Die ambivalenten Industrie(n)

Jahresrückblick des Ressorts Digitale Spiele 2023

Eben noch Januar 2023 … was DANN geschah, glauben Sie nicht: Knapp über 30 Artikel und rund 32.000 Aufrufe später es war wieder einmal ein geschäftiges Jahr für das Ressort und dessen Autor:innen. Unserer Tradition gehorchend ist es nun wieder an der Zeit, auf das Jahr 2023 zurück zu blicken, um die großen Linien auszumachen und zwei Gäste haben wir auch wieder dabei! 

Das Jahr begann mit Alpha & Omega! Während auf der einen Seite Google seinen Feldversuch Stadia beerdigte, eröffnete in den Universal Studios in Kalifornien die Super Nintendo World und erfreute zahlreiche Besucher:innen – auch hier natürlich bei den Warteschlangen, dass keine Cheats erlaubt sind. Doch nicht überall eröffnet das japanische Unternehmen Dinge, im März schließt Nintendo seinen eShop für Nintendo 3DS und Wii U.

Etwas bad-omen-haft in Sachen Zukunft wird die ehemalige Branche-Leitmesse E3 in Los Angeles abgesagt; das Interesse der Austellenden war offenbar derart gering, dass man sich zu diesem Schritt genötigt sah.Nicht zum ersten Mal fragen sich die Organisator:innen weltweit, ob das Konzept der Riesenmesse inklusive Booths noch zeitgemäß ist oder ob Veranstaltungen mittlerer Größe die Zukunft seien. Auf jeden Fall scheinen die Messen auch weiterhin als Influencer:innen-Auflaufplattformen rentabel zu sein (siehe: “Alter Mann schreit Wolken an!”) Eine neue Hardware-Ankündigung, die eventuell auch für Digitalspieler:innen interessant werden könnte hielt der Juni bereit: Apple stellt seine Vision Pro vor und erneut fragt man sich: Wird 2024 endlich das ludische Durchbruchsjahr für diese Technologie? 

Ah, mittlerweile ist es Sommer! Entspannung, Pool und kühle Getränke … oder doch eher: “Embracer was not the one group to rule them all after $2 billion deal falls through”. Am Ende des Jahres 2023 werden etwa 10.000 Entlassungen stehen, aber der mediale Auftakt liegt genau in dieser Meldung begründet. Das unterstreicht die These, dass es DIE Digitalspielindustrie nicht gibt – es handelt sich um eine äußerst heterogene Gruppe, was Mann- wie Fraustärke und Produktionsbudgets betrifft. Kein Wunder, dass da Nintendo-Urgestein  Charles Martinet seinen Hut im August nimmt. So more Mr. Mario-Voice also? Ruhig Blut, ruhig Blut!

Das unterstreicht die These, dass es DIE Digitalspielindustrie nicht gibt – es handelt sich um eine äußerst heterogene Gruppe, was Mann- wie Fraustärke und Produktionsbudgets betrifft.

Wenig später baut Epic massiv Stellen ab und Unity macht sich in etwa so beliebt wie Ron DeSantis in einer linken WG in Seattle. Oder Julian Reichelt bei Menschen, welche ihr Hirn noch nicht gegen eine Luftblase ausgetauscht haben. Wie dem auch sei, als nächster Player entlässt Bungie Mitarbeiter:innen und Microsoft kann endlich wie ein zärtlicher Liebhaber seine mächtigen Hände um Activision Blizzard legen. Es bleibt Spekulation, ob deshalb – also praktisch aus Schockgründen – Ubisoft zu … na? … Entlassungen greift.  Amazon Games, Digital Bros, Humble Games und Kongregate scheinen an diesem Vorbild gefallen zu finden und kündigen kräftig. Und Unity. Ja, die von weiter oben. 

An dieser Stelle sei ein hoffnungsvoller Einschub Nicole Carpenters erlaubt: “As of 2023, several of the industry’s biggest companies now have union representation for employees. ZeniMax QA workers under Microsoft officially unionized to start the year — and the company’s neutrality agreement will soon apply to Activision Blizzard employees now under Microsoft. Alongside them, workers at CD Projekt Red and Avalanche Studios organized for a seat at the table, too. Behind the scenes, workers across the industry are meeting with their co-workers to eventually do the same.” 

