Game Studies in und aus Felix Austria

Im Gespräch mit Natalie Denk

N. Denk (c) Constantin Kraus

Mit Natalie Denk wollte RUDOLF INDERST schon seit langer Zeit ein Gespräch führen, da sie anscheinend mühelos mit diversen Rollen der Digitalspielkultur und -didaktik länderübergreifend aus Österreich heraus jongliert. 

Rudolf Inderst (RI): Liebe Frau Denk, schön, dass Sie die Zeit gefunden haben für einen kurzen Gedankenaustausch. Mögen Sie sich bitte unseren Leser:innen zunächst kurz vorstellen?

Natalie Denk (ND): Gerne, ich freue mich über die Einladung zum Gespräch! Mein Name ist Natalie Denk. Ich bin Bildungswissenschaftlerin, Medienpädagogin und Spieleforscherin. Ich arbeite seit 2014 bei uns am Zentrum für Angewandte Spieleforschung an der Universität für Weiterbildung Krems und habe 2019 die Leitung des Zentrums übernommen. In unseren Forschungsprojekten liegen meine Schwerpunkte im Bereich Game-based Education, Medienpädagogik sowie der Auseinandersetzung mit Gender-Dimensionen der Gaming-Kultur. Dabei ist es mir ein besonderes Anliegen, Spiele und die Gaming-Kultur zu einem fixen Bestandteil in unserer Bildungslandschaft zu machen. Zudem bin ich als Lehrgangsleiterin tätig.

In der Forschung schätze ich sehr den angewandten Zugang. Um nur zwei Beispiele zu nennen: Mein neuestes Forschungsprojekt lautet „CosTechPlay – Talentförderung im Bereich STE(A)M durch Cosplay und Making“. Dabei entwickeln und erproben wir ein Unterrichtskonzept, wo die Schüler*innen ihre eigenen Cosplays entwickeln und gestalten – von der Volksschule bis hin zur Oberstufe. In einem anderen Projekt – „ReTrans – Working with Interpreters in Refugee Transit Zones: Capacity building and awareness-raising for higher education contexts“ haben wir gemeinsam mit unseren Projektpartner*innen des Zentrums für Translationswissenschaften der Uni Wien interaktive Stories entwickelt, die als Trainingsmaterial für Dolmetscher*innen in ihrer Arbeit mit geflüchteten Personen eingesetzt werden können. Gleichzeitig haben wir die Entwicklung der Stories mit Studierenden als Trainingsmethode getestet in einem Kurs „Interpreting Studies meets Game Studies“.

Ans Zentrum kam ich übrigens als Studentin. Ich bin schon seit meiner Kindheit fasziniert von Computerspielen und habe mich bereits damals im Bildungswissenschaft Studium im Rahmen meiner Diplomarbeit einer spielewissenschaftlichen Fragestellung gewidmet. Ich hatte aber den Drang mich noch weiter in diese Richtung zu spezialisieren und bin zum Glück 2012 auf das “Game Studies” Studium gestoßen. Neben dem Studium bekam ich bereits vom damaligen Zentrumsleiter Alexander Pfeiffer die Gelegenheit in einem Forschungsprojekt mitzuarbeiten und so bin ich nach und nach ins Team hineingewachsen.

Ich bin schon seit meiner Kindheit fasziniert von Computerspielen

(RI): Die diesjährige Konferenz “FROG – Future and Reality of Gaming” in Wien liegt nun schon wieder hinter uns und der Sammelband aus dem letzten Jahr ist soeben erschienen – bitte erklären Sie doch einmal, welche Rolle Sie bei der FROG spielen und welchen Platz die Tagung in der deutschsprachigen Spielkultur einnimmt.  

