Dunkel wars, der Mond schien helle!

The Quarry

Supermassive Games haben eine Spezialität: Sie entwickeln zumeist Adventures mit minimalem Gameplay und Horror-Settings. Mit Erfolg – konnte doch ihr PS4-exklusiver Erstling Until Dawn im Jahre 2015 solide Wertungen und eine ordentliche Fanbase generieren. Nach einem Ausflug in das Episoden-Format der Dark-Pictures-Anthology, kehren die Briten mit The Quarry nun zu ihren Wurzeln zurück. Sind am Ende also vielleicht Teenie-Horror, B-Cast-Schauspieler und potenziell sterbende Protagonisten das Patentrezept für einen Geheimtipp? DANIEL APPEL hat sich in die Nacht gewagt, um Licht ins Dunkel zu bringen.

Sanfter Pop schallt aus dem Radio. Die Scheinwerfer meines Kombis teilen die dichte Dunkelheit, die schwer auf die Waldstraße drückt. Links und rechts ziehen die grauen Schemen majestätischer Nadelbäume vorbei. Die Straße glänzt und reflektiert das Licht des Vollmonds. Zu meiner Rechten sitzt Laura, schaltet das Radio aus und beginnt eine Diskussion: Haben uns verfahren, Stümper, orientierungslos – super, das hilft gerade echt weiter! Laura holt die Karte vor, ich werfe einen Blick darauf. „Augen auf die Straße!“ Ich drehe den Kopf. Ein dunkler Umriss. Ich reiße im letzten Moment am Lenkrad, Reifen kreischen. Das Auto bricht aus. Ein Schrei. Wir brechen durch den Zaun in den Wald. Ein Schlag. Ich kralle meine Finger ins Lenkrad, weiche in letzter Sekunde einem Baumstumpf aus. Mit einem harten Ruck kommen wir zum Stehen.

Unter der Motorhaube bilden sich sanfte Schwaden. Scheiße! Ich steige aus und begutachte den Schaden. „Holst du mal bitte das Werkzeug.“ Der Schweiß rinnt mir in den Nacken, die Schwüle ist drückend. Im Schein der Autoleuchten repariere ich das Nötigste. Wo ist eigentlich Laura? Ich höre einen Schrei. Panisch stürmt sie auf mich zu, kreischt hysterisch. „Los, los, los!“ Wir springen ins Auto, es springt an – perfekt! Ich trete aufs Gas, die Reifen drehen durch. Mist, festgefahren. Ich trete das Pedal fester. Nichts bewegt sich. Ich reiße den Kopf herum, mein Blick streift das Seitenfenster. Ein heller Fleck – mein Herz setzt aus…beim ersten von vielen Jumpscares.

What‘s your favourite scary movie?

Wald, Dunkelheit, Vollmond, Unfall am Ende der Welt, durchdrehende Reifen – schon im Prolog schmeißt mir The Quarry die Horror-Klischees nur so um die Ohren. Und so treiben es die Briten von Supermassive Games dann auch weiter: Ein zwielichtiger Polizist? Check! Ein verwaistes Ferienlager am See? Check! Knarrende Holzhütten? Check! Ein düsterer Wanderzirkus? Check! High-School-Romantik? Check! Jocks, Nerds, Zicken? Check! Tote Telefonleitungen, wortkarge Waldbewohner in Latzhose, ein altes Bergwerk, ein düsteres Familiengeheimnis, verwackelte Handykamera-Aufnahmen, eine kreischende Kettensäge? Check, check, check, check, check, check, check! Es gibt kaum Horrortropen, die The Quarry in seinen rund zehn Stunden Spielzeit auslässt. Insbesondere Fans von klassischen Horrorfilmen und Slashern werden staunen, wie viele Referenzen ein Horrorspiel in ein paar Stunden stopfen kann. Das tut The Quarry dabei durchaus nicht uncharmant.