Nach anderer Hardware im Jahr 2023 fragen Sie? Steam-Deck-Freund:innen verweisen sicherlich unter Einsatz ihres Zeigefingers auf die OLED-Variante, Meta-Fans (soll es geben!) summen fröhlich “Meta Quest 3” vor sich hin und ältere Semester reiben sich verwundert über einen Neu-Release der Atari-2600-Konsole als Iteration Atari 2600+ die Augen. Übrigens, unter der Kategorie “Wen wundert es?” fällt die Tatsache, dass im Jahr des Gewinns der Basketball-Weltmeisterschaft durch das deutsche Team das Top-Spiel im Apple-Arcade-Store NBA 2k23 Arcade Edition ist – ob da unser bester sechster Mann Norman Volkmann einmal dreinblicken sollte?

Bei Steam ist es übrigens Sons Of The Forest geworden – natürlich sollte man lieber einfach einmal so in den Wald gehen und eine regelmäßige Brülltherapie aufgrund der politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Ungerechtigkeiten in der Welt durchführen. Viel zu wenig Aufmerksamkeit jedoch erhielt der Tod des Musikers Tohru Okadas am 14. Februar 2023: Okada gilt als der kreative Kopf hinter dem PlayStation-Logo-Soundeffekt.     

Man sollte lieber einfach einmal so in den Wald gehen und eine regelmäßige Brülltherapie aufgrund der politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Ungerechtigkeiten in der Welt durchführen.

Gegen Ende des Jahres erreichte die Leser:innenschaft dann noch die Botschaft, dass die Printausgabe der GamePro eingestellt wird – und wieder scheinen alle von der Einsicht erschlagen zu werden, dass keine Käufer:innen auch keine Ausgaben bedeuten; klingt wie die Entdeckung der Deutschen Bahn im Herbst, dass Laub (auch) auf Gleise fällt …  

Besonders stolz sind wir dieses Jahr auf eine Konferenzpartnerschaft – zusammen mit den Kolleg:innen der IU Internationale Hochschule und DiGRA D-A-CH richteten wir die gamepathy #1 aus, eine Fachtagung, zu der parallel auch ein GameJam stattfand: Wiederholung nicht ausgeschlossen!    

Kommen wir nun jedoch zu unserer geschätzten Redaktion – wie war ihr Jahr? Trauern sie eingestampften Not-to-be-Klassikern wie Hyenas oder Evil Dead: The Game hinterher? Spielen Sie auf ihrer 2023 releasten Asus-ROG-Ally- oder Razer-Edge-Hardware? Viele Fragen, die hoffentlich Stefan von der Krone, Norman Volkmann und Rudolf Inderst zu beantworten wissen.

 

Stefan von der Krone (Ressort)

Stefan von der Krone - CHECK24 Vergleichsportal | LinkedIn

Als zweifacher Vater kann ich sagen, dass meine Spieleerfahrungen im vergangenen Jahr recht begrenzt waren – mal wieder. Ich hatte bisher nicht die Chance, Baldur’s Gate 3 zu spielen – und auch viele andere große Hits gingen an mir vorbei. Aber ich hatte dennoch zwölf spannende Monate voller toller Games hinter mir. Allen voran ist für mich Valves Steam Deck weiterhin die Hardware schlechthin, ist das Teil doch immer für eine spontane Session zwischendurch gut. So war es das Steam Deck, auf dem ich mich meiner Liebe für Boomer-Shooter hingab: diesmal mit Quake und dessen Mission Packs. Und was mich komplett an den Dampf-Stapel fesselte: Neon White! Was für ein Spiel. Schnell, stylisch, süchtigmachend. Jedes Level ist ein Parcour, der schnellstmöglich gemeistert werden will. Ich habe Abende damit verbracht, noch die letzte Sekunde für ein Ass herauszukitzeln.

