Putting Game Studies on the Map!

Im Gespräch mit Lisa Hinterleitner

Was denn, was denn? Noch keine passende Lektüre für die Pfingstferien gefunden? Ach, Sie haben gar keine dieser „Ferien“? Wie dem auch sei – lassen Sie sicht nicht unser Gespräch mit Lisa Hinterleitner zu ihrem neuen Buch Here Be (Dungeons and) Dragons entgehen. Sehen Sie, es fühlt sich schon ein wenig nach Ferien an…

Rudolf Inderst (RI): Liebe Frau Hinterleitner, bitte stellen Sie sich zunächst unseren Leser:innen kurz vor und schildern Sie uns bitte, wo Sie sich auf der Landkarte der Spielforschung selbst verorten.

Lisa Hinterleitner (LH): Zuerst: Vielen Dank für die Einladung zum Interview! Und damit starten wir auch schon mit einer Frage, die gar nicht so leicht zu beantworten ist.

Ich habe an der Uni Innsbruck Anglistik, Germanistik und Medien studiert. Dadurch habe ich einerseits einen literaturwissenschaftlichen Zugang zu den Game Studies, der auch ein bisschen durch mein Interesse am Mittelalter und an älterer deutscher Literatur geprägt ist – das war nämlich einer meiner Schwerpunkte während des Germanistik-Studiums. Andererseits ist es mir aufgrund meines medienwissenschaftlichen Hintergrunds (mein zweites Standbein sozusagen) auch sehr wichtig, Computerspiele als eigenständiges Medium zu sehen, das mit anderen Medien im Austausch steht, aber zugleich ganz eigene Vermittlungsstrategien ausbildet.

Auf der Landkarte der Spielforschung müsste ich mich daher wohl an mehreren Punkten gleichzeitig verorten, wobei das ja in Anbetracht der Vielfältigkeit dieses Felds nicht ungewöhnlich ist. Einen Kern meines Zugangs zum Medium Computerspiel bilden jedenfalls erzähl- wie auch raumtheoretische Überlegungen. Ich stelle mir die Landkarte der Spielforschung übrigens als eine recht wilde Karte vor, teilweise aus anderen Kartenteilen zusammengebastelt, an manchen Stellen vollgekritzelt, an anderen fast leer. Und das meine ich durchaus positiv.

RI: Nun würde uns natürlich brennend interessieren, wie es zu Ihrer Themenfindung bzw. der finalen Festzurrung in Here Be (Dungeons and) Dragons im Verlag Werner Hülsbusch kam?

LH: Das Buch ist aus meiner Masterarbeit entstanden, mit der ich 2021 mein Medien-Studium abgeschlossen habe. Die Themenfindung verlief eigentlich sehr unspektakulär – schon beim Brainstormen kamen mir spontan Karten in den Sinn. Damit war dann die Sache sehr schnell entschieden. Dazu sei gesagt, dass ich als Fantasy-Leserin, die sich zwischendrin selbst gern mal schreiberisch und künstlerisch betätigt, schon immer ein bisschen eine Schwäche für Karten hatte – vorzugsweise Karten imaginärer Orte, versteht sich.

Nicht allzu lang nach dem Studienabschluss wurde ich schließlich von Werner Hülsbusch kontaktiert, der mir anbot, die Arbeit in sein Verlagsprogramm aufzunehmen, und ich habe natürlich erfreut zugesagt.

RI: Sie geben an, dass eine Ihrer zentralen Erkenntnisse aus der Untersuchung das Verhältnis direkte von map und territory betrifft. Könnten Sie diesen spannenden Punkt für uns und unsere Leser:innen bitte etwas vertiefen und ausführen?

LH: Das ist in der Tat ein sehr spannender (wenngleich mitunter auch etwas verwirrender) Punkt! In Computerspielen ist mit map oft keine Karte im alltäglichen Verständnis, sondern der Spielraum selbst gemeint – entweder ein Level oder Abschnitt oder die komplette Spielwelt kann als map bezeichnet werden. Das schließt aber nicht aus, dass diese map dann zusätzlich durch eine Karte im eigentlichen Sinn repräsentiert wird, z. B. durch eine Mini-Map oder eine große interaktive Karte der Spielwelt, die man im Spielmenü aufrufen kann. Das Wort map ist also von vornherein mehrdeutig, wenn nicht gar uneindeutig. In manchen Fällen verschwimmt nämlich sogar die Trennung zwischen map und territory an sich – etwa in Strategiespielen, wo man ja den Spielraum selbst wie eine Karte vor sich hat.

Teilweise dürfte das sicher ein wenig genetisches Erbe von analogen Brettspielen sowie Pen-&-Paper-Rollenspielen sein, wo man durchaus ähnliches beobachten kann. Die Digitalität ermöglicht dem Computerspiel aber, diese Utopie der absoluten Karte – also der Karte, die gleich navigierbarer Raum ist – auf ein neues Level zu heben (no pun intended). Ich würde sogar sagen, dass das Verschmelzen von Karte und Raum in diesem Ausmaß ein Spezifikum des Mediums Computerspiel ist, das nicht umsonst manchmal als Raummedium bezeichnet wird. Gewissermaßen ist es also auch ein ‚Kartenmedium‘.

RI: Vielen Dank für das Gespräch! 





Rudolf Inderst

*1978 in München. Lebte in Kopenhagen und verliebte sich. Doppelt promoviert, übernimmt er Verantwortung als Ressortleiter für digitale Spiele hier bei nahaufnahmen.ch. Liebt Stanislaw Lem, Hörspiele und Podcasts. Spielt Videospiele seit etwa 40 Jahren. Lehrt als Professor für Game Design mit dem Schwerpunkt Game Studies / Spielanalyse / Game Business an der IU und krault sich gerne seinen Bart.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.