Pacific Drive

Rundreise mit vollem Müllsack

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Unerklärliches spielt sich an der pazifischen Westküste der Vereinigten Staaten ab. NORMAN VOLKMANN fuhr durch stimmungsvolle Waldgebiete als hätte er keinen Führerschein und fragte sich: Warum eigentlich?

Pacific Drive ist der feuchte Traum des Deutschen: Star des Spiels ist ein altes Auto, das wie ein Loch Sprit schluckt, seine beste Zeit schon lange hinter sich hat und trotzdem über Stock und Stein hinwegwälzt. Die menschliche Spielfigur ist ein körper- und stimmloses Nichts, der treue Kombi wird wie durch Geisterhand durch die verlassene und gefährliche Welt an der Westküste der USA gesteuert. Auf der Olympic-Halbinsel des US-Staates Washington sorgen übernatürliche Phänomene nämlich dafür, dass die Region für Menschen nicht mehr passierbar ist. Wie die gefährlichen Anomalien und elektrischen Stürme entstanden sind, ist allerdings auch nicht klar. Fest steht: Es ist ziemlich blöd, sich dort aufzuhalten.

Natürlich passiert, was in einem Videospiel passieren muss und ich steuere den armen Tropf, der nun doch diese Welt durchqueren muss. Die gute Nachricht: Mein Auto schützt meine Spielfigur vor Gefahren, die allein kaum zu überleben wären. Die Welt, die die Entwickler:innen von Ironwood Studios erschaffen haben, ist dabei wirklich stimmungsvoll inszeniert und mysteriös. Es wabert und wobbelt und spratzelt überall, es zittert und dröhnt, verschiedenfarbige Lichter scheinen durch Baumspitzen oder bewegen sich unnatürlich durch die Luft. Im Autoradio laufen durchgehend Hits, die für Roadtrips geradezu perfekt wären. 

Doch Pacific Drive liefert dieses Roadtrip-Gefühl nicht. Ständig wird die sowieso schon schwerfällige Fortbewegung mit der Schrottkarre unterbrochen und jede Fahrt zum Grind. Immer und immer wieder stehe ich in den gleichen Wohntrailern und zersäge identische Autowracks für ihre Materialien. Schließlich muss das Auto fortwährend repariert und verbessert werden, damit es sich irgendwann nicht mehr steuert wie ein Panzer mit buntem Dashboard. Jeder erfolgreiche Run endet in einer heruntergerockten Werkstatt – dem Heimathafen für Spielfigur und Fahrzeug. Dort wird mit viel Spucke und wenig Fachwissen so lange auf das Auto eingehämmert, bis es wieder einigermaßen fahrtüchtig ist.

pacific drive car on dark road

Doch das Instandsetzen ist immer gleich, vergleichsweise langwierig und steuert sich ziemlich fitzelig. Alle Teile müssen einzeln überprüft und repariert werden. Erfüllt man die Voraussetzungen für verbesserte Anbauteile und hat die entsprechenden Materialien, dürfen diese erst gebaut und dann montiert werden. Das mag für kleine Schrauber:innen ein erfüllender Prozess sein, ich hingegen war schon nach dem dritten Mal hoffnungslos genervt. Es war ein Dilemma: Das Erkunden der Spielwelt wurde mit jedem Ausflug uninteressanter und langwieriger. Das Schrauben und Basteln danach eher notwendiges Übel als erfüllende Spielmechanik. Die unübersichtlichen Menüs mit zahlreichen freischaltbaren Komponenten schnell überwältigend. 

Es war vor allem meine Vorstellung von Pacific Drive, die mir ein Strich durch die Rechnung machte. Ich wollte einen Roadtrip durch eine gruselige Welt mit unerklärlichen Phänomenen. Ich wollte seltsame Ereignisse; solche, wie man sie aus Twin Peaks oder Alan Wake kennt und mit dem pazifischen Nordwesten verbindet. Und obwohl Pacific Drive letzteres mit Abstrichen liefert, die zentralen Spielmechaniken erlaubten mir nie Spaß am Spiel. Der Survival-Loop fühlte sich vielmehr an, als würde ich für etwas bestraft.

Die Erkundung endete immer in einem Kreislauf, in dem ich vor allem Inventarräume managen musste. Ständig rannte ich zu vollen Schränken, dann mit vollem Rucksack zurück zum Auto, schmiss dort alles in den Kofferraum, fuhr hundert Meter weiter und wiederholte das Ganze. All das, um den ganzen Kram am Ende aus dem Kofferraum in eine spezielle Kiste in der Werkstatt zu packen, damit ich endlich die nächste schiefe Tür oder krude Stoßstange bauen konnte und mein Wagen etwas weniger scheiße aussah. Da halfen auch die gut vertonten, aber inhaltlich öden Handlungsfetzen nicht, die mir während der Fahrt immer wieder die Spielwelt erklärten und einige der Phänomene einordneten. Diese Art der Erzählung, bei der Spieler:innen immer wieder mit Informationen und langen Erklärungen überschüttet werden, wird nicht weniger unerträglich, wenn es eine interessante Ausgangsgeschichte gibt.

Autos könnten mir egaler kaum sein und auch das ständige Verbessern und Reparieren öffneten der Schrottkarre keinen Weg in mein Herz. Das ständige Einsammeln von Baumaterialien und das damit verbundene Inventarmanagement ist Gameplay aus der Hölle und so gab ich nach sechs Stunden auf. Pacific Drive ist einfach nicht mein Spiel.

Bereits erschienen.

Originaltitel: Pacific Drive

Plattformen: PC, PlayStation 5

Entwickler: Ironwood Studios

Veröffentlicht von: Kepler Interactive





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