2023 war auch mein Jahr der Experimente: Aufgrund der Erfahrung mit dem Steam Deck habe ich Blut geleckt und versuchte mich mit Linux-Gaming. Stray und The Callisto Protocol waren eine sehr angenehme Erfahrung. Nicht alles lief rund, aber die Technik ist in den vergangenen Jahren enorm weit gekommen und mittlerweile ist Linux eine ernstzunehmende Alternative zu Windows. Doch – ich muss es gestehen – letztendlich bin ich wieder zurück gewechselt, aber immer in dem sicheren Wissen, jederzeit wieder eine passende Gaming-Distro installieren zu können. Microsoft, be aware!

Ein Auf und Ab erlebte ich mit Star Wars: Jedi Survivor. Technisch war es auf dem PC ein Grauen. Von sekundenlangen Standbildern bis hin zu reproduzierbaren Abstürzen war alles dabei. Tatsächlich zählt dieses Spiel auf Steam wohl auch zu den großen Lachnummern in der Community. Andererseits war die Story tatsächlich ein Lichtblick und fesselte mich bis zum Schluss, inklusive epischer Bosskämpfe gegen schweratmige Machtlenker, zwinker zwinker.

Um das ganze abzurunden, erfreute ich mich endlich an Celeste, Vampire Survivor und leider noch nicht vollständig an Armored Core VI: Fires of Rubicon. Ich hoffe, dass ich den Dienst im Mech bald wieder aufnehmen kann. Ein Gerät, das bei mir noch lange im Dienst bleibt, ist CRKDs Nitro Deck: ein Controller, der die Switch in sich aufnehmen kann und sich tatsächlich wie ein richtiger Controller anfühlt. Klare Empfehlung an dieser Stelle zum Abschluss.

 

Norman Volkmann (Ressortleitung)

Norman Volkmann - Büchner-Verlag

2023 merkte ich zum ersten Mal, dass wir bei Videospielen offenbar auch Jahre ranken und miteinander vergleichen. Denn 2023 soll eines der, wenn nicht sogar das beste Jahr für Spiele gewesen sein. Oder, wie der Kollege von Kotaku schreibt

“Still, 2023 comfortably beats 2013. There might not be entirely new genres that will recalibrate the market for years to come, but I would take this year’s top 10 over 2013’s any day. Start going farther back and the comparisons get much dicier. When it comes to rankings of rankings, the years that most often get thrown around are 2011, 2010, 2007, 2004, 2001, 1998, 1997, 1994, and 1993. Of these, I’d argue the frontrunners have to be 2007, 2004, 1998, and 2001, in that order.”

Ok, reicht..

Doch wenn ich an das vergangene Jahr denke, fällt mir vor allem ein Thema ein, das mit der Qualität von Videospielen nichts zu tun hat. 2023 war insgesamt für die Tech-Branche Jahr, in dem Entlassungen im großen Stil zu einer gruseligen Normalität fanden: Riesige Unternehmen wie Amazon schien alle paar Monate neue Layoffs zu verkünden, Spotify bezahlt künftig nicht nur Künstler:innen scheiße, sondern 17 Prozent der Belegschaft gar nicht mehr. 

Und auch in Videospielunternehmen wurden structures und strategies aligned, resources optimised, den market realities wurde ganz tief in die Augen geschaut. Es wurden Dinge gestreamlined und efficiencies improved, dass es nur so scheppert. Am Ende ging es dabei vorrangig um die Kunden, denen nur so weiterhin die gewohnte excellence delivered werden könnte, klar. Die Embracer Group etwa schloss nach Jahren der Akquise Studios wie Volition und Free Radical. Unity setzte 900 Mitarbeiter:innen vor die Tür, Epic Games 830. Microsoft entließ 10.000 Arbeitnehmer:innen, darunter auch Mitarbeitende von Bethesda, 343 Industries und The Coalition. Die Website videogamelayoffs.com führt eine Liste und schätzt, dass 2023 etwa 9.000 Jobs in der Branche wegfielen – darunter namhafte Studios wie Bungie, Naughty Dog, CD Projekt Red und Bioware. 

