Das Zeitalter der Strassenbahnen

Als die Schweiz ein Tram-Land war

In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts war die Schweiz ein Land der Strassenbahnen. Das Tram verkehrte durch so gut wie jede Stadt und auch Überland-Strassenbahnen waren zahlreich.

Winterthur, Tramdepot Deutweg
Quelle: Baugeschichtliches Archiv der Stadt Zürich

In Lausanne wird derzeit eine neue Tramlinie gebaut und in Lugano soll eine bestehende Schmalspurbahn zum regionalen Tram ausgebaut werden. Im Limmattal wurde in den letzten Jahren eine neue Strassenbahn gebaut und eröffnet.
Was neu und modern scheint, ist allerdings „nur“ eine Wiedergeburt: Denn in Lausanne, Lugano und im Limmattal fuhren bereits früher Trams. Beinahe jede Region und Stadt in der Schweiz hatte ihre Strassenbahn, so zum Beispiel Luzern, Biel, Schaffhausen, das Zugerland und so weiter.

Zuerst das Pferdetram
Bereits in den 1860er Jahren fuhren erste Pferdetrams. Ab dem 19. Juni 1862 verkehrten sie zwischen dem Place Neuve in Genf und Carouge. Als zweite Schweizer Stadt mit Tram folgte Biel. Hier wurde 1877 eine Linie von Bözingen im Nordosten nach Nidau im Süden in Betrieb genommen. Auch in Zürich kamen Pferdetrams zum Einsatz und befuhren ab 1882 zwei Linien.

Pferdetram in Biel
Pferdetram in Biel auf einer Ansichtskarte
Quelle: Burgerbibliothek Bern

…dann Druckluft und Dampf…
Städte wie Basel und Bern hatten nicht auf das Pferdetram gesetzt. Das Abwarten sollte sich jedoch nicht als Nachteil erweisen, denn nun standen bereits alternative Antriebsarten bereit. So konnte Bern 1890 eine Linie in Betrieb nehmen, auf der druckluftbetriebene Trams verkehrten und 1894 eine Linie mit Dampftrams.

Lufttram in Bern
Quelle: Burgerbibliothek Bern

…und schliesslich: Elektrisches Tram mit Oberleitung
Basel setzte von Beginn weg, das heisst ab 1895, auf elektrisch angetriebene Strassenbahnen mit Oberleitung. Diese Antriebsart hatte sich bereits bewährt, auch in der Schweiz: Die erste elektrische Strassenbahn rollte in Vevey bereits seit 1888. Der Standard war nun gesetzt – neue Trams waren in der Regel elektrisch, bestehende Rössli- oder Dampftrams wurden nach und nach ausser Dienst gestellt und durch elektrische Trams ersetzt.

Letztes Rösslitram zum Bahnhof Tiefenbrunnen
Quelle: Baugeschichtliches Archiv der Stadt Zürich

Auch in zahlreichen kleineren Städten, wo man heute vergeblich nach Trams Ausschau hält, fuhren Strassenbahnen. Vor allem in den 1890er-Jahren wurden zahlreiche Linien gebaut so zum Beispiel in La Chaux-de-Fonds, Winterthur, Luzern oder St. Gallen. (Details dazu in der Tabelle).

EröffnungStilllegungNetz in kmBemerkung
Biel1877194813.54 Linien
Neuenburg1892197627.06 Linien, heute noch 1
Lausanne18961961/6466.2*13 Linien inkl. Überland
Lugano189619597.5
Freiburg189719656.7
La Chaux-de-Fonds189719505.35 Linien
St. Gallen1897195711.6
Winterthur18981938-5111.1
Luzern18991959/6111.02 Linien
Schaffhausen190119668.7
Locarno19081960
St. Moritz189619321.6
Spiez (Bahnhof–Schifflände)190519601.3
* dazugerechnet sind hier diverse Überlandstrecken. Sie wurden zum Teil schon vor der Hauptstillegung von 1961/64 eingestellt.
Trams in Neuenburg

Tram-Fieber
Der Hauptteil der Überland-Strassenbahnen wurde dann zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts errichtet. Auch zahlreiche Schmalspurbahnen wurden in dieser Zeit gebaut. Nachdem im 19. Jahrhundert die grösseren Zentren ans Schienennetz angeschlossen wurden, ermöglichten diese kleineren Bahnen auch weniger dicht besiedelten Gebieten der Schweiz den Zugang zur Verkehrsinfrastruktur. Oft wurden auch Ortszentren per Strassenbahn mit den ausserhalb liegenden Bahnhöfen verbunden.

Die Unterscheidung Strassenbahn – Überland-Strassenbahn – Schmalspurbahn ist aus mehreren Gründen oft etwas beliebig. Zum einen, weil ein und dieselbe Bahn Abschnitte auf der Strasse und auf separatem Trassee hatte – so zum Beispiel die Bahn von Leuk nach Leukerbad. Zum anderen weil sich die Bahnen oft auch Gleise in der Stadt teilten, so zum Beispiel in St. Gallen Tram und Trogenerbahn (heute Teil der Appenzeller Bahnen). Auch die Trams der Baselland Transport (BLT) verkehren einerseits über Land, andererseits auf dem städtischen Strassenbahnetz der Basler Verkehrs-Betriebe BVB.

