Interview mit Sina

„Ich habe mir vorgenommen, inskünftig die Prioritäten im Leben anders zu setzen“ 

Bild: © Pat Wettstein

Mit ihrem neusten Album „Ziitsammläri“ ist Sina ein in jeder Hinsicht zauberhaftes, zeitloses, musikalisch buntes, sowohl von feinem Humor als auch von zarter Melancholie durchtränktes Mundart-Meisterwerk über die verschiedenen Facetten der Zeit gelungen. Nahaufnahmen.ch traf die Walliserin zu einem ausführlichen Gespräch, unter anderem über die existentiellen Fragen, die sie sich während des Corona-Vollstopps stellte, das Wallis als dunkles Verlies, virtuelle Wolken, Schattenfrauen sowie die Illusion, dass sich der Alterungsprozess aufhalten lässt. 

Von Christoph Aebi 

Als ich diesen Frühling gelesen habe, dass dein neues Album „Ziitsammläri“ heissen wird und du es grösstenteils im Grandhotel Giessbach aufnehmen wirst, war meine erste Reaktion: Es ist sehr stimmig, das Album an diesem Ort einzuspielen, an dem die Zeit stehen zu bleiben scheint. Waren das auch deine Beweggründe?

Es war eine glückliche Fügung: Wir konnten auf unserer „Mondnacht“-Trio-Tour ein Konzert im Giessbach spielen. Dadurch kamen wir mit dem Hoteldirektor Mark von Weissenfluh in Kontakt, der uns sagte, das Hotel eigne sich nicht nur für Auftritte, sondern auch um sich zurückzuziehen, Texte zu schreiben oder Demos zu produzieren. Meine Managerin Benita Andres fragte ihn ganz direkt, ob man im Hotel auch ein ganzes Album aufnehmen könne. Er antwortete, im Personalhaus hätten sie das schon einmal gemacht, jedoch noch nicht im Hotel selber. Man müsse einfach schauen, wie es bautechnisch möglich wäre. Und so begannen bei Benita und mir die Gedanken zu rattern und wir schauten, dass wir diese Idee umsetzen konnten. Ich wollte für die Aufnahmen eines Albums schon lange einmal weg von den traditionellen Studios, um an einem unüblichen Aufnahmeort so richtig in die Musik einzutauchen. Wenn man in einem Studio aufnimmt, zieht sich am Abend jeder wieder in seine eigenen vier Wände zurück und ist mit den Themen des Alltags konfrontiert. Für die Aufnahmen im Giessbach habe ich uns quasi auf eine Insel verbannt, von der wir abends nicht einfach so nach Hause gehen konnten. Dafür war es möglich, tiefe Gespräche zu führen, ohne dass man befürchten musste, den letzten Bus für die Heimfahrt zu verpassen. Ich war zusammen mit meinen Musikern und Technikern zehn Tage im für die Öffentlichkeit geschlossenen Hotel. Wir hatten jedoch einen Koch und jemanden, der das Essen servierte. Das Hotel ist riesig, so konnte jeder an den verschiedenen Orten im Haus seine Privatsphäre haben. Aber wir haben vor allem gearbeitet. Die Musik war allgegenwärtig, auch zwischen den Aufnahmen. Das war unglaublich schön. Ich hätte mir das schon früher gönnen sollen und würde es sofort wieder machen.

Denkst du, dass gerade diese neuen Lieder, die alle die verschiedenen Facetten der Zeit beleuchten, einen abgeschiedenen Aufnahmeort brauchten, an dem du so richtig in die Songs eintauchen konntest?

Wie alle anderen Künstler und Künstlerinnen war ich es aufgrund der Corona-Pandemie unfreiwilligerweise bereits etwas gewohnt, abzutauchen. Kaum hatten wir die Première des Trio-Programms gefeiert, mussten wir den Rest der Tour verschieben und wussten lange nicht, ob wir das Programm je würden spielen können. Ich hatte also plötzlich viel Zeit. Und dementsprechend lag das Thema eigentlich direkt vor meiner Nase. Ich stellte mir zudem viele Fragen: „Was mache ich mit der Zeit, die mir noch bleibt?“ Die Hälfte ist ja gut vorbei. „Habe ich die Weichen in meinem Leben richtig gestellt? Würde ich rückblickend etwas anders machen? Kann ich noch etwas anderes als Musik zu machen? Will ich das überhaupt? Welche Leute sind mir wichtig? Welche Zeitfresser gibt es in meinem Leben?“ Ich habe durch den Vollstopp begonnen, mich mit dem Thema zu befassen und habe wirklich eine Art Analyse gemacht. Gleichzeitig fragte ich mich, welchen Blick andere auf die Zeit haben und was der Begriff für sie bedeutet. 13 Alben lang habe ich viel Persönliches von mir erzählt. Nun wollte ich gerne einmal ein Themen-Album realisieren. Deshalb schrieb ich verschiedene Autoren und Autorinnen an, die mir etwas bedeuten, von denen ich Bücher gelesen hatte, die ich aber zum Teil noch gar nicht persönlich kannte. Darunter war beispielsweise der deutsche Autor Jess Jochimsen, der das wunderbare Buch „Abschlussball“ geschrieben hat. Darin geht es um einen Trompeter, der an Beerdigungen spielt. Beim Lesen merkt man, dass der Autor selber auch Musiker ist, so schön wie er die Szenen beschreibt. Seit ich das Buch gelesen habe, empfehle ich es jedem Trompeter, den ich treffe. Dave Blaser, der neu in meiner Band mitspielen wird, kannte das Buch bereits und fand es ebenfalls unglaublich gut. So habe ich mich sehr gefreut, dass Jess Jochimsen auch einen Text für mich geschrieben hat, der dann aber leider die passende Musik nicht fand. Es gab einiges, das nun temporär versandet ist, aber vielleicht später eine Fortsetzung findet. Natürlich habe ich die Themenwahl etwas gesteuert, da ich nicht wollte, dass mehrere über dasselbe Thema schreiben. Ich habe jeweils alle informiert, welche Themen noch verfügbar sind und auch Themen vorgeschlagen, die mich speziell interessieren, da ich mich am Schluss im Ganzen ja auch wiederfinden wollte. Mit den meisten war es schliesslich eine Kooperation, ein reges Hin und Her über anderthalb Jahre hinweg. Ausser bei den Gedichten von Franz Hohler und Jürg Halter. Die beiden haben mir einige ihrer lyrischen Werke geschickt und ich habe meine Favoriten ausgewählt. Bei Jürg Halters „Ds Ändi vo diinär Awäsuheit“ fand ich, das müsse unbedingt der Schluss des Albums werden.

