„Also, DAS hatte ich SO aber nicht bestellt!“

In Coffee Talk finden aufgeschäumte Milch und Therapiesitzung zueinander

Bereit Barista? RUDOLF INDERST begibt sich in den selbst beschriebenen Talking Simulator, um durch seine Brau“kunst“ wie sein offenes Ohr im eigenen Coffee Shop die Probleme der Welt und ihrer Bewohner:innen zu lösen.   

Oftmals heißt es auf den Basketball-Freiplätzen dieser Welt: „If you talk the talk, you got to walk the walk!“ Gemeint ist damit, dass oftmals im männlichen Überschwang (laut) getätigte Aussagen durch ihre anschließende Tat auch validiert werden müssen.  Manchmal hört man dazu auch den Satz, dass talk cheap sei. Das, werte Leser:innen, gilt mit Sicherheit schon einmal nicht für Coffee Talk, das ich auf der Xbox One X (die selbst aufgrund ihres Äußeren oftmals als Kühlschrank verspottet wird) spielte. 

Schon die Kolleg:innen des Standard in Österreich wiesen auf die Lobeshymnen bei Kotaku, Rock Paper Shotgun und Paste Magazine über das Spiel hin (ohne nun allzu lange über Zitationskartelle sprechen zu wollen, nicke ich wohlwollend) und gleichzeitig – wie nicht anders zu erwarten – herrschte in den Kommentaren Entsetzen und Panik bei „gAmErMaNfReD11elf“: Wie können es diese Elfenbeinjournalist:innen nur wagen, alternatives Gameplay zu loben – wo sei hier denn bitte nur die herrisch-hardcorige Herausforderung hustlerender Halunken? Sagen wir dennoch (vorsichtig) einmal so: Wenn LoFi-YouTube und Visual-Novel-LGBTQIA+-Charme Nachwuchs gezeugt hätten, wäre es nicht ewig weit von Coffee Talk. Sämtliche Figuren sind hier im Grunde symbolische Diskursmasse für Themen wie in etwa „Selbstausbeutung in der Kreativindustrie“ oder „‚illegale‘ Einwandung“. 

Wir befinden uns in einem fiktiven Seattle und wurden – offenbar – von dieser anderen Firma mit der grünen Frau auf dem Becher noch nicht verdrängt. Als Barista ohne ausgeprägte Gewinnabsichten bedienen Sie Abend für Abend ihr Stammklientel und auch neue Gäste. Dabei handelt es sich nicht nur um menschliche Besucher:innen, sondern allerlei sagenhafte Gestalten wie etwa Vampire, Werwölfe, oder Elfen bevölkern die Spielwelt (in der es fortlaufend regnet, weil vermutlich viele Menschen gerne zum Geräusch von „rain on a tent“ via YouTube einschlafen oder sowie alles ganz cosy und hyggelig ist). Sogar vermeintlich außerirdisches Leben findet seinen Weg zu Ihrer Theke. 

Wie bereits angedeutet werden Sie nun verantwortlich sein für das Wohl der Gäste; dabei lauschen und lesen Sie fleißig, geben sich mal zurückhaltender, mal deutlicher in Ihren Antworten, wobei jeder neue Arbeitstag mit der Lektüre des Tageszeitung beginnt, bzw. dem Scannen meist dreier Headlines. Das Kerngeschäft bleibt aber die Zubereitung von Tee und Kaffee in seinen vielen Varianten. Keine Sorge: Selbst wenn Sie Putzmittel und Mittelstrahl servieren würden, geht die Geschichte weiter; allerdings geben die Kund:innen dann doch Feedback und gemahnen zur Besserung! Worauf Ihre Thekenkunstfertigkeit jedoch sehr wohl Einfluss hat, ist das jeweilige Ende der Geschichte, das wiederum tatsächlich etwas abrupt einsetzt. Aber keine Sorge: 2023 soll es schon weitergehen – wer den Singleplayer-Spaß zu hart vermisst, kann sich übrigens gerne die Serie Midnight Diner ansehen, welche den indonesischen Entwickler:innen als Vorbild gedient haben soll.  

 

Titel: Coffee Talk (bereits erhältlich)

Plattformen: Xbox, PlayStation, Steam, Switch 

Entwickler: Toge Productions

Publisher: Toge Productions

 





Rudolf Inderst

*1978 in München. Lebte in Kopenhagen und verliebte sich. Doppelt promoviert, übernimmt er Verantwortung als Ressortleiter für digitale Spiele hier bei nahaufnahmen.ch. Liebt Stanislaw Lem, Hörspiele und Podcasts. Spielt Videospiele seit etwa 40 Jahren. Lehrt als Professor für Game Design mit dem Schwerpunkt Game Studies / Spielanalyse / Game Business an der IU und krault sich gerne seinen Bart.

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