Yakuza 6

Minispiel-Mafia

Yakuza 6 ist absurd: Spannende und ernste Hauptgeschichte mit unvorhersehbaren Twists in der einen Ecke. In der anderen zahlreiche flache Stereotype, gefühlt tausende Minispiele und “Freizeitaktivitäten”, die alles in die Länge ziehen und dazu noch verdammt süchtig machen. Hilfe! NORMAN VOLKMANN fühlt sich wie das Kind vor dem Regal mit Süßigkeiten: Alles schmeckt und irgendwo blitzt immer wieder etwas zuvor Ungesehenes, das genauer unter die Lupe genommen werden muss. Jetzt hat er Bauchschmerzen (und Karies).

Yakuza 6 Song Of Life Header

Die Yakuza-Serie ist zwar seit mehr als einer Dekade eine feste Größe für Japan-affine Spieler, ich selbst kam mit der Serie erst im letzten Jahr in Berührung – als der erste Teil als Yakuza Kiwami neu aufgelegt wurde. Bis dahin hatte ich nie Interesse an der Serie, von der ich zwar schon mehrfach gehört hatte, mir aber nie so richtig vorstellen konnte, für was sie letztendlich stand. Einfach zu erklären ist Yakuza jedenfalls nicht. Da sind die Kojima-esquen Zwischensequenzen eines erwachsenen Gangsterdramas, die komplexen Beziehungen und Positionen der Yakuza innerhalb ihrer Familien, das Kampfsystem, die Wertevorstellungen und zu guter letzt noch die zahlreichen Nebenquests, Minispiele und Aktivitäten, die allesamt das schwarze Loch für meine Freizeit waren. Bevor ich es das erste Mal spielte, stellte ich mir einen GTA-Klon vor – nur eben in Tokio. Weiter entfernt von der Wahrheit kann man dabei fast gar nicht sein. Yakuza ist Yakuza und hat mit GTA lediglich abgedrehte Gangster sowie die unzähligen Nebenbeschäftigungen gemein. Die Fülle letzterer lässt dabei aber jeden GTA-Teil vor Neid erblassen.

Doch worum geht’s? Yakuza 6 fordert Aufmerksamkeit und Geduld, will man die Handlung vorantreiben. Die Original-Vertonung auf Japanisch ist klar authentischer, als es jeder Dub es sein könnte. Bei 20-minütigen Cutscenes, die teilweise Beziehungen verschiedener Charaktere untereinander thematisieren, fiel es mir oft schwer, bei der Sache zu bleiben – trotz interessanter Handlung. Und das ist auch, was Yakuza so einzigartig macht. Selbst wenn brutale Szenen und stylischer Slow-Mo-Kampfeinlagen Teil der Spielerfahrung sind, will Yakuza – so scheint es – nicht mit bildhafter Gewalt punkten, sondern eher mit handlungsgetriebenen Wendungen, deren Schockwirkung nur dann ihren Höhepunkt erreicht hat, wenn man als Spieler die Handelnden und deren Motivation verstanden hat. Ganz so einfach ist das bei der Flut der Charaktere und deren verzweigten Beziehungen aber nicht immer.

Das macht die zweite Hälfte des Spiels, umso absurder. Denn Yakuza ist mehr als nur ein Spiel mit vielen Minispielen. Selbst eine Packung Haribo Colorado in der Morgen-geht-die-Welt-unter-Riesentonne ist eintöniger als all das, womit man in Yakuza 6 die Zeit totschlagen kann. Und das Gute: Hier muss man nicht mal die ekelhaften Stückchen mit Lakritze aussortieren, sammeln und im Höllenfeuer des Ekels verbrennen. Bäh, Lakritze! Eine eigene Sub-Geschichte gibt es so mit der Clan-Creator. Dort hat man die Möglichkeit, mit Kiryu einen eigenen Klan aufzubauen, diesen zu stärken und gegen JUSTIS, eine Vereinigung von Selbstjustiz-Heinis, zu kämpfen. Da mir das als oberflächlicher Freizeitspieler, der sich auf “Easy” durch den Titel gemogelt hat, aber zu kleinteilig war, habe ich mich nach der Einführungsmission damit nicht weiter beschäftigt. Dafür habe ich in weiteren Nebenmissionen alte Geister auf einem Friedhof bekämpft, einem jungen Paar mit Freaky-Friday-Körpertauschsyndrom weitergeholfen und als knuffiges Maskottchen rauen Gangstern auf die Fresse gehauen. Alles für die Kinder!

