Interview mit Lovis Cassaris

„Tod bedeutet nicht immer nur Trauer und Wut“

Lovis_Cassaris_Cover
In einem Debütroman die Themen Krebs und Tod zu behandeln, braucht Mut. Diesen Mut hat Lovis Cassaris bewiesen. „Ein letztes Mal wir“ ist ein berührendes, faszinierendes, trauriges und nicht zuletzt lehrreiches Buch über Leben und Tod. Nahaufnahmen sprach mit der Autorin über die Hintergründe des Werks.

Von Luzia Zollinger.

Nahaufnahmen.ch: Vor kurzem ist dein erster Roman erschienen. Wie fühlte es sich an, als du ihn das erste Mal in Buchform in deinen Händen hieltest?

Lovis Cassaris: Es war ein Gefühlsbad zwischen Stolz, Erleichterung und Verzweiflung. Stolz, weil das Veröffentlichen eines Romans für mich etwas Besonderes und Aussergewöhnliches ist und weil ich mir durch die Zusammenarbeit mit dem Querverlag endlich sagen kann: Ok, Lovis, du kannst vermutlich schreiben. Erleichterung, weil ich das Schreiben aus beruflichen und privaten Gründen immer wieder unterbrechen musste und Angst hatte, dass ich es nie zu einem abgeschlossenen Projekt schaffen würde. Verzweiflung, weil sich jetzt keine Tippfehler mehr korrigieren, keine Szenen mehr umschreiben lassen und mein Roman nun der breiten Öffentlichkeit zugänglich ist. Ich muss erst noch lernen, damit umzugehen.

Hat dich dein Studium der Germanistik, Philosophie und Englische Literaturwissenschaft dazu gebracht oder inspiriert, einen Roman zu schreiben?

Es war wohl eher umgekehrt. Ich schreibe seit meinem 16. Lebensjahr und am Gymnasium erhielt ich für meine Aufsätze gegen Ende der Ausbildung nur noch Bestnoten. Gemeinsam mit einer Freundin lieferte ich als Abschlussarbeit ein selbstverfasstes und selbstinszeniertes Theaterstück, das ich rückblickend als feministisch bezeichnen würde. Mir war damals schon bewusst, dass diese kleinen Erfolge im Grunde genommen ziemlich unbedeutend waren und mein Wissen über Sprache und Literatur noch sehr eingeschränkt war. Also entschied ich mich für ein Studium der Germanistik, Philosophie und Anglistik. Ich wollte mir ein Werkzeug aneignen für den kreativen, professionellen Umgang mit Sprache. Die obligatorischen Linguistik- und Logik-Vorlesungen zu Beginn des Studiums waren für mich deshalb eine willkommene Herausforderung.

„Ein letztes Mal wir“ thematisiert die Krankheit Krebs und wie die Betroffenen damit umgehen. Kein einfaches Thema für ein Erstlingswerk. Wie kam es dazu?

In Philosophie besuchte ich vor allem Veranstaltungen zu Medizinethik. Das Thema Sterbehilfe faszinierte mich ganz besonders und begleitete mich jahrelang. Nach dem Studium wollte ich eine andere, weniger wissenschaftliche und nüchtern-distanzierte Perspektive einnehmen und herausfinden, wie sich Menschen im Alltag mit dem Tod auseinandersetzen. Ausserhalb der Hörsäle und Ethikkommissionen.

Dein Bruder ist an Krebs gestorben. Hast du mit der Geschichte auch ein Stück weit seinen Tod verarbeitet?

Ja und nein. Dass mein Bruder an Krebs erkrankte, während ich genau über das Thema schrieb, war eher Zufall. Zu Beginn des Projekts fiel es mir eher schwer, mich in die Figuren hineinzuversetzen. Dann erhielt mein Bruder die Diagnose und ich war auf einmal mittendrin. Nach seinem Tod musste ich entscheiden, ob ich das Projekt vorerst auf Eis lege oder weiterschreibe. Ich entschied mich fürs Weiterschreiben. Durch die persönliche Erfahrung fiel es mir nun leichter, den Figuren eine Stimme zu geben und ich merkte nach und nach, dass es besser für mich war, zumindest einen Teil meiner Empfindungen auf Papier zu bringen, anstatt sie zu unterdrücken. In den fünf oder sechs Monaten, in denen ich meinen Bruder begleitete, lernte ich, dass der Tod nicht immer nur Trauer und Wut bedeutet. Wir hatten auch durchaus heitere und glückliche Momente. Deshalb ist „Ein letztes Mal wir“ auch kein deprimierendes Buch geworden, sondern zeigt unterschiedliche Emotionsfacetten. Es ist aber dennoch nicht ein autobiographisches.