Während sich Investoren freuten, dass die Gewinne der Branche im vergangenen Jahr wieder stiegen, dürfen sich tausende Arbeitnehmer:innen auf einem deutlich stärker umkämpften Arbeitsmarkt darum bewerben, künftig wieder zu crunchen, belästigt oder diskriminiert zu werden. Polygon behandelt die Entlassungen, die Arbeitsumgebungen und wohin das alles führen könnte in einem bemerkenswerten ArtikelImmerhin: Stunden der Ablenkung von solchen Themen brachten mir Super Mario Bros Wonder, Lies Of P, Planet of Lana, Zelda: Tears of the Kingdom, Alan Wake 2 und das Remake von Resident Evil 4. Vor allem Jusant möchte ich zum Abschluss besonders hervorheben, es war die schönste Spielerfahrung, die ich in diesem Jahr machte. Spielt das!

Im Podcast Polyneux tritt nach der Lieblingskolleg:innen von Polyneux sprach ich mit Urs und Christian ebenfalls über das Spielejahr 2023. Überall wo es Podcasts gibt!

 

Rudolf Inderst (Ressortleitung)

Rückblick auf den Rückblick: “Nun, ich denke, in Diablo IV wird einige Zeit fließen”. Und siehe da, er sollte Recht behalten. Die meisten Spielstunden flossen tatsächlich in das Action-RPG, über das ich dann im später im Jahresverlauf schrieb: “Es ist deshalb mein Cozy Game, weil ich es 30 Minuten gemütlich auf der Couch entspannt spielen kann, während ich a) einen True-Crime-Podcast („Ach was? Mit Gülle erstickt? Raffiniert!“) höre oder b) im WhatsApp-Gruppen-Anruf mit den lieben Freund:innen über die Map ziehe („Ach was? Hier gibt es eine Zoom-Funktion? Chapeau!“).” Doch etwas kleiner ging es durchaus auch zu 2023 – so gab ich mitunter launig den besorgten Familienvater in Somerville oder den Amnesie-Patieten in Vertigo

Zwischenruf I: Die den angeblichen Fluch der Digitalspieladaption brechenden Umsetzungen The Last of Us, Tetris oder The Super Mario Bros. Movie sah ich zwar nicht, aber ich denke, den Ruf wird eine Produktion wie Gran Turismo schon wieder zurechtgerückt haben. Der Rest benimmt sich wie Oswald Spengler und schreibt über Flashback 2.

Tja, ein seltsames Jahr, ein Jahr, in dem Kolleg:innenschelte innerhalb der Branche lautet, man könne doch nicht so ein abgerundetes Produkt wie BG3 auf den Markt bringen, das würde doch nur die Erwartungshaltung ins Unendliche schrauben. Keine Sorge, die Meldungen erwiesen sich als Ente. Was nicht bedeutet, dass damit sich drittklassige Informationsquellen einen goldenen Klickdaumen verdient haben dürften. 

Aber ein wenig Licht am Ende des Tunnels darf es auch sein – im November war zu lesen: “Bezüglich der Lootboxen in FIFA respektive EA SPORTS FC 24 gibt es bereits zwei Urteile in Österreich. Als „illegal“ wurden diese sowohl in Wien als auch in Hermagor eingestuft. Sony, über dessen Store die Zahlungsabwicklung läuft, musste Geld an die Kläger zurückzahlen.”

Zwar war es mir durchaus Freude bei den lieben Kolleg:innen von Polyneux, Behind the Screens, Auf dem Stapel, Business Unplugged, Konsolenkino, To be on Pod, Ink Ribbon Radio, Ludoskop als Gast und als Gastgeber bei Game Studies im New Books Network mit über 20 Gesprächspartner:innen über Digitalspielforschung und -kultur sprechen zu dürfen, jedoch: Auch für Nahaufnahmen lockte ich jede Menge Forschende und Aktivist:innen wie Tabea Widmann oder Marc Bonner heran, was mir jedes Mal großen Spaß macht – schließlich bedeutet jeder Plausch auch einen neuen Blickwinkel auf unseren Lieblingsforschungsgegenstand.  

Zwischenruf II: Schaut ruhig mal etwas mehr Writing on Games. Oder Jenna Stoeber. Und lest mehr Gou Tanabe! 

