema ist in meinem Leben im Moment gerade sehr präsent. Es ist aber keine negative Präsenz, im Gegenteil. Ich glaube, verstanden zu haben, dass es eine der wichtigeren Fragen des Lebens enthält. Und irgendwann wird sich jeder damit konfrontieren müssen.

Im Lied kommen folgende Verse vor:„Dove ti nasconderai questa sera? / Dietro un velo di fragilità, / dietro una carezza una parola vera, / una saetta, un calo di elettricità.“ („Wo wirst du dich heute Nacht verstecken? / Hinter einem Schleier der Zerbrechlichkeit, / hinter einer Berührung einem wahren Wort, / einem Blitzschlag, reduzierte Elektrizität.“) Glaubst du, dass uns verstorbene Seelen Zeichen senden können?

Ja, das ist mir passiert. Zuerst hat man das Gefühl, dass das kein Zufall sein kann und dann denkt man, dass es vielleicht doch ein Zufall ist. Das werden wir nie wissen und es spielt auch keine Rolle. Es ist nicht wichtig, ob es stimmt oder nicht. Wichtiger ist, ob man es glaubt oder nicht. Wir haben keinen Beweis, dass es Gott gibt. Wir haben aber auch keinen Beweis, dass es Gott nicht gibt. Darum ist das einzige, das zählt, ob wir an Gott glauben oder nicht. Alles andere ist unwichtig. 

Du hast das Thema Zufall angesprochen. 2002 hast du im kleinen Club Duschlbräu in Bad Aibling in Bayern ein Solokonzert gespielt. Dabei ist eine Saite deiner Gitarre gerissen und du fragtest, ob nicht zufällig ein Gitarrist im Saal sei, der dir die Saite reparieren könne, während du ein Stück am Klavier singen würdest. Gemeldet hat sich der bayrische Liedermacher Werner Schmidbauer, der zusammen mit dem Multiinstrumentalisten Martin Kälberer, mit dem er das Duo „Schmidbauer & Kälberer“ bildet, im Publikum sass. Inzwischen sind mit den beiden die zwei gemeinsamen Werke „Süden“ (2012) und „Süden II“ (2019) entstanden und seit „L’appartenenza“ (2014) ist Martin Kälberer auch der kongeniale Produzent deiner Alben. Glaubst du, dass diese Begegnung Zufall oder Bestimmung war?

Es war ein Zufall, dass die Saite riss. Aber es gab im Publikum zwei spontane Menschen, die bereit gewesen sind, sich zu zeigen, falls dieser Zufall passiert. Der Zufall wollte es, dass sich eine gewisse Nähe zeigte, die schon da war. Wir waren sozusagen auf der gleichen Schiene, lebten in der gleichen Atmosphäre. Die Frage war nur: Würden wir uns eines Tages kennenlernen oder nicht? Wenn diese Möglichkeit sich ergeben würde, dann würden wir die Chance haben, uns zu entdecken und es könnte gut sein, dass wir Freunde werden und sogar zusammen musizieren. Und diese Chance hat sich bei jenem Konzert durch die gerissene Gitarrensaite ergeben.

Dein neues Album entstand zusammen mit Martin Kälberer in sechs verschiedenen Studios in Zürich, Paris, Palermo, Obing und Hemhof. Das Indigo Studio in Palermo befindet sich in einem Palazzo mitten im historischen Kern der Grossstadt. Das Malawi Mystery Studio von Martin Kälberer hingegen im 450-Seelen-Dorf Hemhof in Bayern. Inwiefern beeinflussen die Atmosphäre der Studios und deren Umgebung die Aufnahmen und deine Musik? Und wie hast du entschieden, wo du welche Klänge aufnehmen möchtest?