(ND): Heuer fand die 17. Ausgabe unserer FROG-Konferenz statt, damit ist sie wohl eine der traditionellsten Game Studies Konferenzen im europäischen Raum. Jahr für Jahr kommt auf der FROG eine sehr interessierte und auch diverse Community zusammen – mit Zugängen zum Thema aus den unterschiedlichsten Disziplinen und Praxisfeldern. In der Regel findet die FROG im Rahmen der beliebten Spielemesse “Game City” statt – im wunderbaren Ambiente des Wiener Rathauses. Als Corona-bedingt keine “Game City” stattfand, war es uns dennoch ein großes Anliegen, die FROG weiterzuführen. So fand diese 2020 und 2021 als Online-Konferenz statt. 2022 haben wir die FROG erstmals vor Ort in Krems bei uns an der Uni durchgeführt, was ich persönlich auch sehr schön fand. Unser Zentrum ist schon seit Anbeginn auf die eine oder andere Art in der FROG involviert. Ich selbst war das erste Mal 2017 sehr intensiv in die Organisation involviert und habe seit 2020 die Hauptorganisation übernommen. Natürlich geht nichts ohne mein wunderbares Team. Initiator der Konferenz ist Herbert Rosenstingl von der Bundesstelle für die Positivprädikatisierung von digitalen Spielen – kurz BuPP. Das ist eine Serviceeinrichtung der Abteilung Jugendpolitik im Bundeskanzleramt. Die Abteilung stellte auch finanzielle Mittel für die Umsetzung der FROG, worüber wir natürlich dankbar sind. Nach der FROG ist immer vor der FROG – so tüfteln wir schon bald an der FROG 2024.

Jahr für Jahr kommt auf der FROG eine sehr interessierte und auch diverse Community zusammen

(RI): Kommen wir nun einmal auf das Zentrum für Angewandte Spieleforschung an der Universität für Weiterbildung in Krems zu sprechen, das Sie leiten. Welche Geschichte steckt hinter dieser Einrichtung? 

(ND): Eine für das Game Studies Feld schon recht lange! Die meisten sind ja doch erstaunt, wenn ich erzähle, dass unser Zentrum bereits 2005 gegründet wurde. 2006 startete der erste Master-Lehrgang, damals noch “Applied Game Studies” genannt. So waren wir die ersten in Europa, die eine universitäre Weiterbildung dezidiert zum Forschungsfeld Game Studies angeboten haben. Ab 2008 kamen dann unsere pädagogisch geprägten Universitätslehrgänge dazu, die sich im Kontext Spiel, Medien und Pädagogik verankern lassen. Zentrumsgründer ist Michael Wagner. Er leitete bis 2010 das Zentrum. Danach übernahm kurz Doris Rusch und übergab die Leitung 2011 an Alexander Pfeiffer. 2019 übernahm ich schließlich, als Alex mit einem Max Kade Fellowship ans MIT nach Boston ging. Nun ist Alex auch schon länger wieder zurück am Zentrum und leitet zudem das neue “Emerging Technologies Experiences Lab” an unserem Department.

Unser kleines, aber feines Zentrumsteam besteht aus Alexander Pfeiffer, Thomas Wernbacher, Nikolaus Koenig, Karin Kirchmayer, Simon Wimmer, Constantin Kraus und mir. Das Team spiegelt auch gut den interdisziplinären Charakter von unserer Forschungsarbeit und natürlich dem Game-Studies-Feld an sich wider, denn wir kommen alle aus anderen Kerndisziplinen. Damit können wir ein breites Spektrum von der Medienpädagogik und den Medien- & Kommunikationswissenschaften über Medientechnik, Psychologie und Sozial- & Wirtschaftswissenschaften bis hin zur Sozial- und Kulturanthropologie abdecken.

Das Team spiegelt auch gut den interdisziplinären Charakter von unserer Forschungsarbeit und natürlich dem Game Studies Feld an sich wider.