Sehr spannend finde ich die Entwicklung in China: Die örtlichen Behörden haben erklärt, dass sie die neu entworfenen, tougheren Regeln für Online-Glücksspiele möglicherweise überarbeitet werden, kurz nachdem die geplanten Beschränkungen den großen Technologieunternehmen Milliarden von Dollar entzogen haben. Freilich stand hier Tencent an der Speerspitze.Was 2024 passieren wird? Und Landtagswahlen, bei denen mich bestimmt Vorhersagen im herrlich grün-gelben Strahl erbrechen lassen. Nun, ludisch gesprochen jedoch, bestimmt jede Menge Warhammer 40,000: Space Marines 2! Denn ich liebe eben Spiele, die mein Leben wiedergeben. Und dass ein Titel wie Dragon’s Dogma II ernsthaft ohne Koop-Option erscheint, ist, gelinge gesagt, ein Bettwanzenfest, zu dem ich Entwickler:innen und Vertrieb gerne einladen möchte.  #wozurhöllebleibteigentlichsteinsgate

… und nun kommen wir einmal zu unseren beiden Ressort-Gästen (bereits 2022 hatten wir eingeladen – und wir sind uns sicher – hier beginnt gerade eine schöne Tradition): Mario Donick und Harald Koberg!

Mario Donick

Freier Autor (u.a. GameStar, GamePro, FS MAGAZIN, GAIN, diverse Sachbücher) und Kommunikationswissenschaftler

Beginnen wir mit einem Buch: Echtzeitalter von Tonio Schachinger. Der Roman gewann 2023 den Deutschen Buchpreis, wonach ich das Buch erstmal nur arg vorsichtig anfassen wollte, aber meine Güte, fühlt sich mein früheres Teenager-Ich (dreißig Jahre ist das her) davon verstanden!

Allen Erwachsenen, die ratlos vor den spielerischen Aktivitäten ihrer eigenen Kinder stehen und sich wundern, warum man beim Spielen nicht immer „kurz auf Stopp drücken“ kann, empfehle ich einen Blick auf Seite 44ff. Dort bringt Schachinger das Gefühl der Immersion sehr gut auf den Punkt und zeigt nebenbei, worin der Reiz unterschiedlicher Spielgenres liegt.

Dass sich nicht jedes Spiel und jedes Genre gleichermaßen für alle Spieler:innen eignet, liegt eigentlich auf der Hand. Das Spielejahr 2023 zeigte jedoch wieder einmal, dass gerade Gamer™ da doch einen mitunter recht eingeschränkten Blick haben.

Haters gonna hate?

Der Gamer™ ist in Veronika Krachers Definition „[d]er weiße, heterosexuelle cis Mann, der es über Jahrzehnte hinweg gewohnt war, dass Videospiele darauf ausgelegt waren, seine Ermächtigungsfantasien zu bedienen“. Kracher schrieb das 2023 anlässlich der beiden großen Rollenspiel-Veröffentlichungen Baldur’s Gate 3 und Starfield, aber dass der Begriff Gamer als Identitätsbezeichnung für Spieler:innen schon lange verbrannt ist, bemerkte bereits 2020 Aurelia Brandenburg. Das aktuelle Spielejahr bestätigte das mal wieder.

Wenn Gamer™ nicht gerade damit beschäftigt sind, echte Menschen mit Hass zu überschütten (dazu kommen wir leider auch noch), wachen sie wie der Dolinar in Schachingers Privatgymnasium (ernsthaft, lest das Buch!) selbstherrlich über den korrekten Spielgebrauch. Wer es wagt, in Reddit- oder Steam-Foren ein verhasstes Spiel doch gut zu finden, ein gehyptes Spiel zu kritisieren oder – Gott bewahre! – kein Problem darin sieht, wenn ein Spiel diverse Pronomen (they/them bzw. dey/dem) erlaubt, wird schnell als nicht satisfaktionsfähig an den Rand jeder Diskussion gestellt. Rechte Kulturkrieger und Hater bleiben gerne unter sich. Fans allerdings auch.