Uster-Oetwil Bahn in Uster um 1945
Quelle: ETH-Archiv, Sammlung H. Waldburger
Triebwagen Ce 2/2 Nr. 4 der Strassenbahn Flüelen-Altdorf
Triebwagen Ce 2/2 Nr. 4 der Strassenbahn Flüelen-Altdorf
Quelle: Wikimedia Commons
Tram am rechten Thunerseeufer. Die Strecke führte über Steffisburg–Thun–Interlaken. Quelle: Burgerbibliothek Bern
Tram in Schwyz ca. 1960
Quelle: ETH-Archiv, Fotograf: Hans-Peter Bärtschi
Strassenbahn Motorwagen Ce 2/2 3 der Trambahn Meiringen-Reichenbach-Aareschlucht
Quelle: Wikimedia
Tram in La Chaux-de-Fonds auf einer Ansichtskarte von 1949
Quelle: wikimedia, Foto W. Trüb

Das Auto braucht Platz
Dennoch es waren vielleicht genau diese Unterschiede, die verantwortlich dafür zeichnen, dass heute noch viele Schmalspurbahnen unterwegs sind und die Überland-Strassenbahnen praktisch verschwunden. Denn durch den aufkommenden individuellen Automobilverkehr empfand die Politik die Strassenbahn, sei es nun in der Stadt oder zwischen den Ortschaften zunehmend als störend und nicht mehr zeitgemäss. Dem Auto sollte mehr Platz gegeben werden. Bereits ab den 1940er-Jahren, besonders aber in den 1950er und 60er-Jahren wurden die meisten Strassenbahnen in der Schweiz stillgelegt.

In den Städten blieben lediglich noch nennenswerte Netze in Basel, Bern und Zürich – Genf behielt noch eine einzige Linie, ähnlich wie Neuenburg, welches als Überbleibsel die Strecke über Land nach Boudry weiter betrieb. Luzern, Lausanne, St. Gallen, Schaffhausen und andere Städte verbannten das Tram ganz aus ihren Strassen und setzten im öffentlichen Verkehr auf Bus und Trolleybus, die Verkehrsplanung bevorzugte jetzt das Auto.

Rückkehr zum Tram
Wie die Geschichte (bis zur Gegenwart) ausging, ist bekannt: Städte, die Tramgleise einst aus ihren Strassen rissen, trauern diesen nun nach – nicht nur in der Schweiz. Weltweit gibt es seit einigen Jahrzehnten den Trend zu mehr Tram, namentlich in Frankreich, wo in dutzenden Städte neue Netze gebaut wurden.

Doch gerade in der Schweiz erweist es sich als schwierig die Strassenbahn zurückzuholen. Zu aufwändig und zu teuer. So lautete das Verdikt zum Beispiel auch in Biel und Luzern. All zu bald werden wir hierzulande wohl keine neuen Strassenbahn erhalten, auch wenn einige Verkehrsplaner dies als vorteilhaft ansehen würden.

Immerhin: dort, wo das Tram nicht (vollständig) verschwunden ist, wurden die Netze ausgebaut: In Genf, Basel, Zürich und Bern sind neue Linien dazugekommen oder wurden verlängert. Nur in dicht besiedeltem Gebiet kann das Tram seine Vorteile – u.a. die grosse Passagierkapazität – ausspielen.

Zu einem neuen Tram-Zeitalter wird es daher voraussichtlich nicht kommen, trotz einer Handvoll Projekte.

+
günstiger als eine Metroteurer als ein Bus (Anschaffung und Betrieb)
hoher Fahrkonfort (besser als Bus)Bus: kein fixer Weg (Vorteil bei Umleitung)
hohe Geschwindikeit möglich (je nach
Haltestellen-Distanz)
Schienen, Oberleitungen können als störend
empfunden werden
flexible Kapazität (mit Zusatzwagen)Metro: noch grössere Kapazität
Rasengleis möglich (kein heisser Asphalt)
Vor- und Nachteile von Strassenbahnen gegenüber anderen öffentlichen Transportmitteln.
Wie umweltfreundlich ein Tram ist, hängt u.a. davon ab, wie der Strom zum Antrieb erzeugt wird und wie viele Bauten errichtet werden müssen (Brücken, Tunnel).
Tram in Zürich in der Kreuzbühlstrasse, in der Nähe der Station Stadelhofen
Quelle: Baugeschichtliches Archiv der Stadt Zürich

Links
Das Tram-Projekt in Lausanne
Das Tram-Bahn-Projekt in Lugano
Das Tram-Projekt Bern-Ostermundigen

Kurzer Clip zum Tram in St. Moritz (SRF)





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