Unser Zentrum ist am Department für Kunst- und Kulturwissenschaften angesiedelt und auch inhaltlich ist unsere Arbeit immer schon durch einen kulturwissenschaftlichen Begriff von Spiel geprägt. Spiel soll nicht nur als pragmatisches Werkzeug oder als ökonomische Ware verstanden werden, sondern als kulturelles Phänomen, als Kulturgut, als künstlerisches Ausdrucksmittel, und insbesondere als Raum der Ausverhandlung kultureller Vorstellungen. Ebenso wird das Spielen als kulturelle Praxis verstanden, als Form der Verständigung und Mittel der Identitätskonstruktion. Innerhalb unseres Departments gibt es natürlich auch ganz tolle Möglichkeiten für Kooperationen. So haben wir zum Beispiel mit dem Archiv der Zeitgenossen einen Escape Room entwickelt – Der Traum der Archivarin.

(RI): Sie bieten dort auch einen Master im Bereich Game Studies an, was tatsächlich eine Seltenheit im deutschsprachigen Raum darstellt. Was erwartet die Studierenden dort und wie wird dieses Angebot generell angenommen? 

(ND): Mittlerweile hat unser Zentrum über 260 Absolvent*innen und rund 140 aktive Studierende über alle Lehrgänge hinweg. Alle unsere Studierenden sind berufstätig und machen das Studium berufsbegleitend als Weiterbildungsstudium. Ich schätze das Durchschnittsalter unserer Studierenden auf etwa 35 Jahre. Das ist natürlich eine andere Zielgruppe als an vielen anderen Universitäten. Ich persönlich – und auch unsere Referent*innen – schätzen es sehr, dass bei uns am Zentrum hochinteressierte, motivierte und engagierte Studierendengruppen zusammenkommen. Das ist für alle Seiten sehr bereichernd.

Wir haben kürzlich unser Studienprogramm komplett neu überarbeitet und ich hoffe, dass dieses genauso gut – und vielleicht sogar noch besser – angekommen wird, wie unser altes Programm. Unser neues Masterstudium “Game Studies” startet im März 2024. Eine der größten Änderungen ist, dass wir nun nur noch ein Masterstudium anbieten und nicht mehr vier verschiedene Master wie früher. Damit einher geht eine weitere Neuerung: Studierende können im Studium zwei individuelle Vertiefungen wählen. Diese Vertiefungen können wiederum auch als eigenständige “Certified Programs” studiert werden – darunter “Game-based Education”, “Emerging Technologies” und “Game Design: Theories & Applications”. Auch ist eine noch stärkere Individualisierung im Rahmen von Wahlfächern möglich. So kann das Studium mit einer Vielzahl von Arbeits- und Fachbereichen verbunden werden und es können sehr spannende Qualifikationen entstehen. Zum Beispiel können Pädagog*innen, die sich in der Lernspielentwicklung vertiefen möchten, dies mit einer Kombination “Game-based Education” & “Game Design: Theories & Applications” machen. Personen, die sich mit neuen technologischen Möglichkeiten im Rahmen der Spielentwicklung auseinandersetzen möchten, wählen in etwa “Emerging Technologies” & “Game Design: Theories & Applications”. Im ersten Jahr setzen sich alle Masterstudierenden mit den “Game Studies Fundamentals” auseinander, wo ein breites Verständnis für die thematischen, theoretischen und methodischen Grundlagen der zeitgenössischen Spieleforschung vermittelt wird.

RI: Herzlichen Dank für das Gespräch und alles Gute für die Zukunft!

WEITERFÜHRENDE LINKS: 

*Disclaimer: Rudolf Inderst sprach wiederholt auf der Fachkonferenz FROG und veröffentlichte in den Tagungsbänden.

 





Rudolf Inderst

Xennial aus München. Lebte in (und ♥️) Kopenhagen. Er leitet mit Norman Volkmann das Ressort "Digitale Spiele" hier bei Nahaufnahmen. Liebt Genrefilmkost, Hörspiele und Podcasts. Spielt digitale Spiele seit etwa 40 Jahren. Lehrt als Professor für Game Design an der IU Internationale Hochschule. Einmal pro Woche bringt er den Newsletter DiGRA D-A-CH Game Studies Watchlist heraus und ist Gründer sowie Host des int. Podcasts "Game Studies" im New Books Network.

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