(Mit) Geschichte spielen?

Ein neues Buch schafft Grundlagen

Zunehmend entdecken verschiedene Forschungsrichtungen das Feld der digitalen Spiele für sich und versuchen, neue Erkenntnisse zu gewinnen, aber auch eine Deutungs- und Kompetenzhoheit zu entwickeln. Auch ein zunehmendes Interesse in der Geschichts-wissenschaft ist attestierbar. Aber wie geht jene mit diesem Forschungsgegenstand Spiel um? Ein neues Buch von Eugen Pfister und Tobias Winnerling liefert hier grundlegende Antworten – ein Grund für uns, die beiden Autoren auf ein Gespräch einzuladen.  

Rudolf Inderst (RI): Lasst uns doch ganz locker einsteigen – woher kennt Ihr Euch und wie kam es zu dieser Zusammenarbeit?

Tobias Winnerling (TW): Ich glaube, ich bin schuld – Eugen hat sich 2012 auf den call for paper für die Tagung “Frühe Neuzeit und Computerspiele” gemeldet, die ich zusammen mit Florian Kerschbaumer im März 2013 in Düsseldorf veranstaltet hatte. Einen Piratenbeitrag mussten wir natürlich nehmen – es war meine erste selbst veranstaltete Tagung, ich war dementsprechend nervös, aber ein älterer Kollege meinte “Keine Sorge, eine Tagung, die mit einem Piraten-Panel anfängt, kann gar nicht schiefgehen.” Recht hatte er! Eugen konnte dann leider nicht nach Düsseldorf kommen, aber den Aufsatz haben wir trotzdem sehr gern in den
Sammelband genommen. Dann haben wir uns 2015 bei der Gründung des AK GWDS das erste Mal persönlich gesehen und waren uns gleich sympathisch.  Seitdem machen wir immer wieder mal was zusammen, wenn es sich ergibt.  Deshalb habe ich Eugen gleich mit ins Boot geholt, als die Docupedia mir angeboten hat, ich könnte doch etwas über Digitale Spiele und Geschichte für sie schreiben, weil mir klar war, dass da noch jemand mit mehr zeithistorischer Expertise dabei sein muss. Und aus diesem Beitrag ist ja schließlich unser Büchlein entstanden.

Tobias Winnerling

Eugen Pfister (EP): Ha! Schau lustig, was man so erfährt. Für mich war der Tobias seit damals das große Vorbild. Ich hatte den Eindruck, das wäre schon seine siebte Konferenz oder so. Das hat alles bei ihm immer super professionell ausgesehen. Leider konnte ich an der Konferenz nicht teilnehmen, weil mein Graduiertenkolleg darauf bestanden hat, dass ich an dem Termin unbedingt auf der Jahresklausur zu erscheinen habe. Und dann tatsächlich kam das Wiedersehen in Hannover bei dem kleinen – aber mittlerweile mythischen – Treffen in Hannover, als wir nach zwei Tagen den AKGWDS (gespielt.hypotheses.org) erfunden haben. Seitdem stehen wir in engem Kontakt, vor allem auch, weil es irgendwie persönlich gefunkt
hat. Dann haben wir gemeinsam mit dem Felix und dem Josef, zwei weiteren prächtigen Kollegen den Weltmaschinen-Sammelband herausgegeben und dann den Docupedia-Artikel geschrieben. Und jetzt lassen wir uns ständig Ausreden einfallen weiter gemeinsam zu arbeiten!

Eugen Pfister

RI: Bei der Lektüre fiel mir ins Auge, dass die klare Struktur sowie der überschaubare Umfang Eures Schaffens sich bestens für Uni-Seminare als Einstieg bzw. lockere Begleitung eignen – war das geplant?

