Ein mysteriöses Schriftstück, das niemand versteht

Das Voynich-Manuskript

Eine geheime Schrift, Abbildungen von fremdartigen Pflanzen und nackten Frauen, die in einer grünen Flüssigkeit baden: Das alles und noch einiges mehr beinhaltet das Voynich-Manuskript, eine mysteriöse Niederschrift, die bis heute kein Mensch entschlüsseln konnte.

Aufklappbare Seite im Voynich-Manuskript (Faksimile)
Quelle Wikipedia, User Klaus.Schmeh

In Frascati bei Rom steht auf einem Hügel die Villa Mondragone. In der dort untergebrachten Jesuitenschule entdeckte 1912 ein polnischer Buchhändler und -sammler ein altes Manuskript und erwarb dieses. Sein Name war Wilfrid Michael Voynich und nach ihm wurde das besagte Manuskript später benannt.

Seiner ersten Einschätzung nach wurde das rätselhafte Schriftstück im 13. Jahrhundert verfasst. Voynich versuchte die Identität des originalen Autors herauszufinden und die bizarren Schriftzeichen des Manuskripts zu entziffern. Er blieb aber trotz Hilfe von damals führenden Wissenschaftlern aus Amerika und Europa erfolglos.

Zu diesen Wissenschaftlern gehörte mitunter William Friedman, ein russisch-US-amerikanischer Kryptologe, welcher im zweiten Weltkrieg für die Dekodierung von feindlichen Botschaften verantwortlich war und das Verschlüsselungsverfahren “PURPLE“ der Japaner entschlüsseln konnte schon bevor die USA in den Krieg zogen.

Wilfrid Michael Voynich im Alter von 20 Jahren, als er noch seinen polnischen Namen Michał Wojnicz benutzt haben dürfte. Geboren wurde er im heutigen Belarus als Міхаіл Войніч, transliteriert: Michail Wojnitsch.
Auch im Deutschen hat sich jedoch die amerikanische Schreibweise eingebürgert.

Vermutete Herkunft des Manuskriptes
Als Voynich das Manuskript erwarb, befand sich im Einband des Manuskriptes ein Brief. Geschrieben hatte diesen Johannes Marcus Marci aus Prag im Jahre 1666. Darin gibt er an, dass Jahrzehnte zuvor Kaiser Rudolph II. von Habsburg das Manuskript besessen habe. Diese Information, hatte Marci von Raphael Mnishovsky, dem Generalstaatsanwalt von Kaiser Rudolph. Mnishovsky behauptete auch, dass Roger Bacon der Autor des Manuskripts sein soll. Bacon war ein englischer Philosoph und Alchemist des 13. Jahrhunderts.

Nach seinem Tod vererbte Wilfrid Voynich das Manuskript seiner Frau Ethel Lilian Voynich und diese verschenkte es vor ihrem Tod an Anne Nill, einer früheren Sekretärin von Wilfrid. Nachdem Nill das Manuskript an den Antiquar und Buchsammler Hans Peter Kraus verkaufte, vermachte dieser es 1969 der Universität Yale, weil er selbst es nicht weiterverkaufen konnte.

Auch Voynich ging davon aus, dass Bacon das Manuskript geschrieben habe, da dieser sich unter anderem mit Entschlüsselungstechniken auskannte. Diese These konnte jedoch nie bewiesen werden. Manche glaubten sogar, dass Voynich selbst das Manuskript geschrieben habe. Beide Thesen wurden jedoch 2009 widerlegt, denn bei einer genaueren Untersuchung (inkl. einer Radiocarbondatierung) des Pergaments stellte sich heraus, dass dieses höchst wahrscheinlich im frühen 15ten Jahrhundert hergestellt wurde.

Geheimnisvolle Schriftzeichen und nicht bestimmbare Pflanzen aus dem Voynich-Manuskript (S. 39v & 40r)

Inhaltliche Gliederung des Werkes
Das Manuskript besteht aus insgesamt 246 Pergamentseiten, von denen sich manche aufklappen lassen, um eine grössere Illustration zu zeigen. Das Manuskript lässt sich in fünf oder sechs Sektionen aufteilen, je nachdem, ob die astrologische und kosmologische Sektion zusammengenommen werden oder nicht. Einzelne Sektionen haben verschiedene Namen, da man sich nicht sicher ist, was die Illustrationen genau darstellen sollen.