Das Ambiente spielt eine entscheidende Rolle. Der Ort, wo du komponierst und kreativ bist, ist ganz zentral, zumindest für mich. Wenn ich zum Beispiel ein Duett mit der französischen Sängerin Celia Reggiani aufnehmen will, in dem es um den französischen Liedermacher Léo Ferré geht, dessen Musik ich sehr geliebt habe, dann muss dies in einem Ambiente geschehen, das geprägt ist von dieser Stimmung. Wenn wir das Lied „Léo“ mit den Akkordeonklängen in Zürich statt in Paris aufgenommen hätten, dann hätte für mich irgendwie der richtige Ton gefehlt. Wenn wir Klänge aufnehmen wollen, die mit meiner sizilianischen Heimat zu tun haben, muss das in der Altstadt von Palermo geschehen. Wenn es dort aufgenommen wird, stimmt es hundertprozentig. Und wenn die Aufnahmen von einer gewissen Präzision geprägt sein sollen, dann ist vielleicht Zürich die richtige Stadt. Natürlich kann man für die Aufnahmen nicht immer um die halbe Welt reisen. Auf dem neuen Album gibt es das Lied „Scacciaferro“, das durch die Klänge des argentinischen Bandoneons geprägt ist. Das hätten wir am besten in Buenos Aires aufgenommen, aber das konnten wir natürlich nicht machen. Aber dort, wo es möglich ist, versuchen wir, den richtigen musikalischen Charakter, nach dem das Lied ruft, einzufangen.

Dein Lied „Léo“ gab es schon in drei unterschiedlichen Versionen, auf den Alben „Dodici lettere d’amore“ (1995), „Elementare Watson“ (2000) und „Versi per la libertà“ (2002). Wieso hast du dich entschieden, das Lied nochmals aufzunehmen?

Weil ich die fantastische Singer-Songwriterin und Pianistin Celia Reggiani kennen lernte, als sie vor ein paar Jahren mein Konzert in Paris besuchte. Und ich entdeckte erst dort, dass sie die Tochter des legendären Serge Reggiani ist. Den habe ich geliebt und bewundert, er war ein grossartiger Sänger und Schauspieler. Und ich dachte, es wäre stimmig, das Léo Ferré gewidmete Lied, das ich mit dem Sänger, Lyriker und Komponisten Georges Moustaki geschrieben hatte, zusammen mit Celia im Duett zu singen. Sie war ebenfalls begeistert von der Idee. Sie war zuhause mit der Geschichte des französischen Chansons aufgewachsen und hatte durch ihren Vater auch Léo Ferré und Georges Moustaki kennengelernt. Für mich war sie deshalb eine riesige Quelle. Ich wollte alles wissen von ihr, weil ich ein grosser Liebhaber dieser französischen Chansonnier-Szene bin. Deren Vertreter kannte ich – ausser Georges Moustaki, mit dem ich viel zusammengearbeitet hatte – aber leider nicht mehr persönlich, weil sie bereits verstorben waren. Daher war es nur konsequent, eines Tages dieses Lied mit ihr aufzunehmen.

Du hast vorhin das Lied „Scacciaferro“ angesprochen. Es ist eine Art imaginäres Gespräch, in dem es um Veränderungen geht.

Ja, es ist ein imaginäres Gespräch mit jemandem, der nicht mehr da ist. Das Lied habe ich meinem verstorbenen Bruder gewidmet. Er war auch Kabarettist und Scacciaferro war in seinen Anfängen sein Künstlername. Im Lied stelle ich mir vor, wie ich mit ihm rede und ihm sage: „Du hast keine Ahnung, was hier unten in der Zeit, seit du nicht mehr da bist, alles passiert ist. Dass eine Pandemie regelrecht explodiert, das hättest du dir nicht vorstellen können.“ Es geht um Veränderungen, die im Leben, aber vor allem auch in der Welt passieren, sowie um eine gewisse Desillusion, was die Politik betrifft und darüber, dass es mit dem politischen Engagement, wie man es zusammen erlebt hat, im Moment vorbei ist. Vielleicht kommt es wieder in einer anderen Form. Es ist ein Gespräch, wie wir es früher miteinander geführt haben, als er noch gelebt hat. 