Dieses letzte Lied über jemanden, der dasitzt, aus dem Fenster schaut und, so wie ich es interpretiere, auf seinen Tod wartet, ist sehr ergreifend. Dabei lässt der Protagonist, obwohl aus seinem Blick die Traurigkeit zu erkennen ist, auch ein Lächeln zu. Ich musste beim Hören des Liedes unweigerlich an Endo Anaconda denken, zumal der Autor Jürg Halter gut mit Endo befreundet war. Weißt du, ob es im Lied um ihn geht? 

Das weiss ich leider nicht. Ich habe das Gefühl, dass es den Text schon vor Endos Tod gab, bin mir aber nicht hundertprozentig sicher. Aber Jürg Halter beschreibt im Text so bildlich und eindrücklich das Rieseln der Zeit, das Rieseln der Asche auf den Schoss, und die Tatsache, mit vielem abgeschlossen zu haben und jetzt einfach zu warten, bis das Ende kommt. Der Schluss des Albums ist eigentlich der Schluss des Lebens und gibt dem Album einen schönen Bogen. Das Lied ist musikalisch fokussiert auf Gesang und Gitarre und es war wunderschön, es zusammen mit dem Gitarristen Jean-Pierre von Dach aufzunehmen. Wir spielten es nur zwei, drei Mal und es strahlte eine derartige Magie aus, dass wir es so ganz pur stehen liessen.

In „Vom richtigu Gibrüüch“, dem Gedicht von Franz Hohler, das du nun vertont hast, geht es um jemanden, der eine andere Person nicht zum Bahnhof begleitet, weil er angibt, diese halbe Stunde dringend zu benötigen. Als die Person weg ist, sitzt er eine Stunde lang traurig da. Er hat also schliesslich eine halbe Stunde verloren statt gewonnen. Hast du eine solche Trauer, wie sie im Lied beschrieben wird, auch schon einmal verspürt?

Ja, ich kenne dieses Gefühl gut. Es hat sicher auch mit der Erziehung zu tun, dass man meint, die Arbeit ja immer seriös erledigen und Dinge rechtzeitig abliefern zu müssen. Das geht wohl vielen Schweizern und Schweizerinnen so. Aber dann sagst du zu einer Freundin, die du vielleicht einmal im Jahr siehst, dass du die Verabredung wegen der Arbeit leider verschieben musst. Und schliesslich grämst du dich, dass du die Prioritäten nicht richtig gesetzt hast. Ich habe mir deshalb vorgenommen, inskünftig die Prioritäten im Leben, gerade was den Umgang mit anderen Menschen betrifft, anders zu setzen. Ich glaube, die zwei Dinge, die dir am Schluss des Lebens bleiben, sind die Momente mit anderen Menschen und die Musik.

Ist das eine Erkenntnis, die du während der Corona-Zeit gewonnen hast?

Ja, unter anderem. Es gibt manchmal aber auch Sachen, die man eigentlich schon lange weiss, an die man sich aber zwischenzeitlich trotzdem nicht hält, weil man eben denkt, man müsse noch diese und jene wichtigen Dinge erledigen. Und so müssen schliesslich gerade jene Menschen, die einem am nächsten sind, die ganze Zeit zurückstecken. Jetzt bin ich gerade für die Promotion des Albums viel unterwegs. Mein Mann hält mir derweil den Rücken frei. Er hat den gesamten Haushalt übernommen, kocht, räumt auf, wäscht. Das einzige, was er nicht macht, ist bügeln. Und dann denkt man manchmal, jetzt möchte man eigentlich wieder mal mit seinem Partner in Ruhe essen gehen, anstatt ein Interview gegenzulesen. Das sind so Dinge, bei denen ich mich immer wieder getroffen fühle. 

Du singst das Lied a cappella und dreistimmig zusammen mit Raphaela Pichler und Marisa Burn. Zum Release deines letzten Albums „Emma“, das mit mehrstimmigem A-cappella-Gesang begann, sagtest du mir: „A-cappella-Gesänge berühren mich sehr. Wenn verschiedene Stimmen miteinander schwingen, ist das eine Energie, die alles rundum vergessen lässt.“ Wolltest du diese Energie auch auf das neue Album transportieren?

