WWE 2K22

Sport & Nostalgie

Während NBA 2K inzwischen seit Jahren eine feste Größe unter den Sportsimulationen ist, gelang es der WWE-2K-Reihe bisher nie, konsistent gute Spiele abzuliefern. Das soll sich ändern. NORMAN VOLKMANN entstaubte sein Spandex-Outfit, zog den Ellbogenschoner über und wollte sich nochmal fühlen wie mit 12.

Das beste Tag Team aller Zeiten? Sport und Nostalgie. In meinem Leben war ich bislang nur passionierter Fan von zwei Sportarten: Basketball und Wrestling. Auch wenn beide Disziplinen unterschiedlicher nicht sein könnten, setzen sie doch ständig und überall auf Nostalgie, rufen laufend Vergleiche zu den Größen und Legenden auf und erinnern an die guten, alten Zeiten, die man zu deren Zeit nie als solche erkannt hätte. Michael Jordan erklärte seine Heldentaten erst 2020 in der Netflix-Dokumentation The Last Dance einer Generation, für die LeBron James längst der beste NBA-Spieler aller Zeiten ist. 

Und auch wenn die Geschichte eines Sports immer zentral in der Gegenwart zu fassen ist, gelingt es im Grunde nur der WWE, die alten Legenden immer wieder ins Geschehen eingreifen zu lassen. Washed up? Das ist man im Wrestling erst, wenn die Halle nicht mehr jubelt oder buht. Als Ric Flair 2008 sein letztes Match für die WWE bestritt, war er 59 Jahre alt. 14 Jahre später trainiert er offenbar erneut für eine Rückkehr in den Ring. Das klingt erstmal, als hätten die Macher von South Park 13 Jahre später den Film The Wrestler noch mal parodiert. Die Gefahr von ernsten Verletzungen beim Wrestling ist schon für junge Sportler*innen wahnsinnig hoch. Abgesprochen ist am Wrestling letztlich nur das Ergebnis. Der Schmerz ist real. 

Dass WWE 2K22 schwer auf Nostalgie setzt, wird nicht erst mit der nWo-thematischen Special Edition klar. Im Zentrum steht Rey Mysterio, der Mitte der 90er Jahre als junger Highflyer in der WCW erstmals Ruhm erlangte. Inzwischen ist er 47 Jahre alt und blickt auf seine Karriere zurück. Die Idee ist eine gute, die Umsetzung hingegen fühlt sich blutleer an. Auch hier fällt die Parallele zu NBA 2K auf: NBA 2K11 gab seinerzeit Spieler*innen die Chance, ikonische Spiele von Jordan nachzuspielen.

Bei WWE 2K22 sitzt da also ein mittelalter Mann mit Anzug und Luchador-Maske und stammelt ein paar “Insights” zu den dargebotenen Kämpfen. Ständig werden Spieler*innen Hinweise und Move-Vorschläge eingeblendet, die Videosequenzen auslösen, so dass das Spielgeschehen in echtes Videomaterial überblendet. Das ist durchaus nett gemacht, wären da nicht die wahnsinnig banalen Kommentare von Rey Mysterio selbst. Der verkauft die Kämpfe als echt und teilt seine strategischen Hintergründe für bestimmte Aktionen – das wirkt unfreiwillig komisch und baut eher Distanz auf. 

Neben Mysterio sind sie alle dabei, die alten Helden von 90er-Jahre-Kindern: “Stone Cold” Steve Austin, Bret “The Hitman” Hart, oder die legendäre nWo mitsamt des kürzlich verstorbenen Scott Hall. Sie alle dürfen mit In-Game-Währung freigeschaltet und gespielt werden. Auch ohne sie ist der Kader des Spiels riesig, nur viele der neuen Stars kenne ich schon gar nicht mehr. Dass WWE 2K nun auch mehrere Versionen von In-Game-Währung hat, ist für 2K-Veteranen auch nichts Neues mehr. NBA 2K ist das Vorbild, die Einschläge kommen näher. 

Doch die spielbaren Charaktere waren nie ein Problem der Reihe. Das Gameplay war es, dass jedes Jahr ärgerte: Durchzogen von Minispielen, die Kämpfe frustrierend schwer und unnötig komplex machten. Der größte Pluspunkt von WWE 2K22 ist die überarbeitete Steuerung. Fummelige Minispiele bei Aufgabegriffen sowie lange, schlecht-nachvollziehbare Kombos gehören der Vergangenheit an. Auch das Reversal-System hat nun großzügigere Zeitfenster und ist für Ungeübte kein reines Glücksspiel mehr. Kontextgebundene Moves, die Seile oder einen Ringpfosten voraussetzen, passen sich viel organischer ins Kampfgeschehen und Highflyer wie Rey zu spielen ist kein Nachteil mehr. 

Doch all das reichte nicht. WWE 2K22 konnte mich kaum fesseln. Das ist nicht unbedingt Fehler des Spiels: Das Interesse am Sport ist nicht mehr vorhanden, ich bin nicht im Geschehen, kenne viele der neuen Stars nicht. Die Spielmodi, die von der NBA-2K-Reihe abgekupfert wurden, ziehen vor allem deswegen nicht: Gerade der Sammelkarten-Modus “MyFaction” verlässt sich darauf, dass man die aktuellen Athleten auch wirklich kennt, ansonsten ist es vollkommen egal, wen man nun zieht.

Der Karriemodus, der nun “MyRise” heißt, verlor mich direkt. Das Erstellen der eigene Charaktere ist zwar extrem umfangreich, meine Figur sah aber immer wie ein muskulöses Baby aus. Die Videosequenzen, der Storyverlauf und die Dialoge wären im Nachmittagsprogramm der Privaten nicht akzeptabel gewesen und mir lief es kalt den Rücken runter. Auch das Arsenal an Editoren in den weiteren Modi blieb: Spieler*innen können in WWE 2K22 alles erstellen, alles managen: Großveranstaltungen, die eigene Liga, das Aussehen der Superstars, die Choreographie, Musik und Feuerwerke während des Einlaufes – alles da, alles einstellbar. Nur mein Interesse an solchen Modi ist ungebremst nonexistent.

WWE 2K22 hat aus Fehlern gelernt und ein geradliniges Gameplay-Erlebnis geschaffen, dass vieles vom Erfolgsrezept des Basketball-Bruders entlehnt. Speziell die Kartenspielmechaniken funktionieren dabei aber vor allem für Spieler*innen, die der WWE aktiv folgen und somit investiert sind. Die überarbeitete und verbesserte Steuerung ist der größte Verdienst des neuesten Teils. Für mich hat es am Ende nicht gereicht.

 

Bereits erschienen.

Originaltitel: WWE 2K22

Plattformen: PC, Xbox Series X/S, Playstation 4/5

Entwickler: 2K Games

Veröffentlicht von: Visual Concepts





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