Kultiges auf die Netzhaut

Cult of the Lamb in der Analyse

Seit Jahren weht ein angenehmer Wind aus der Indie-Schmiede Australien, denn zu Erfolgstiteln wie Hollow Knight, Untitled Goose Game oder Unpacking gesellt sich nun das knuffig absurde Cult of the Lamb. Und genau das hat sich CHRISTIAN KANDLIN angesehen.

Das Spiel von Entwickler:innen-Studio Massive Monster und Publisher Devolver lässt uns in den Pelz eines wortwörtlichen Opferlamms schlüpfen, das die Leitung eines fragwürdigen Kults erhält und diesen auf ebenso zweifelhafte Weise auszubauen hat. Und auch wenn sich das recht überschaubar und einfach anhören mag, verbirgt sich hier unerwartetes Potenzial. Cult of the Lamb ist im Kern kein allzu kompliziertes Spiel und lässt sich grob in zwei wesentliche Bestandteile aufteilen: in eine finstere Kultsimulation auf der einen Seite sowie in einen recht klassischen Dungeon Crawl auf der anderen. „Klassisch“, da vor allem Elemente aus aktuellen Roguelikes, wie etwa die zufällige Levelstruktur, das Freischalten unterschiedlicher Waffen sowie die teils knackigen Bosskämpfe vorhanden sind. Der Kultsimulator auf der anderen Seite befasst sich mit den aus den Raubzügen erbeuteten Rohstoffen, mit denen wir neue Gebäude errichten, unsere Kultist:innen versorgen oder unheilige Rituale abhalten. Die Progression verläuft sich im Ausweiten des Kults und dem Finden neuer Rezepte, bis schließlich unser anfängliches Ziel erreicht wird und unserer Gottheit, „Jenem der Wartet“, ihr versprochenes Ende gebührt.

Nähert man sich nun dem Spiel in der Erwartung, das nächste Binding of Isaac mit Animal-Crossing-Touch aufgetischt zu bekommen, wird man enttäuscht. Cult of the Lamb geht, wenn man nur das Durchspielen der Story betrachtet, knappe zehn bis zwölf Stunden. Weiterzuspielen ist möglich, vor allem da die freigeschalteten Level nun auch wiederholbar sind, um weitere nötige Ressourcen zu erbeuten. Allerdings weist der Kult zu diesem Zeitpunkt eine solche Größe auf, dass spielbare Neuerungen und Upgrades relativ schnell ausgebaut und so auch der spielerische Aspekt des Dungeon Crawls recht zeitnah ausgereizt ist. Ebenso lässt sich auf der anderen Seite der Kult noch weiterhin managen, denn die Anhänger:innenschaft möchte natürlich nach wie vor verpflegt und unterhalten werden. Doch Unterhaltung wird hier schnell zur repetetiver Pflicht, und selbst diese lässt sich irgendwann auf die unzähligen Kultist:innen abwälzen.

Was also bleibt? Für das erste: nichts! Aber das heißt nicht, dass Cult of the Lamb ein schlechtes oder zu kurzes Spiel ist. Eher wird man hier mit seiner eigenen Erwartungshaltung konfrontiert. Müssen Spiele, die sich mit den aufgezählten Spielelementen versuchen stets einen schier unerschöpflichen Wiederspielwert aufweisen? Das einfach abzuwinken wäre zu kurz gegriffen, denn natürlich müssen sich vor allem Indie-Studios nicht an alle gängigen Genrekonventionen halten – dass Abweichungen jedoch nicht unbedingt wohlwollend empfangen werden gilt dann jedoch zu erwarten. Andersherum könnte man auch fragen, wieso diese Elemente dann überhaupt erst aufgegriffen und genutzt werden. Hierin liegt vermutlich auch der größte Kritikpunkt am Spiel: Alle Elemente sind solide genug gestaltet, um das Fundament für einen spaßigen und interessanten Roguelike / Simulator zu bilden, bei dem es auch nicht an einem etwas ausgeprägterem Wiederspielwert mangelt. Dass das nicht das Ziel der Entwickler:innen gewesen zu sein scheint, will da nicht so recht passen.

Die Dualität der Spielmechaniken lässt sich gerne ausblenden, sobald der Blick auf die audiovisuelle Darstellung schweift. Denn hier liegt – wenn man mal ganz ehrlich sein darf nicht völlig unerwartet – die größte Stärke des Spiels. Zum Ausflippen putzige Tierchen, saubere 2D-Animationen in 3D-Arenen und der Schlagabtausch von Flausch und Groteske zeichnen ein Gesamtbild, das sich nicht nur mit der durch Trailer versprochenen Optik deckt, sondern immer wieder aufs neue verzaubert. Ebenso versetzen auch die ungewöhnlichen Klänge des Soundtracks in eine Trance und wissen die Opferrituale und Latrinensäuberungen hervorragend zu untermalen. Komponist und Musiker River Boy überzeugt hierbei mit einer unerwarteten Klangwahl und untypischen Rhythmen. Auch reinzuhören ohne anzuspielen lohnt sich!

Trotzdem bleibt ein gewisser Nachgeschmack, der einen fraglos zurücklässt. Auch wenn sich sicherlich einige ob der kurzen Spieldauer erfreuen mögen, bietet Cult of the Lamb eine doch so interessante Welt, dass man diese ruhig hätte weiterführen können. Die Story mag stumpf und geradlinig sein, dafür profitieren Figuren und Schauplätze oder die kultistischen Aktivitäten nicht nur von der audiovisuellen Hervorhebung, sondern könnten sicherlich noch die ein oder andere Geschichte erzählen – wenn man sie denn nur ließe. Glücklicherweise gibt es Grund zum Optimismus: Entwickler Massive Monster verlauteten bereits ambitionierte Updatepläne, die sich mit den angesprochenen Kritikpunkten beschäftigen wollen. Und da steigt doch glatt wieder ein wenig Vorfreude auf, bald zum flauschigen Kult zurückkehren zu können.

 

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Bereits erschienen.

Originaltitel: Cult of the Lamb

Plattformen: PC, PS4, PS5, Xbox One, Xbox Series X/S, Nintendo Switch

Entwickler: Massive Monster

Veröffentlicht von: Devolver Digital





Rudolf Inderst

*1978 in München. Lebte in Kopenhagen und verliebte sich. Doppelt promoviert, übernimmt er Verantwortung als Ressortleiter für digitale Spiele hier bei nahaufnahmen.ch. Liebt Stanislaw Lem, Hörspiele und Podcasts. Spielt Videospiele seit etwa 40 Jahren. Lehrt als Professor für Game Design mit dem Schwerpunkt Game Studies / Spielanalyse / Game Business an der IU und krault sich gerne seinen Bart.

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