Exemplarisch können wir das 2023 an Starfield beobachten. Starfield ist das neue Rollenspiel der Bethesda Game Studios (seit 2021 Teil von Microsoft), die auch außerhalb engerer Gamer™-Kreise für den Riesen-Hit Skyrim (2011) bekannt sind. Bei Spieler:innen kam der neue Titel jedoch nicht gut an. Das Steamforum zum Spiel und die Reddit-Gruppe r/Starfield sind in den letzten drei Monaten zu großen Jauchegruben des Hasses geworden, in denen genüsslich und voller Hingabe nicht nur auf das Spiel eingeprügelt wird, sondern auch naiven Neu-Mitgliedern schnell gezeigt wird, dass man Starfield nicht zu mögen hat. Die verziehen sich dann nach r/nosodiumstarfield – in der Selbstwahrnehmung dieser Gruppe sind dort noch echte Diskussionen über das Spiel möglich, ohne von Spielverderbern runtergezogen zu werden. Letztere qualifizieren solche „no sodium“-Gruppen (die es auch für andere Spiele gibt) dagegen als verblendete „circle jerker“ ab, die keine Kritik am Spiel dulden würden. Kommunikation über Spiele im Internet – der Anglizismen-Hater Dolinar in Echtzeitalter würde das bestimmt lieben.

Hass auf Aktivist*innen

Es könnte auch fast amüsant sein, wenn sich hinter spielbezogenen Äußerungen eben nicht so oft ein menschenfeindliches, im Speziellen auch misogynes und transphobes Weltbild verbergen würde. Anlassbezogen bricht es an die Oberfläche und vergiftet nicht nur virtuelle Diskurse, sondern bedroht lebendige Menschen, wenn diese Kritik äußern. Das zeigte sich 2023 nach Veröffentlichung des Spiels Hogwarts Legacy, das im Harry-Potter-Universum spielt. Die Streamerin Pia „Shurjoka“ Scholz hatte es gewagt, anlässlich von Hogwarts Legacy auf die Transfeindlichkeit von Potter-Autorin J. K. Rowling und auf mögliche antisemitische Tendenzen in dem Spiel hinzuweisen (eine Zusammenfassung der Kritik am Spiel gibt es auch auf Belltower News). Seitdem wird Shurjoka in Streams männlicher Gamer™ angegriffen. Im Mai 2023 wurde Shurjoka als „Streamerin des Jahres“ mit dem Deutschen Computerspielpreis ausgezeichnet, was die Angriffe noch verschärft hat.

Insbesondere Tim „KuchenTV“ Heldt schreckt in seinen zahlreichen Streams auch vor sehr sexistischen Äußerungen nicht zurück, wenn es ihm den Beifall seiner Anhänger sichert. Nachzulesen sind die Vorgänge im Blog von Keinen Pixel dem Faschismus. Von den großen Medien berichteten u.a. der Deutschlandfunk und der Standard; der klassische Spielejournalismus hingegen ignorierte das Thema weitgehend oder versuchte, sich auf eine neutrale Beobachterposition zu beschränken.

Es dauerte lange, bis Heldt auf der Streaming-Plattform Twitch gesperrt wurde; auf Youtube sind seine Videos immer noch online. Das zögerliche bis ignorante Vorgehen der Plattformen ist besorgniserregend. Denn es handelt sich nicht um Privatfehden. Hass-Streams ziehen sehr viele Zuschauer an und sind politisch hochrelevant. Sie zeigen, dass auch 2023 Männer, die sich in ihrer patriarchalen Macht bedroht fühlen, ungehemmt gegen Andersdenkende vorgehen. Sich dagegen erfolgreich zu wehren, ist schwer.

Hogwarts Legacy übrigens kam bei den meisten Spieler*innen trotz aller Vorwürfe gut an, erhielt gute Bewertungen in Rezensionen und gehörte 2023 auf dem PC zu den umsatzstärksten Spielen auf der Verkaufsplattform Steam, neben großen Titeln wie Baldur’s Gate 3, dem Remake von Resident Evil 4 oder Cyberpunk 2077 (das 2023 mit Phantom Liberty ein großes Addon erhielt). Berechtigte politische Kritik an Spielen hat also offenbar nur wenig Einfluss auf ihren kommerziellen Erfolg, wenn das Spiel selbst genug Leuten Spaß™ macht.