Im Lied singst du: „Lo sai che non è più la stessa voce / che riempie di corandoli le stanze / e che risale il fiume alla sua foce / e abbatte mura l’odio e le distanze./ Lo sai che non è più lo stesso canto / che apre le ali e innaffia le radici. / Che arride al sole e parla l’esperanto / e ci ricorda che siamo tutti amici.“ („Du weisst, es ist nicht mehr dieselbe Stimme / die die Räume mit Konfetti füllt / und die dem Fluss entlang bis zur Mündung folgt / die die Mauern des Hasses / und der Distanz niederreisst. / Du weißt, dass es nicht mehr das gleiche Lied ist / das die Flügel öffnet und die Wurzeln bewässert / das die Sonne erreicht und Esperanto spricht / und uns daran erinnert, dass wir alle Freunde sind.“) Es hat mich daran erinnert, dass die Zeiten, in denen engagierte Lieder über soziale und politische Themen das ganz grosse Publikum erreicht haben, möglicherweise vorbei sind und an ein Gespräch mit der grossen amerikanischen Singer-Songwriterin Suzanne Vega, in dem sie mir sagte: „Ich denke, heutzutage ist es viel schwieriger, am Radio eine Botschaft rüberzubringen. Ich höre am Radio keine sozialkritischen Lieder. Songs über politische Themen werden in den USA definitiv nicht am Radio gespielt. Das heisst aber nicht, dass sie nicht geschrieben werden. Ich kenne einige Singer-Songwriter, die über die politische Lage in den USA singen. Sie erreichen aber vielleicht eher an Konzerten oder bei Live-Streams ihr Publikum. Es ist im Vergleich zu früher auch schwieriger, eine einheitliche Botschaft zu haben, weil die Welt nicht mehr einfach ist und immer komplexer wird.“ Wie denkst du darüber?

Da bin ich absolut ihrer Meinung. Früher gab es politische Debatten zwischen Linken und Rechten, Kommunisten und Faschisten, Pazifisten und Kriegstreibern oder zwischen Grünen und Atomkraftwerkbefürwortern und es war einfach, deren Positionen zu erkennen. Heute gibt es diesen Dualismus, diese zwei Positionen, welche die Welt von Anfang geprägt haben, nicht mehr. Ideologisch eine Position zu finden, ist komplexer geworden, weil die Realität facettenreicher ist und wir entdeckt haben, dass es zwischen Weiss und Schwarz ganz viele Nuancen gibt. Die Welt ist bunter geworden. Deshalb ist es heutzutage auch viel schwieriger, politische Entscheidungen zu treffen. Für diejenigen Menschen hingegen, die einfach ihre Geschäfte machen wollen, ist es in unserer Welt viel einfacher geworden, sich zu finden und zu vernetzen. Die Wirtschaft ist ihr Gott, sie sind klar in ihren Aussagen und Positionen und haben keine Probleme, an ihre Ziele zu gelangen. Jene Menschen aber, die idealistischer in ihrem Weltbild sind, haben je länger je mehr Schwierigkeiten, sich zu finden und ihre Positionen zu vertreten. Die Linke kommt deshalb in der Politik häufig nur bis zu einem gewissen Punkt und nicht weiter. Sie ist oft geteilter Meinung, kämpft nicht vereint und hat somit Schwierigkeiten, unser demokratisches politisches System zu verteidigen und die Gesellschaft entsprechend zu prägen. 

Das längste Lied auf dem Album, das unglaublich berührende „Pizzolungo“, hast du Margherita Asta gewidmet. Sie hat am 2. April 1985 bei einem Attentat in Pizzolungo an der Westküste Siziliens, das eigentlich dem Anti-Mafia-Richter Carlo Palermo galt, ihre damals sechsjährigen Zwillingsbrüder Salvatore und Giuseppe sowie ihre Mutter Barbara verloren. Die Bombe traf irrtümlich das vorbeifahrende Auto, als ihre Mutter mit den Geschwistern auf dem Weg zur Schule war. Carlo Palermo, der einem internationalen Drogen- und Waffenhandel-Ring auf der Spur war, in den möglicherweise italienische Politiker involviert waren, überlebte verletzt. Was hat dich dazu bewogen, dieses Lied zu schreiben und ihr zu widmen?

Margherita, die damals noch ein Kind war, wuchs ohne Geschwister und ohne Mutter auf. Ihr Vater starb später an Herzversagen, er hat den Verlust seiner Frau und seiner Söhne zeitlebens nie überwunden. Sie verlor also die ganze Familie. Aber sie entwickelte eine ganz besondere Beziehung zu Carlo Palermo, der eigentlich Ziel dieses Attentats gewesen war. Unbewusst rettete ihre ganze Familie das Leben des Richters. Er hatte deswegen jahrelang ein wahnsinnig schlechtes Gewissen, obwohl er ja nichts dafür konnte. Darüber hat sie das wunderbare Buch „Sola con te in un futuro aprile“ geschrieben, das vor ein paar Jahren erschienen ist. Dieses Buch und ihre Geschichte, wie sie alleine aufgewachsen ist und sich später entschieden hat, in Schulen über ihr Leben zu sprechen, haben mich sehr berührt. 