Eine pflanzenheilkundliche/ botanische Sektion:

Pro Seite ist jeweils eine Pflanze abgebildtet, auf über hundert Seiten des Manuskripts. (S. 23r)

Hier finden sich Abbildungen von nicht bestimmbaren Pflanzen, sowie Text, der mutmasslich diese Pflanzen beschreibt. Darauf weist die Tatsache hin, dass das erste Wort auf den Seiten meistens einmalig oder nur selten im Manuskript vorkommt. Dies könnte bedeuten, dass es sich beim diesem ersten Wort um den Namen der Pflanze handelt.

Eine astrologische/ kosmologische Sektion:
Es werden in den Abbildungen unter anderem Symbole für Tierkreiszeichen, Sterne und Himmelskörper abgebildet. Die aufgeführten „Tierkreiszeichen“ sind mit den heute gebräuchlichen beinahe identisch. Deutlich zu erkennen sind zum Beispiel die Symbole für die Sternzeichen Waage, Fische und Schütze, allerdings sind einige Zeichen doppelt (z.B. Widder) und andere fehlen (z.B. Wassermann).

Das Tier für das Sternzeichen Skorpion lässt sich nicht wiedererkennen, vermutlich kannte der Zeichner keinen Skorpion aus eigener Anschauung.

Sternzeichen Skorpion. Das Tier ist umgeben von 10 nackten Frauen. Die Anzahl könnte ebenso eine Bedeutung haben wie der Stern. (S. 73r)

Auch andere Darstellungen des Zeichens Skorpion dieser Zeit erinnern eher an einen seltsamen Hund.

Skorpion aus einem Astrologie-Buch des 15. Jahrhunderts
(Quelle: Wikipedia)

Interessant ist, dass in dieser Sektion das einzige Mal Wörter verwendet werden, welche nicht verschlüsselt geschrieben sind. Lesbar sind aberil, may, jong, iollet, augst, septembr, octembre (sic), novembre und decebre (ohne m). Diese Monatsnamen sind wohl Okzitanisch, einer Sprache die sich neben dem Französisch in Gallien aus dem Vulgärlatein entwickelt hat. Die Sprache könnte ein Hinweis für den Ursprung des Manuskriptes sein. Es ist jedoch gut möglich, dass sie erst von einem späteren Besitzer der Schrift hineingeschrieben wurden.

Vermutlich eine Abbildung zum Tierkreiszeichen Widder. Lesbar das Wort „aberil“. (S. 71r)
Astronomie im Voynich-Manuskript:
Die sieben nahe beieinanderliegenden Sterne stellen möglicherweise die Plejaden dar.
Das Gesicht könnte der Mond sein. (S. 68r)

Eine anatomisch/ balneologische/ biologische Sektion:
Bei dieser Sektion sind sich die Forschenden am wenigsten sicher, was die Illustrationen darstellen. Man sieht nackte Frauen in Bädern sitzen und manche dieser Bäder sind durch Röhren verbunden. Einige dieser Röhren und Bäder, erinnern jedoch an Organe, weswegen dieser Teil des Manuskripts auch als anatomische Sektion bezeichnet wird. Es kann sich also um eine Bäderkunde oder Anatomie handeln, aber auch um etwas ganz anderes.

Badende Frauen: Stellen sie einfach badende Frauen dar? (S. 84r)

Eine pharmazeutische Sektion:
Diese Sektion ähnelt der kräuter- und pflanzenkundlichen Sektion, nur sind die Abbildungen der Pflanzen teilweise kleiner und es lassen sich in den Zeichnungen zusätzlich Gefässe und Zylinder erkennen.

Pflanzenteile und deren Aufbewahrungsgefässe? (S. 99v)

Eine Rezept- und Schlüssel- Sektion
Den Namen hat diese Sektion bekommen, da die Seiten nur Text beinhalten und mit Sternen versehen sind, die womöglich als Aufzählungszeichen fungieren. Viele Voynich-Experten gehen davon aus, dass es sich um eine Rezeptsammlung handelt, die Gebrauch von den vorher erwähnten Kräutern und Pflanzen macht. Denn zahlreiche der „Worte“ die hier niedergeschrieben sind, finden sich auch in der pharmazeutischen Sektion.

Beschreibung mit Aufzählungszeichen?

Drei Zeilen auf der letzten Seite des Manuskripts sind wiederum in einem etwas anderen Schriftstil gehalten, der dem aus Deutschland im 15. Jahrhundert ähnelt. Gemäss dem frühen Voynich-Forscher William Romaine Newbold sollen diese Zeilen einen Schlüssel zur Decodierung darstellen (daher Schlüssel-Sektion).