Steriles Marketing, verfehlte Krisenkommunikation

In diesem Zusammenhang (Spielspaß, Erfolg) nochmal zurück zu Starfield. Das Spiel war erkennbar als großer Erfolgstitel geplant und gehört ebenfalls zu den umsatzstärksten Steam-Titeln 2023. Bethesdas Marketing-Maschine tat alles, um diesen Erfolg sicherzustellen.

Sie tat es auch nach Veröffentlichung des Spiels so mechanisch und losgelöst von der tatsächlichen Rezeption, dass sich PR und Wirklichkeit immer stärker voneinander entfernten. Eine Konzertaufführung des von Inon Zur komponierten Soundtracks kurz nach Veröffentlichung erregte kaum Aufmerksamkeit. Der kitschige Starfield-Pop-Song Children of the Sky der Band Imagine Dragons hatte keine Flut von Remixen und Coverversionen zur Folge. Und der übliche 10/10-Review-Jubel war eher lächerlich angesichts der Tatsache, dass dabei nur kleine und unbekannte Review-Seiten aufgeführt waren (denn große Portale wie IGN USA gaben nur eine 7/10; die deutsche Seite GameStar konnte sich zu einer 81 durchdringen).

Aktuelle Bewertungen des Spiels durch Spieler*innen liegen weit darunter, denn viele Leute finden Starfield schlicht langweilig. Wir sind wohl gerade im Tal der Enttäuschungen (aus Gartners Hype Cycle): Stand 29.12.2023 sind nur 28% der 7.341 Steam-Rezensionen der letzten 30 Tage positiv; die Gesamtzahl aller 87.837 Steam-Wertungen seit Veröffentlichung des Spiels liegt bei nur 65%. Damit ist Starfield immer noch ein annehmbarer Titel, aber alles andere als der Erfolg, den sich Bethesda und Microsoft ausgemalt haben dürften. Noch in zehn Jahren solle man Starfield spielen, tönte Bethesda anfangs noch. Das ist momentan sehr zweifelhaft.

Bisher wurde auf berechtigte Kritik am Spiel (denn neben Hass gibt es auch das!) eher arrogant reagiert, was zeigt, dass auch 2023 Kommunikation auf Augenhöhe oder gar erfolgreiche Krisenkommunikation nicht zu den Stärken von Softwarestudios gehört. Das Spiel läuft nicht flüssig? Da müssen die Spieler:innen eben ihre PCs upgraden, so Bethesdas Todd Howard in einem Bloomberg-Interview in typischer Todd-Howard-Manier. Das Spiel sei langweilig? Dann spielt ihr wohl falsch, so Bethesda in einigen Antworten auf kritische Steam-Rezensionen. So etwas sorgt nicht gerade für Sympathie.

Wirtschaftlich erfolgreich dürfte Starfield gewesen sein, aber Bethesdas in den letzten Jahren ohnehin gefallener Ruf ist mit Starfield noch weiter gesunken und es wird große Anstrengungen verlangen, um ihn wiederherzustellen. Es muss ja nicht gleich eine Erlösungsgeschichte sein, wie sie 2023 in dieser seltsamen ARD-Dokumentation über CD Projekt und Cyberpunk 2077 inszeniert wurde. Es muss auch nicht so riesige Updates geben wie bei dem Erfolgstitel 2023 Baldur’s Gate 3 (ein tolles Spiel, alle Preise hat es absolut verdient). Aber etwas mehr als Kleinstupdates alle sechs Wochen und ein kostenpflichtiges Addon dürften schon nötig sein, um die Spieler:innen zurückzugewinnen.

Außer die Hater natürlich; die hassen, egal was kommt.