Im ersten Refrain singst du: „Vai vai che non c’è perdono / nel vento di chi si è perso / nei giochi dell’abbandono.“ („Geh, geh, es gibt keine Vergebung / für die, die sich nach dem Wind / dieses Spiels gedreht haben.“) Ist damit gemeint, dass immer noch nicht klar ist, inwiefern Akteure staatlicher Behörden in dieses Attentat involviert waren? 

Es gibt immer noch zu viele Menschen, die nicht das Gewissen dafür entwickeln, dass sich im Leben eines Tages etwas ändern muss. Es kann nicht immer gleich weitergehen. Irgendwann muss man Schluss machen mit gewissen schlechten Traditionen, einen Strich ziehen und ein neues Kapitel des Lebens beginnen. Es ist zwar in den letzten 30 Jahren bereits viel geschehen. Auch aufgrund der vielen Opfer, die man zu beklagen hatte, entwickelte man ein neues Gewissen, nicht nur gegen die Kriminalität an und für sich, sondern auch gegen die alte Kultur, welche diese Kriminalität unterstützt hatte. Eine neue Kultur war nötig und sie wurde in den letzten 30 Jahren immer stärker. Aber es gibt leider immer wieder Menschen, die das nicht verstehen und zu ihren alten Fehlern zurückkehren. Deshalb muss man jetzt noch weiter gehen und der alten Kultur den letzten Schlag verpassen, um die Geschichte definitiv zu ändern.

In den 80er- und 90er-Jahren waren die Attentate, welche die Mafia in Italien verübte, auch in unseren Breitengraden medial ein Thema. In der letzten Zeit ist es diesbezüglich ruhiger geworden. „Pizzolungo“ hat mich an dein Lied „19 luglio 92“ auf dem Album „Elementare Watson“ erinnert, welches ein Attentat zum Thema hatte, bei dem der Anti-Mafia-Richter Paolo Borsellino und seine Eskorte ermordet wurden. Die Untersuchungen dazu wurden nie abgeschlossen. In deinem Buch „Versi per la libertà“ schreibst du, dass dem ein heimliches Stillhalteabkommen zugrunde liege, das Teile der Institutionen mit den Oberen der Cosa Nostra vereinbart hatten. Gibt es dieses Abkommen deiner Meinung nach immer noch?

Ja, natürlich. Die Geschichte ist aber komplex. Es gab eine spezifische Zusammenarbeit der Cosa Nostra mit dem italienischen Staat, die während Jahrzehnten bis Mitte der 90er-Jahre andauerte. Das ist eine Sache. Und dann gibt es eine Zusammenarbeit des organisierten Verbrechens mit einzelnen Vertretern der Macht. Es wird immer mächtige Menschen geben, welche mit dem organisierten Verbrechen zusammenarbeiten, weil solche Menschen ihre Macht geniessen. Sie besetzen gerne Positionen, mit denen sie reich werden und es gefällt ihnen, grosse wirtschaftliche Mittel zu besitzen, um unsere Realität zu manipulieren. Durch die Zusammenarbeit mit dem organisierten Verbrechen haben sie die Möglichkeit, richtig grosse Geschäfte zu machen und gleichzeitig ihre Position zu stärken. Das war schon immer so und wird wohl so bleiben, weil es eine Sache der Natur ist. Die Mafia und der italienische Staat waren ein Ausdruck dieses unausgesprochenen Paktes, der in unserer Welt besteht. Und in jedem wichtigen Bereich unserer Gesellschaft gibt es Leute, die für diesen Pakt zuständig sind. Ohne diese Verbindungen mit den richtigen mächtigen Leuten könnte das organisierte Verbrechen in der ganzen Welt nie im Leben den Handel mit Drogen und Waffen abwickeln.

Der Hauptgrund, wieso du 1985 Sizilien verlassen hast, war ja auch, dass die damaligen Politiker keinen Willen zeigten, ernsthaft gegen die Mafia vorzugehen. In „Una musica anche domani“ („Auch morgen wieder so eine Musik“), dem ersten Lied auf deinem neuen Album, singst du dafür im Refrain: „Ma ci sarà una musica anche domani, / Ci salverà, ancora lo farà.“ („Und auch morgen wieder so eine Musik / Sie wird uns retten – noch einmal retten.“) Du hast in Interviews schon oft gesagt, dass dir die Musik das Leben gerettet hat. Inwiefern?

