Season: A Letter to the Future

Erinnerungen mit Haltbarkeitsdatum

Season A Letter to the Future hauptfigur liegt auf Feld

In Season: A Letter to the Future geht es mit dem Fahrrad durch die Postapokalypse. Es gilt wieder einmal zu entdecken, was von unserer Welt überbleibt. Doch zwischen Ruinen und kaputten Windrädern gibt es viel Raum für das Erinnern und Vergessen – und bedauerlicherweise auch für banale Fleißarbeit. NORMAN VOLKMANN ölte die Fahrradkette und schwang sich beherzt auf den ächzenden Drahtesel.

Ist die Welt erst einmal untergegangen, würde man schon gerne wissen warum. Welcher Krieg, welches Virus oder welche Naturkatastrophe war es denn nun? Die neue Welt ist leer und gefährlich, niemandem darf getraut werden. Denn Menschen tun vieles, doch aus ihren Fehlern lernen sie zu selten. Season: A Letter to the Future macht das nicht. Es legt wenig Wert auf die Vergangenheit ihrer Welt, sondern mehr auf die Gegenwart seiner Figuren.  

Die namenlose Protagonistin lebt in einem Dorf hoch in den Bergen und seit sie geboren ist, hat kein Bewohner die Sicherheit des Dorfes hinter sich gelassen. Es gibt nur eine grobe Zeitlinie der Menschheitsgeschichte, doch so richtig erinnert sich niemand an das, was früher war. Das liegt zum einen daran, dass es keine Chronist:innen mehr gibt. Zum anderen wollen die Bewohner der Welt in Season vergessen. Sie leiden an “Erinnerungsexzessen” und suchen nach Mitteln und Wegen aktiv zu vergessen.  

Klar ist: Die Menschheit hat sich nach einen nicht näher erklärten Krieg zurückgezogen und viele wollen schmerzhafte Erinnerungen loswerden. Doch sie fürchten sich davor, Liebgewonnenes zu vergessen. Unsere Spielfigur wird im Laufe des Spiels zur Chronistin des Vergessenen. Wir erforschen die Welt auf dem Fahrrad, halten Eindrücke in einem Notizbuch fest, zeichnen, fotografieren und erstellen Tonaufnahmen. Das Ende der derzeitigen Season markiert im Spiel mehr als nur den Wechsel eines Jahres oder gar Jahrhunderts. Es ist einschneidender.  

Ich wollte Season mögen: An zwei Stellen wird der Bildschirm schwarz, das Spiel fordert dazu auf, die Augen zu schließen und den Geschichten der Spielfiguren zu lauschen. Lässt man sich darauf ein, erreicht der Titel kurze meditative Momente. In den ersten Spielabschnitten zückte ich mit Freude Kamera und Tonbandgerät und versuchte, die Spielwelt bewusst wahrzunehmen und zu genießen.  

Viel in Season: A Letter to the Future dreht sich um das Erinnern. Das Gehirn arbeitet unermüdlich. Erinnerungen werden gespeichert, Erfahrungen gefiltert, Eindrücke eingeordnet. Was man sieht, schmeckt, riecht, hört und fühlt liefert Informationen, die nachhallen – manchmal ein Leben lang. Season setzt sich mit Traumata auseinander, aber auch mit den schönsten Erlebnissen, von denen man jahrzehntelang zehrt. 

Das größte Problem von Season ist allerdings, dass es kein besonders gutes Videospiel ist. Die Aufgaben bleiben immer gleich. Das Fahrrad steuert sich fürchterlich, wenn es nicht nur geradeaus geht. Der Roadtrip-Charakter des Spiels kommt deutlich zu kurz. Nach ein paar wunderschönen Anfangsgebieten erreicht man schnell ein Tal, das bald geflutet und dessen Bewohner evakuiert werden sollen.  

In diesem Tal verbringt man den Großteil der Spielzeit und führt Gespräche, die so geschwollen und bedeutungsschwanger geschrieben sind, dass ich ständig zwischen Wegnicken und Augenverdrehen wechselte. Dadurch wirkt keine Figur nahbar und ihre Erfahrungen unbedeutsam. Doch auch das Notizbuch, das nicht weniger als die Chronik zum Ende dieser Season werden soll, wird schnell eine zähe und sich ständig wiederholende To-Do-Liste. Hier Bilder machen, dort eine kleine Zeichnung und auch die Tonaufnahme nicht vergessen. Sobald es fünf Einträge für ein jeweiliges Gebiet gibt, zieht die Protagonistin einen mehr oder minder (meist eher minder) interessanten Schluss über jenes. Doch der Titel schert sich nicht darum, was genau festgehalten wird. Meine Hingabe für diese Chronik und der Nachlass für zukünftige Generationen wurde mit jeder Seite banaler. Die Fotos liebloser, die Tonaufnahmen unbedeutender – Hauptsache, das Gebiet war abgehakt. Zum Ende ließ ich es gar ganz bleiben.  

Season begann stark, doch für einen Titel mit ungefähr sechs Stunden Spielzeit war hier erstaunlich schnell die Luft raus. Die Reise der namenlosen Protagonistin war zu keinem Zeitpunkt bedeutungsvoll. Am Ende fühlte es sich für mich an, als wäre sie nur wenige Kilometer von ihrem Startpunkt gekommen. Auch das Notizbuch, das das Ende der Season für Nachkommen festhalten soll, hat das gleiche Problem wie das Spiel: Man kann sich sehr viel Mühe geben, dass es schön aussieht. Doch kratzt man erst man die schöne erste Schicht ab, bleibt nicht mehr viel übrig. Erinnerungen stehen im Zentrum von Season – ich bin mir sicher, dass ich den Titel schon bald komplett vergessen habe.  

Bereits erschienen.  

Originaltitel: Season: A Letter to the Future 

Plattformen: PC, PlayStation 4/5  

Entwickler: Scavengers Studio 

Veröffentlicht von: Scavengers Studio





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