Dies ist eigentlich eine Erkenntnis, die ich nicht erst seit dem letzten Album habe. Für mich war das musikalische Miteinander schon immer wichtig. Während des Corona-Lockdowns habe ich auch begonnen, wieder vermehrt zusammen mit meinem Mann Songs zu schreiben. Wir haben ein kleines Studio, das sozusagen unsere musikalische Insel ist. Ich wollte, dass das neue Album musikalisch bunt wird, wollte Gäste einladen und mit verschiedenen Autoren und Autorinnen arbeiten – ohne auf Verkaufszahlen zu schielen und unabhängig davon, ob die Leute allenfalls noch zu vorsichtig sind, wieder an Konzerte zu kommen. Wir werden auf der kommenden Tour sieben Leute auf der Bühne sein, zwei Bläser sind neu dazugekommen. In der Musik braucht es für mich den Austausch mit anderen Menschen und das Intensivste und Schönste ist, gemeinsam mit anderen zu singen. Meine beiden Chorsängerinnen, die Zwillinge Raphaela und Marisa, sind ehemalige Gesangs-Schülerinnen von mir und heute erfolgreiche Geschäftsfrauen. Als sie zu mir in den Unterricht kamen, hatten sie gerade mit ihrer Band „Van Golden“ ein Mundart-Album aufgenommen. Ich erinnerte mich, wie gut wir drei stimmlich harmonierten und lud sie deshalb ins Studio meines Produzenten Adrian Stern ein. Es war wiederum eine sehr schöne Begegnung. Weil wir uns sehr gut kennen, war mit den beiden diese Vertrautheit, auch stimmlich, gleich wieder da. 

Die beiden singen auch bei „Rosa Rosä“ mit. Man könnte sagen, dieses Lied ist, sowohl was den entspannten Groove als auch was das Thema betrifft, eine Art Achtsamkeitssong, in dem es darum geht, sich für sich selber Zeit zu nehmen. Im Album-Booklet gibt es dazu ein Zitat von dir: „Wenn du dir etwas Wertvolles wünschen darfst, entscheide dich für die Zeit.“

Das stimmt. Wenn dir jemand, den du magst, etwas schenken will, dann wünsche dir, in irgendeiner Form gemeinsam mit dieser Person Zeit zu verbringen, zusammen etwas zu unternehmen. In „Rosa Rosä“ geht es aber wie gesagt eher darum, sich selbst etwas zu gönnen, sich Zeit für sich selber zu nehmen und die negativen Nachrichten auszublenden – und dies ohne schlechtes Gewissen, auch wenn rundum gerade Krieg ist und Corona viel Leid verursacht. Weil in dem Moment kann man die Situation nicht ändern. Man muss schauen, dass man fit und resilient bleibt. Und dafür muss man sich zwischendurch auch selber etwas Gutes tun.

Bevor ich das fertige Booklet zum Album bekam, erhielt ich zur Vorbereitung des Gesprächs Textblätter mit den einzelnen Songs. Dort endet das Lied folgendermassen: „Das wird ä richtig güätä Tag / Bevor dass d’Wält unnärgeit“. Auf dem Album fehlt nun der letzte Satz. Hast du ihn schliesslich weggelassen, weil sonst das Ende zu pessimistisch gewesen wäre?

Ja. Ich hatte einfach das Gefühl, dass es diesen Dreh nicht mehr braucht. Ich wollte, dass das Lied seine positive Stimmung behält: Jetzt ist ein richtig schöner Tag und was morgen ist, ist eigentlich gerade egal. Hätte ich den letzten Satz stehen gelassen, hätte ich alles wieder umgedreht. Und das wollte ich nicht. Deshalb habe ich den Satz schliesslich wieder gestrichen.

Beim letzten Album hast du die Musik für alle Lieder zusammen mit Adrian Stern komponiert. Nun sind, wie du schon erzählt hast, einige Kompositionen wieder zusammen mit deinem Mann Markus Kühne, aber auch mit Remo Kessler entstanden. Er war bei deinen ersten vier Alben als Gitarrist dabei und hat unter anderem Songs wie „Damuwahl“, „Onkil Kamil“ oder „Wiä Sammat und Siidu“ komponiert oder mitkomponiert. Wie kam es zu dieser Wiederbegegnung?

Remo und seine Frau Marianne sind langjährige Freunde von mir und meinem Mann. In der Zeit nach dem Corona-Lockdown, als man sich wieder sehen durfte, haben wir mit ihnen zusammen viel Zeit verbracht und viel gemeinsam unternommen. Und dann sagte Remo einmal, er habe da einen schönen Song komponiert, spielte mir ein paar Akkorde vor und fragte mich, ob er mir ein paar Kompositionen schicken solle. So hat sich das Ganze weiterentwickelt. Remo äusserte schliesslich auch den Wunsch, ins Grandhotel Giessbach zu kommen und mit der ganzen Band sowie Thomas Fessler, der für die Aufnahmen vor Ort verantwortlich war, einen Song einzuspielen. Das wäre für ihn ein grosses Geschenk. Ich sagte ihm, dass er selbstverständlich dabei sein könne, schliesslich habe er einige Lieder mitkomponiert. Die Band war total begeistert, dass Remo als Gast mit dabei war. Er ist für sie ein Held, da er unter anderem in den Bands von Polo Hofer und Gianna Nannini Gitarre gespielt hat. Es ist schön, wenn man eine solche Freundschaft auch auf ein Album transportieren kann.