Auf allen Ebenen. Ohne Musik kann man nicht leben, nicht nur ich als Musiker. Wir würden atmen, aber irgendwann wäre auch das sinnlos, glaube ich. Die Musik ist der Soundtrack unseres Lebens und ein unglaublicher Verstärker unserer Gefühle. Sie ist eine Melodie, die das Leben jedes Menschen von morgens bis tief in die Nacht begleitet, seit der Mensch auf dieser Erde ist. Es gibt viele Menschen, die von der Musik gerettet wurden, ohne dass sie es wissen. Sie müssen es auch nicht wissen. Aber es ist so. 

Zum Lied gibt es einen sehr schönen Videoclip. Nach „Finnegan’s Wake“, „Weg vo Züri“, „Il giorno del falco“ und „E laggiù le lampare“ ist es erst der fünfte Clip seit Beginn deiner Karriere. Wieso hast du entschieden, gerade zu diesem Lied einen Videoclip zu drehen?

Meine Frau Christina, die bei diesem Video Regie geführt hat, hatte eine sehr schöne Idee für den Clip. Zwei Jungs, die mit einer Gitarre unterwegs sind, versuchen, sich in die Welt der Erwachsenen zu projizieren, indem sie rauchen und sich rasieren. Selbst die Prozesse in dieser Phase des Lebens werden Schritt für Schritt von der Musik begleitet.

Im Pressetext zum neuen Album wirst du folgendermassen zitiert: „Ich bin mitten in der Suche und mir bewusst, dass ich in meinem Alter neue Dinge und Herausforderungen entdecken muss. Es ist eine seltsame Phase, nicht mehr ganz jung, aber auch noch nicht alt. Die Lieder sind daher auch der musikalische Ausdruck dieser Zweifel, mit denen ich mich beschäftige.“ Woran zweifelst du am meisten?

Zweifel haben mich mein Leben lang begleitet. Unser Leben ist, auch auf privater Ebene, eine kontinuierliche Begegnung mit Abzweigungen, eine Strasse geht nach rechts, eine andere nach links. Auch wenn es ein Detail zu sein scheint: Diese Entscheidung, in jenem Moment nach rechts statt links zu gehen, ist für unser Leben folgenreich. Wenn du nach rechts gehst, wirst du ein ganz anderes Leben haben als wenn du nach links gehst. Du begegnest dadurch ganz anderen Menschen, die vielleicht einmal eine zentrale Rolle in deinem Leben spielen werden. Mit diesen Menschen wirst du womöglich eine andere Welt entdecken, von der du, wärst du an der Abzweigung nach links gegangen, vielleicht gar nicht gewusst hättest, dass es sie gibt. Diese kleinen Zweifel, ob man nach rechts oder links gehen soll, die ständig unser Leben prägen, sind eigentlich die entscheidenden Fragen unseres Lebens, obwohl wir das oft nicht wissen. Es gibt immer ein paralleles Leben, das neben unserem Leben läuft. Und zwar ist dies das Leben, für welches wir uns nicht entschieden haben. Darüber muss man sich im Klaren sein. Zweifel sind wichtig. Menschen, die glauben, sich immer sicher zu sein, sind langweilig. 

In „Un’ altra vita“ („Ein anderes Leben“), dem letzten Lied auf dem Album, geht es um die Suche – nach den richtigen Worten, nach einem anderen Leben, nach einem Sinn. Die Verse beginnen immer mit dem Wort „Cerco“ („Ich suche“). Wonach bist du ganz persönlich auf der Suche?