Die letzten Zeilen im Voynich-Manuskript in anderem Schriftstil als der Rest.

Die Schrift
Die Schrift besteht aus einem Alphabet von 22 Buchstaben. Manche der Schriftzeichen sehen aus wie lateinische Buchstaben, beispielsweise a, c oder o und andere wie die Ziffern 4, 8 oder 9. Daneben gibt es noch besondere Buchstaben die als Gallows- oder Galgen-Glyphen bezeichnet werden, da ihr Erscheinungsbild an einen Galgen erinnert. Im Manuskript gibt es acht verschiedene Basis-Gallows, welche in unterschiedlichen Variationen auftreten. Die zusätzlichen Schleifen dienen vermutlich nur zur Dekoration.

Zwei zufällige „Worte“ aus dem Voynich-Manuskript.
Die Glyphen sehen zum Teil aus wie die uns bekannten Zeichen. Die sogenannten Galgen-Glyphen ragen mit Schleifen über die anderen Zeichen hianus.
Das „cc“ dürfte ein eigener Buchstabe sein.

Ansonsten funktioniert die Schrift vermutlich wie eine übliche europäische Schrift, die von links nach rechts geschrieben wird und Abstände zwischen den Wörtern aufweist. Die Theorie, dass sie der Logik einer echten Sprache folgt – mit den üblichen Wortlängen und Buchstaben-Verteilungen – stellten 1944 als erste William und Elizebeth Friedman auf. Die von Ihnen organisierte First Study Group war bis 1946 aktiv. Sie waren auch die ersten, welche die Zeichen des Manuskriptes in eine Art Alphabet übertragen haben.

Die Theorie der Friedmanns, dass der Text eine echte linguistische Struktur aufweist, wurde von zwei Physikern im Jahr 2013 gestützt, von Marcelo Montemurro, damals an der Universität Manchester und Damián Zanette vom argentinischen Atomforschungszentrum Bariloche. Die beiden Forscher zeigten, dass die sprachlichen Muster des Manuskripts denjenigen von echten Sprachen gleichen. Link zur Studie

Der US-amerikanische Kryptologe Prescott Currier postulierte 1976, dass das Manuskript in zwei verschiedenen Sprachen verfasst wurde, der grösste Teil des Manuskriptes in der ersten Sprache, die anatomische und kosmologische Sektion in einer anderen. Dabei hat Currier beiden Sprache je eine Handschrift zugeordnet und ging davon aus, dass das Manuskript mindestens zwei Autoren haben muss. Diese Hypothese wurde von Lisa Fagin Davids 2020 insofern gestützt, als sie die beiden Handschriften bestätigte aber auch weitere Handschriften identifizierte.

Theorien zur Sprache der Schrift
Von Gerard Cheshire stammt eine weitere Theorie aus dem Jahr 2019. Sie besagt, dass es sich um eine einzige Sprache handelt und zwar um eine romanische wie Französisch oder Italienisch. Allerdings um eine inzwischen ausgestorbene, welche nur von wenigen Menschen gesprochen wurde. Das Manuskript wäre der einzige Beweis, dass diese Sprache existiert hat. Ein Hinweis dafür könnten die Monate bei einigen der Tierkreiszeichen sein, welche auf Okzitanisch geschrieben wurden.

Es könnte sich jedoch auch um eine künstliche Sprache handeln, so wie die heute bekannten Esperanto oder Elbisch. Sie wäre dazu entwickelt worden, um beispielsweise geheimes Wissen noch besser zu verbergen, als mit einer Geheimschrift alleine.

Im Jahr 2016 haben Greg Kondrak, ein Informatikprofessor und Experte in NLP (natural language processing, linguistische Datenverarbeitung) und Bradley Hauer, einer seiner Doktoranden, versucht mit künstlicher Intelligenz verschlüsselte Texte zu analysieren. Dabei diente das Voynich-Manuskript als Fallstudie.

Kondrak und Hauer erstellten, einen „statistischen Fingerabdruck“ durch die Berechnung bestimmter Eigenschaften des Textes, wie zum Beispiel, wie oft jeder Buchstabe und jede Buchstabenkombination vorkommt. Diesen verglichen sie dann mit demjenigen anderer Sprachen. Sie folgerten daraus, dass das Manuskript auf Hebräisch geschrieben sei. Die mit Google übersetzen Sätze ergaben jedoch wenig Sinn und die Annahme konnte nicht wissenschaftlich bewiesen werden. Diese Studie wollte wohl nicht in erster Linie einen Beitrag zur Decodierung des Voynich-Manuskripts liefern, sondern eher die Möglichkeiten der linguistischen Datenverarbeitung aufzeigen.