Aber der Reihe nach: Zwei Monate nach dem Prolog. Das in die Jahre gekommene US-Ferienlager Hackett’s Quarry liegt tief im Wald des mittleren Westens. Tannen, ein idyllischer See, Blockhütten – die perfekte Pfadfinder-Romantik. Am Ende des Sommers, die Kinder sind just abgereist, packen Betreiber Chris Hackett und seine fünf jugendlichen Betreuerinnen und Betreuer ihre Sachen und verrammeln das Camp für den Winter. Für die Teenager beginnt das Studium an verschiedenen Orten, es herrscht Abschiedsstimmung, Wehmut, Zukunftsangst und Trauer über das Ende der einen oder anderen Sommerromanze. Während Hackett die Kids zur Eile antreibt, kommt High-School-Jock Jacob nur schwer mit der Trennung von seiner Camp-Freundin Emma zurecht. In seiner Trauer sabotiert er ungesehen den Kleinbus der Truppe, um die Abreise hinauszuzögern. Der panische Hackett ermahnt die Teenager nachdrücklich, sich für die letzte gemeinsame Nacht im Haupthaus einzuschließen, während er sich um Ersatzteile für den Bus kümmert. Kaum verschwunden, schlägt die Gruppe um Emma und Jacob jede Ermahnung in den Wind und plant eine Abschiedsparty mit Wodka und Melonen am Lagerfeuer. Das Feuer lodert, die Musik dröhnt aus der Bluetooth-Box und es kommt, wie es kommen muss: Durch die Verkettung unglücklicher Umstände kämpft die Teenie-Truppe auf einmal am Ende der Welt darum, die Nacht zu überleben.

Im Westen nichts Neues

In den folgenden Stunden übernehme ich nun also abwechselnd die Rolle der verschiedenen Teenager, um sie mehr oder weniger unbeschadet durch die Nacht zu retten. Wer jemals ein anderes Adventure von Supermassive, Quantic Dream (Heavy Rain) oder Telltale (The Walking Dead) gespielt hat, weiß nun wie der Hase läuft: Ich suche überschaubare Areale nach dünn verteilten Gegenständen ab, entdecke Hinweise zu den Mysterien rund um das Ferienlager, entscheide mich in ausgewählten Situationen in Slow-Motion zwischen zwei Handlungs- oder Antwortalternativen und beeinflusse so Storyverlauf und Beziehung der Charaktere untereinander. Kommt es zu Actionsequenzen, drücke ich in bester Quick-Time-Manier eine eingeblendete Taste und sehe im Nachgang die Auswirkungen meines Erfolgs oder Misserfolgs. Letzterer entsteht zuweilen durch die etwas unpräzise Umsetzung von Controllereingaben, die sich allerdings durch entsprechende Regler im Menü anpassen lassen.

Damit ist die Spielmechanik auserzählt – sieht man einmal von den drei(!) hanebüchenen Schalterrätseln im Spiel ab. Genau genommen, handelt es sich bei The Quarry also eher um eine etwas angestaubte Form des interaktiven Films – ein Genre, das seinen Zenit etwa um das Jahr 2014 erreicht hatte. Spielerisch wandelt es entsprechend auf altbekannten, konservativen, ja vielleicht sogar nostalgisch-reaktionären Pfaden. Seine Faszination zieht es allerdings aus anderen Quellen. Und die sind durchaus interessant.

Atmosphärische Soap im Uncanny Valley

So konservativ sich das Spielprinzip von Supermassives neuestem Streich anlässt, so interessant sind Erzählweise und Ästhetik. Denn in diesen Kategorien legt The Quarry eine Punktlandung in einem Produktionsfeld hin, in das sich nur selten ein Genrevertreter verirrt: Das schmale B-Segment. Jenseits aller Triple-A-, Double-A-, trashiger C-Class- und Indie-Pixelart-Produktionen existiert hier eine winzige Nische, die nur schwer fassbar ist. In seinen guten Momenten paradiert The Quarry stilvoll über diesen leicht rissigen Boulevard zwischen Mittelmaß und ästhetischem Anspruch und überhöht voller Selbstbewusstsein seine Elemente bis zur Unterhaltsamkeit. Deutlich wird das, wenn das Team von Supermassive die genannten Tonnen von Horrorklischees gekonnt zu einem durchgehenden Storyteppich verwebt. Überbordender Fan-Service für Freunde des Genrefilms, keine Frage. Nichts daran ist neu, nichts innovativ, Altbekanntes im Überfluss.