Ich glaube, wir Menschen sind alle ständig auf der Suche, von morgens bis abends, wobei wir oft nicht einmal wissen, dass wir suchen. Es gibt dieses Sprichwort, das besagt, wer sucht, der findet. Ich liebe genau das Gegenteil davon und sage gerne: „Wer nicht sucht, der findet.“ Denn wenn ich ständig aktiv am Suchen bin, werde ich nichts finden. Aber wenn ich die Haltung habe, nicht aktiv zu suchen, sondern einfach meine Neugier gegenüber der Welt ausdrücke, dann werde ich bestimmt etwas finden. Suchen bedeutet, offen für das Leben zu sein. Das Leben wird mir irgendwann einmal schon eine Antwort geben. Wenn ich alleine bin und aktiv eine neue Liebe, eine Frau, suche, dann werde ich keine oder zumindest nicht die richtige Frau finden. Denn in meiner Fantasie bildet sich ein Mensch, der Objekt meines Wunsches ist. Aber es ist und bleibt ein Konstrukt. Es muss eine gewisse Ruhe, Gelassenheit und Reife in der Suche sein. Und das geht nur, wenn man nicht aktiv sucht, sondern wenn etwas einfach geschieht. Das ist das richtige Suchen und Finden: Wenn man mit offenen Augen und offenen Armen durchs Leben geht und man sich von dem Gefühl führen lässt, dass man auf dem richtigen Weg ist. Ich glaube, dass das Suchen und Finden keine rationelle Entscheidung, sondern eine Sache der Intuition ist. 

In den letzten Jahren hast du auch an einem Roman gearbeitet. Wovon wird dieser Roman handeln?

Ja, der Roman ist fertig geschrieben und wird im November dieses Jahres bei Kein & Aber veröffentlicht. Die Geschichte heisst „Der Andere“ und handelt von zwei Männern, die sich nicht kennen. Sie sind gleichzeitig geboren, führen aber zwei unterschiedliche Leben an verschiedenen, weit voneinander entfernten Orten. Der eine wächst ist in Niedersachsen auf, der andere in einem kleinen Dorf in Sizilien. Sie sind Interpreten von zwei Leben, die im gleichen Kontinent stattfinden, aber trotzdem von zwei total unterschiedlichen Kulturen und Lebensphilosophien geprägt sind. Damit bilden sie einen Teil der Geschichte Europas der letzten 50 Jahre ab. Obwohl Europa im Vergleich zu Asien oder Afrika ein sehr kleiner Kontinent ist, kann das Leben, je nachdem wo in Europa man sich befindet, ganz anders aussehen. Dies ist eines der Themen des Romans. Dazu gibt es eine Geschichte, welche diese zwei Menschen verbindet.

Du hast einmal gesagt, dass du ebenfalls zwei unterschiedliche Leben geführt hast. Jenes als Kind, Jugendlicher und junger Erwachsener in Sizilien und dann – nach einigen Wanderjahren als Strassenmusiker in Europa –  dein jetziges Leben in der Schweiz. Und dass du oft eine innere Zerrissenheit verspürtest. Du hattest den Eindruck, hier in der Schweiz nicht ganz angekommen zu sein, fühltest dich aber auch in Italien nicht mehr richtig zugehörig, da sich das Land kulturell stark verändert hatte. 

Vielleicht habe ich versucht, in diesem Roman bis zu einem gewissen Punkt meine eigene Zerrissenheit zu beschreiben. Ich bin ja neu in diesem Metier, aber ich habe entdeckt, dass ein Schriftsteller oft jemand ist, der eigentlich über sich selber schreibt, obwohl es in den Büchern um andere Menschen geht. Es geht in meinem Romandebüt um Geschichten, die ich nicht selber erlebt habe, die Leben meiner Protagonisten haben mit meinem Leben grundsätzlich nichts zu tun. Aber es kommen trotzdem immer wieder biographische Elemente vor. Man versucht zwar, so gut wie möglich Abstand davon zu nehmen, aber ich glaube schon, dass jeder Protagonist und jede Protagonistin zu einem gewissen Anteil eine Repräsentation von sich selber ist, unabhängig des Geschlechts. Letztendlich ist das normal. Man schreibt über das, was man entweder selber kennt und erlebt hat oder dann über Dinge, die man gehört, gelesen oder gesehen hat. All diese Teile ergeben am Schluss eine Art Mosaik. 

 

Aktuelles Album:
„Canzoni Segrete“ (Jazzhaus Records), als CD und LP erhältlich.

Live:
Pippo Pollina ist das ganze Jahr 2022 auf grosser „Canzoni Segrete“-Europa-Tour. Alle aktuellen Daten sind auf https://www.pippopollina.com/de/tour/ ersichtlich.

 





One thought on “Interview mit Pippo Pollina

  • 16.05.2022 um 19:38
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    Fantastisches Interview über grundlegende Fragen des Lebens.
    Pippos ersten Roman werde ich mit Interesse lesen.

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