 

Harald Koberg

Kulturwissenschaftler, Medienpädagoge, Gaming-Kulturvermittler

Mein Gaming-Highlight 2023 war wohl tatsächlich Cyberpunk 2077. Ich war gerade gute vierzig Stunden in Starfield versunken, als die gefallenen Engel von CD Project gemeinsam mit dem Add-On Phantom Liberty die Version 2.0 ins Netz stellten. Meine ersten Runden in Night City hatte ich damals auf der PS4 gedreht und mir – trotz meiner weitgehenden Hoffnungslosigkeit bezüglich der Zukunft des Spiels – vorgenommen, es auf der PS5 fertig zu spielen. Zwei zaghafte Anläufe habe ich dann allerdings abgebrochen. Um etliche Missionen nach dem Tutorial noch einmal neu zu lernen, was das Spiel von mir will, fehlte ganz einfach die Motivation. Aber dann war da das große Update und von Bethesdas Schaufensterpuppen kommend faszinierten mich die ausdrucksstarken, in ihren Wirbelsäulen beweglichen Charaktere dieses bald drei Jahre alten Spiels plötzlich wieder. Cyberpunk 2077 hat mich erkennen lassen, dass ich Starfield gar nicht so ok finde, wie ich dachte. Es hat mir aber auch die immersivsten und mitreißendsten Spielstunden dieses Jahres beschert; auch wenn Zelda: Tears of a Kingdom wohl das bessere Spiel ist. Mit „Baldur’s Gate 3“ habe ich gerade erst begonnen.

Was mir an der „Cyberpunk“-Sache das Herz erwärmt hat, war sicherlich auch der redemption arc. Bei allem gebotenen Zynismus bleibt da doch auch der Eindruck, dass CD Project wieder gut machen wollte, was sie verbockt haben. Angesichts der unterirdischen Standards, die so viele große Studios im Umgang mit ihren Kund*innen und Mitarbeiter*innen an den Tag legen, ist jeder Lichtblick wohltuend und als Spieler verspüre ich eine gewisse Sehnsucht danach, Spiele und die Firmen, die sie produzieren, wieder so unreflektiert toll finden zu können, wie in den Jahren zwischen Baldur’s Gate und Skyrim. In diesem Sinne gehört CD Project jetzt vielleicht doch wieder zu den Guten.

Die berufliche und analytische Auseinandersetzung mit digitalen Spielen und dem sozialen Gefüge um sie herum macht das mit dem ersehnten Eskapismus ohnehin noch schwerer, als es sowieso schon ist. Auch ein herausragendes Spielejahr wie 2023 kann von dieser eskalierenden Welt nur für kurze Momente ablenken. Da bin ich für jedes bisschen Glauben an das Gute im Markt dankbar.

Apropos Eskalation: Die Gewaltdebatte ist zurück. Das mag regional unterschiedlich sein, aber hier in der Steiermark werde ich plötzlich wieder gebucht, um über Games und Gewalt zu diskutieren. Die Kriege in der Welt sind uns emotional näher gerückt. Und wenn wir nicht wissen, was tun, mit unseren Ängsten, dann projizieren wir sie als Gesellschaft gerne auf die Jugend und ihre Medien. Ich komme dann regelmäßig mit dem wieder einmal sehr aktuellen Kasper Maase: „Vor dem Hintergrund alles durchdringender äußerster Gewalt im 20. und 21. Jahrhundert kann der Versuch, Brutalitäten Jüngerer mit der bösen Macht der Bilder zu erklären, einfach nicht ernst genommen werden.“ Dass diese Brutalitäten Jüngerer langfristig kontinuierlich abnehmen, macht die Debatten noch ein bisschen eigenwilliger. Nicht allein deswegen habe ich 2023 auch die Arbeit an einem Buch abgeschlossen, dass die Kritik an digitalen Spielen kritisiert und neu formuliert. Vielleicht trägt es ein Stück weit dazu bei, dass ich 2024 wieder weniger über Gewalt und mehr über jugendliche Freiräume, Männlichkeiten und neoliberale Überforderung im Kontext digitalen Spielens reden darf. Spielen werde ich wahrscheinlich ohnehin nur Baldur’s Gate 3.





Rudolf Inderst

*1978 in München. Lebte in Kopenhagen und verliebte sich. Doppelt promoviert, übernimmt er Verantwortung als Ressortleiter für digitale Spiele hier bei nahaufnahmen.ch. Liebt Stanislaw Lem, Hörspiele und Podcasts. Spielt Videospiele seit etwa 40 Jahren. Lehrt als Professor für Game Design mit dem Schwerpunkt Game Studies / Spielanalyse / Game Business an der IU und krault sich gerne seinen Bart.

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