„Blau“, das Lied, auf dem Remo Kessler eine Dobro spielt, hat mich vom Thema her etwas an deinen Song „Hinnär dir“ erinnert. Es geht darum, in Zeiten, in denen es einem nicht so gut geht, durch eine andere Person getragen zu werden. Diese ist in „Blau“ jemand, der vor allem das Positive sieht, nach vorne und dem Leben ins Gesicht schaut. Es heisst im Lied so schön: „Geit miini Chraft wirsch ä Elefant fär mich / Treisch mi wiit und wiitär wiä lang isch där gliich / Hocksch di fär mich uf du letscht Sunnustrahl / Wänns mär ins Härz dri rägnut widär ämal / Und wänn alls fiischtär bliibt / Isch diinä Himmil scho blau / Und wänn nix schich bewegt / Finnsch du ä silbrigä Striifu in däm Grau“. Hast du dieses Lied für deinen Mann geschrieben? 

Ja, definitiv. Ich erwähne das selten so explizit, aber hier gibt es keine andere Antwort. Ich habe ihm, der wichtigsten Person in meinem Leben, dieses Lied geschrieben.

Wie war seine Reaktion, als du ihm den Text zum ersten Mal gezeigt hast?

Grundsätzlich ist mein Mann jemand, der nicht so gerne in der Öffentlichkeit steht. Dementsprechend fand er es einerseits zwar sehr schön, dass ich ihm dieses Lied geschrieben habe, aber andererseits meinte er, dass er das, was im Lied enthalten sei, bereits wisse und ich das eigentlich gar nicht hätte öffentlich machen müssen.

Einer der emotionalsten Songs auf dem Album ist „Kari“. Der Text dazu stammt vom Walliser Historiker, Schriftsteller und Filmemacher Wilfried Meichtry. Kam der Anstoss zur Thematik von ihm oder von dir?

Der Anstoss kam von Wilfried. Als er ein junger Mann war, lernte er Kari in einer Beiz kennen. Kari war einerseits ein verzweifelter Säufer, andererseits ein brillanter Kopf und Philosoph. Wilfried sagte mir, er habe von Kari viel profitiert, dieser habe ihm wichtige Leitplanken fürs Leben mitgegeben, ihn ab und zu auch vor Dingen gewarnt. Er habe im Leben ganz oft an Kari denken müssen. Kari war ein Mensch, der vom Rest der Gesellschaft extrem ausgegrenzt wurde. Man sagte ihm, er sei ein Säufer, er könne nichts und sei nichts. Wilfried hat es sehr berührt, dass dieser Mensch in der Enge des katholischen Miteinanders einerseits kaputt gegangen und andererseits kaputt gemacht worden ist, obwohl er nicht unbedingt etwas dafür konnte. Er war einfach am falschen Ort und konnte sich dort nicht entfalten. Er wollte das Wallis immer verlassen, schaffte es aber nie. Wie Wilfried diese Erinnerungen abrufen konnte, wie er sie mit seiner geballten Macht und Wucht des Wortes formulierte, ist einfach grossartig. Ich kannte Wilfried aufgrund seines wunderschönen Buches „Hexenplatz und Mörderstein“ mit Sagen aus dem Pfynwald und seiner Filme, über Iris von Roten zum Beispiel. Er ist unglaublich gut darin, historische Stoffe zu recherchieren und diese lebendig zu verpacken und zu erzählen. Für mich ist „Kari“ eine Hymne, sowohl was den Text, aber auch was die Musik betrifft. Da wird sich jeder Walliser getroffen fühlen.

Es ist eine Hymne, die aber nichts beschönigt, sondern einen ungeschminkten Blick auf die Realität wirft. Es heisst im Text, der Föhn und der Neid seien die ältesten Walliser, das eiserne Schweigen höhle die Menschen aus wie Stein und das Wallis sei nicht das Paradies, sondern ein dunkles Verlies. Was einem aber richtig das Herz bricht, sind folgende Zeilen: „D’ Liäbi heinsch mär värbotu di sii ä einzigi Sind mim ä Ma / Und das isch där Riss gsi in miinum Läbu / Siit däm deich i nur no ans Ga“. Es hat mich an die erste Gay&Lesbian Pride im Jahre 2001 im Wallis erinnert, als es im Vorfeld starke Proteste aus dem konservativen Umfeld gab und der damalige Bischof verkündete: „Das Wallis wird von einem Ansturm von Aids-Infizierten bedroht.“ Das Lied spielt auch auf die Verlogenheit und Doppelmoral gewisser Menschen an, ein Thema, über das du mit „Geht in Fridu“ bereits 2001 ein Lied geschrieben hast. Denkst du, dass sich bezüglich der Themen, die im Lied angesprochen werden, das Wallis über die Jahre verändert hat oder ist die Situation die gleiche geblieben?

Ich habe schon den Eindruck, dass es eine massive Veränderung gab. Aber manchmal braucht es bei Dingen, mit denen man sozialisiert wurde und die tief drin in einem verankert sind, wie moralischen Vorstellungen oder dem Glauben, ein paar Generationen, bis man sich davon befreien oder das ein bisschen auflockern kann. Das Wallis ist eigentlich sehr weltoffen und die jungen Menschen im Wallis sind sowieso ganz anders drauf. Aber in kleinen Dörfern ist die Schattenseite der sozialen Verbundenheit halt oft die soziale Überwachung. Die eine Seite kommt ohne die andere nicht aus. Wilfried gehört meiner Generation an und zur Zeit, als das Lied spielt, war er etwa 18 Jahre alt. Damals, also vor etwa 40 Jahren, haben er und ich das so erlebt. Als ich zu jener Zeit vom Wallis nach Genf zog, habe ich dort viele Schwule und Lesben getroffen, die sich in ihrer Heimat nicht outen konnten. Erst die Grossstadt machte es möglich, dass sie sich selber sein durften und ihre Freiheit leben konnten. Wenn man in jener Zeit nicht die Kraft hatte, zu gehen, musste man sich verstecken. Und wir wissen alle, dass einen so etwas mit der Zeit zerreisst. Man muss sich selber sein dürfen. Ich wollte, dass dieses Lied mit der Zeit immer intensiver wird, deshalb haben wir es mit Bläsern und einem Chor arrangiert. Das Vokalensemble Zürich West wird von meinem Cousin Marco Amherd geleitet. Wir sind im selben Dorf, in Gampel, aufgewachsen und er konnte die im Lied angesprochenen Themen deshalb sehr gut nachvollziehen, weil er auch in dieser Umgebung sozialisiert worden ist. Da Marco, Wilfried und ich alle Walliser sind, konnten wir das Gefühl von diesem Kari gut kanalisieren. Ich sehe gerade viele Karis vor mir. Er steht stellvertretend für ganz viele andere Menschen. 