Geheimnisvoller Inhalt
Bis heute weiss niemand sicher, worum es sich beim Voynich-Manuskript wirklich handelt. Womöglich ist es ein Medizinbuch. Solche Bücher waren üblich in der Zeit der Entstehung des Manuskripts. Und alle Themen im Manuskript haben etwas mit Gesundheit zu tun. Auch Astronomie war im Mittelalter eng mit diesem Thema verbunden. So sollte man gewisse Kräuter nur während eines bestimmten Monats einnehmen, wie beispielsweise in der Zeit des Sternzeichens Löwe nur Kräuter für Bauch, Herz und Niere.

Es stellt sich die Frage, weswegen ein Medizinbuch in einer geheimen Schrift verfasst wurde. Hatten die damaligen Autoren ihrer Ansicht nach revolutionäre neue Erkenntnisse gemacht und wollten diese für sich behalten?

Diese Pflanze könnte Efeu darstellen, sie erinnert zumindest daran. (S. 94r)

Oder handelt es sich um einen mittelalterlichen Scherz? Dagegen spricht jedoch, dass es einen sehr grossen Aufwand bedeutet hätte, ein so umfangreiches Manuskript zu erstellen. Mehrere Menschen wären am Verfassen des Manuskriptes beteiligt gewesen, die viel Zeit und Material hätten aufwenden müssen.

Während Experten und Enthusiasten versuchen, das Voynich Manuskript zu entschlüsseln, rätseln weltweit Interessierte mit. Ob es ihnen je gelingen wird, dem Mysterium auf die Spur zu kommen, steht in den Sternen. Vielleicht bleibt das Manuskript, was es immer bleiben sollte: Ein Geheimnis.


Aus der astronomischen Sektion (S. 68v)

Literatur zum Thema

Vera Pache, Klaus Schmeh Das Voynich Manuskript: Gesamtdarstellung aller Tafeln der geheimnisvollen illuminierten Handschrift; Verlag Favoritenpresse, 2022
In diesem neuen Buch sind alle bekannten Seiten des Manuskriptes abgebildet.

Klaus Schmeh Codeknacker gegen Codemacher. Die faszinierende Geschichte der Verschlüsselung, Springer-Verlag; 2022.
Ein interessantes Buch für LeserInnen die selber geheime Texte entschlüsseln wollen oder eigene Geheimschriften verfassen möchten.

Peter Roitzsch Das Voynich-Manuskript. Ein ungelöstes Rätsel der Vergangenheit, MV Verlag, 2017.
Ein Buch in welchem die Geschichte des Voynich Manuskriptes in genauem Detail erzählt wird und auch der Inhalt, wie die Schrift und die Illustrationen, des Manuskriptes genau beschrieben wird.

Im Netz

Die offizielle Website der Bibliothek der Yale Universität. Dort kann man sich alle Seiten des Manuskriptes anschauen.

Ein informatives Youtube Video über das Manuskript und einer neuen Theorie wer der Autor des Manuskripts gewesen sein könnte.

Eine detaillierte einstündige Dokumentation über das Voynich Manuskript auf Englisch.

Doku vom ORF, die gegen Ende die Radio-Carbon-Datierung zeigt. Der ORF hatte diese Untersuchung 2009 exklusiv dokumentiert. Als Zuschauer fühlt man sich insofern nicht ernst genommen, als vorher noch Theorien besprochen werden, die durch diese Datierung hinfällig sind.

Ein interessanter Artikel in der Süddeutschen Zeitung eines neuen Entschlüsselungsversuches des Ägyptologen Rainer Hannig, welcher behauptet, dass das Manuskript in mittelalterlichem Aschkenasisch geschrieben wurde.

Auf der Website The Voynich Manuscript lassen sich alle relevanten Details zum Voynich-Manuskript finden. Sie ist besonders für LeserInnen zu empfehlen, welche ihr Wissen zum Voynich-Manuskript umfangreich vertiefen wollen.

Ein weiterer Artikel aus der Süddeutschen Zeitung zum Thema: Ist das Voynich-Manuskript echt?

Ein Artikel in der NZZ von Lea Carl-Krüsi und Christoph Eggenberger. Sie stellen die Theorie auf, im Voynich-Manuskript gehe es um die sogenannten Bastarde, die unehelichen Kinder der Adligen, die mit Frauen aus dem Volk gezeugt wurden.





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