In Erinnerungen eintauchen.

A Memoir Blue ist spielgewordene Empathieanstrengung 

Spieler:innen lassen eine Schwimmerin in ihre Kindheit buchstäblich abtauchen: Dort erfahren sie mehr über die komplizierte Beziehung zu deren Mutter und lösen niederschwellige Rätsel, um semi-therapeutisch zu wirken. RUDOLF INDERST stellt die Walgesänge lauter und kontrolliert den Sitz seiner Speedos.   

Man fühlt ihr Unwohlsein. Da steht diese junge Frau. In der Hand hält sie eine Medaille. Die Pressemeute umringt sie; wir sehen Mikrofone und Kameras, die auf sie gerichtet sind. Ein Button-Druck reicht aus, und letztere feuern ihr Blitzlicht ab. Nein, wir feuern sie ab. Die metallene Auszeichnung reflektiert hart in das Sichtfeld der Spieler:innen. Die junge Frau zuckt jedesmal zusammen. Und doch: Damit die Geschichte ihren Lauf nimmt, sind wir dazu gezwungen, weiter auf die Athletin einzustürmen und sie zu bedrängen. Irgendwann jedoch…irgendwann jedoch werden wir entlassen. Die Szene ist zu Ende. Abgang. Und bereits zu diesem Zeitpunkt spüren wir ein Unwohlsein. Uns selbst gegenüber als rastlos Abdrückenden, aber auch der Beute- und Sensationsmentalität der Sportmedien.  

Wir springen in eine kleine Wohnung. Die Sportlerin sitzt alleine und sichtbar erschöpft auf ihrer Couch. Hinter ihr erkennen wir die vielen Auszeichnungen ihrer Karriere, die noch nicht ausgeräumte Sporttasche liegt neben ihr. Erste Momente unserer Sinnbildung setzen ein: Wir erkennen das gesellschaftliche Muster des Leistungssports, das erwartet und erfordert, dass alles hinten angestellt wird. Permanentes Training unterbindet die Herausbildung eines ausgeglichenen Soziallebens und dennoch ist nichts garantiert: Schon eine kleine Verletzung oder eine Krankheit zum falschen Zeitpunkt können das Aus bedeuten. Doch zurück zu unserer Szene: Plötzlich kommt unverhofft „Leben in die Bude“. Ein Radioempfänger mit Kassettendeck erwacht, was zunächst etwas gespenstisch anmutet. Und dieses Unheimliche, das begegnet uns immer wieder in A Memoir Blue. Allerdings federt der feinfühlige Sound Joel Corelitz‘ immer wieder diese spannungsvollen Augenblicke ab und vermag uns zu beruhigen. 

Die Dinge transmutieren jetzt. Während wir als Spieler:innen immer öfter durch die Manipulation von Spielschirm-Inhalten – man könnte großzügig von physikangehauchten Rätseln sprechen -angehalten sind, zu interagieren, beginnt für die Frau eine Art Traumsequenz oder -reise, durch die die Hauptfigur für beinahe den Rest des Spiels wandelt. Diese Reise ist eine Entdeckungstour in die eigene Kindheit. Dabei steht das Aufwachsen mit der alleinerziehenden Mutter im Mittelpunkt, die sich zwischen beruflicher Weiterentwicklung und Kindeswohl augenscheinlich zunehmend für Ersteres entscheidet und so der Tochter nötige Aufmerksamkeit entzieht (und darunter wiederum auch selbst leidet).  Eine harmonische Mischung aus 2D und 3D hier, eine gelungene Farbpalette da – A Memoir Blue weiß in der visuellen Ausgestaltung zu gefallen.   

Die Athletin erinnert sich: an die Trennung der Eltern, gemeinsames Musikhören und kleine Reisen mit ihrer Mutter. Das Ab- und Eintauchen in die Vergangenheit ist dabei buchstäblich und sprichwörtlich zugleich zu verstehen – diese Sequenzen finden unter Wasser und komplett wortlos statt. Seit frühester Kindheit fühlte sich unsere Protagonistin bereits vom kühlen Nass und seinen Bewohnern angezogen – entsprechend begleiten uns Fische immer wieder (nein, einen Steven-Spielberg-Moment gibt es nicht!). Ganze Verkehrsmittel, Wohnblöcke und Jahrmarktsattraktionen finden wir unter Wasser, und wir sind mit einfachen Handgriffen dafür verantwortlich, diesen surrealen Untersee-Ausflug voranzutreiben.     

Symbolisch kommt es zwar zu einer Zusammenführung der beiden Generationen, jedoch ob Mutter und Tochter auch abseits des ozeanischen Traums wieder zusammenfinden, lässt das Studio offen. A Memoir Blue hat eine Spieldauer von einer Stunde (bleibt dabei aber auch nur ein wenig länger in Erinnerung); gespielt wurde es als Teil des Xbox GamePass – ob das Versprechen des in New York gegründeten Studios („Our goal is to deliver meaningful interactive experiences through experimental storytelling and stylized visuals, challenging players‘ perception of reality through the juxtaposition of surreal imagery and the mundane“) mit diesem Projekt eingehalten wurde, überlässt man wohl besser den Spielenden.   

 

Titel: A Memoir Blue (bereits erschienen)

Plattform: PC, Xbox, Switch, PlayStation, iOS  

Entwickler: Cloisters Interactive 

Publisher: Annapurna Interactive 

 





Rudolf Inderst

*1978 in München. Lebte in Kopenhagen und verliebte sich. Doppelt promoviert, übernimmt er Verantwortung als Ressortleiter für digitale Spiele hier bei nahaufnahmen.ch. Liebt Stanislaw Lem, Hörspiele und Podcasts. Spielt Videospiele seit etwa 40 Jahren. Lehrt als Professor für Game Design mit dem Schwerpunkt Game Studies / Spielanalyse / Game Business an der IU und krault sich gerne seinen Bart.

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