Du hast die Bläserarrangements angesprochen. Bei vier der Songs ertönen jeweils ein oder mehrere Blasinstrumente. Bläser können auf Musik-Produktionen mitunter sehr dominant wirken. Hier sind diese aber sehr dezent und deshalb umso schöner in Szene gesetzt. War dies eine bewusste Entscheidung? 

Ja. Die Bläser sollten keine Big Band symbolisieren, sondern die Stimmungen dieser Songs verstärken. Die Blasinstrumente sind deshalb eher tief, fein und mit viel Luft gespielt. Wir haben bei den Aufnahmen viele verschiedene Dinge ausprobiert, damit einen der Sound der Bläser so richtig umarmt. Das wird auch live so sein, ausser bei den alten Songs, da können die Bläser schon Gas geben, wenn es so gedacht ist. Und einmal mehr darf ich an dieser Stelle meinem Produzenten Adrian Stern danken, der auch Mitkomponist ist, diverse Instrumente spielt und im Chor singt. Mit ihm kann ich einen ganz steilen Weg runtersausen, dabei die Hände frei lassen und weiss, dass wir gut ankommen. Diese Zusammenarbeit mit Adi ist superschön.

Im Lied „Wolku“, einem meiner Lieblingssongs auf diesem Album, kreiert der Sound der Trompete eine besonders schöne, intensive Stimmung. Zudem tönt bei diesem Lied deine Stimme unglaublich nah, wie wenn du direkt neben einem sitzen und das Lied für einen singen würdest.

Es ist meine Stimmlage, die diesen Effekt erzielt. Ich wollte bei diesem Album ganz bewusst sehr unangestrengt singen. Meine Stimme hat sich in den letzten 30 Jahren sicher auch verändert. Als ich als Teenager mit dem Singen anfing, hatte ich eigentlich schon eine Altstimme, aber ich wollte wie meine musikalischen Vorbilder singen und habe meine Stimme dementsprechend eingesetzt. Dazumal sang ich vor allem Shirley Bassey-Songs, weil ich fand, dass sie sowohl eine wahnsinnige Breite in der Stimme, als auch einen sehr grossen Stimmumfang hat. Ich übte damals jeden Tag stundenlang, bis ich die Töne erwischte. Jetzt habe ich eher wieder zu meiner normalen Mittellage, zu meiner Altstimme zurückgefunden. Bei „Wolku“ ist das extrem gut hörbar, weil ich in dieser sehr tiefen Stimmlage bin und deshalb hast du das Gefühl, ich würde neben dir sitzen.

Der Text für dieses Lied stammt von dir. Was war die Inspiration dafür? 

Das Leben oder besser gesagt, Erfahrungen, die man im Leben macht. Du kennst das sicher auch: Du suchst irgendetwas und plötzlich kommt dir ein altes Bild in die Hände und katapultiert dich zurück in die Vergangenheit. Bei mir war es so, dass ich am Computer auf einen Film stiess, in dem mir eine alte Liebe wieder begegnete. Dieses Erlebnis inspirierte mich zu dieser Rückblende auf unsere persönliche Geschichte.

Du spielst im Text wunderbar mit den Worten. Nachdem du in der Cloud des Computers dieses Video gefunden hast, hängt die Person im Film als Wolke, als eine Art Schatten, über dir. Das gipfelt im Refrain in den Zeilen:„Värsorgt isch nit värgässu / Värla isch nit nimä da“.

Ja, denn trotz allem war und ist diese Person ein Teil deiner Lebensgeschichte.  Das darf sie auch sein, mit all dem Schönen, das man zusammen erlebt hat. Zur Lebensgeschichte gehört aber eben auch der Moment der Trennung, den ich im Lied ebenfalls beschreibe und das Eingeständnis, dass es mir ohne diese Person besser geht. Das Lied ist eine Art Flashback in jene Zeit meines Lebens, als meine Karriere als Mundart-Sängerin begann. Das war gleichzeitig das Ende dieser Liebe.

Im darauffolgenden Song auf dem Album, „Wart uf mich“, geht es ebenfalls um die Liebe, aber auf eine Art und Weise, wie man es im Mundart-Genre so bisher wohl noch nie gehört hat. Die Journalistin und Autorin Simone Meier, deren blumige Sprache ich bewundere, seit ich 1998 eine Kritik von ihr über ein Konzert von Michael von der Heide gelesen habe, hat den Text für dieses Lied geschrieben. Wie kam es zu dieser erstmaligen Zusammenarbeit? 

