Experimente

Neuerscheinung

Von Philip Ball, Chemiker, Physiker, Wissenschaftsjournalist, lebt in London
Untertitel: Versuch und Irrtum in der Wissenschaft
Englisches Original: Beautiful Experiments – An Illustrated History of Experimental Science
Haupt Verlag 2023, gedruckt in China*

Schon seit Jahrtausenden fragen sich die Menschen – wenn es ihnen die Religion nicht gerade verbietet – wie und warum alles funktioniert, wie es funktioniert, was hinter den Phänomenen der Natur steckt.

Das Buch Experimente – Versuch und Irrtum in der Wissenschaft ist eine Geschichte über die menschliche Neugier und das Bedürfnis, die Welt und das Leben zu verstehen. Experimente betreibt die Menschheit schon seit Ur-Zeiten. Noch zentraler sind sie geworden mit dem Aufkommen der Wissenschaft. Diese ist ohne Experimente nicht denkbar.

Das Buch beleuchtet 60 Experimente (und Experimentreihen) und fasst diese thematisch in sechs Kapitel. Vom den technisch recht einfachen Versuchen mit Licht und Prismen von Isaac Newton reicht das Spektrum der Experimente bis zu den wissenschaftlichen Mega-Projekten, wie die des Teilchenbeschleunigers LHC am CERN. Auch thematisch spannt das Buch einen grossen Bogen: Physik und Chemie sind ebenso präsent wie Genetik und das menschliche Verhalten.

Innerhalb der Kapitel sind die Experimente chronologisch geordnet. Zudem beschreibt der Autor in fünf „Intermezzi“ das Wesen des Experiments. Die Beiträge sind sehr kurzweilig geschrieben und voller spannender Fakten. Leider sind nicht alle Experimente so beschrieben, dass man sie als Laie nachvollziehen kann. Hier wären vielleicht zusätzliche erklärende Grafiken sinnvoll gewesen.

Offenbar ist es aber gar nicht die Absicht des Autors, naturwissenschaftliche Phänomene zu erklären wie in einem Lehrbuch. Vielmehr erzählt Ball die Geschichte der Experimente, der Menschen dahinter und ordnet sie in den historischen Kontext ein. Dies gelingt dem Autor zweifellos sehr gut, auch dank zahlreichen historischen Abbildungen und Fotografien.

Neben dem eigentlichen Haupttext sind informative Kurzbiografien der beteiligten Forscher eingefügt. Meist sind es tatsächlich Männer, doch Ball vergisst die Frauen nicht. Er würdigt sie und ihre Beiträge angemessen – dies im Gegensatz zu vielen, der mit diesen Forscherinnen arbeitenden Männern, die oft den ganzen Ruhm für sich beanspruchten.

Doppelseite aus Experimente
© Haupt Verlag

Zwar liesse sich das Buch auch als Nachschlagewerk für einzelne Experimente nutzen, aber es lässt sich auch von der ersten bis zur letzten Seite durchlesen. Denn Experimente ist mehr als die Summe seiner einzelnen Beiträge. Aus den zahlreichen beschriebenen Experimenten ergibt sich auch eine Art Gesamtbild.

Mit diesem gelingt es dem Autor, zu zeigen, was Wissenschaft ausmacht, wie sie funktioniert. Sie besteht, so zeigt Ball, nicht nur aus strahlenden Erfolgen und revolutionären Durchbrüchen. Nicht jedes Experiment gelingt im ersten Anlauf. Technisches Geschick, Neugier und Geduld sind oft mehr gefragt als sturer Ehrgeiz.

So ist es faszinierend zu sehen, wie die Menschheit Schritt für Schritt zum Wissensstand von heute gelangt ist. Beim Lesen wird bewusst, dass Dinge, die für uns heute selbstverständlich sind, unseren Vorfahren noch höchst rätselhaft erschienen. Und so macht Experimente, selbst wenn es in die Vergangenheit blickt, doch auch neugierig auf die Resultate von Experimenten in der Zukunft.

Charles Darwin
An einigen Stellen in Experimente wird selbstverständlich Bezug auf Darwins bahnbrechende Theorie genommen. Doch das Buch reduziert den Forscher Darwin nicht bloss auf seine bekanntesten Werke (allen voran Die Entstehung der Arten). Philip Ball zeigt uns auch den Regenwurm-Forscher Darwin, der akribisch genau die „Arbeit“ und das Verhalten der unscheinbaren Tiere beobachtet und ausgeklügelte Experimente mit ihnen durchführt. Absolut lesenswert und wohl einer der Höhepunkte des Buchs.

*Dass das Buch in China gedruckt wurde, bedauert der Haupt-Verlag. Bei Linzenzausgaben, wie diesem Buch, entscheidet jedoch der Originalverlag, wo gedruckt wird. Die CO2-Emissionen werden zu kompensieren versucht.

Beitragsbild: Wilhelm Conrad Röntgens Laboratorium im ehemaligen Physikalischen Institut der Universität Würzburg, 1895, © Deutsches Röntgen-Museum





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