Beim Wandern können manche Menschen unverkrampfter über Erlebtes sprechen. War dies ausschlaggebend, dass du die tragische Liebesgeschichte vor dem Hintergrund der traumhaften Kulisse in Nordschweden erzählen wolltest?

Nein. Ich mag Wandern nicht besonders. Ich bin in Süditalien auf die Welt gekommen, liege lieber am Strand oder auf einer Gummimatratze im Wasser und quäle mich nicht freiwillig in den Bergen ab. Wandern verbinde ich mit Insektenstichen, Schweiss und Schmerzen. Und wie soll man sich denn überhaupt unterhalten können, wenn einem vor lauter Anstrengung schon das Atmen schwerfällt? Was mich aber fasziniert, ist das Überwinden der eigenen Grenzen und die Möglichkeit einer Katharsis.

Für Alex wollte ich eine ganz besondere Kulisse, die gut den Kontrast zwischen Aussen- und Innenwelt zeigt. Während um sie herum nahezu paradiesische Zustände herrschen, macht Alex die Hölle durch. Ich wollte, dass sie sich ihrer Gefühlswelt stellen muss. Hätte ich die Wanderung in der Schweiz spielen lassen, wäre es für sie leicht gewesen, gleich bei der ersten Schwierigkeit ihre Sachen zu packen und zurück nach Zürich zu fahren. Durch die Distanz war die Überwindung zum Aufgeben grösser.

Für deine Lesungen hast du fleissig geübt, die schwedischen Ortschaften korrekt auszusprechen. Sind die Namen für dich mittlerweile zur Gewohnheit geworden oder kostet es dich immer noch Überwindung?

Es kostet mich immer noch Überwindung. Mittlerweile kann ich aber Göteborg aussprechen, ohne beim Vorlesen darüber zu stolpern.

Auf deiner Webseite bezeichnest du dich als Textarchitektin. Können wir uns also deine Notizen zu Texten wie architektonische Kunstwerke vorstellen?

Wohl eher wie Bausteine, die zu einem Kunstwerk führen. Bausteine, die manchmal auch porös und zerbrechlich sein können.

Dürfen wir uns schon auf das nächste Buch von dir freuen?

Ich habe tatsächlich mit einem neuen Projekt begonnen, obwohl ich mir eigentlich vorgenommen hatte, vorerst eine literarische Schreibpause einzulegen und endlich an meiner Dissertation zu arbeiten. Ich habe das Konzept dem Querverlag vorgestellt und bisher sind Verlegerin und Verleger Ilona und Jim von der Idee begeistert. Ich hoffe, das bleibt so, wenn ich das Gesamtmanuskript abgebe. Die Leserinnen und Leser dürfen sich auf eine Komödie freuen, aber mehr möchte ich zu diesem Zeitpunkt nicht verraten.

Im Netz:
www.loviscassaris.com

Ein Gedanke zu „Interview mit Lovis Cassaris

  • 09.02.2017 um 09:48
    Permalink

    Liebe Lovis,
    Endlich habe ich es – trotz Schlafkrankheit und vielen Schmerzen wegen der nicht funtionierenenden Mo-pumpe – geschafft, dein Buch zu lesen. Es hat mich tief berührt und gefreut. Ich habe zwar nur ein Sachbuch geschrieben, habe keinen Krebs (inzwischen vielleicht einen an der Seele) und ich kenne/liebe Skandinavien … kam dadurch ganz nahe an den Kern Deines Romans! Danke für die Stunden, die ich darin verweilen durfte.
    Streckenweise dachte ich, dass so ein Buch zu schreiben nur möglich ist mit entsprechenden eigenen Erfahrungen … dass es Dein Bruder war hätte ich nicht gedacht, vielleicht ist die Dichte sein Verdienst? Herzliche Gratulation!
    Mach weiter so, Gabriella Loser Friedli (9.10.2016)

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