Ich kenne Simone seit bald 20 Jahren. Wir sind uns dank meiner Freundin Sibylle Berg in dieser Zeit immer wieder begegnet, hatten bis jetzt beruflich aber nicht direkt miteinander zu tun. Als ich über dieses neue Projekt nachgedacht habe, kam sie mir sofort in den Sinn und ich habe sie angeschrieben. Sie hat eine geheimnisvolle, im positiven Sinne kapriziöse Aura, die ich immer sehr mochte. Sie hat sich von allen am Überschwänglichsten für die Anfrage bedankt, obwohl sie ja zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht wusste, wohin das alles führt und ob wirklich ein Song mit der zum Text passenden Musik entsteht. Simone hat mir einen durchgehenden Text auf zwei A4-Seiten geschickt. Daraus habe ich den Song geschält. In ihrem Text waren so viele schöne, filmreife Bilder, aber damit der Song nicht 10 Minuten lang wurde, musste ich einige rauskippen, was mir jedoch grosse Mühe bereitete. Es war eine sehr schöne Zusammenarbeit und Simone ist ebenfalls hell begeistert. In dem Dokumentarfilm, den wir zum Album gedreht haben, sagt sie, die Kraft und Wichtigkeit der Wörter hätten sich im Lied potenziert, weil sie nun durch eine Melodie und eine Stimme getragen würden. 

Hast du in diesem Fall das Thema des Liedes vorgegeben oder kam sie mit dem Vorschlag?

Sie hat mich gefragt, was ich gerne von ihr hätte. Bei ihr fand ich: „Schreib einfach!“ Es geht im Song um eine schwierige Zeit, in der man neu anfangen und sein Herz wieder büscheln muss, damit es wieder richtig schlägt.

Kunz, der in diesem Song den Refrain singt, verkörpert hier die Rolle des Bad Boys, der verheiratet ist und nebenbei eine Schattenfrau hat, die er hinhält und der er immer wieder falsche Versprechungen macht. Wie hast du ihn dafür gewinnen können und hat er sofort zugesagt?

Ich habe ihm das Demo geschickt, ihm hat der Song sehr gefallen und deshalb hat er gleich zugesagt. Es gibt auch in diesem Song zwei Ebenen. Mit meinem Produzenten Adrian Stern habe ich lange darüber diskutiert. Er sagte, es mache dem Mann sicher auch Mühe, seine Frau zu verlassen. Ich fand, das könne wohl sein, vielleicht sei er in einer total verzweifelten Situation, aber ich wollte diese aus der Sicht der Schattenfrau beschreiben. Der Mann nutzt die Frau aus und solche Männer gibt es leider.

Dieses Einlullen im Refrain durch das ständig wiederholte „Wart uf mich äs git numu dich numu dich und mich du bisch miini Friiheit“ macht einen fast etwas aggressiv. Und man leidet mit der Frau, die erst sehr spät merkt, dass der Mann sie ausnutzte und auf die Wartebank setzte, und dann schliesslicht erkennt: „Ich cha s nit fassu wiä blind ich bi xi“.

Im Nachhinein fragen sich die Frauen oft, wie sie das geschehen lassen konnten und wieso sie so blind gewesen waren. Aber der Mann hatte etwas, das sie einlullte und schwach machte und sie hatten bis zuletzt die Hoffnung, dass sich etwas ändern würde. Aber das passiert einfach in den seltensten Fällen.

Mir gefällt in diesem Song besonders die Bridge. Sie ist ein wunderbares Plädoyer für Selbstliebe: „Will i miis Härz gäru ha han is üfgnu vo där Strass da ligguts wiän äs kaputts Tiär / Ich ha mu warm gä in miim Schoss bis widär rund isch gsi / Und Du bisch widär du gsi und kei lüüchtund schönä Tröim / Du bisch widär du gsi und diini Stimm nur äs Rüüschu im ä Böim“.

Ja, es geht darum, das innere Kind oder eigentlich sich selber in den Arm zu nehmen und sich zu fragen: „Was brauche ich jetzt?“ Und nicht: „Was muss ich tun, damit ich ihm gefalle oder damit er mich akzeptiert?“. Das Bild von diesem Herzen, das wie ein kaputtes Tier auf der Strasse liegt, ist einfach wunderschön. 

Mein absolutes Lieblingslied auf diesem Album ist „Tanz“, das bereits auf deiner „Mondnacht“-Trio-Tour zu hören war. Für mich ist es der rätselhafteste, am wenigsten greifbare Text auf dem Album. Es ist eine Art Traum, eine wortlose, wiederkehrende Begegnung zwischen zwei Menschen. Welche Stimmung wolltest du mit diesem Lied vermitteln?

Es ist die Stimmung, dass du manchmal eine Verbindung zu jemandem suchst, gleichzeitig aber auch die Freiheit haben musst, wieder zu gehen. Obwohl ich diesen Text geschrieben habe, ist er nicht autobiographisch. Ich bin jemand, der sich committet: Wenn ich zu jemandem Ja sage, dann ist das ein Ja. Aber ich habe das, was ich im Lied beschreibe, bei einigen Leuten in meinem persönlichen Umfeld entdeckt. Hier geht es um jemand, der sagt: „Komm, tanz mit mir, trag mich, spick mich in eine andere Ära. Aber nachher ziehe ich die Schuhe wieder an und gehe wieder.“ Der Text hat etwas sehr Geheimnisvolles und ist, wie du gesagt hast, eine Art Traum. Das wollte ich mit dem Lied rüberbringen. Es ist auch der einzige Piano-Song auf dem Album. Man fällt damit etwas aus der Gitarren-Stimmung heraus. Aber ich musste den Song einfach auf das Album nehmen. Auf der Trio-Tour haben wir ganz viele neue Songs gespielt, die wir aber nicht aufgenommen haben. Doch bei „Tanz“ hatte ich das Gefühl, dass uns etwas besonders Schönes gelungen ist.