Das Verdienst von Supermassive ist dabei jedoch ein zutiefst eklektisches: Aus all diesen Stereotypen eine halbwegs konsistente Story zu weben ist eine beachtliche Leistung. Logiklöcher? Gibt es zuhauf. Abstimmungsfehler und deplatzierte Dialoge? Sicher. All das fällt beim Reinzoomen sofort auf. Mir allerdings nie negativ – denn in der Gesamtschau bleibt das Bild für mich trotz Lücken und Überfrachtung stimmig. In der Charakterzeichnung geht The Quarry sogar noch einen Schritt weiter: Alle Charaktere sind wandelnde Klischees, Abziehbilder des Teenie-Horrors. Supermassive weiß das und bricht die Welle der Stereotypen hier geschickt wenige Zentimeter, bevor sie ihre Charaktere ins Meer der Lächerlichkeit spülen: Da sitzt der großspurige High-School-Jock nach Stunden der übelsten Plattitüden-Prahlerei mit hängenden Schultern und tränenüberströmten Wangen auf dem Steg und erzählt glaubhaft von seiner Angst vor Zurückweisung. Da schaltet die nervtötende Influencer-Barbie ihre Selfie-Cam nach Ewigkeiten aus, versinkt ins grübelnde Selbstgespräch und zurück bleibt ein verlorenes, unsicheres Mädchen in einer beklemmend-düsteren Welt. In diesen Momenten löst sich The Quarry dramaturgisch geschickt von seinem stereotyp-unterhaltsamen Trash-Charme und schafft starke Momente. Hier blitzt für Augenblicke eine Klasse auf, die nicht nur Trash-Produktionen im Videospielsektor zumeist vermissen lassen.

Dieses Kunststück gelingt Supermassive allerdings nicht bei allen Charakteren: Gerade die Antagonisten bleiben blass und sind nicht immer nachvollziehbar, ja oft geradezu unter Groschenroman-Niveau geschrieben. So fallen sie vor dem Hintergrund der lebendig gezeichneten Protagonisten-Riege zum Teil ins Bodenlose ab. Letztere trägt dabei mit ihren großen und kleinen Beziehungsdramen das Spiel und wirkt in allen anderen Momenten wie eine gelungene Hommage an das gut produzierte Teenie-Slasher-Kino der 1990er-Jahre – Reminiszenzen auf gehobenem Soap-Niveau. Und das ist wörtlich zu nehmen, haben Supermassive Games für The Quarry doch wieder eine Reihe von B-Cast-Schauspielern gewinnen können. Von Ariel Winter über Evan Evagora, Halston Sage und David Arquette, bis hin zu Zach Tinker sind einige US-Seriengrößen im Cast vertreten. Dabei sind diese durchaus aufwändig digitalisiert, gelungen vertont und gut animiert. Einzige Ausnahme bilden hier die Mundanimationen einiger Charaktere, die mich in ungünstigen Momenten direkt ins Uncanny-Valley katapultieren. Aber auch hier scheint Supermassives Devise der Trash-Exploitation durch: Statt mich aus den Untiefen des Valleys herauszulocken, leuchten sie es schick aus, zoomen voll rein und holen alles aus der Situation heraus. Das Ergebnis ist eine atmosphärisch dichte Teenie-Slasher-Edelsoap im Uncanny Valley – nicht mehr und nicht weniger.

 

Bereits erschienen

Originaltitel: The Quarry

Plattformen: PlayStation 4, PlayStation 5, Xbox One, Xbox Series, Microsoft Windows

Entwickler: Supermassive Games

Publisher: 2K Games





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