Wild Life in Tokyo

NIFFF 2011 – Tag 2

Underwater_Love

Der zweite Festival-Tag hielt zwei japanische Beiträge zum asiatischen Wettbewerb bereit, die trotz einem gemeinsamen Fokus auf Sex kaum unterschiedlicher hätten sein können: „Underwater Love“ darf als aufwändigster Vertreter der faszinierend Softporno-Tradition des Landes gelten, die Stärke aus Einschränkungen gewinnt – und scheitert ausgerechnet an einem Mangel an Restriktionen. Sion Sono dagegen gibt sich mit „Guilty of Romance“ gewohnt zügellos – und bestätigt seine Position als vielleicht wichtigster Auteur des japanischen Gegenwartskinos.

Von Christof Zurschmitten.

Eins vorweg: Was das NIFFF dieses Jahr an Klassikern bereit hält, ist, und wir benutzen das Wort nicht leichtfertig, sensationell. Mit der Eli Roth-Carte Blanche und der Gore-Retrospektive gibt es eine derart dichtgepackte Chance, Klassiker und Über-Klassiker des Genre-Kinos auf Grossleinwand zu sehen, dass jedem Freund des Schreckhaften und Blutigen das Hirn aus beiden Nasenlöchern hervorsprudeln müsste. Alas, zu schreiben über Filme, über die bereits ALLES gesagt wurde, fällt schwer – darum seien etwaige Klassiker-Sichtungen in den kommenden Tagen in eher leichtfüssiger Weise anekdotisch behandelt. An Tag 2 stand “Street Trash” auf dem Programm, einer der wenigen wackeren Vertreter des “Melt Movie”-Genres, der in seiner expressiven Behandlung von Körperflüssigkeiten bislang unübertroffen ist. Spass wurde erwartet, Spass wurde gehabt. Alles weitere möchte ich in die passenden Worte eines grossen Künstlers packen: “Such… vibrant… coloursssss!”

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Fakt ist: „Underwater Love“ ist ein japanisches Softporno-Musical, in dessen Zentrum eine tapsige aber ungeheuer gut bestückte Schildkröten-Mensch-Hybride steht. Fakt ist: Das Geld stammt von unser aller Lieblings-Label Rapid Eye Movies, der Soundtrack von Stereo Total, das Bild vom bekanntesten Kameramann der Welt, und für die Regie war Shinji Imaoka zuständig, der mit „Tasogare“ eine unwahrscheinlich feinfühlige Farce über Sex im Pensionsalter gedreht hat. Fakt ist aber auch: Dass all das am Ende eher untergeht.

Wer um Fassung ringt, sei auf das „pinku eiga“-Tag verwiesen, dass mit einigem Stolz immer noch als eines der gewichtigsten Schlagwörter dieser Seite dasteht (die ultimative Instantgeschichtslektion gibt es in der Besprechung von Tom Mes Monographie „Behind The Pink Curtain“). Für noch Lesefaulere wird hier klipp und unvollständig vermerkt: Der Pink-Film ist eine völlig idiosynkratische Spielart des japanischen Sex-Films, der sich als beispiellose Talent-Schmiede erwiesen hat durch seine schizophrene Angewohnheit, seinen Regisseuren jenseits skrotumeinschnürender Restriktionen (in Budget, Länge, Drehzeit und Anzahl vorgeschriebener Sexszenen) absolute Narrenfreiheit zu lassen.

Und vordergründig ist „Underwater Love“ auch durchaus ein typischer pinku eiga: Er bietet eine närrische Handlung um eine aus dem besten Alter rutschende Frau, die eine unverhoffte Begegnung mit einem ehemaligen Schul-Schatz hat. Der allerdings ist vor Jahren ums Leben gekommen und wiedergeboren worden als „Kappa“, eine populäre Figur der japanischen Mythologie, die einen Schnabel und einen Schildkrötenpanzer trägt und, was wichtig ist, eher nach Gurken denn Sex giert. Gerade letzteres macht aus ihm trotz amphibischer Züge einen typischen Charakter Imaokas, der eine Vorliebe für vom Leben gezeichnete Protagonisten, aufgeschürfte Knie und stets etwas ungelenke Küsse hat, die seinen (allen direkten Blicken auf die Geschlechteile entledigten) Sexszenen erstaunliche Menschlichkeit verleihen. Auch das Budget bleibt sehr pink – die Drehzeit beschränkte sich auf fünf Tage.

Gerade Letzteres verträgt sich aber nicht mit den genre-untypischen Ambitionen: Fürs Einstudieren von Choreographien etwa blieb keine Zeit. Und während es beim ersten Mal noch charmant wirkt, wenn die Protagonisten frei improvisierend mit der Grazie heiliger Simpel ihre Gliedmassen durcheinanderwerfen, erinnert man sich bei jeder weiteren Musical-Nummer mehr daran, warum einmal „Praise You“ genug war. Überhaupt erweist sich die Wiederholung als Problem des Films: Seine wenigen eigenen Ideen wiederholt er zu oft, alles andere wirkt wie aus dem Pflichtenheft der Pink-Schule entnommen.

Zum Schluss zeigt sich zwar, wozu dieses Team fähig gewesen wäre: Imaoka injiziert eine letzte Dosis verletzter Menschlichkeit, während Christopher Doyles Bilder von den eineigenden Impro-Interieurs und natürlichen Belichtungen befreit eine elegische Qualität annehmen. Nur kommen diese Entstellungen und die feine Schlussnummer exakt achtundzwanzig Minuten zu spät.

Guilty_of_RomanceOk, Sion Sono: Das nehme ich persönlich.

Für den Moment sei deshalb nur so viel gesagt: “Guilty of Romance” ist zweifelsohne der bislang erste grosse Film des diesjährigen Wettbewerbs. Es ist auch ein Sion Sono-Film, verstörend, gewaltig, aus dem Ärmel geschüttelt, das Werk eines grossartigen Hurensohns. Wer hier ist für wochenaktuelle Empfehlungen, sei damit versorgt. Dem Rest sei gesagt: Sobald ich damit fertig geworden bin, kommt an dieser Stelle mehr.

Und es kommt dicke.

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