Ist das Lied bei den Proben zur Trio-Tour entstanden? 

Ja, das entstand zusammen mit meinem Pianisten Peter Wagner an einem Proben-Nachmittag.

Auch der Text?

Nein, der nicht. Beim Komponieren der Musik geschieht entweder etwas oder es passiert nichts. Das Texten jedoch ist für mich wirklich harte Arbeit. Da schleife ich lange daran und verwerfe vieles wieder. Ich muss bei jedem einzelnen Wort das Gefühl haben, kein besseres gefunden zu haben, um eine bestimmte Situation zu beschreiben. Man hat in einem Songtext so wenig Platz, um eine Geschichte zu erzählen. Und dann versuche ich auch, mich nicht die ganze Zeit zu wiederholen. Darum bin ich froh, ist mit „Ziitsammläri“ ein Themen-Album entstanden, auf dem neben meiner auch andere Sichtweisen auf die Zeit stattfinden. 

Zwei Texte sind in Zusammenarbeit mit dem Journalisten, Kolumnisten und Kabarettisten Bänz Friedli entstanden, „So hinnärna dri“ sowie die erste Single „Fär wer soll i singu?“. Über Bänz Friedli hast du kürzlich auf Facebook geschrieben, dass du früher immer ein bisschen Angst vor ihm hattest. Weil er ein so scharfer Musikkritiker war?

Als ich mit Mundart-Musik angefangen habe, hat Bänz als Kultur-Redaktor für FACTS gearbeitet. Er ist sehr wortgewaltig und konnte Dinge brutal auf den Punkt bringen. Wenn es einen nicht selber betraf, konnte man vielleicht noch sagen: „Ja, das stimmt.“ Aber wenn es um einen selber geht, tut das natürlich weh. Im Nachhinein habe ich mich gefragt, ob ich je eine schlechte Kritik von Bänz hatte oder ob er überhaupt je eine Kritik über eines meiner Alben geschrieben hat. Als ich ihn kürzlich wieder traf, kam er mir, bevor ich ihn fragen konnte, zuvor. Er sagte mir, er habe im Archiv nachgeschaut und gesehen, dass er 1997 zum Album „Häx oder heilig“ im FACTS ein langes Porträt über mich geschrieben habe. Darin habe er mich aber überhaupt nicht fertig gemacht, im Gegenteil.

Das stimmt. Er schrieb darin unter dem Titel „Die Pendlerin“: „Die Walliser Mundartsängerin Sina ist ein Phänomen. Zum ersten Mal hat die Schweiz einen weiblichen Popstar. Die Frau ist ein Glücksfall. Die Frau ist gut. Hüärägüät.“ Und weiter: “Sina ist eine zum Gernhaben; eine, die es allen recht macht. Ein bisschen Vamp, ein bisschen Schnuckelchen, ein bisschen krud, ein bisschen sexy, ein bisschen grob, ein bisschen sanft – und von allem nicht zu viel. Niemand hat ein so breit gefächertes Publikum wie sie. Sina ist volkstümlich, ohne sich anzubiedern.“ Und über das Album „Häx oder heilig“ meinte er zudem, die Platte sei viel besser, als viele Kritiker gerne zugeben würden.

Wow! 

Er hat dich über all die Jahre immer bewundert. Vor ein paar Jahren sagte er in einer „Kulturplatz“-Sendung von SRF über dich, dass du heute ein Weltstar wärst, wenn du in den USA aufgewachsen wärst. 

Ja, das sagt er immer noch. (lacht) 

Über „Fär wer soll i singu?“ habe ich gelesen, dass Bänz, als er das Demo mit der Musik erhielt, das Bild einer fernen Liebe vor sich sah. Im Austausch mit dir änderte sich dann jedoch das Thema des Songs. Wie kam es dazu? 

Das hatte auch mit der Pandemie zu tun. Ich habe in dieser Zeit oft an Beerdigungen gesungen, sowohl bei Familienmitgliedern, aber auch bei anderen und zum Teil jüngeren Leuten. Mir wurde wieder einmal klar, wie schnell die Zeit ablaufen kann. Ich wollte deshalb diesem Song zusammen mit Bänz nochmals eine andere Tiefe geben und habe entschieden, dass ich im Lied einen Bekannten beschreiben will, der mit Mitte 40 an Alzheimer erkrankt ist und seither eigentlich nur noch über Musik erreichbar ist. Seine Erinnerungen sind völlig zerfallen. Ich fand heraus, dass Bänz ihn ebenfalls kennt. Mit dem Bild des gleichen Menschen im Hinterkopf konnten wir den Text zusammen schreiben. Das war ein total schöner Prozess. Es gibt viele demente Menschen in der Schweiz, jedes Jahr werden es etwa 30’000 mehr. Es ist unglaublich, wenn man aufgrund dieser Erkrankung seine Vergangenheit verliert und das Lebensbuch, das voll geschrieben ist, plötzlich wieder weiss wird. Das ist brutal, auch für das Umfeld und die Familienmitglieder. Ich bin sehr dankbar, dass wir das Thema des Liedes angepasst haben, weil es für mich eine Herzensangelegenheit ist. Der Song hat von der Stimmung her und durch den Chor am Schluss aber auch etwas Erhebendes, Wiegendes, Tröstliches, damit er nicht vollständig in der Traurigkeit versinkt. Und nebst dem ernsthaften Thema ist es auch eine Liebesgeschichte, die besagt: Ich kann dich durch Musik für einen kurzen Moment aus deiner Welt herausholen und selbstverständlich singe ich für dich, solange du willst und solange wir uns wieder treffen.