TW: Ja, für mich auf jeden Fall. Ich gebe immer wieder Seminare zum Thema und hatte nie einen kurzen Literaturabriss, den ich den Student*innen einfach in die Hand drücken konnte. Ich habe ja immer gehofft, jemand anders würde ihn schreiben, aber niemand tat es, und
deswegen müssen sie in Zukunft dann eben unser Buch zur Hand nehmen. Und ich hoffe, es hilft auch anderen Kolleg*innen, die vor dem gleichen Problem stehen.

EP: Wenn der Tobias sagt es war Absicht, dann war das Absicht! Ich muss ja gestehen, dass ich meinen Studis immer klare Strukturen predige und sie dann manchmal selbst nicht so einhalte. Hier hat das aber super funktioniert. Ich glaube aber auch mich zu erinnern, dass uns da die Docupedia-Redaktion und die Gutachter*innen mit ihrer Kritik auch nochmal geholfen haben. Die Idee den ursprünglichen Online-Text als Buch bei VWH zu drucken kam aber auch bei mir tatsächlich aus der Überlegung, dass Student*innen noch keine konzisen Einstiegstexte haben. Jede*r muss sich – auch mangels der fehlenden Institutionalisierung – bisher die gesamte Literatur selbst zusammensuchen.

RI: Sagen wir, geneigte Student*innen haben am Gegenstand Spiel nun Spaß gefunden und wollen weiter in diese Richtung gehen / forschen – könnt Ihr uns vielleicht einmal drei Arbeiten nennen, die dann Pflichtprogramm für den Schreibtisch sind?

EP: Das Schöne an den ausufernden Fußnoten in unserem kleinen Buch ist ja, dass wir diese vor allem für Literaturempfehlungen verwenden. Für Geschichte-Student*innen die zu digitalen Spielen forschen oder lehren wollen empfehle ich im Augenblick Adam Chapmans Monographie Digital Games as History auf Englisch und Nico Noldens umfassende überarbeitete Dissertation Geschichte und Erinnerung in Computerspielen. Um einen Eindruck von den spannenden Ergebnissen, die historische Forschung an Spielen zulässt zu bekommen kann ich Jaroslav Svelchs Gaming Behind the Iron Curtain zur Computerspielgeschichte in der CSSR empfehlen. Mein Einstieg in das Thema war aber vor zehn Jahren Angela Schwarz’ wunderbar betitelter Sammelband: ‘Wollten Sie auch schon immer einmal pestverseuchte Kühe auf Ihre Gegner werfen?’: eine fachwissenschaftliche Annäherung an Geschichte im Computerspiel.

TW: Jetzt hat der Eugen natürlich schon die großen aktuellen Brocken besetzt. Die unterschreibe ich alle, kann vielleicht noch ein paar Details zufügen. Ich fand für den generellen Einstieg die beiden Bände von Mark J. P. Wolf und Bernard Perron The Video Game Theory Reader gut; auch wenn die schon was älter sind, bekommt man einen guten Einblick in die generellen Theoriedebatten. Für Geschichtsstudent*innen ist an deutscher Literatur auch Carl Heinzes Mittelalter Computer Spiele immer noch gut, weil er viel Grundlagenarbeit geleistet hat. Und grundsätzlich ist alles, wo der AK GWDS seine Finger im Spiel hat, immer gut.

RI: Vielen Dank Euch für das Interview.

Eugen Pfister twittert unter @trogambouille und Tobias Winnerling unter @t_winnerling. Auch den AKGWDS*  finden Sie dort – @AK_GWDS. 

*Auch Rudolf Inderst ist Mitglied des Arbeitskreises. 




Rudolf Inderst

*1978 in München. Lebte in Kopenhagen und verliebte sich. Doppelt promoviert, übernimmt er Verantwortung als Ressortleiter für digitale Spiele hier bei nahaufnahmen.ch. Liebt Stanislaw Lem, Hörspiele und Podcasts. Spielt Videospiele seit etwa 37 Jahren. Trägt gerne Bart und vertritt aktuell eine halbe Professur für "Intermediale Ästhetik" in Trier.

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