Nebenbei machte ich Kiryu zum Millionär, indem ich einfach unzählige Male mit Harpune ins Wasser gesprungen, Fische abgeschossen und nebenbei riesige Tintenfische erlegt habe. Big Deal. Wem das nicht reicht, der darf mit der Troublr-App Kleinkriminellen das Handwerk legen oder Mitbürgern helfen. In diesen Mini-Minimissionen hilft man in den beiden großen Gebieten der Welt aus und bringt endlich wieder etwas Menschlichkeit in die graue und unpersönliche Welt. Allerdings triefen viele der Nebenmissionen oft nur so vor Stereotypen und Pathos. Der dicke Stalker, der Online-Chat-Suchti, der seine Beziehung aufgibt, die übertriebene Liebesgeschichte, in der sich ein Partner für den anderen opfert und Scham und Häme über sich ergehen lässt. Und letztendlich natürlich das ständige Gerede über Ehre, das so ehrenlose Mitteleuropäer wie mich komplett kalt lässt. Am härtesten mit den Augen habe ich allerdings gerollt, wenn die coolen Kids Kiryu immer wieder als “alten Mann” einordneten – ganz ohne Falten, graue Ansätze oder sonstige Hinweise darauf, dass der Star der Serie in Yakuza 6 bereits 48 sein soll.

Kiryu Kazuma ist inzwischen mehr als nur ein alter Bekannter, doch er ist bei weitem nicht der Einzige: Auch das fiktive Stadtviertel Kamurocho in Tokio zeigt sich wieder als Haupthandlungsort. Durchzogen von Leuchtreklame, Restaurants und Spielhallen ist das Viertel einmal mehr pulsierender Mittelpunkt des Spielgeschehens. Im zweiten Areal – dem Stadtteil Onomichi in Hiroshima – geht es da schon etwas unaufgeregter zu. Die kleine Küstenstadt ist ein erfrischendes Gegenstück, mit all seinen verwinkelten Gassen und dem kleinen Hafen. Sowohl Spielwelt als auch die Charaktere sehen in Yakuza 6 umwerfend aus – dazu dann die coole Präsentation der Zwischen- und Kampfsequenzen (GIB MIR MEHR SLO-MO!). Yes, Sir! Die Kampfsequenzen generell, sei es nun gegen die Oberbosse der Yakuza oder die Mittelklasse-Gangster der Straße, sind spaßig, wenn auch weniger abwechslungsreich als bei Yakuza Kiwami. Das dortige Wechseln zwischen einzelnen Kampfstilen gefiel mir deutlich besser.

Yakuza ist ein ganz eigenes Biest und bereits nach dem Spielen von nur zwei Titeln der Serie ist mir durchaus bewusst, dass sich die Serie im Kern treu geblieben ist und sich deswegen – das ist eben die Gefahr – den Vorwurf gefallen lassen muss, dass sich die Teile untereinander wenig unterscheiden. Tatsächlich würde ich mir mit einem siebten Teil wünschen, dass Spielerentscheidungen eine größere Rolle spielen. Kiryus Charakter, seine Ansichten, Wertevorstellungen und seine Art und Weise Entscheidungen zu treffen, sind in Stein gemeißelt. Als Spieler bin ich hier Zuschauer, der zwar ausführen, aber in keinster Weise mitbestimmen darf. In einigen Dialogen in Nebenmissionen darf ich immerhin ab und an aus drei Antwortmöglichkeiten auswählen, Einfluss auf den Verlauf der Mission hat dies allerdings nicht. Dennoch: Yakuza hat mich endgültig gepackt und ich freue mich deswegen nicht nur auf Kiwami 2, sondern habe bereits Yakuza 0 in die Downloadschlange eingereiht.

Veröffentlichungsdatum: bereits erschienen

Originaltitel: Yakuza 6: Song of Life

Plattform: PS4

Genre: Action-Adventure

Entwickler: Sega

Veröffentlicht von: Sega/Deep Silver

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