Es ist erstaunlich, wie man mit Musik diese Menschen wieder zurückholen kann. Meine Schwester, die lange in einem Heim für Alzheimerkranke gearbeitet hat, hat das ebenfalls beobachtet.

Ja, es ist unglaublich, was Musik alles kann. Wenn man gern Musik hatte, dann kann man damit wieder einen Draht zur Vergangenheit finden. Bei ihm funktionierte das mit Klatschen, Rhythmen und zum Teil uralten Liedern, von denen ich wusste, dass er sie kennt. Da war er für einen kleinen Moment wieder in der Realität, er schaute einen an, konnte einen Satz sagen und tauchte danach wieder in seine eigene Welt ab, zu der man keinen Zugang mehr hat. Ich habe aufgrund dieses Songs viele Reaktionen erhalten. Eine Frau schrieb mir, sie habe immer, wenn ihr Mann unruhig gewesen sei, zu ihm gesagt, „Komm, jetzt lassen wir die Sina ein bisschen singen“, habe eine CD aufgelegt und dadurch habe er sich jeweils total beruhigt. Schön, wenn Musik das vermag. 

Zum Lied gibt es ein wunderbares Video. Ich habe lange über dessen Symbolik nachgedacht: Für mich sind die überdimensionalen Blumen, die im Video verwelken, wie der Mensch, der irgendwann langsam verwelkt. Der Goldfisch, der durchs Bild schwimmt, kann nicht sprechen, hat keine Worte, so wie Alzheimer-Patienten of auch keine Worte mehr finden. Welche Gedanken hast du dir zum Video gemacht?

Das Video sollte transportieren, dass demente Menschen etwas plötzlich nicht mehr benennen, einordnen oder zuordnen können und zu einer Wolke vielleicht Fisch sagen. Oder dass sie irgendwo etwas sehen, das du nicht siehst.  Mir war es wichtig, dass das Video einen märchenhaften Charakter hat, weil das Thema schwer genug ist und ich es auf eine leichte Art und Weise transportieren wollte. Man ist im Video, fast wie bei „Alice im Wunderland“, in einer Art Parallelwelt. Zwischendurch sitze ich auf einem überdimensionalen Blatt oder einer Blüte. Zum Schluss erscheine ich dupliziert als Chor. Denn die Energie, welche durch Stimmen und durch Musik transportiert wird, ist eine gute.

Fredi, der Protagonist des Titelsongs „Ziitsammlär“, lebt ebenfalls in seiner eigenen Welt. Er sammelt auf der Skipiste in jeder Kurve mit Schaufel und Sack die Hundertstelsekunden ein, die andere verloren haben. Diese nimmt er nach Hause, sammelt sie im Schatten und wenn der Winter vorüber ist, legt er sie in eine Wanne, lässt sie an der Sonne schmelzen und badet anschliessend darin, damit er nicht älter wird. Was gefällt dir an diesem Text des Autors und Kabarettisten Ralf Schlatter besonders?

Ralf Schlatter, mit dem ich schon länger zusammenarbeite, hat immer wieder solch tolle Texte geschrieben. In „D’ Wält uf um Chopf“ beispielsweise will einer die Welt verändern. Am Schluss bewegt er einfach Stempel von einer Schublade in die andere. Aber für ihn hat das seine ganz eigene Welt verändert. Ralf hat einen sowohl sehr poetischen als auch sehr fantasievollen Zugang zur Sprache. Die Geschichte von Fredi passte zudem wunderbar zu einer musikalischen Idee, die Adrian Stern und ich hatten. Ralf lieferte uns dafür eine Steilvorlage. Es war ursprünglich ein Fliesstext, eine ganze Geschichte und auch hier brauchte ich relativ lange, bis ich den Songtext herausgeschält hatte. Es ist eine wunderbare Vorstellung, in der Zeit zu baden, damit sie einen verjüngt. Sehr wahrscheinlich hat das auch geklappt – nur schon durch die Imagination. 

Würdest du es ebenfalls ausprobieren?

Ich mache es schon. Ich gehe jeden Tag im See baden. Zum Glück ist es im See noch nicht so kalt wie das Eis oder der Schnee auf der Skipiste.

Der See ist also sozusagen dein Jungbrunnen?

Sagen wir so – es ist erfrischend. Die Illusion, dass man den Alterungsprozess aufhalten kann, habe ich aber nicht. 

Im Song singst du ja auch: „Und där Fredi där wird eifach nit eltär / Trotz jedum Jahr wa meh värgeit / Öi wänn ich felsufescht dra glöibu / Dass schi git iischi Värgänglichkeit“. Also bist du dir dessen sehr wohl bewusst? 

Ja, absolut.  

Aktuelles Album: 

„Ziitsammläri“ (Musikvertrieb) 

Live: 

Sina ist mit ihrer Live-Band (Adrian Stern oder Jean-Pierre von Dach, Gitarre / Martin Buess, Gitarre / Michael Chylewski, Bass / Arno Troxler, Schlagzeug / Dave Blaser, Trompete / René Mosele, Posaune) aktuell auf grosser „Ziitsammläri“-Club-Tournee. Alle Daten finden Sie hier: 
https://www.sina.ch/konzerte/





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